{"id":59154,"date":"2023-06-22T07:17:58","date_gmt":"2023-06-22T05:17:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=59154"},"modified":"2023-06-23T07:24:12","modified_gmt":"2023-06-23T05:24:12","slug":"politisches-aber-eigentlich-doch-nur-wie-man-ueber-politik-redet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/06\/politisches-aber-eigentlich-doch-nur-wie-man-ueber-politik-redet.htm","title":{"rendered":"Politisches (aber eigentlich doch nur, wie man \u00fcber Politik redet)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/06\/politisches-aber-eigentlich-doch-nur-wie-man-ueber-politik-redet.htm#comments'>17 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><em>(Gerne \u00fcberspringen, es ist ein untypischer Beitrag, mit dem ich gehadert habe.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/herrmess.de\/2023\/06\/17\/im-falschen-film\/\">Herr Mess hat \u00fcber Politik geschrieben<\/a>, viel beachtet. Da steht, nicht \u00fcberraschend, Vern\u00fcnftiges: Gegen Spaltung der Gesellschaft, f\u00fcr M\u00e4\u00dfigung in der Sprache, gegen Populismus und Beschw\u00f6rung des Volkszorns. Der Blogeintrag beginnt mit einer Entschuldigung daf\u00fcr, also f\u00fcr das Schreiben \u00fcber Politik. Ich kann nie ganz nachvollziehen, woher das kommt. Ich lese gerne, wenn jemand \u00fcber Politik schreibt; ich halte es f\u00fcr wichtig, dass man dar\u00fcber redet. Auch in Blogs. In Comics, in Fiktion, in den Nachrichten, in Zeitungen. Der Gedanke ist ohnehin naiv, es g\u00e4be unpolitische Nachrichten. Allein die Auswahl, was wo unter welcher \u00dcberschrift in der Zeitung erscheint, ist politisch. Die absolute Neutralit\u00e4tforderung (\u201enur die Fakten, eine Meinung bild ich mir selber\u201c) kenne ich als Vorwurf eher aus konservativen Kreisen, n\u00e4mlich dann, wenn Zeitungen zu woke oder zu klimabesorgt sind; aus der anderen, linken Ecke wird zwar moniert, dass etwa die Springer-Presse verf\u00e4lscht und einf\u00e4rbt, aber keine ideale Neutralit\u00e4t postuliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erg\u00e4nze kurz meine Meinung dar\u00fcber, was eine politische Partei nicht darf, weil es den Diskurs vergiftet und die Demokratie gef\u00e4hrdet:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Nicht-Akzeptieren von Gewaltenteilung, insbesondere von Entscheidungen einer unabh\u00e4ngigen Justiz.<\/li>\n\n\n\n<li>Berufen auf Volkswillen und schweigende Mehrheiten. (In einer repr\u00e4sentativen Demokratie dr\u00fcckt sich der Volkswille in Wahlen aus. Anderen Volkswillen zu postulieren ist Populismus.)<\/li>\n\n\n\n<li>Pressebashing, und zwar nicht bei einzelnen Zeitungen oder Sendungen, sondern gegen \u00d6ffentlich-Rechtlichen Rundfunk und Mainstreammedien allgemein.<\/li>\n\n\n\n<li>Sich als die Normalen pr\u00e4sentieren, im Gegensatz zu <em>den anderen<\/em>.<\/li>\n\n\n\n<li>Abwertende Sprache, auch in der Metaphorik.<\/li>\n\n\n\n<li><s>Sachen angreifen und nicht Personen.<\/s> Andersherum nat\u00fcrlich: Personen angreifen statt Sachen (ist nicht zu tun!)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Das sind Gedanken, die ohnehin gerade so kursieren, ich habe nur zusammengestellte, was mir wichtig scheint. Dar\u00fcber hinaus w\u00e4re nat\u00fcrlich sch\u00f6n, wenn eine Partei <em>das Richtige<\/em> tut und <em>konstruktiv<\/em> und <em>ehrlich<\/em> ist. Aber dar\u00fcber kann man leichter verschiedener Meinung sein.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/grafm.net\/2023\/06\/20\/der-blogpost-gegen-den-ich-mich-straeube-politik-und-gesellschaft-aktuell\/\">Mike Graf hat in seinem Blog auf Herrn Mess geantwortet,<\/a> ebenfalls mit der Erkl\u00e4rung, eigentlich nicht gern \u00fcber das Thema zu schreiben. Obwohl Herr Mess keine Parteien genannt hat, f\u00fchlt sich Mike Graf nicht repr\u00e4sentiert; die Beispiele dort sind ihm zu einseitig und er bietet als Erg\u00e4nzung einen Angriff auf die Gr\u00fcnen an. Dabei ist er &#8222;kein Freund von Bashing und eindimensionaler Kritik.