{"id":6065,"date":"2014-04-30T06:28:26","date_gmt":"2014-04-30T04:28:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6065"},"modified":"2023-05-16T09:04:45","modified_gmt":"2023-05-16T07:04:45","slug":"u-poznanski-erebos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/04\/u-poznanski-erebos.htm","title":{"rendered":"U. Poznanski, Erebos"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/04\/u-poznanski-erebos.htm#comments'>8 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6070\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/poznanski_erebos.jpg\" alt=\"poznanski_erebos\" width=\"150\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/poznanski_erebos.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/poznanski_erebos-97x150.jpg 97w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/>Nachdem mir im Lauf des letzten Jahres mein Neffe aus der 6. Klasse das Buch empfohlen hat, dann ein Sch\u00fcler aus der 8. Klasse, und eine wenig lesende Elftkl\u00e4sslerin ebenso, musste ich es nun doch lesen. Es hat also etwas gedauert; ich bin bei deutscher Jugendbuchliteratur generell skeptisch, bei dicken B\u00fcchern auch, und wenn es dann auch noch um Computer geht, ist mir das auch eher ein Warnsignal. 486 Seiten.<\/p>\n<p>(Weitgehend spoilerfrei, nachdem alle Pr\u00e4missen gekl\u00e4rt sind.)<\/p>\n<p>Ausgangspunkt der Geschichte: An einer Schule in London benehmen sich einige Sch\u00fcler ungew\u00f6hnlich. Fehlen in der Schule, sind \u00fcberm\u00fcdet, vernachl\u00e4ssigen ihre bisherigen Freizeitaktivit\u00e4ten und Freunde. Die Ursache, das kriegt die junge Hauptperson Nick bald heraus, ist ein Computerspiel, das heimlich von Hand zu Hand herumgereicht wird. Auch Nick kommt bald an das Spiel und ist genauso davon fasziniert wie die anderen.<\/p>\n<p>Es handelt sich um ein Fantasy-Online-Spiel, vergleichbar mit World of Warcraft, vielleicht eine Nummer kleiner als das. Man erschafft sich eine Spielfigur, l\u00e4uft mit dieser in der Fantasywelt herum, trifft Nichtspielercharaktere und andere Spieler, erschl\u00e4gt verschiedene Monster und verbessert die Punktewerte der Figur und deren Ausr\u00fcstung.<\/p>\n<p>Das Spiel ist so gut, so spannend, dass die Spieler stunden- und n\u00e4chtelang spielen, und dann eben auch mal nicht in die Schule gehen. Au\u00dferdem hat das Spiel einige weitere ungew\u00f6hnliche, geradezu geheimnisvolle Aspekte, was seine Verbreitung und die Geheimhaltung darum betrifft. Und es wei\u00df zumindest scheinbar mehr \u00fcber den Spieler, als eigentlich m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Wenn ein Spieler schneller aufsteigen m\u00f6chte, oder die Spielfigur kurz vor dem Tod im Spiel steht, macht das Spiel in Form eines wichtigen Nichtspielercharakters ein Angebot. (Nichtspielercharaktere: Figuren in diesen Spielen, die vom Computer gesteuert werden, also Monster, Stadtbev\u00f6lkerung, H\u00e4ndler, diverse Auftraggeber; k\u00f6nnen mehr oder weniger individuell gestaltet sein.) Man kriegt Extrapunkte, wird geheilt, steigt schneller auf, wenn man kleine Auftr\u00e4ge erledigt &#8211; Auftr\u00e4ge in der wirklichen Welt, in London. So muss Nick etwa ein P\u00e4ckchen an einer genau bezeichneten Stelle abholen und anderswo deponieren. Nach und nach werden die Auftr\u00e4ge immer omin\u00f6ser, und nat\u00fcrlich erhalten auch andere Spieler solche Auftr\u00e4ge.