{"id":5934,"date":"2014-02-11T06:55:38","date_gmt":"2014-02-11T05:55:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=5934"},"modified":"2023-05-31T14:06:38","modified_gmt":"2023-05-31T12:06:38","slug":"james-hilton-random-harvest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/02\/james-hilton-random-harvest.htm","title":{"rendered":"James Hilton, Random Harvest"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/02\/james-hilton-random-harvest.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hintergrund<\/h2>\n\n\n\n<p>Geh\u00f6rt hatte ich von James Hiltons bekanntestem Roman, <em>Lost Horizon,<\/em> schon fr\u00fch, mindestens \u00fcber die Verfilmung von Frank Capra und beim Lesen der Science-Fiction-Literaturgeschichte von Brian W. Aldiss. (Zwei Stellenangaben im Register, jeweils nur ganz kurze Bemerkungen, aber das reichte mir.)<br>Ein Facharbeits-Themenvorschlag meines Englisch-Leistungskurs-Lehrers f\u00fchrte dann dazu, dass ich das Buch kaufte, als ich es in der englischen Abteilung der Buchhandlung sah.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach und nach las ich alles andere, das ich von Hilton finden konnte. Das waren stets Zufallsfunde auf Flohm\u00e4rkten oder in Second-Hand-Bookshops, bis mir Ende des 20. Jahrhunderts das Web erm\u00f6glichte, die fehlenden B\u00fccher online zu besorgen. Auch wenn Hilton mal ber\u00fchmt war: Heute ist kaum etwas von ihm im Druck.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Random Harvest<\/em> (deutsch: <em>Gefundende Jahre<\/em>) erschien 1941, wurde ein Bestseller und 1942 verfilmt &#8211; sieben Oscar-Nominierungen, aber keinen gekriegt. Holden Caulfield mochte den Film gar nicht, als er in New York in eine Vorstellung hineinstolperte.<br>Film und Buch unterscheiden sich in einigen Punkten sehr. Am besten &#8211; dringende Empfehlung &#8211; ist das Buch \u00fcbrigens, wenn man den Film nicht kennt und auch die Inhaltsangaben von Buch und Film bei Wikipedia meidet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Inhalt<\/h2>\n\n\n\n<p>Ende der 1930er Jahre lernt Harrison, eine Erz\u00e4hlerfigur, wie es sie bei Hilton h\u00e4ufig gibt, den Gesch\u00e4ftsmann und Politiker Charles Rainier kennen und wird dessen Sekret\u00e4r. Rainier ist verheiratet, erfolgreich, scheint eigentlich alles zu haben &#8211; aber er ist auch zur\u00fcckgezogen, scheu, ein wenig ungl\u00fccklich. Nach einiger Zeit erf\u00e4hrt Harrison Rainiers Geschichte, die als R\u00fcckblende erz\u00e4hlt wird:<br>Nach einer schwerer Verletzung im Ersten Weltkrieg im Jahr 1917 setzt die Erinnerung Rainiers aus. Sie f\u00e4ngt erst wieder im Jahr 1919 an, als er sich in Liverpool nach einem kleinen Unfall aufrappelt. (Wie er von der Front nach Liverpool geraten ist, wei\u00df er nicht.) Er nimmt Kontakt mit seiner Familie auf, richtet sich sein Leben ein, ist mehr oder weniger erfolgreich und mehr oder weniger unzufrieden. Der Drang, herauszufinden, was in den Jahren seines Ged\u00e4chtnisverlusts geschehen ist, verl\u00e4sst ihn nie ganz; ab und zu hat er d\u00e9j\u00e0-vu-Erlebnisse, die er nicht einordnen kann.<br>Der n\u00e4chste, kurze Abschnitt spielt wieder Ende der 1930er Jahre, der Gegenwart des Romans. \u00c4hnlich wie in <em>Lost Horizon<\/em> ist ein Klavierkonzert der Anlass daf\u00fcr, dass die Erinnerungen der Hauptperson zur\u00fcckkommen.