{"id":6047,"date":"2014-04-06T07:44:56","date_gmt":"2014-04-06T05:44:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6047"},"modified":"2023-06-18T07:15:07","modified_gmt":"2023-06-18T05:15:07","slug":"berge-wie-weisse-elefanten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/04\/berge-wie-weisse-elefanten.htm","title":{"rendered":"Berge wie wei\u00dfe Elefanten"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/04\/berge-wie-weisse-elefanten.htm#comments'>9 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Bei der Erz\u00e4hltheorie in der Schule geht es drunter und dr\u00fcber. Ein Kollege hat mal zusammengestellt, was f\u00fcr die einzelnen Jahrgangsstufen im Lehrplan steht:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>5: &#8222;Erz\u00e4hler&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>6: &#8222;\u00c4u\u00dferes und inneres Geschehen, erz\u00e4hltechnische Mittel&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>8: &#8222;Innen- und Au\u00dfenstandpunkt des Erz\u00e4hlers, Erz\u00e4hlperspektive wechseln&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>9: &#8222;Erz\u00e4hlverhalten&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>10: &#8222;Erz\u00e4hltechnik&#8220;<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Sonst nichts Genaueres. (Keine Erw\u00e4hnung von Begriffen aus speziellen Theorien, etwa: auktorial, allwissend, homodiegetisch.)<br>Unser Schulbuch f\u00fcgt den kaum von einander zu trennenden Begriffen &#8222;Erz\u00e4hlperspektive&#8220;, &#8222;Erz\u00e4hlverhalten&#8220; und &#8222;Erz\u00e4hltechnik&#8220; noch die &#8222;Erz\u00e4hlform&#8220; und die &#8222;Position&#8220; und &#8222;Einstellung&#8220; des Erz\u00e4hlers hinzu sowie die &#8222;Erz\u00e4hlhaltung&#8220;. Dazu verschiedene Begriffe, die sich letztlich an einer vereinfachten Erz\u00e4hltheorie nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_Karl_Stanzel\">Stanzel<\/a> orientieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Wunder, wenn man da durcheinander kommt. Wir versuchen gerade zu einem einheitlichen Modell f\u00fcr unsere Schule zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrenddessen habe ich mit meinen Achtkl\u00e4sslern etwas Hemingway gemacht. Das kam so: Eine Fassung des Stanzel-Modells kennt einen Kreis als Modell, eingeteilt in sechs Bereiche in der Form der bekannten Trivial-Pursuit-T\u00f6rtchen. Jeder Sch\u00fcler brachte ein Buch mit, besprach sich mit Mitsch\u00fclern, und trug den Titel des Buches je nach Erz\u00e4hlertyp dann in das passende T\u00f6rtchen ein. Wir stellten fest, dass von den sechs m\u00f6glichen Bereichen eigentlich nur zwei benutzt wurden. (Von den Sch\u00fclern aufgestellte Theorien: Manche Erz\u00e4hlertypen sind einfach popul\u00e4rer. Zumindest bei B\u00fcchern, die Achtkl\u00e4ssler so mitbringen.) Au\u00dferdem interessierten sich die Sch\u00fcler pl\u00f6tzlich f\u00fcr den Literaturnobelpreis &#8211; wer ihn kriegt und warum und wof\u00fcr, und ob wir was von einem lesen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also brachte ich eine Hemingway-Geschichte mit, &#8222;Hills Like White Elephants&#8220;. Gl\u00fccklicherweise fand ich eine <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1949\/44\/berge-wie-weisse-elefanten\/komplettansicht\">deutsche \u00dcbersetzung im Web,<\/a> und zwar im Archiv der <em>Zeit,<\/em> wo die Geschichte 1949 erschienen ist. (Die \u00dcbersetzung ist etwas veraltet. Der Zeilenumbruch entspricht gar nicht dem meiner Hemingway-Ausgabe.)