{"id":6034,"date":"2014-04-19T18:53:54","date_gmt":"2014-04-19T16:53:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6034"},"modified":"2023-05-14T16:47:34","modified_gmt":"2023-05-14T14:47:34","slug":"automatische-metrikanalyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/04\/automatische-metrikanalyse.htm","title":{"rendered":"Automatische Metrikanalyse"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/04\/automatische-metrikanalyse.htm#comments'>3 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Norberto42 hat <a href=\"http:\/\/norberto68.wordpress.com\/2014\/03\/19\/versmas-bestimmen\/\">in einem Blogeintrag<\/a> auf den <a href=\"http:\/\/www.metricalizer.de\/\">Metricalizer<\/a> hingewiesen. Das ist ein Projekt zur automatischen Analyse von Gedichten. So etwas steht schon l\u00e4nger auf meiner Liste von Programmierprojekt-Vorschl\u00e4gen f\u00fcr Informatikstudenten &#8211; aber es ist nicht \u00fcberraschend, dass es das schon gibt. Und auch nicht \u00fcberraschend, dass das Projekt bisher noch kein Informatikstudent haben wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Man gibt einen Gedichttext ein und klickt dann auf &#8222;Gedicht analysieren&#8220;. Die Reime werden richtig erkannt, selbst bei Reimen wie &#8222;Eiche&#8220; und &#8222;Gestr\u00e4uche&#8220;, die traditionell als vollkommen akzeptabel gelten, von Sch\u00fclern aber gerne mal nicht als Reim erkannt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><small>(Im \u00dcbermut und aus diesem Anlass habe ich den Sch\u00fclern neulich ein Vokaldreieck an die Tafel gezeichnet, so mit hohen und tiefen und vorderen und hinteren Vokalen, und Umlauten. War nat\u00fcrlich erst mal kein Arbeiten mehr, weil jeder mit aaaah- und uuuh-Sagen und der Position der eigenen Zunge besch\u00e4ftigt war.)<\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Aber am spannendsten ist nat\u00fcrlich die metrische Analyse. Ich habe nur einigerma\u00dfen regelm\u00e4\u00dfige Gedichte getestet, wie sie auch in der Schule drankommen, und das klappt: Jambisch, troch\u00e4isch, daktylisch. Einfache m\u00e4nnliche oder weibliche Kadenzen sind kein Problem.<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir mal die ersten drei Verse von Schillers &#8222;Der Ring des Polykrates&#8220; als Beispiel, weil ich dar\u00fcber <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/03\/trochaeische-vier-und-dreiheber.htm\">schon mal geschrieben<\/a> habe.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Er stand auf seines Daches Zinnen,<br>Er schaute mit vergn\u00fcgten Sinnen<br>Auf das beherrschte Samos hin.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Jambisch, 9 Silben in den ersten beiden Verse (und damit weibliche Kadenz), 8 Silben in der dritten Strophe.<\/li>\n\n\n\n<li>Vers 1 und 2 reimen sich.<\/li>\n\n\n\n<li>Bei &#8222;Samos&#8220; meint der Metricalizer einen Widerspruch zwischen Metrum und &#8211; tats\u00e4chlich aber falsch vermuteter &#8211; normaler Sprechbetonung auszumachen, da er glaubt, &#8222;Samos&#8220; w\u00fcrde die &#8222;famos&#8220; betont. Richtig hat er erkannt, dass &#8222;mit&#8220; in Vers 2 und &#8222;das&#8220; und &#8222;hin&#8220; in Vers 3 eigentlich unbetonte W\u00f6rter sind, die dennoch auf eine Hebung fallen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Laut Metrum sind die die Silben 2, 4, 6 und 8 betont. Nicht alle vom Metrum vorgesehenen Hebungen werden aber gleich stark verwirklicht:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"550\" height=\"328\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/metricalizer.png\" alt=\"metricalizer\" class=\"wp-image-6059\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/metricalizer.png 550w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/metricalizer-150x89.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Vor allem die Hebungen in Silbe 4 sind anscheinend meist eher wenig betont. (Die Grafik bezieht sich auf alle untersuchten Verse.) Das widerspricht zumindest nicht meiner eigenen Analyse.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Conrad Ferdinan Meyer, &#8222;Der r\u00f6mische Brunnen&#8220; in seiner bekanntesten Fassung:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Aufsteigt der Strahl und fallend gie\u00dft<br>Er voll der Marmorschale Rund<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>erkennt er die Fu\u00dfsubstitution gleich am Anfang:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"550\" height=\"117\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/metricalizer2.png\" alt=\"metricalizer2\" class=\"wp-image-6060\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/metricalizer2.png 550w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/metricalizer2-150x31.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Leider muss man selber erschlie\u00dfen, was hier substituiert wurde, n\u00e4mlich ein Jambus durch einen Troch\u00e4us. Diese weitergehende Analyse erh\u00e4lt man, wenn man sich die &#8222;Komplexit\u00e4t&#8220; des analysierten Gedichts anzeigen l\u00e4sst. (Die Darstellungsmodi &#8222;Skansion&#8220; und &#8222;Vorlesen&#8220; sind daf\u00fcr wenig brauchbar.)<\/p>\n\n\n\n<p>Gewinnbrignend ist diese Komplexit\u00e4tsanalyse etwa bei Rilkes &#8222;Spanische T\u00e4nzerin&#8220; (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/03\/rilke-spanische-taenzerin.htm\">Blogeintrag<\/a>). Die vielen Abweichungen vom Metrum werden gut erkannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim genialen &#8222;Trost und Rat&#8220; von Robert Gernhardt klappt das mit dem Differenz zwischen metrischer und nat\u00fcrlicher Betonung nicht ganz so gut, und den Witz in der letzten Strophe &#8211; dass die beiden betont zu lesenden und deshalb sogar gesperrt gedruckten W\u00f6rter eben ausgerechnet auf Senkungen fallen (also fein synkopiert sind) &#8211; kann der Metricalizer nat\u00fcrlich nicht erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch unregelm\u00e4\u00dfige Daktylen wie bei Heine (&#8222;Sie sa\u00dfen und tranken am Teetisch&#8220;) sind schwierig, und bei etwas Albernem wie Eichendorffs Mandelkerngedicht klappt die Analyse auch nur halbwegs:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Zwischen Akten, dunkeln W\u00e4nden<br>Bannt mich, Freiheitsbegehrenden,<br>Nun des Lebens strenge Pflicht,<br>Und aus Schr\u00e4nken, Aktenschichten<br>Lachen mir die beleidigten<br>Musen in das Amtsgesicht.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Aber immerhin! Viele der merkw\u00fcrdigen Betonungen am Versende fallen dem Metricalizer auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt ein sch\u00f6nes Spielzeug. Hoffentlich komme ich bald dazu, Sch\u00fcler damit experimentieren zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(3 Kommentare.) Norberto42 hat in einem Blogeintrag auf den Metricalizer hingewiesen. Das ist ein Projekt zur automatischen Analyse von Gedichten. So etwas steht schon l\u00e4nger auf meiner Liste von Programmierprojekt-Vorschl\u00e4gen f\u00fcr Informatikstudenten &#8211; aber es ist nicht \u00fcberraschend, dass es das schon gibt. 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