{"id":60760,"date":"2023-12-13T06:05:28","date_gmt":"2023-12-13T05:05:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=60760"},"modified":"2023-12-13T06:08:16","modified_gmt":"2023-12-13T05:08:16","slug":"pavi-und-chabon-chasaren-kiewer-rus-und-waraeger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2023\/12\/pavi-und-chabon-chasaren-kiewer-rus-und-waraeger.htm","title":{"rendered":"Pavi\u0107 und Chabon; Chasaren, Kiewer Rus und War\u00e4ger"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine erste Begegnung mit den Chasaren war ein Buch von Milorad Pavi\u0107, <em>Das Chasarische W\u00f6rterbuch. Lexikonroman<\/em>, Original von 1984, deutsche Ausgabe gebunden 1988, Taschenbuch 1991. Die gebundene Version gab es in zwei Versionen, einer m\u00e4nnlichen und einer weiblichen, die sich textlich an &#8211; glaube ich &#8211; nur einer Stelle unterscheiden, die aber nicht als solche markiert ist. Der Benutzerhinweis zu Taschenbuchausgabe schreibt: &#8222;Die Vereinigung des weiblichen und des m\u00e4nnlichen Exemplars hat stattgefunden.&#8220; (Ein Blatt ist doppelt in beiden Varianten im Taschenbuch, das hei\u00dft, die Seitennummern wiederholen sich. Das ist noch kein Beispiel f\u00fcr die von mir noch gesuchte Vereinnahmung von Seitennummern als erz\u00e4hlerischem Mittel, aber ein Schritt dorthin.)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nat\u00fcrlich, eine alte Handschrift:<\/em> Aus dieser Zeit stammt das Buch dann ja auch. Es pr\u00e4sentiert sich als &#8222;Rekonstruktion der urspr\u00fcnglichen Daubmannus-Ausgabe von 1691 (vernichtet 1692) mit den Erg\u00e4nzungen bis in die allerneueste Zeit.&#8220; Vorworte erl\u00e4utern die (fiktiven) historischen Grundlagen und die (ebensolche) Herkunft des W\u00f6rterbuchs und seinen Aufbau; der Hauptteil des Texts besteht aus ebendiesem W\u00f6rterbuch &#8211; aus einzelnen Lexikoneintr\u00e4gen, alphabetisch sortiert, die zusammen die Geschichte der Chsaren erz\u00e4hlen, vielleicht. Man liest das Buch nicht unbedingt chronologisch, Tats\u00e4chlich sind es sogar drei W\u00f6rterb\u00fccher, die sich inhaltlich \u00fcberschneiden, jeweils aus vor langer Zeit aus christlicher, islamischer und j\u00fcdischer Sicht zusammengestellt. Vielleicht l\u00f6sen sie das R\u00e4tsel, was eigentlich aus den Chasaren geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hintergrund: Die Chasaren waren ein Volk und Reich zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer und bis weit in den Norden hinauf. Um das Jahr 900 herum konvertierten weite Teile dieses Reichs zum Judentum, vermutlich nicht nur die Oberschicht, sondern auch die Bev\u00f6lkerung. Historisch ist da viel umstritten. Als der christlich missionierende Kyril (der einen Vorl\u00e4ufer der heutigen nach ihm benannten Kyrillischen Schrift entwickelte, die dann aber erst sp\u00e4ter in Bulgarien entstand) zu den Chasaren kam, wei\u00df er noch nichts vom Judentum dort. Im Westen der Chasaren lag das Byzantinische Reich (Verb\u00fcndete), im S\u00fcden das Kalifat (eher Gegner), im Norden die Kiewer Rus (Handelspartner und Gegner). Die Kiewer Rus schlie\u00dflich eroberte die Hauptstadt des Chasarenreichs, und die Chasaren&#8230; verschwanden? Dass die aschkenasische Juden mehrheitlich auf die Chasaren zur\u00fcckgehen, gilt als \u00fcberholte These.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kiewer Rus nun: Noch eine andere Geschichte. Seit dem 9. Jahrhundert tauchen die War\u00e4ger als H\u00e4ndler, Krieger und Siedler auf, urspr\u00fcnglich wohl aus Schweden und Finnland, kamen sie hinunter bis zum Schwarzen und Kaspischen Meer. Die War\u00e4ger waren Wikinger, Normannen, so richtig mit Streit\u00e4xten. Unter dem englischen Namen <em>Varangians<\/em> sind sie mir etwas vertrauter. Bekannt sind sie, oder jedenfalls: bekannter sollten sie sein f\u00fcr zwei Sachen: Erstens daf\u00fcr, dass sie die <em>Varangian Guard<\/em> bildeten, die War\u00e4gergarde, eine Elitegruppe im Byzantinischen Reich und Leibwache des Kaisers (10. &#8211; 14. Jahrhundert). Ja, die Wikinger kamen herum; kein Wunder, dass in der Hagia Sofia mindestens zwei Graffiti-Inschriften in Runenschrift gibt, wie erst neulich wieder durch die Presse ging.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Hier etwas, das m\u00f6glicherweise &#8222;Halfdan war hier&#8220; hei\u00dft, <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Runic_inscriptions_in_Hagia_Sophia\">mehr steht bei Wikipedia<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"227\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Runen_Hagia_Sophia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-60766\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Runen_Hagia_Sophia.jpg 640w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Runen_Hagia_Sophia-300x106.jpg 300w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Runen_Hagia_Sophia-150x53.