{"id":61539,"date":"2024-04-09T15:41:31","date_gmt":"2024-04-09T13:41:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=61539"},"modified":"2025-03-28T08:58:17","modified_gmt":"2025-03-28T07:58:17","slug":"eine-geschichte-zweier-manuele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2024\/04\/eine-geschichte-zweier-manuele.htm","title":{"rendered":"Eine Geschichte zweier Manuele"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2024\/04\/eine-geschichte-zweier-manuele.htm#comments'>1 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><em>(Ausf\u00fchrlichere Fassung einer Fu\u00dfnote in einem \u00e4lteren Kommentars.) <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als ich neulich vor und nach ein paar Jahren meine Reclam-Balladensammlung zu Ende las, stie\u00df ich darin auf &#8222;Die M\u00e4r vom Ritter Manuel&#8220; von Agnes Miegel aus dem Jahr 1905. Mein Wissen \u00fcber Miegel stammt haupts\u00e4chlich aus Wikipedia und einer Monographie: Sie wurde 1879 in K\u00f6nigsberg geboren, war im Kaiserreich und der Weimarer Republik eine bekannte Autorin, auch im Nationalsozialismus, und dort eine Hitler-Anh\u00e4ngerin. Carl Zuckmayer attestierte ihr eine &#8222;Hirnvernebelung&#8220;, in der Bundesrepublik war sie lange durchaus noch angesehen, ab den 1990ern Jahren wird sie kritisch betrachtet und spielt in der Literaturgeschichte keine gro\u00dfe Rolle mehr. Umbenennungen von Stra\u00dfen und Schulen folgen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Der f\u00fchrende Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ordnete Miegel als Autorin ein, die gl\u00e4ubig Hitler huldigte (1998, 2014), und rechnete sie jenen zu, die vom NS-Regime gef\u00f6rdert wurden (1999). Dennoch nahm er drei ihrer Gedichte in seine Anthologie <em>Der Kanon<\/em> (2005) auf.<\/p>\n<cite>(Wikipedia)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Keines dieser drei Gedichte ist &#8222;Die M\u00e4r vom Ritter Manuel&#8220;. 98 Verse, jambischer F\u00fcnfheber, bis auf den ersten und letzten Vers in umarmenden Reimen. Sprachlich ein bisschen schw\u00fclstig, aber auch nicht zu sehr; manche sch\u00f6ne Gedanken. Vom \u00f6sterreichischen Komponisten Richard Maux gibt es ein Melodram mit dem gleichen Titel (op. 166), \u00fcber das ich nichts wei\u00df; nicht mal, was Melodram in diesem Zusammenhang genau hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Inhalt der Ballade<\/h2>\n\n\n\n<p>In den ersten 19 Versen wird kurz die Rahmensituation geschildert: ein Ritter Manuel taucht seinen Kopfen auf Weisung eines fremden Magiers in eine zauberhafte Schale Wasser (wir erfahren ansonsten nichts \u00fcber Manuel, den Magier, den Anlass), hebt ihn gleich danach empor und klagt, dass sein Haar wei\u00df ist, er alt und kraftlos geworden ist infolge langer und qualvoller Wanderschaft. Die H\u00f6flinge sind irritiert, wei\u00dfen ihn auf sein noch jugendlich schwarzes Haar hin. Manuel ist irritiert und staunt, dass der K\u00f6nig (wir erfahren erst jetzt, dass das in Gegenwart eines K\u00f6nigs geschieht) noch genau so aussieht wie &#8222;vor zwanzig Jahren&#8220;, als Manuel diese Runde verlassen hat. Noch immer im Glauben, dass zwanzig Jahre vergangen sind, soll Manuel seine Geschichte erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anscheinend hat Manuel geheiratet und seine Frau zur\u00fcckgelassen; jedenfalls ist sie ja nicht hier, und auch ihren Namen hat er vergessen und den Namen des Landes, in dem sie lebten, und den des Flusses darin. Der K\u00f6nig will den Magier kommen lassen, damit der den Zauber von Manuel nimmt, allein, er ist spurlos verschwunden. In den n\u00e4chsten Jahren lebt Manuel gr\u00fcbelnd, wohl auch verwirrt, bis er bei einem Jagdunfall stirbt, sein letztes Wort ist &#8222;Tamara&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder einige Zeit sp\u00e4ter erreicht eine Gesandtschaft das Schloss. Ihr Anf\u00fchrer, alt und f\u00fcrstlich gekleidet, fragt nach Manuel, den er im Auftrag seiner K\u00f6nigin und Manuels Gattin, Tamara mit Namen, sucht. Wortlos erf\u00e4hrt er vom Tod Manuels, wortlos zieht die Gesandtschaft davon.