<\/p>\n<p>&#8212; Als Buch selber war <em>Erebos<\/em> f\u00fcr mich wenig ergiebig. Es ist v\u00f6llig humorlos; keine der Person macht eine irgendwie nennenswerte Entwicklung durch. Dabei geschehen durchaus dramatische Sachen, und doch ist am Schluss eigentlich alles wieder wie vorher. Das kann durchaus eine starke Wirkung haben, etwa in Goldings <em>Herr der Fliegen,<\/em> wenn die Erwachsenen die Kinder von der Insel abholen und gar nicht mitkriegen, was dort alles geschehen ist: Das bedeutet, dass all das, was auf der Insel zum Vorschein gekommen ist, bei passender Gelegenheit jederzeit wieder da sein kann. Bei <em>Erebos<\/em> wird dadurch aber nichts \u00fcber das Wesen des Menschen ausgesagt. Da kommt der Leser heraus mit einem: &#8222;Oh, cool, wenn es so ein Spiel wirklich g\u00e4be!&#8220; Aber gut, nicht jedes Jugendbuch muss auch f\u00fcr mich als Erwachsenen gewinnbringend sein.<\/p>\n<p>Das Buch hatte aber auch interessante Aspekte f\u00fcr mich. Gut getroffen: Als Leser kommt mir das Streben der jugendlichen Spieler, den Punkten in diesem Spiel hinterherzurennen und Level aufzur\u00fcsten, so \u00fcberhaupt nicht nachvollziehbar und ziemlich sinnlos und oberfl\u00e4chlich vor. Andererseits: So sinnlos und oberfl\u00e4chlich ist es ja auch. Ist also nur konsequent.<br \/>\nDie beschriebene Fantasy-Welt ist entsetzlich \u00f6de und flach, zweidimensional, klischeehaft. Wie soll die Spieler in ihren Bann ziehen? Das ist nichts von dem Detailreichtum, den es etwa bei Tolkien gibt. Man hat den Fantasy-Mischwald geradezu vor Augen, bestehend aus maximal drei verschiedenen Baumtypen, fein s\u00e4uberlich immer einer nach dem anderen aufgestellt. Das liest sich fade, und das soll so \u00fcberw\u00e4ltigend faszinieren?<\/p>\n<p>Andererseits: Damit ein echtes Spiel Leben gewinnt und eine Geschichte entwickelt, dazu braucht es gar nicht viel. Selbst bei so einem abstrakten Spiel wie Schach kann in einer Partie viel Drama stecken, da gibt es Angriffe und Hinterhalte und Finten und verloren geglaubte Schlachten &#8211; genug f\u00fcr eine Geschichte. Und echte Online-Rollenspiele bieten auch gen\u00fcgend Gelegenheit dazu, <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/12\/soziale-netzwerke-mmorpg-online-und-off.htm\">in einem Blogeintrag<\/a> habe ich mal auf <a href=\"http:\/\/www.cracked.com\/blog\/the-7-biggest-dick-moves-in-history-online-gaming\/\">zwei<\/a> <a href=\"http:\/\/www.cracked.com\/blog\/the-7-most-elaborate-dick-moves-in-online-gaming-history\">Seiten<\/a> bei Cracked.com verlinkt, mit Geschichten aus der MMORPG-Welt. Da gibt es schon tolle Sachen &#8211; weit faszinierendere als bei dem Erebos-Spiel. Dessen Faszination bleibt f\u00fcr mich nicht nachvollziehbar, die muss ich als gesetzt hinnehmen.<\/p>\n<p>Was mir als Spielerfreund fehlt: &#8222;Gaming the system&#8220;, das Spiel als solches erkennen und dessen L\u00fccken ausnutzen. Gibt es in Wirklichkeit viel, im Buch nicht, da spielen die Figuren so, wie sie sollen. In Wirklichkeit sind Spieler kreativer &#8211; gut, vielleicht nur die Spieler, die ich verstehe.<\/p>\n<p>Gefallen hat mir wiederum der Gedanke, durch Botendienste au\u00dferhalb des Spiels schneller Punkte zu kriegen. Denn das erinnert mich sehr an das Konzept <em>in-game purchase,<\/em> das es bei vielen kostenlosen Spielen kriegt. Da kann man sich auch m\u00fchsam Punkte erarbeiten, oder nach Verletzung zw\u00f6lf Stunden Pause machen, um zu heilen &#8211; aber wenn man keine zw\u00f6lf Stunden (Echtzeit!) warten oder doch halt gleich sofort bitte das m\u00e4chtige Schwert haben m\u00f6chte, dann muss man mit echtem Geld bezahlen.