<br>Auf einer n\u00e4chtlichen Autofahrt erz\u00e4hlt Rainier Harrison &#8211; im Roman wieder in Form einer R\u00fcckblende -, was in den Jahren von 1917 bis 1919 passiert ist. Dieser Abschnitt endet damit, dass Rainier &#8211; oder &#8222;Smithy&#8220;, wie er w\u00e4hrend dieser Phase genannt wird &#8211; aus beruflichen Gr\u00fcnden nach Liverpool f\u00e4hrt. Der Leser wei\u00df zu diesem Zeitpunkt ja schon, dass er nicht als Smithy von dort zur\u00fcckkommen wird. Dieser Abschnitt endet herzzerrei\u00dfend lapidar:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>He reached Liverpool in the early morning. It was raining, and in hurrying across a slippery street he stumbled and fell.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Damit endet Smithys Geschichte, bis Rainier die F\u00e4den zwanzig Jahre sp\u00e4ter wieder aufzunehmen versucht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Typisch Hilton<\/h2>\n\n\n\n<p>An dem Roman gefallen mir die Sachen, die mir bei Hilton immer gefallen: Nichtlineares Erz\u00e4hlen, Rahmenhandlung, das Gef\u00fchl von Verlust und vager Unzufriedenheit, und traurige Geschichten, die sich hinter unauff\u00e4lligen Alltagsfassaden verbergen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Half a million Englishmen are like that. Their inconspicuous correctness makes almost a display of concealment.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Rainier\/Smithy genie\u00dft selbst &#8222;reading the numbers on houses in a strange town late at night, knowing that one of them hid a passing and unimportant destiny.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hilton und Cabell<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Helden Hiltons sind still unzufrieden, &#8222;vainly searching for something and never at rest.&#8220; Bis jetzt hatte ich das nie in Verbindung gebracht mit den Helden Cabells, meinem anderen gesch\u00e4tzten und vergessenen Autor. Dessen Helden suchen auch rastlos nach etwas, sind allerdings lauter und bunter. Wenn es bei Hilton hei\u00dft:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;There&#8217;s only one thing more important,&#8220; he answered, &#8222;and that is, after you&#8217;ve done what you set out to do, to feel that it&#8217;s been worth doing.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>&#8212; dann ist bei Cabell genau das das Problem: dessen Helden &#8211; Manuel, Jurgen &#8211; erreichen ihre Ziele und sind dann doch nicht gl\u00fccklich. Unmittelbar vor <em>Random Harvest<\/em> habe ich <em>The High Place<\/em> von Cabell gelesen, und da fiel mir das auf. Ein Schl\u00fcsselpunkt im Buch ist der titelgebende hochgelegene Ort, und einen \u00e4hnlichen symboltr\u00e4chtigen hohen Ort gibt es in <em>Random Harvest.<\/em> Und die Helden Cabells behalten wie die Hiltons einen Teil von sich zur\u00fcck, den sie privat halten. Was in Manuel vorgeht, wei\u00df man bis zum Schluss nicht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">England<\/h2>\n\n\n\n<p>In <em>Random Harvest<\/em> spielt das Geschehen von 1938 und 1939 vor dem aufziehenden Zweiten Weltkrieg. Das M\u00fcnchner Abkommen von Hitler-Chamberlain-Daladier wird diskutiert, die Rolle Englands in der Zukunft und Gegenwart und Vergangenheit. Smithy hat in den Jahren 1918-1919 ein idyllischeres England kennengelernt.<br>J.B. Priestley schrieb 1934 <em><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/English_Journey\">English Journey<\/a><\/em>, einen Bericht \u00fcber eine Reise durch ein sich wandelndes England, daran hat mich das Buch von Hilton erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit zu tun hat auch:<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">James Hilton als Sherlockist<\/h2>\n\n\n\n<p>Bei Hilton \u00fcberrascht es mich nicht sehr, dass er sich f\u00fcr Holmes interessiert. Dass Charles Rainier, die Hauptfigur von <em>Random Harvest<\/em>, dieses Interesse teilt, halte ich schon f\u00fcr unwahrscheinlicher. Aber hey, poetic license, von mir aus. Dreimal macht Rainier Anspielungen auf Holmes.