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht beobachtet ein Page den K\u00f6nig, wie er vor einem Kruzifix steht und beklagt, dass er keine Anwtort uf die Frage findet, was wirklich ist und was nicht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00c4hnliche Motive in anderen Texten<\/h2>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich steht Miegel in der Tradition von Grillparzer. In <em>Der Traum ein Leben<\/em> (1834), orientalisch-m\u00e4rchenhaft, geht es um Rustan, der Abenteuer sucht. Die Haupthandlung, in der er keine gute Figur macht, entpuppt sich als Traum, jedenfalls wacht Rustan vor den eigentlichen Geschehnissen auf und entschlie\u00dft sich, eben nicht auf Abenteurfahrt zu gehen, sondern friedlich zuhause zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Grillparzer bezieht sich auf Calder\u00f3n zur\u00fcck: <em>Das Leben ist ein Traum<\/em> (1635). Ein K\u00f6nissohn w\u00e4chst als Gefangener in einem Kerker auf, wird dann aber schlafend und bet\u00e4ubt in den Palast geholt und \u00fcber seine wahre Identit\u00e4t aufgekl\u00e4rt. Wie vorausgesagt, entwickelt er sich b\u00f6sartig und wird wiederum in der Nacht zur\u00fcck in den Kerker gebracht, wo man ihm einredet, die Palastsequenz sei nur ein Traum gewesen. Wiederum von anderen Kr\u00e4ften befreit, erkennt er die Wahrheit, ist aber gel\u00e4utert.<\/p>\n\n\n\n<p>Calder\u00f3n wiederum wird sich auf &#8222;Die Geschichte von Abu al-Hasan oder dem erwachten Schl\u00e4fer&#8220; aus <em>Tausendundeiner Nacht<\/em> beziehen. Darin setzt der Kalif Abu-al Hasan zweimal unter Drogen und l\u00e4sst ihn jeweils einen Tag lang in die Kalifenrolle schl\u00fcpfen; nach dem ersten Tag ist Abu-al Hasan verst\u00f6rt und zweifelt an seiner Identit\u00e4t, nach dem zweiten kl\u00e4rt Harun alles auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht geh\u00f6rt auch Borges dazu mit &#8222;Das geheime Wunder&#8220; (1943) &#8211; ein Schriftsteller wird zum Tode verurteilt und bittet Gott um ein Jahr Zeit, sein Drama zu vollenden; f\u00fcr ihn bleibt die Zeit stehen, so dass er in den letzten Sekunden der Exekution sein Drama im Kopf ausarbeiten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>(In diese Reihe geh\u00f6ren auch die Abenteuer mit Udo F. beim Ringh\u00f8lm-Rollenspiel anno <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/12\/soziale-netzwerke-mmorpg-online-und-off.htm\">1986<\/a>.)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein \u00e4hnliches Motiv bei Cabell<\/h2>\n\n\n\n<p>1921 erschien <em>Figures of Earth: A Comedy of Appearances<\/em> (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/06\/james-branch-cabell-figures-of-earth.htm\">Blogeintrag<\/a>) von James Branch Cabell, eine Art Prequel zu seinem zwei Jahre zuvor erschienenen <em>Jurgen<\/em> (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/08\/james-branch-cabell-jurgen.htm\">Blogeintrag<\/a>). Die B\u00fccher bilden letztlich den Kristallisationspunkt der <em>Biography of the Life of Manuel<\/em>, Cabells Hauptwerk, ein vielb\u00e4ndige Sammlung teilweise \u00fcberarbeiteter \u00e4lterer Romane und Erz\u00e4hlung, Essays und Gedichten, in denen die Geschichten von Manuels Nachfahren erz\u00e4hlt werden, alle letztlich mit den gleichen Motiven. