{"id":60082,"date":"2023-08-31T06:32:15","date_gmt":"2023-08-31T04:32:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=60082"},"modified":"2023-09-02T09:13:44","modified_gmt":"2023-09-02T07:13:44","slug":"bov-bjerg-der-vorweiner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/08\/bov-bjerg-der-vorweiner.htm","title":{"rendered":"Bov Bjerg, Der Vorweiner"},"content":{"rendered":"\n<p><em>(Weitgehend<\/em> spoilerfrei, bis auf mein neues Lieblingswort.) Der Roman spielt in einer mittelnahen Zukunft, die sprachlich so verfremdet ist, dass man sich erst einmal zurecht finden muss. Das ist geradezu ein besonderes Vergn\u00fcgen bei moderner utopischer Literatur: Da stellt uns kein Gulliver das fremde Land vor, kein Mensch der Gegenwart schl\u00e4ft nach einem Treffen eines sozialistischen Bundes ein und erwacht in der Zukunft und erkl\u00e4rt sie uns; man wird mitten hinein geworfen und muss sich den Slang aus <em>A Clockwork Orange<\/em> erschlie\u00dfen, man muss herausfinden, was eine Stimmungsorgel ist oder warum die Uhren dreizehn schlagen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"267\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/bjerg_vorweiner.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-60104\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/bjerg_vorweiner.jpg 200w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/bjerg_vorweiner-112x150.jpg 112w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Notwendigkeit, auf alles gefasst zu sein und mit allem zu rechnen, kann auch zu Schwierigkeiten f\u00fchren. Wenn es etwa recht fr\u00fch hei\u00dft: &#8222;Die Seniormaklerin schwebte Anna am Empfangstresen entgegen,&#8220; dann wei\u00df ich nicht, ob das eine Metapher ist oder doch eine tats\u00e4chlich schwebende Gestalt. Ich entscheide mich f\u00fcr die Metapher und bin den Rest des Buchs \u00fcberzeugt, damit richtig gelegen zu haben &#8211; bis mich am Ende doch noch eine Figur mit einer unerwarteten Anzahl von H\u00e4nden \u00fcberrascht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens ab dem genialen Begriff und Konzept der <em>Klickbeuterin<\/em>, f\u00fcr das allein das Buch gepriesen sei, habe ich mir die meisten der vielen, vielen Neologismen herausgeschrieben. &#8211; Klickbeuterin: produziert Nachrichten f\u00fcr eine Welt, wie sie auch in <em>Idiocracy<\/em> geschildert wird; die Ehrenhaften in diesem Beruf achten darauf, dass wenigstens ein wahrer Kern oder eine wahre Tatsache in jeder Nachricht ist. Die Erz\u00e4hlerin ist eine solche; die beil\u00e4ufig erw\u00e4hnten knallbunten Nachrichtensammlungen, aus denen sie sch\u00f6pft, habe ich auch im Regal stehen. Sie (die Erz\u00e4hlerin) lebt in einer Kellerwohnung, das Fenster hoch oben, drau\u00dfen regnet es &#8211; von Will Eisner gibt es eine wortlose Doppelseite, auf der Geschichten nur aus dieser Perspektive anhand der Beine der Vor\u00fcberkommenden gezeichnet und erz\u00e4hlt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube, es gibt wenig \u00e4u\u00dfere Handlung im Roman, tats\u00e4chlich k\u00f6nnte man die zwei leicht verwobenen Handlungsstr\u00e4nge auch in einer Novelle unterbringen; vielleicht habe ich manches auch nicht mitgekriegt. F\u00fcr mich geht es weniger um die Personen im Roman und ihre Schicksale; nur eine Szene geht mir emotional nahe, nur von einer Figur h\u00e4tte ich gerne noch mehr erfahren. (Bartel, der mich an Figuren aus Welten von Carl Amery erinnert.) Auch die verfremdende Sprache tr\u00e4gt zu einer gewissen Distanzierung bei. Vielmehr ist die geschilderte Welt das, um das es eigentlich geht. Und die ist schon sehr gut gemacht. Ganz viel wird sehr geschickt <em>en passant <\/em>vermittelt. Manche Ideen sind zuerst nur einfache Scherze, wie die wei\u00dfe Latexfarbe, die bereits von den Alpen abbr\u00f6ckelt. Aber wenn dann lapidar, in einer ganz knappen Parenthese, von der Live-\u00dcbertragung des letzten schmelzenden Quadratmeters berichtet wird (&#8222;Danach drei Minuten Geigen.&#8220;), dann hat das schon eine schmerzhafte Qualit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe ja mal fast <em>Auerhaus<\/em> von Bov Bjerg als Schullekt\u00fcre gelesen, Q12, recht kurz vor dem Abitur, war schon ausgeteilt, aber dann kam die Covid-Schulschlie\u00dfung dazwischen und wir haben nicht viel damit gemacht. <em>Der Vorweiner<\/em> w\u00e4re eine tolle Fundgrube f\u00fcr den Unterricht, w\u00fcrde Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen aber wohl \u00fcberfordern; die haben mit herk\u00f6mmlicher Erz\u00e4hlweise genug zu k\u00e4mpfen. Aber vielleicht doch mal ein Kapitelchen?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verlag schreibt, der Roman sei &#8222;barock wie ein Menuett, gegenw\u00e4rtig wie ein Liveticker, fernsichtig wie eine Vorhersage.&#8220; Bin schon \u00e4u\u00dferst gespannt, was das Feuilleton damit anfangen kann. Wer gepflegte Phantastik mag, wie die Leute vom guten SFCD (Science Fiction Club Deutschland), f\u00fcr die ist das etwas; auch wer Sprachwitz und gute Formulierungen mag, dem kann ich das empfehlen. Um L\u00e4ngen, L\u00e4ngen, ach was, L\u00e4ngen besser als <em>Corpus Delicti,<\/em> das ich mal lesen musste, und das in einer \u00e4hnlich nahen oder entfernten Zukunft spielt, mit einem Schwerpunkt, bei dem ich st\u00e4ndig mit den Augen rollen musste.<\/p>\n\n\n\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/7a195a3b50204e559c835cd6ac57a545\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Weitgehend spoilerfrei, bis auf mein neues Lieblingswort.) Der Roman spielt in einer mittelnahen Zukunft, die sprachlich so verfremdet ist, dass man sich erst einmal zurecht finden muss. 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