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>He patted my arm. &#8222;It&#8217;s good to know I can talk to you whenever I&#8217;m in this mood. Watson to my Sherlock, eh? Or perhaps that&#8217;s not much of a compliment?&#8220;<br>&#8222;Not to yourself, anyhow. Watson was at least an <em>honest<\/em> idiot.&#8220;<br>He smiled. &#8222;That must be the Higher Criticism. Of course you were born too late to feel as I did &#8211; Sherlock\u2019s in Baker Street, all&#8217;s right with the world.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>&#8222;Higher Criticism&#8220; ist ein Synonym f\u00fcr &#8222;the Game&#8220; (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/01\/sherlock-holmes-als-freund-der-kunstblumenerzeugung.htm\">Blogeintrag<\/a>) &#8211; jene spezielle Spielart der Literaturtheorie, die davon ausgeht, dass Holmes real, Watson der Autor und Conan Doyle lediglich der Literaturagent ist.<br>Der letzte Satz oben bezieht sich auf eine gern zitierte Stelle aus &#8222;Pippa Passes&#8220; von Robert Browning: &#8222;God&#8217;s in His heaven \/ All&#8217;s right with the world!&#8220; Und diese Sicherheit &#8211; wir sind wieder beim Thema England &#8211; verlieh Holmes den Lesern und seiner Zeit. Solange er in Baker Street wacht, ist England sicher. Diese Stabilit\u00e4t sieht auch Vincent Starret in seinem Gedicht &#8222;221B&#8220;:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Here dwell together still two men of note<br>Who never lived and so can never die:<br>How very near they seem, yet how remote<br>That age before the world went all awry.<br>But still the game\u2019s afoot for those with ears<br>Attuned to catch the distant view-halloo:<br>England is England yet, for all our fears\u2013<br>Only those things the heart believes are true.<\/p>\n\n\n\n<p>A yellow fog swirls past the window-pane<br>As night descends upon this fabled street:<br>A lonely hansom splashes through the rain,<br>The ghostly gas lamps fail at twenty feet.<br>Here, though the world explode, these two survive,<br>And it is always eighteen ninety-five.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>(Deshalb steht der Blogcounter auf Watsons Blog in der <em>Sherlock<\/em>-Episode &#8222;A Scandal in Belgravia&#8220; auch immer auf 1895.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gespr\u00e4ch zwischen Rainier und Harrison geht dann auch so weiter:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Since we now realize that most things are wrong with the world -&#8222;<br>&#8222;I know &#8211; that was part of the illusion. [&#8230;] Distant thrones might totter, anarchists might throw bombs, a few lesser breeds might behave provokingly in odd corners of the world, but when all was said and done, there was nothing to fear while the stately Holmes of England, doped and dressing-gowned for action, readied his wits for the final count with Moriarty! And who the deuce <em>was<\/em> this Moriarty? Why, just a big-shot crook whom the honest idiot romanticized in order to build up his hero&#8217;s reputation! Nothing but a middle-aged stoop-shouldered Raffles! And that, mind you, was the worst our fathers&#8216; world could imagine when it talked about Underground Forces and Powers of Evil!&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Kein Vergleich zur Welt 1938.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) Hintergrund Geh\u00f6rt hatte ich von James Hiltons bekanntestem Roman, Lost Horizon, schon fr\u00fch, mindestens \u00fcber die Verfilmung von Frank Capra und beim Lesen der Science-Fiction-Literaturgeschichte von Brian W. Aldiss. 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