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Figures of Earth<\/em> spielt wie auch schon <em>Jurgen<\/em> im 13. Jahrhundert in der fiktiven franz\u00f6sischen Provinz Poictesme. Der Roman beginnt mit dem Schweinehirt Manuel an einem Teich, wo ein Fremder ihn in ein Gespr\u00e4ch verwickelt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Now I wonder what it is you find in that dark pool to keep you staring so?&#8220; the stranger asked, first of all.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;I do not very certainly know,&#8220; replied Manuel &#8222;but mistily I seem to see drowned there the loves and the desires and the adventures I had when I wore another body than this. For the water of Haranton, I must tell you, is not like the water of other fountains, and curious dreams engender in this pool.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem wird bei diesem Gespr\u00e4ch Manuel mit seinem ber\u00fchmten Namensvetter, dem k\u00fcrzlich verstorbenen Grafen Manuel,  verglichen. <\/p>\n\n\n\n<p>Manuel macht, wie es von ihm verlangt wird, Karriere, bis er schlie\u00dflich die ganze Provinz regiert und als deren Retter gefeiert wird. Aber am Ende kommt ihm alles &#8211; wohl nicht nur metaphorisch? &#8211; als unwirkliche Illusion vor. Von Gro\u00dfvater Tod abgeholt verl\u00e4sst er Schloss und Familie und begibt sich mit diesem zu einem Wasser &#8211; dem Teich, an dem alles angefangen hat? Als ob das Wasser der Fluss Lethe ist, verliert Manuel seine Erinnerungen und schaut wieder sinnierend in das Wasser, und die Szene vom Anfang wiederholt sich w\u00f6rtlich. Der Fremde, Gro\u00dfvater Tod, spricht zu ihm:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Yes, it is indeed the end, since all your life is passing away there, to be beheld by your old eyes alone, for the last time. Thus I see nothing there but ordinary water, and I wonder what it is you find in that dark pool to keep you staring so.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;I do not very certainly know,&#8220; said Manuel, &#8222;but, a little more and more mistily now, I seem to see drowned there all the loves and the desires and the adventures I had when I wore another body than this dilapidated gray body I now wear. And yet it is a deceiving water, for there, where it should reflect the remnants of the old fellow that is I, it shows, instead, the face of a young boy who is used to following after his own thinking and his own desires.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Als der in den Teich blickende Manuel seinen Kopf erhebt, ist er wieder jung, so wie am Anfang, und hat alle Erinnerung an sein Leben verloren. Ist das eine Zeitreise? Ist der alte Manuel verschwunden, hat es ihn nie gegeben? Seine Familie, sein Volk erinnert sich noch an ihn, sein Verm\u00e4chtnis lebt weiter in Form verschiedener etwas ungew\u00f6hnlicher Nachkommen, aber er ist weg. Der verstorbene ber\u00fchmte Namensvetter Manuel, von dem am Anfang die rede war, das ist Manuel selber.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Parallelen zu Miegel sehe ich: Der Name &#8222;Manuel&#8220; nat\u00fcrlich, der ritterliche Hintergrund, das Neigen zum Wasser und das sich Erheben danach, der Magier nebenan, die Frage nach dem, was Wirklichkeit ist und was nicht, die vermeintliche oder tats\u00e4chliche \u00c4nderung des Alters. (Eine komplizierte Liebesgeschichte ist auch dabei.) Und im Vorwort schreibt Cabell: &#8222;It is the only book by me which ever, virtually, came into being, with its goal set, and with its theme and its contents more or less pre-determined throughout, between two ticks of the clock.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Alles nur Zufall?