{"id":6112,"date":"2014-06-15T23:12:25","date_gmt":"2014-06-15T21:12:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6112"},"modified":"2023-06-14T07:26:16","modified_gmt":"2023-06-14T05:26:16","slug":"punschtorte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/06\/punschtorte.htm","title":{"rendered":"Punschtorte"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/06\/punschtorte.htm#comments'>34 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Meine Totemtorte ist die Punschtorte.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Kindheit gab es zumindest gelegentlich Torte vom Konditor. Sonntagnachmittag, mit meinen Gro\u00dfeltern, oder wenn Besuch da war, und Besuch war oft da. Erwachsene bringen bei solchen Gelegenheiten meist ein Sortiment mit, irgendwas mit Obst, irgendwas mit Creme, irgendwas mit Schokolade, da ist f\u00fcr jeden etwas dabei. Kinder nehmen das ernst, ich jedenfalls. Wenn ich mitreden durfte, und das durfte ich fr\u00fch, wollte ich: Punschtorte. (Die a\u00df auch meine Gro\u00dfmutter gerne, und von der kam ich auf den Geschmack.)<\/p>\n\n\n\n<p>Es ging ja gar nicht soweit, dass ich vor Freude in die Luft sprang beim Anblick von Punschtorte, sicher a\u00df ich auch mit Vergn\u00fcgen andere Kuchen und Torten, denn wenn auch die Punschtorte meine eigentliche Torte war &#8211; es w\u00fcrde ja noch genug Punschtorte geben in meinem Leben. Schlie\u00dflich war Punschtorte ein Standard bei jedem Konditor.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat sich ge\u00e4ndert. Es gibt keine Punschtorten mehr, schon seit Jahrzehnten. Man muss mindestens ein Mittvierziger wie ich sein, um sie \u00fcberhaupt noch zu kennen. Frau Rau hat mir mal eine selbst gebacken, und mir mal eine vom Konditor machen lassen &#8211; das war vor fast zwanzig Jahren, und die Konditortorte war sicher gut, aber nicht <em>richtig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Meine Eltern meinten, sie k\u00f6nnten vielleicht noch eine Punschtorte besorgen. Die Konditoreien von fr\u00fcher, die gebe es alle noch dort, wenn auch unter neuer Leitung. Da m\u00fcsse sich doch etwas machen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also waren Frau Rau und ich (und die Eltern von Frau Rau) heute bei meinen Eltern zu Mittagessen, Nachtisch und Kuchen, mit wenigstens einem kleinen Spaziergang in der Pause dazwischen f\u00fcr die Leute, die nicht Autorennen im Fernsehen sehen wollten. Es war schlie\u00dflich Sonntag. Sonntag kommt nach dem Mittagessen immer Autorennen im Fernsehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann gab es die Punschtorte:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"438\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte0.jpg\" alt=\"punschtorte0\" class=\"wp-image-6113\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte0.jpg 600w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte0-150x109.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte0-550x401.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Meine Eltern waren schon vorher ehrlich gewesen: Nein, auch sie hatten keinen Konditor dazu bewegen k\u00f6nnen, eine Punschtorte zu machen, (&#8222;Ach, h\u00f6chstens im Winter.&#8220; &#8222;Wie viele Torten wollen Sie denn haben?&#8220; &#8222;Die mag doch kein, die ist doch so s\u00fc\u00df.&#8220;) Also hatten sie selber eine gebacken. Eine?<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste war nur mal so zum Ausprobieren und wurde selbst gegessen. Die zweite, nach einer Rezeptvariante, wurde zu einer Freundin mitgebracht. (&#8222;Die hat eigentlich Erdbeerkuchen bestellt. Ach was, die kriegt jetzt Punschtorte.&#8220; Sie hat dann Erdbeerkuchen <em>und<\/em> Punschtorte gekriegt.) Die dritte endlich, auch wieder neu, die dritte wurde uns serviert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"450\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte1.jpg\" alt=\"punschtorte1\" class=\"wp-image-6114\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte1.jpg 600w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte1-150x112.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte1-550x412.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Mein Vater ist ein Bastler, und hat in den Jahren der Rente etliche neue Bastelgebiete f\u00fcr sich entdeckt. Eines ist das Kochen. (Auch der gebratene Spargel und die Rinderb\u00e4ckchen waren zum Gro\u00dfteil von ihm, da meine Mutter gerade eine Handverletzung hat). Meine Mutter war f\u00fcr den Geschmack der Punschtorte zust\u00e4ndig, meine Vater bestand auf korrektem Aussehen. Der gebackene Biscuitboden musste in mehrere Scheiben zerteilt werden. Jeder andere macht das wohl mit Zwirn. Nicht so mein Vater, das war ihm nicht sauber genug. Also kaufte er eine Art Metallrahmen mit Schlitzen, den man um den Tortenboden legt. Mit einem langen Messer schneidet man dann, durch die Schlitze gef\u00fchrt, den Tortenboden entzwei.