<\/p>\n<p>Nicht gefallen hat mir die Willk\u00fcr des Spiels beziehungsweise der Nichtspielfigur, die die Verhandlungen mit der Spielfigur f\u00fchrt. Der wirkte eher unberechenbar und gro\u00dfz\u00fcgig-g\u00f6nnerhaft wie ein Sektenf\u00fchrer oder Drogendealer aus dem Kino. Als echter Spieler h\u00e4tte mich das abgeschreckt, da m\u00f6chte ich mehr Berechenbarkeit.<\/p>\n<p>Gut gefallen: Die heldenhafte Musik, die man h\u00f6rt, wenn man als Spieler auf dem richtigen Weg ist. Wie einfach man als Spieler doch zu manipulieren ist.<\/p>\n<p>Nicht gut gefallen: Erwachsene spielen keine Rolle, kommen nur zum Aufr\u00e4umen vorbei. Selbst nach dem eigentlichen H\u00f6hepunkt k\u00fcmmern sich die jugendlichen Helden selber noch um viele Sachen. (<a href=\"http:\/\/tvtropes.org\/pmwiki\/pmwiki.php\/Main\/AdultsAreUseless\">&#8222;Adults are useless.&#8220;<\/a>)<\/p>\n<p>Technisch begeht das Buch keine gr\u00f6\u00dferen Fehler, l\u00e4sst sich aber auch wenig zu konkreten Aussagen hinrei\u00dfen. Computer funktionieren halt irgendwie semi-magisch, vermutlich mit einem dieser Algorithmen, von denen man so viel h\u00f6rt. (Einmal steht IP-Adresse, wo es MAC-Adresse hei\u00dfen m\u00fcsste bei der Identifizierung eines Rechners.)<\/p>\n<p>Bei <em>Erebos<\/em> wird am Schluss nichts offen gelassen. Bei einem gro\u00dfen Treffen gestehen sich die Jugendlichen, welche Spielfigur sie in der Fantasy-Welt waren. Da h\u00e4tte man mehr daraus machen k\u00f6nnen; bei den meisten war es unm\u00f6glich und auch nicht beabsichtigt, irgendwie darauf zu kommen, wer wer war. Sch\u00f6ner w\u00e4re es, mehr Hinweise zu geben, aber dazu h\u00e4tten die Charaktere vielleicht mehr Eigenleben entwickeln m\u00fcssen &#8211; so waren fast alle nur Namen, vielleicht noch mit einem Label &#8222;die Sch\u00fcchterne&#8220; versehen.<br \/>\nVor ein paar Jahren hat der Fotograf Robbie Cooper eine Ausstellung gemacht, &#8222;Alter Ego&#8220; (Buch dazu kriegt man im Online-Buchhandel), in der es Fotos von Computer-Rollenspielern und ihren Avataren gegen\u00fcberstellte. Online unter <a href=\"http:\/\/www.robbiecooper.org\/small.html\">http:\/\/www.robbiecooper.org\/small.html<\/a>, und dann im Men\u00fc &#8222;simulations \/ alter ego \/ photos -&gt;&#8220; ausw\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Als Schullekt\u00fcre: Vielleicht in der 6. Klasse? Gef\u00e4llt dann auch den Jungs, die sonst wenig lesen. Komisch, aber wenn die Wenigleser mal was lesen, dann immer diese dicken Schinken. Tatsache ist jedenfalls, dass das Buch bei Sch\u00fclern wohl sehr gut ankommt, und bei einigen Erwachsenen, die ich kenne, auch.<\/p>\n<p>Wer ansonsten mal sehen will, wie reich so eine Welt sein kann, <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Dwarf_Fortress\">schaut sich mal Dwarf Fortress an<\/a>.<\/p>\n<p>(Mitten im Buch hatte ich kurz die Idee: Der oberb\u00f6se Gegenspieler des Spiels, von dem gelegentlich die Rede ist, stellt sich als &#8211; sagen wir &#8211; &#8222;der B\u00fcchermeister&#8220; heraus. Das Spiel versucht Leute f\u00fcr sich zu rekrutieren, mit dem Spiel, und der B\u00fcchermeister auch, mit einem Buch, und zwar mit eben dem, das man gerade liest. Schade nur, dass dank des Buchs dann trotzdem alle Leser das beschriebene Spiel toller finden werden als das Buch &#8211; das gedruckte Wort als Eigentor. Und \u00fcberhaupt ist das dann doch eine eher wirre Idee, gerne wieder vergessen.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(8 Kommentare.) Nachdem mir im Lauf des letzten Jahres mein Neffe aus der 6. Klasse das Buch empfohlen hat, dann ein Sch\u00fcler aus der 8. Klasse, und eine wenig lesende Elftkl\u00e4sslerin ebenso, musste ich es nun doch lesen. 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