{"id":60721,"date":"2023-12-10T08:57:00","date_gmt":"2023-12-10T07:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=60721"},"modified":"2023-12-10T11:23:32","modified_gmt":"2023-12-10T10:23:32","slug":"heinrich-mann-professor-unrat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/12\/heinrich-mann-professor-unrat.htm","title":{"rendered":"Heinrich Mann, Professor Unrat"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/12\/heinrich-mann-professor-unrat.htm#comments'>8 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Ich h\u00f6re viele Podcasts, aber wenige H\u00f6rb\u00fccher; eigentlich lasse ich mich nur per E-Mail \u00fcber neue kostenlose Erscheinungen auf vorleser.net informieren, und da gab es neulich <a href=\"https:\/\/www.vorleser.net\/mann_unrat_hoerbuch\/hoerbuch.html\"><em>Professor Unrat<\/em> von Heinrich Mann, gelesen von Marina Frenk<\/a>, sechseinhalb Stunden in einer Datei. Das Buch habe ich nie gelesen, die Verfilmung nie gesehen. Fast h\u00e4tte ich das H\u00f6rbuch nicht angeh\u00f6rt, aber dann gewann mein Ordnungssinn. Es hat sich dann sehr gelohnt, auch wenn ich nicht immer alles mitgekriegt haben d\u00fcrfte &#8211; ich h\u00f6re das beim Pendeln, und auf dem R\u00fcckweg d\u00f6se ich da schon manchmal.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich vorher wusste: Der Gymnasialprofessor Raat, genannt Professor Unrat, verf\u00e4llt einer Halbwelts\u00e4ngerin aus dem Blauen Engel und verliert dadurch seine Stellung und W\u00fcrde. Tats\u00e4chlich ist das alles aber differenzierter, und das Buch endet anders als der Film nicht an dieser Stelle, sondern geht noch weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: Unrat wird im Untertitel als Tyrann bezeichnet, und das ist er auch. Er unterrichtet Griechisch und Latein; ob er das gut macht oder schlecht, ist nicht bekannt. Er ist auch nicht unbedingt j\u00e4hzornig, aber er r\u00e4cht sich gerne an den Sch\u00fclern, die ihn zu sehr mit seinem Spitznamen &#8222;Unrat&#8220; necken. Er droht: &#8222;Ihnen kann ich auf Ihrem Wege noch recht hinderlich werden. Ich werde Sie \u2013 immer mal wieder \u2013 hineinlegen, merken Sie sich das!&#8220;, und macht diese Drohung auch wahr, so gut es geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Sch\u00fcler, auf den er es besonders abgesehen hat, entdeckt er ein Gedicht auf Rosa Fr\u00f6hlich, die im Lokal zum Blauen Engel singt, und verfolgt eine Sch\u00fclergruppe dorthin, um sie auffliegen zu lassen. Diese ersten Begegnungen zwischen dem Lehrer und der S\u00e4ngerin haben mir beim H\u00f6ren sehr gut gefallen. H\u00e4tte ich das beim Lesen auch so empfunden? &#8222;Sie sagen ja gar nischt mehr?&#8220;, mit diesem Tonfall, in dem Marina Frenk das vortr\u00e4gt, h\u00e4tte ich das wohl nicht im Ohr gehabt. &#8211; Unrat steht ratlos vor der K\u00fcnstlerin Fr\u00f6hlich. (Sie wird fast immer nur als <em>die K\u00fcnstlerin Fr\u00f6hlich<\/em> adressiert, was eine ganz eigene Wirkung hat. So als w\u00fcrde man immer nur <em>der Faschist H\u00f6cke<\/em> sagen, jedesmal.) Sie bringt ihm nicht den Respekt entgegen, den er gewohnt ist, und damit wei\u00df er schlicht nicht umzugehen. Dabei verspottet sie ihn nicht, oder nur sanft, versteht ihn ebenso wenig wie er sie, und ist eher neugierig als selber tyrannisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich l\u00e4sst sich die K\u00fcnstlerin Fr\u00f6hlich von Unrat aushalten, es kommt zu einem Skandal anl\u00e4sslich einer \u00f6ffentluichen Gerichtsverhandlung; Unrat verliert seine Stellung und nach doch etwas hin und her heiratet er sie. Sie leben einigerma\u00dfen gl\u00fccklich; ihm ist bewusst, dass sie Verehrer hat, er genie\u00dft das vielleicht sogar. Schlie\u00dflich geht ihm das Geld aus, er beginnt etwas mit Griechisch-Nachhilfeunterricht zu verdienen, der sich aber bald zu Gelagen mit Gesang, Sch\u00e4ferst\u00fcndchen, Gl\u00fcckssspiel entwickelt, an denen die wichtigen Pers\u00f6nlichkeiten der Stadt teilnehmen. Es kommt zu Skandalen, Pleiten, Betrug, gebrochenen Verl\u00f6bnissen. Die Erz\u00e4hlinstanz bezeichnet Unrat inzwischen als Anarchisten. Unrat genie\u00dft es sichtlich, die Stadt und ihre Jugend zu verderben; insbesondere an drei ehemaligen Sch\u00fclern will er sich r\u00e4chen, treibt zwei davon nach und nach ins gesellschaftliche Abseits. Da hat er fast etwas von einem Grafen von Monte Christo, \u00e4hnlich tragisch und freudlos und erbarmungslos, nur mit wenig Anlass.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende scheitert er doch an seiner Eifersucht und die K\u00fcnstlerin Fr\u00f6hlich an ihrer Unbek\u00fcmmertheit und die Stadt ist froh, nichts mehr mit dem Paar zu tun haben zu m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich gestehe: Unrat ist mir nicht v\u00f6llig unsympathisch. Mit Hilfe des <em>manic pixie dreamgirls<\/em> in Form der K\u00fcnstlerin Fr\u00f6hlich entkommt er seinem b\u00fcrgerlichen Korsett. Ja, sein Verh\u00e4ltnis zu ihr ist nicht gleichberechtigt; er handelt auch sonst unter Zw\u00e4ngen. Geld und Ansehen sind ihm aber nicht wichtig, da steht er dr\u00fcber. Andererseits ist sein manisches Verfolgen der ehemaligen Sch\u00fcler nicht rational und b\u00f6sartig. Allerdings stellt er ihnen &#8211; zumindest in dieser sp\u00e4ten Phase &#8211; keine geplanten Fallen, sondern macht nur Angebote zum Ruin.<\/p>\n\n\n\n<p>In Wikipedia steht, das Buch &#8222;zeigte, welche H\u00f6he die Doppelmoral des B\u00fcrgertums erreichen kann, wenn es sich von Sekund\u00e4rtugenden bestimmen l\u00e4sst.&#8220; Doppelmoral, definitiv. Aber doch eher nicht bei Unrat selber, sondern beim Rest der Stadt? Sekund\u00e4rtugenden: das passt zum <em>Untertan,<\/em> glaube ich, aber hier fiel mir das nicht besonders als Thema auf.<\/p>\n\n\n\n<p>(Sprachliche Marotten des Professors:  \u201eAufgemerkt nun also\u201c und \u201etraun f\u00fcrwahr\u201c; vielleicht traue ich mich, die selber einmal anzubringen.)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(8 Kommentare.) 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