<br>Aber die Messer im Haus waren nicht lang genug. Also brauchte er noch ein neues Messer, ein Palettenmesser mit Wellenschliff:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"450\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte2.jpg\" alt=\"punschtorte2\" class=\"wp-image-6115\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte2.jpg 600w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte2-150x112.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte2-550x412.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Die<\/em> Art Bastler ist mein Vater. Herausgekommen ist dann auch eine Torte mit exakten Scheiben und feinem, freih\u00e4ndig aufgetragenen Schokoladenmuster.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Geschmack ist meine Mutter verantwortlich. Der macht die Punschtorte ja so einmalig. Die Decke ist ein ganz d\u00fcnner Zuckerguss auf einer ebenfalls d\u00fcnnen Grundierung aus Marzipan. Ohne Marzipan kriegte man das nicht so d\u00fcnn und glatt hin und der Kuchenboden verliehe dem Zuckerguss einen etwas zu dunklen Ton. Dann braucht man einen Teig, irgendwas Biscuit\u00f6ses, ich bin da kein Experte. Zwischen die Biscuitschichten kommt d\u00fcnn Aprikosenmarmelade. Und das allerwichtigste, das der Punschtorte ihren Namen und ihren eigenen Geschmack gibt, ist der Arrak.<\/p>\n\n\n\n<p>Arrak. Nicht Raki. Nicht Arak. Arrak oder Arrack. Kein Anisschnaps, sondern eine der \u00e4ltesten Spirituosen der Welt. Find du den heute mal noch! Dabei war der mal verbreiteter als Rum. Heute fristet er bei uns noch ein k\u00fcmmerliches Dasein als &#8222;Arrak-Aroma&#8220; direkt neben dem &#8222;Rum-Aroma&#8220; bei den Backzutaten. Die Niederl\u00e4ndische Ostindien-Kompanie brachte den Arrak aus Batavia (heute: Jakarta, Haupstadt von Indonesien) nach Europa. Klein Zack in <em>Hoffmanns Erz\u00e4hlungen<\/em> trinkt &#8222;zuviel Branntwein und Arrak&#8220;, m\u00f6glicherweise nur des Reims wegen, aber auch in Hoffmanns &#8222;Der goldne Topf&#8220; wird ein Punsch zubereitet:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Der Registrator Heerbrand griff in die tiefe Tasche seines Matins und brachte in drei Reprisen eine Flasche Arrak, Zitronen und Zucker zum Vorschein. Kaum war eine halbe Stunde vergangen, so dampfte ein k\u00f6stlicher Punsch auf Paulmanns Tische.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Punsch: Das Konzept und das Wort brachte die Englische Ostindien-Kompanie nach Europa, in Hindi bedeutet das Wort &#8222;pantsch&#8220; &#8222;f\u00fcnf&#8220; (siehe Sprachgeschichteveranstaltungen an der Uni) nach den f\u00fcnf Zutaten f\u00fcr einen Punsch: Zucker, Zitrone, Arrak, Wasser, Gew\u00fcrze. Das ist alles in der Punschtorte drin, bis auf die Gew\u00fcrze vielleicht, aber die werden ja auch schon in Schillers <a href=\"http:\/\/www.textlog.de\/schiller-gedichte-punschlied.html\">&#8222;Punschlied&#8220;<\/a> nicht mehr dazugerechnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Und mit einem Gemisch aus Arrak und Zuckerwasser (andere, weniger gute Rezepte: Zitronensaft, Wein) wird eben auch die Punschtorte getr\u00e4nkt. Nur dann kommt eine Punschtorte heraus:<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6116\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte3.jpg\" alt=\"punschtorte3\" width=\"600\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte3.jpg 600w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte3-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte3-550x550.jpg 550w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/punschtorte3-144x144.jpg 144w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><br><small>Bild: Frau Rau<\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Beim Konditor w\u00e4re der Teig vielleicht etwas glatter, die Aprikosenmarmelade d\u00fcnner. Geschmacklich war die Torte perfekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Damen und Herren, das war die Punschtorte. Meine Totemtorte. (Und ich habe sehr liebe Eltern.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(34 Kommentare.) Meine Totemtorte ist die Punschtorte. In meiner Kindheit gab es zumindest gelegentlich Torte vom Konditor. Sonntagnachmittag, mit meinen Gro\u00dfeltern, oder wenn Besuch da war, und Besuch war oft da. Erwachsene bringen bei solchen Gelegenheiten meist ein Sortiment mit, irgendwas mit Obst, irgendwas mit Creme, irgendwas mit Schokolade, da ist f\u00fcr jeden etwas dabei. 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