&#8220; Allerdings scheint mir sein Blogeintrag ein Musterbeispiel von Bashing und eindimensionaler Kritik. &#8222;Spalten, Diffamieren, Unterstellen, Pauschalieren&#8220; wird kritisiert, aber dann geht es nur um gr\u00fcne Themen und die Gr\u00fcnen, er macht die Verlogenheit der Gr\u00fcnen sogar zum Leitthema des Blogeintrags. So richtig mit <em>Ich bin ja kein<\/em>, <em>ich stelle ja nur Fragen, <\/em>mit Bashing des \u00d6ffentlich-Rechtlichen Journalismus, &#8222;es muss doch erlaubt sein&#8220;, <em>gegen Gewalt von links wie von rechts<\/em>, Winnetou-Witzchen, dem Vorwurf, dass da welche dem &#8222;Normalo&#8220; Sprache und Ern\u00e4hrung vorschreiben wollen. Das sind so viele Alarmsignale, dass ich mich frage, ob das Absicht ist. Wie bringt man das zusammen, kein Bashing betreiben zu wollen und gleichzeitig den Gr\u00fcnen Verlogenheit als Prinzip zu unterstellen? Man macht es nicht gerne, aber die Umst\u00e4nde n\u00f6tigen einen dazu? <\/p>\n\n\n\n<p>Inhaltlich bin ich auch anderer Meinung als Mike, das \u00fcberrascht sicher nicht. Vieles stimmt schlichtweg nicht, was er schreibt, aber da werden wir uns schwer einigen k\u00f6nnen. Aber der Tonfall? Zugegeben: Herr Mess nennt einen ehemaligen US-Pr\u00e4sidenten &#8222;eine prollige Mixtur aus Misogynie, Narzissmus, Dekadenz und Fremdenfeinlichkeit&#8220;, das ist nicht sachlich, oder jedenfalls nicht freundlich, aber damit habe ich kein Problem. Ich habe auch kein Problem damit, wenn der Bild Verlogenheit unterstellt wird, <a href=\"https:\/\/www.volksverpetzer.de\/faktencheck\/atomstrom-frankreich-bild-luegt\/\">hier etwa beim Atomstrom aus Frankreich<\/a>. Habe ich mit Mikes Blogbeitrag nur ein Problem, weil ich die Gr\u00fcnen anders sehe? Das glaube ich nicht, aber das w\u00e4re ein Diskussionsansatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Mikes Meinung will ich ihm gerne lassen. (Also, vorerst. Langfristig w\u00fcnsche ich mir da schon eine \u00c4nderung, nicht bei ihm speziell, aber bei m\u00f6glichst vielen anderen, die das so sehen; anderes Thema.) K\u00f6nnte man sich nicht aber vorher im Diskurs m\u00e4\u00dfigen? Es unterlassen, zu diffamieren, unterstellen, pauschalieren? Oder ist das ein hoffnungslos bourgeoises Ansinnen? Von der Meinung her holt man viele nicht mehr zur\u00fcck, glaube ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Mikes Schlusssatz stimme ich v\u00f6llig zu &#8222;Ich hoffe, dass irgendwann die Erkenntnis die Oberhand gewinnt, dass uns Framing, Spalterei, Kl\u00fcngelei und Besserwisserei nicht weiterbringen.&#8220; Allerdings meint er damit wohl weiterhin nur die Gr\u00fcnen, das vergiftet den Satz etwas f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Man m\u00f6ge die beiden Blogartikel lesen. Der eine w\u00fcnscht sich gem\u00e4\u00dfigteren Austausch, der andere ist weniger eine Erg\u00e4nzung als ein Beispiel f\u00fcr das, was kritisiert wird.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Kurze Fu\u00dfnote zu Kant,<\/strong> weil Mike schreibt, dass er &#8222;Immanuel Kant\u2019s kategorischen Imperativ f\u00fcr eine geeignete Grundlage des Zusammenlebens h\u00e4lt.