{"id":6133,"date":"2014-07-05T16:27:59","date_gmt":"2014-07-05T14:27:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6133"},"modified":"2023-05-23T21:26:06","modified_gmt":"2023-05-23T19:26:06","slug":"cheerleader-noir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/07\/cheerleader-noir.htm","title":{"rendered":"Cheerleader Noir"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/07\/cheerleader-noir.htm#comments'>3 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6136\" style=\"float: left; margin-right: 10px;\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/abbott_dare_me.jpg\" alt=\"abbott_dare_me\" width=\"150\" height=\"229\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/abbott_dare_me.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/abbott_dare_me-98x150.jpg 98w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><em>Dare Me<\/em> von Megan Abbott spielt an einer amerikanischen High School unter den Cheerleadern dort. Eine neue Trainerin stellt ehrgeizige Anspr\u00fcche an das Team, sie wird von den meisten verehrt, bei anderen f\u00fchrt das zu Eifersucht; Gerangel um begehrte Positionen im Team gibt es ohnehin. Und Gezicke.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch ist ein Krimi. Kein Krimi der englischen Landhausschule &#8211; Mord als Puzzle in Landhaus, Flugzeug, Orientexpress, auf dem Nildampfer oder einer winzigen Insel -, sondern ein Krimi amerikanischer Tradition. <em>Mean streets<\/em>, Verbrechen und Korruption und Verfall \u00fcberall, niemandem kann man trauen. Diese Art Krimi entstand aus der Pulp-Literatur, Carrol John Daly war 1922 wohl der erste <em>hard-boiled<\/em> Autor; der bekannteste der fr\u00fchen Generation ist Dashiell Hammett: Bei ihm gibt es den moralisch ambivalenten, aber letztlich doch ehrenhaften Privatdetektiv, der sich in dieser schmutzigen Welt bewegt und in ihr besteht (auch wenn er nicht das M\u00e4dchen kriegt). Eine halbe Generation sp\u00e4ter schafft Raymond Chandler die klassische, geradezu ritterliche Version davon. (&#8222;But down these mean streets a man must go who is not himself mean, who is neither tarnished nor afraid.&#8220;) Und bei Cornell Woolrich und James M. Cain gibt es gar keinen Lichtblick mehr, nur Abgr\u00fcnde und mehr oder weniger normale Menschen, die daran scheitern. Danach landen wir bei Mickey Spillane und den 1950er Jahren, wor\u00fcber wir nicht reden wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Noir&#8220; hei\u00dft diese klassische Richtung, nach dem <em>film noir<\/em>, der viele dieser Romane als Grundlage hat. Typischerweise geh\u00f6ren dazu Schlapph\u00fcte und Neonlicht, Dunkelheit und Regen, verf\u00fchrerische Frauen, Verrat und Kooperation, Gro\u00dfstadt. H\u00e4ufig eine mehr oder weniger gescheiterte, positive Detektivgestalt, aber oft genug nicht einmal das (James M. Cain: The Postman Always Rings Twice; Double Indemnity). Aber noir war im amerikanischen Raum schon fr\u00fch produktiv und ist es noch immer, einer der besten klassischen Filme, &#8222;Out of the Past&#8220;, spielt drau\u00dfen auf dem Land bei hellem Tageslicht. &#8222;Blade Runner&#8220; und &#8222;Radioactive Dreams&#8220; machen Science Fiction daraus, &#8222;Who Censored Roger Rabbit?&#8220; spielt im Cartoonfigurenmilieu, die Abenteuer von <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/01\/paul-shipton-bug-muldoon.htm\">Bug Maldoon<\/a> spielen unter den Insekten im Vorgarten. (Ein Sonderfall ist &#8222;Bugsy Malone&#8220;, eher Gangsterfilm als noir, alle Rollen gespielt von Kindern und Jugendlichen mit Durchschnittsalter zw\u00f6lf. <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=O8mlZmHQl14\">Trailer.<\/a>) Und dann ist da &#8222;Brick&#8220; (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brick_%28Film%29\">Wikipedia<\/a>) aus dem Jahr 2005, spielt an einer High School unter Teenagern und jungen Erwachsenen und ist noir bis ins Mark.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dare Me<\/em> ist <em>cheerleader noir<\/em>, eher wie bei James M. Cain, also ohne Lichtgestalt. Kein Neonlicht, kein Regen, keine H\u00fcte; aber eine bedrohliche Atmosph\u00e4re, Fragen von Leidenschaft, Vertrauen und Verrat. Die erste H\u00e4lfte des Buches ist ungemein dicht. Man ahnt, dass eine Katastrophe geschehen wird, wei\u00df aber nicht genau, aus welcher Richtung sie kommen wird. Die Cheerleader sind ein Gemisch von Naivit\u00e4t, Unschuld, Erfahrung, Berechnung und Kaltschn\u00e4uzigkeit, bei dem man sich als \u00e4lterer Herr etwas voyeuristisch vorkommt, als w\u00fcrde man Tageb\u00fccher lesen. Jungs, M\u00e4nner, Lehrer, Drogen, Di\u00e4ten, Brechmittel. Trotzdem: Hundertf\u00fcnfzig Seiten bedrohliche Atmosph\u00e4re, ohne dass wirklich etwas passiert, das ist etwas zu viel. &#8212; In der zweiten H\u00e4lfte ist die Katastrophe dann geschehen, wer und warum und was genau, das stellt sich dann erst heraus. Das Finale war mir etwas