<\/h2>\n\n\n\n<p>Spoiler: Ja, wahrscheinlich. Mit viel Wunschdenken kann man eine orientalische Erz\u00e4hlung ausmachen als gemeinsame Grundlage eines Motivs; unerkl\u00e4rt bleibt allenfalls die Gleichheit des Namen &#8222;Manuel&#8220;, f\u00fcr die der Zufall herhalten mag.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen f\u00fcr Agnes Miegel<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich beziehe mich auf Marianne Kopp: <em>Agnes Miegel. Untersuchungen zur dichterischen Wirklichkeit in ihrem Werk<\/em> (1988), die sich wiederum auf Erhard Ro\u00df. Ausgangspunkt f\u00fcr sei demnach eine \u00dcbersetzungsaufgabe im <em>Lehrbuch der englischen Sprache <\/em>von Friedrich Wilhelm Gesenius (<a href=\"https:\/\/www.google.de\/books\/edition\/Lehrbuch_der_englischen_Sprache\/Oqcp1eGDbj0C\">bei Google Books<\/a>, S. 321) &#8211; Fu\u00dfnoten entfernt, Einsch\u00fcbe belassen, man ist ja auch an Didaktikgeschichte interessiert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Eine orientalische Erz\u00e4hlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Koran, dem heiligen Buche der Mohammedaner, wird erz\u00e4hlt, da\u00df der Engel Gabriel den Mohammed eines Morgens aus dem (seinem) Bette geholt habe, damit er ihm alles (alle Dinge) in den sieben Himmeln, im Paradies und in der H\u00f6lle (\u00a7 10) zeige; der Prophet habe alles genau in Augenschein genommen und, nachdem er neunzigtausend Unterredungen mit Gott gehabt, sei er wieder in (to) sein Bett zur\u00fcckgebracht worden. Alles dies, sagt der Koran, wurde in einem so kurzen Zeitraum ausgef\u00fchrt, da\u00df Mohammed bei seiner R\u00fcckkehr sein Bett noch warm fand, und da\u00df er einen irdenen Krug, den er in demselben Augenblick hingeworfen hatte, wo der Engel ihn hinwegf\u00fchrte, aufheben konnte, ehe das Wasser ganz (all) ausgelaufen war. Folgende Geschichte in den t\u00fcrkischen M\u00e4rchen hat auf die obige (above) Stelle aus dem Koran Bezug:<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Sultan von Agypten, der ein Ungl\u00e4ubiger war, pflegte \u00fcber jene Begebenheit im Leben des Mohammed zu lachen, weil er sie f\u00fcr durchaus unm\u00f6glich und vernunftwidrig hielt. Als er sich eines Tages dar\u00fcber mit einem gro\u00dfen Rechtsgelehrten, der die Gabe Wunder zu verrichten besa\u00df (hatte), unterhielt (Partic.), sagte ihm dieser, er werde ihn sofort von der Wahrheit jenes Vorfalls \u00fcberzeugen, wenn er das thun wolle, was von (of) ihm verlangt w\u00fcrde. Hierauf wurde der Sultan angewiesen, sich neben eine gro\u00dfe Tonne mit (of) Wasser zu stellen, was er sogleich that. Als er so mitten in einem Kreise seiner Gro\u00dfen neben der Tonne stand, gebot (to bid) ihm der Rechtsgelehrte, den Kopf in das Wasser zu stecken und ihn wieder herauszuziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sultan that, wie ihm gehei\u00dfen war, und fand sich in demselben Augenblick an dem Fu\u00dfe eines Berges am Meeresstrand. Zuerst geriet er \u00fcber diesen Verrat und die Zauberei von seiten (on the part of) des Weisen in gro\u00dfe Wut; als er aber endlich merkte (knowing), da\u00df sein Zorn vergeblich sei, begann er [nach]zudenken, auf welche Weise er in diesem fremden Lande einen Unterhalt finden k\u00f6nne. Demgem\u00e4\u00df wandte er sich an einige Leute, die er in einem benachbarten Geh\u00f6lz arbeiten sah. Diese f\u00fchrten ihn in (to) eine in geringer Entfernung liegende Stadt, wo er nach einigen Abenteuern eine Frau von gro\u00dfer Sch\u00f6nheit und [gro\u00dfem] Verm\u00f6gen heiratete. Mit dieser Frau lebte er viele Jahre lang, bis er in gro\u00dfe Armut geriet, so da\u00df er daran denken mu\u00dfte, auf der Stra\u00dfe als ein Lasttr\u00e4ger zu arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen. Eines Tages, als er allein am Meeresufer spazieren