&#8220; <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/11\/woher-dieser-mangel-an-belehrsamkeit.htm\">Mir liegt die Besserwisserei im Blut, <\/a>deshalb muss ich erg\u00e4nzen, warum ich das nicht f\u00fcr eine geeignete, jedenfalls nicht f\u00fcr eine <em>ausreichend<\/em> Grundlage halte. Mike meint damit sicher nicht die Goldene Regel &#8222;Was du nicht willst, das man dir tu&#8220;, die gerne mal damit verwechselt wird und die etwas anderes ist und schon einmal deshalb keine solche Grundlage sein kann, weil es darin nur um pers\u00f6nliche Vorlieben geht. Der kategorische Imperativ kann vielmehr so formuliert werden: &#8222;Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens reicht das nicht, weil es manchmal Einigung jenseits der pers\u00f6nlichen Vorliebe geben muss. &#8222;An unmarkierten Kreuzungen links vor rechts&#8220; erf\u00fcllt Kants Kriterien ebenso gut wie &#8222;rechts vor links&#8220;, dennoch sollte nur eine der beiden Maxime gelten. &#8222;Ich halte mich an die Verkehrsregeln&#8220; ist au\u00dferdem gut, reicht aber nicht, um sich sicher im Verkehr zu bewegen: auch die anderen m\u00fcssen sich daran halten, und ich m\u00fcsste mich darauf verlassen k\u00f6nnen, dass sie sich daran halten. Wenn <em>alle<\/em> dem kategorischen Imperativ folgen, und alle <em>wissen, <\/em>dass alle ihm folgen, dann reicht das als Gesetz. Aber in dieser Welt leben wir nicht. Wenn ich finde, dass alle langsamer fahren sollen, und deshalb langsamer fahre, f\u00fchrt das nicht zu einem Tempolimit. Wenn ich der Maxime folge, weniger Fleisch zu essen oder weniger M\u00fcll zu produzieren, \u00e4ndert das nichts an der Gesellschaft; das hat etwas vom Wunschdenken von: &#8222;Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.&#8220; Nicht schlecht, aber auch nicht ausreichend. Nat\u00fcrlich muss sich die Gesellschaft Regeln und Gesetze geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens hilft er bei vielen Fragen \u00fcberhaupt nicht, etwa ob schwule Ehen erlaubt sein sollen. Ob Crossdressing in der \u00d6ffentlichkeit erlaubt ist, ob Drag-Queen-Lesungen vor Kindern stattfinden d\u00fcrfen. Darf ich als erkennbarer Mann in Frauenkleidern durch die Stadt laufen, weil jeder das d\u00fcrfen sollte, oder darf ich das nicht, weil niemand das d\u00fcrfen sollte, oder weil sonst alle das m\u00fcssten? Welche Maximen ich als allgemeines Gesetz m\u00f6chte, das kann von Mensch zu Mensch verschieden sein. Der kategorische Imperativ hat ein bisschen was von: &#8222;Der Markt regelt das&#8220;. Wenn schon nur eine Regel, dann die mit der N\u00e4chstenliebe.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Meine Diskursw\u00fcnsche, auf Bildungstwitter (wo ich fr\u00fcher war) und am Stammtisch:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ansichten des politischen Gegners oder Gegen\u00fcbers nicht ins L\u00e4cherliche ziehen, keine Witzchen rei\u00dfen. Humorlosigkeit als Ziel.<\/li>\n\n\n\n<li>Keine \u00dcbertreibungen. Das hei\u00dft dann meist auch: keine Metaphorik. Sachlich bleiben. Keine Andeutungen, kein Drama, kein Cherrypicking.<\/li>\n\n\n\n<li>Keine Beleidigungen. Keine verbalen Angriffe auf Personen, sondern auf Inhalte.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Das ist doch nicht \u00fcbertrieben?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nachtrag: Mike hat in seinem Blogeintrag ein bisschen erg\u00e4nzt, wie er zu seiner Meinung kommt. Wenn ich ihn richtig verstehe, sieht er auch Spaltung und Streit in der Gesellschaft als Problem. (Fu\u00dfnote: <a href=\"https:\/\/fnordon.de\/@astefanowitsch@mastodon.social\/110575408838011113\">Mastodon-Thread zur Spaltungs-Metaphorik<\/a> und warum die Spaltung vielleicht gar kein Problem ist. Bin nicht \u00fcberzeugt, aber lesenswert.) Nur dass er als Ausl\u00f6ser oder Ursache den Aufstieg der Gr\u00fcnen sieht und impliziert, dass das mit einem Abstieg der Gr\u00fcnen wieder weggeht. <\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(17 Kommentare.) (Gerne \u00fcberspringen, es ist ein untypischer Beitrag, mit dem ich gehadert habe.) Herr Mess hat \u00fcber Politik geschrieben, viel beachtet. 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