<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Geschichte ist die Distanz zwischen Erz\u00e4hler und Geschichte wirklich minimal, der Erz\u00e4hler kaum als solcher erkennbar; die Personen der Geschichte erlebt man in konsequent durchgehaltener Au\u00dfenperspektive. Das wollte ich den Sch\u00fclern mal zeigen.<br>Schnell mal lesen oder Inhaltsangabe? &#8212; Ein Mann und eine junge Frau sitzen in Spanien in einem Caf\u00e9 und warten auf der Zug. Sie unterhalten sich, es geht um eine Operation, die der Frau bevorsteht. Der Mann redet die Operation klein, auch wenn die Frau Bedenken zu haben scheint. Hauptsache, danach ist alles wieder wie vorher. Viel Sonnenschein und wenig Kommunikation.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sch\u00fcler fanden die Geschichte nicht unterhaltsam (wie sollten sie auch), gingen aber gro\u00dfz\u00fcgig davon aus, dass es schon irgendeinen Grund daf\u00fcr geben w\u00fcrde, dass ich ihnen ausgerechnet diese Geschichte pr\u00e4sentierte. Spannend war, was sie st\u00f6rte. Erst mal, dass nichts zu passieren scheint. Dann aber auch, dass die junge Frau zwar als Erwachsene behandelt, aber durchweg als &#8222;das M\u00e4dchen&#8220; bezeichnet wird. (Original: &#8222;the girl&#8220;.) F\u00fcr meine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler hei\u00dft M\u00e4dchen: noch nicht erwachsen, kindlich. Dass eine erwachsene Frau als M\u00e4dchen bezeichnet wird, ist ihnen fremd.<br>Au\u00dferdem hielten die Sch\u00fcler die Geschichte f\u00fcr einen Textausschnitt und wollten wissen, was davor und danach komme &#8211; sehr \u00fcberrascht waren sie, als ich sagte, dass das die vollst\u00e4ndige Geschichte ist. (Passt bei 11 Punkt Schriftgr\u00f6\u00dfe auf zwei A4-Seiten, jeweils zweispaltig.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Verh\u00e4ltnis der beiden Hauptpersonen haben die Sch\u00fcler gut verstanden und auch selbstst\u00e4ndig am Text belegt. Der Mann dr\u00e4ngt die Frau zu irgendeiner Operation, er ist \u00e4lter, kennt sich besser aus. (Kann Spanisch, kennt die Getr\u00e4nke in der Bar.) Aber um welche Operation es ging, darauf kamen die Sch\u00fcler nicht. Ich glaube, es war auch nicht so, dass sie sich nicht getraut haben, sondern dass sie es wirklich nicht wussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Also habe ich es ihnen erz\u00e4hlt: Es geht um eine Abtreibung. (Haben sie dann auch gleich gesehen.) Dazu musste ich den Sch\u00fclern erz\u00e4hlen, dass Abtreibungen damals illegal waren. Da sie den Text gr\u00fcndlich gelesen hatten, wiesen sie mich aber gleich auf eine \u00c4u\u00dferung hin, nach der die Freundinnen der Hauptpersonen auch alle so eine Operation gehabt h\u00e4tten. Puh. Also weiter erkl\u00e4ren, dass trotz der Illegalit\u00e4t Abtreibungen stattgefunden haben. Entweder beim Arzt, wenn man Geld hatte, oder eben mit anderen, lebensgef\u00e4hrlichen Methoden, und dass das mit ein Grund f\u00fcr die Legalisierung von Abtreibung war. Was f\u00fcr Methoden denn das gewesen seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Sagen wir, ich hoffe, ich hatte genug Fingerspitzengef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr interessant fand ich die Interpretation eines Sch\u00fclers. Die Operation wird nur so beschrieben: &#8222;Es wird nur Luft reingelassen, und dann ist alles vollkommen nat\u00fcrlich.&#8220; Es k\u00f6nne sich demnach auch um eine Brustvergr\u00f6\u00dferung handeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(9 Kommentare.) Bei der Erz\u00e4hltheorie in der Schule geht es drunter und dr\u00fcber. Ein Kollege hat mal zusammengestellt, was f\u00fcr die einzelnen Jahrgangsstufen im Lehrplan steht: Sonst nichts Genaueres. 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