ging, in melancholische Betrachtungen \u00fcber (on) sein vergangenes und gegenw\u00e4rtiges Leben versunken, das eine Regung von Fr\u00f6mmigkeit in (within) ihm erweckt hatte, legte er seine Kleider ab, um sich nach der Sitte der Mohammedaner zu waschen, ehe er seine Gebete [her]sagte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte er nach seinem ersten Tauchen den Kopf \u00fcber das Wasser erhoben, als er sich pl\u00f6\u00dflich neben der Tonne inmitten der Gro\u00dfen seines Hofes stehen sah (fand), den (mit dem) heiligen Mann an seiner Seite. Der Sultan begann sogleich diesen auszuschelten, weil er ihn so lange in einem Zustand des Elends und der Dienstbarkeit gelassen habe; aber wie \u00fcberrascht war er, als er h\u00f6rte, da\u00df der Zustand, von dem er sprach, nur ein Traum, eine T\u00e4uschung war, da\u00df er sich von der Stelle, wo er stand, nicht fortbewegt, und da\u00df er nur den Kopf in das Wasser getaucht und ihn sogleich wieder herausgezogen (herausgenommen) hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Anh\u00e4nger Mohammeds benutzte diese Gelegenheit, den Sultan zu belehren, da\u00df bei (with) Gott kein Ding unm\u00f6glich sei, und da\u00df Der, vor (with) dem tausend Jahre seien wie (as) ein Tag, wenn es ihm gefalle, bewirken (machen) k\u00f6nne, da\u00df  ein einziger Tag, ja (nay) ein einziger Augenblick, jedem (any) seiner Gesch\u00f6pfe wie tausend Jahre erscheint.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Quelle f\u00fcr diesen Text ist wiederum Joseph Addisons <em>Spectator, <\/em>No. 94, June 18, 1711:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>There is a famous Passage in the <em>Alcoran<\/em>, which looks as if <em>Mahomet<\/em> had been possessed of the Notion we are now speaking of. It is there said, That the Angel <em>Gabriel<\/em> took <em>Mahomet<\/em> Out of his Bed one Morning to give him a Sight of all things in the Seven Heavens, in Paradise, and in Hell, which the Prophet took a distinct View of; and after having held ninety thousand Conferences with God, was brought back again to his Bed. All this, says the <em>Alcoran<\/em>, was transacted in so small a space of Time, that <em>Mahomet<\/em> at his Return found his Bed still warm, and took up an Earthen Pitcher, (which was thrown down at the very Instant that the Angel <em>Gabriel<\/em> carried him away) before the Water was all spilt.<br><br>There is a very pretty Story in the <em>Turkish<\/em> Tales which relates to this Passage of that famous Impostor, and bears some Affinity to the Subject we are now upon. A Sultan of <em>Egypt<\/em>, who was an Infidel, used to laugh at this Circumstance in <em>Mahomet&#8217;s<\/em> Life, as what was altogether impossible and absurd: But conversing one Day with a great Doctor in the Law, who had the Gift of working Miracles, the Doctor told him he would quickly convince him of the Truth of this Passage in the History of Mahomet, if he would consent to do what he should desire of him. Upon this the Sultan was directed to place himself by an huge Tub of Water, which he did accordingly; and as he stood by the Tub amidst a Circle of his great Men, the holy Man bid him plunge his Head into the Water, and draw it up again: The King accordingly thrust his Head into the Water, and at the same time found himself at the Foot of a Mountain on a Sea-shore. The King immediately began to rage against his Doctor for this Piece of Treachery and Witchcraft; but at length, knowing it was in vain to be angry, he set himself to think on proper Methods for getting a Livelihood in this strange Country: Accordingly he applied himself to some People whom he saw at work in a Neighbouring Wood: these People conducted him to a Town that stood at