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Hermann Junghans, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Runen_Hagia_Sophia.JPG\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Runen Hagia Sophia<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/legalcode\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">CC BY-SA 3.0 DE<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Das andere, wof\u00fcr man diese Wikinger-Untergruppe kennen sollte: Sie gr\u00fcndeten die Kiewer Rus, ein Wikingerreich um Kiew herum. Das Wort &#8222;Rus&#8220; &#8211; siehe auch: Belarus, Russisch, Russland &#8211; ist ein urspr\u00fcnglich nordgermanisches Wort, die Rus waren eine sesshaft gewordene Untergruppe der War\u00e4ger. Bald vermischten sie sich allerdings mit der ostslawischen Bev\u00f6lkerung. Aus dem einst sehr gro\u00dfen Reich der Kiewer Rus gingen die Ukraine hervor, Russland, Belarus. Der Niedergang des Reichs waren erst die Mongolen, dann Iwan der Gro\u00dfe. Wieso erfahre ich das alles erst jetzt? Ich wei\u00df wirklich nichts \u00fcber Osteuropa oder Zentralasien. (Die Antinormannenthese, dass die Kiewer Rus nicht von Skandinaviern gegr\u00fcndet wurde, war mal politisch beliebt, gilt aber als \u00fcberholt.) <\/p>\n\n\n\n<p>Das zweite Mal, und zwar erst k\u00fcrzlich, begegneten mir die Chasaren, und die Rus, in Michael Chabons kurzem Roman <em>Gentlemen of the Road<\/em> (2007). Chabon kenne und sch\u00e4tze ich, obwohl viele seiner B\u00fccher dann doch nicht so gut sind wie erwartet. <em>The Yiddish Policemen\u2019s Union<\/em> (2007) ist allerdings meisterlich. In <em>Gentlemen<\/em> geht es um zwei Abenteurer: den j\u00fcdischen Zelikman aus Regensburg &#8211; gebildet und bleich und d\u00fcster, ohne grimdark zu sein, Arzt und sentimental-zynisch, mit einer Art Florettvorl\u00e4ufer als Waffe, und Amram aus Abessinien, schon etwas \u00e4lter, Streitaxt, die sich im chasarischen Reich herumtreiben, zuerst als kleine Trickbetr\u00fcger, dann als S\u00f6ldner und Intriganten. Die Geschichte ist kompetent geschrieben, nicht sehr \u00fcberraschend, aber sie besticht durch das unvertraute und doch glaubw\u00fcrdige Setting. Wir haben die zumindest teilweise j\u00fcdischen Chasaren, muslimische Soldaten und \u00dcberf\u00e4lle der Wikinger-Rus. Dabei ist das kein historischer Roman, sondern ein Abenteuerroman, <em>historic fantasy,<\/em> ohne <em>sorcery: <\/em>Chabon hat zur Vorbereitung Fritz Leiber gelesen (das Vorbild merkt man am ehesten), George Macdonald Fraser (nachvollziehbar) und Michael Moorcock (mir unverst\u00e4ndlich); Moorcock ist das Buch auch gewidmet. Ich h\u00e4tte ihm eher Robert E. Howard empfohlen, dessen Conan er nat\u00fcrlich kennt, und seine Orientgeschichten, oder Harold Lamb, mit den Abenteuern des Kosaken Khlit ums Kaspische Meer herum. Sehr sch\u00f6n das Nachwort, in dem sich Chabon quasi daf\u00fcr entschuldigt, einen unseri\u00f6sen Abenteuerroman geschrieben zu haben, dessen urspr\u00fcnglicher Titel <em>Jews with Swords<\/em> leider nicht zu halten war.<\/p>\n\n\n\n<p>*** <\/p>\n\n\n\n<p>Wie ich auf all das gekommen bin: Ich recherchierte anl\u00e4sslich des Nibelungenlieds in der 7. Klasse nach Waffen mit Namen, insbesondere Schwertern, also wie <em>Balmung, Excalibur, Sturmbringer <\/em>und <em>Stich<\/em> und so weiter. Da stie\u00df ich auf die Axt <em>Defiler of Your Mother,<\/em> die in <em>Gentlemen of the Road<\/em> auftaucht. Die Beschreibung der <em>Gentlemen <\/em>klang gut, Chabon kannte ich, und dann fielen mit REH, Lamb und Pavi\u0107 rasch viele Bausteine zusammen. Man wei\u00df nie, wozu noch so esoterisch scheinendes Wissen gut ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine erste Begegnung mit den Chasaren war ein Buch von Milorad Pavi\u0107, Das Chasarische W\u00f6rterbuch. Lexikonroman, Original von 1984, deutsche Ausgabe gebunden 1988, Taschenbuch 1991. Die gebundene Version gab es in zwei Versionen, einer m\u00e4nnlichen und einer weiblichen, die sich textlich an &#8211; glaube ich &#8211; nur einer Stelle unterscheiden, die aber nicht als solche [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":60766,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[224],"class_list":["post-60760","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-buecher","tag-buecher"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/Runen_Hagia_Sophia.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60760","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60760"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60760\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":60808,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60760\/revisions\/60808"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/60766"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60760"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60760"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}