zu, hm, ja, undramatisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hauptfigur Addy, zwischen ihrer besten Freundin Beth (manipulatives Alpham\u00e4dchen), und der Trainerin (genauso manipulativ) hin- und hergerissen. Es fehlt nicht an Western-Metaphorik, aber viele S\u00e4tze k\u00f6nnten in jedem <em>hard-boilded<\/em> Krimi stehen oder aus dem Off eines Films kommen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Her tears come and I fight off the urge to slap those swollen jowls of her. I fight it off because she&#8217;s about to give me gold, and she doesn&#8217;t even know it. She thinks her gossip, her petty grievances are significant, but they are tiny pinholes. The things around them, though, the fabric of Beth&#8217;s lies and fictions, they are the gold. (S. 277)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Was mir noch aufgefallen ist:<\/p>\n\n\n\n<p>Die Autorin l\u00e4sst Beth Nietzsche zitieren (&#8222;When you gaze into the Abyss [&#8230;], the Abyss gazes into you&#8220;, S. 210), Shakespeare (&#8222;We happy few, we band of bitches&#8220; S. 218, auch 292) und Goethe (&#8222;We are never deceived; we deceive ourselves&#8220;, S. 247), jeweils unmarkiert. Soll das hei\u00dfen, dass Beth die S\u00e4tze als Zitat spricht, dass sie also irgendwo Nietzsche aufgeschnappt hat? Kann ich mir nicht vorstellen. Drei der vier Stellen sind au\u00dferdem Beth von der Ich-Erz\u00e4hlerin Addy zugeschriebene Zitate. Kennt Addy Nietzsche? Oder sind das &#8211; wahrscheinlicher &#8211; keine Zitate der Personen, sondern einfach hyperdramatische S\u00e4tze, die einfach gut zum aufgeputschten Drama passen, vor allem nat\u00fcrlich f\u00fcr die, die sie erkennen? Schlie\u00dflich benutzt das Buch ja auch Noir-Motive, um die Cheerleaderhandlung mit Drama aufzuladen.<\/p>\n\n\n\n<p>(Dass ich die Zitate als Zitate erkennt habe, liegt \u00fcbrigens an meiner Wissenskompetenz. Wenn ich <em>Henry V<\/em> nicht kennen w\u00fcrde, w\u00e4re mir das vielleicht nicht aufgefallen. Da h\u00e4tte mir jede andere Kompetenzkompetenz nicht viel geholfen, weil ich ja nicht auf gut Gl\u00fcck bei jedem Satz bei Google \u00fcberpr\u00fcfen kann, ob das vielleicht ein Zitat von anderswoher ist. Andererseits: Gibt es einen Mehrwert, wenn ich eine Stelle als Zitat erkenne, oder reicht, wenn ich die Sprache als episch aufgeladen erkenne?)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein echter Fehler ist aber auf S. 281 &#8222;pixilated&#8220; statt &#8222;pixelated&#8220;. Nur Letzteres hat mit Pixeln zu tun, ersteres kenne ich aus &#8222;Mr Deeds Goes to Town&#8220; von Frank Capra (screwball comedy, 1936), wo Gary Cooper in einer dramatischen Zeugenaussage vor Gericht so beschrieben wird: etwas verr\u00fcckt n\u00e4mlich, von den <em>pixies<\/em>, Kobolden, verwirrt. Gern geschehen, man ist ja Lehrer.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiterf\u00fchrendes Material:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ein alter <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/10\/die-noir-box-das-letzte-aus-den-sommerferien.htm\">Blogeintrag zu Noir-Filmen<\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li>Ein halber <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2009\/08\/wiedergelesen-hammett-und-amis.htm\">Blogeintrag zu Dashiell Hammett<\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li>Ein Hinweis auf das amerikanische Taschenbuch-Genre der jugendlichen Gang-Mitglieder der 1950er Jahre, gerne auch M\u00e4dchengangs; die <a href=\"https:\/\/www.google.de\/search?q=%22gang+girl%22+book+cover&amp;tbm=isch\">Google-Bildersuche zu Buchumschl\u00e4gen<\/a> verr\u00e4t einem alles.<\/li>\n\n\n\n<li>Und nat\u00fcrlich darf wohl keine Besprechung des Romans ohne einen Hinweis auf &#8222;Bring It On&#8220; auskommen, ein Film aus dem Jahr 2000 (Regie: Peyton Reed, von dem wir auch &#8222;Down With Love&#8220; kennen und bald den Marvel-Ant-Man, nachdem Edgar Wright nicht mehr wollte). Eine Sportkom\u00f6die unter Cheerleadern: Das Team von Kirsten Dunst fliegt fast aus der Meisterschafts-Vorrunde, weil sie unwissentlich mit einer geklauten Choreographie gearbeitet haben, also m\u00fcssen neue Nummern her. Das alles solide und humorvoll gemacht. (Die zahllosen DVD-Fortsetzungen des Films sind wohl uninteressant.)<br>Reinschnuppern bei Youtube:<br>&#8211; <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=oha7hSlKr2g\">Der neue Choreograph<\/a><br>&#8211; <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=AVz2JNO-KcY\">End Credits<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(3 Kommentare.) Dare Me von Megan Abbott spielt an einer amerikanischen High School unter den Cheerleadern dort. Eine neue Trainerin stellt ehrgeizige Anspr\u00fcche an das Team, sie wird von den meisten verehrt, bei anderen f\u00fchrt das zu Eifersucht; Gerangel um begehrte Positionen im Team gibt es ohnehin. Und Gezicke. Das Buch ist ein Krimi. 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