a little Distance from the Wood, where, after some Adventures, he married a Woman of great Beauty and Fortune. He lived with this Woman so long till he had by her seven Sons and seven Daughters: He was afterwards reduced to great Want, and forced to think of plying in the Streets as a Porter for his Livelihood. One Day as he was walking alone by the Sea-side, being seized with many melancholy Reflections upon his former and his present State of Life, which had raised a Fit of Devotion in him, he threw off his Clothes with a Design to wash himself, according to the Custom of the <em>Mahometans<\/em>, before he said his Prayers.<br><br>After his first Plunge into the Sea, he no sooner raised his Head above the Water but he found himself standing by the Side of the Tub, with the great Men of his Court about him, and the holy Man at his Side. He immediately upbraided his Teacher for having sent him on such a Course of Adventures, and betrayed him into so long a State of Misery and Servitude; but was wonderfully surprised when he heard that the State he talked of was only a Dream and Delusion; that he had not stirred from the Place where he then stood; and that he had only dipped his Head into the Water, and immediately taken it out again.<br><br>The <em>Mahometan<\/em> Doctor took this Occasion of instructing the Sultan, that nothing was impossible with God; and that <em>He<\/em>, with whom a Thousand Years are but as one Day, can, if he pleases, make a single Day, nay a single Moment, appear to any of his Creatures as a Thousand Years.<\/p>\n<cite><a href=\"https:\/\/gutenberg.org\/cache\/epub\/12030\/pg12030-images.html#section94\">https:\/\/gutenberg.org\/cache\/epub\/12030\/pg12030-images.html#section94<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die als Quelle genannten <em>Turkish Tales<\/em> sind <em>Turkish Tales: Consisting of Several Extraordinary Adventures, with The History of the Sultaness of Persia and the Viziers. Written Originally in the Turkish Language by Chec Zade, for the Use of Amurath II. And now done into English<\/em> (London 1708) &#8211; eine \u00dcbersetzung der <em>Contes Turcs<\/em> (Paris 1707) von Fran\u00e7ois P\u00e9tis de la Croix. Die Addison-Vorlage steht dort sehr text\u00e4hnlich ab S. 18, wieder komplett mit der Gabriel-Mohammed-Traumreise als Ausl\u00f6ser (zu finden etwa <a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/turkishtales\">bei archive.org<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen f\u00fcr James Branch Cabell<\/h2>\n\n\n\n<p>Manuel wird bereits in <em>Jurgen<\/em> erw\u00e4hnt, als legend\u00e4rer Erretter der Provinz Poictesme von den Besatzern. Legend\u00e4r auch deshalb, weil er danach verschwunden ist oder entr\u00fcckt wurde. Danach taucht er in einer Kurzgeschichte auf, &#8222;The Feathers of Olrun&#8220; <em>(Century<\/em> December 1919, <a href=\"http:\/\/jamesbranchcabell.org\/contribution_periodicals\/century_.html\">hier zu finden<\/a>). Manuel, ein Schweinehirt, macht sich auf zu einer Prinzessin, macht Karriere. Die Frage danach, was wirklich ist und was nicht, wird in einer plotwichtigen Nebensache gestellt und auch gleich beantwortet, es gibt keine zwei alternativen Zeitstr\u00e4nge. Das hei\u00dft aber auch, dass der Name &#8222;Manuel&#8220; vor dieser Idee bereits da war &#8211; das legt nahe, dass die Namens\u00e4hnlichkeit zu Miegel wirklich nur Zufall ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine Menge Literatur \u00fcber Cabell, einen kleinen Teil davon habe ich, aber selbst diesen durchzugehen habe ich gerade nicht die Zeit. Immerhin bin ich die Indizes der Cabell-Magazine <em>Kalki <\/em>und <em>The Cabellian<\/em> durchgegangen. In <em>Kalki<\/em> Nr. 13 (Vol. 4. No. 1, 1969) gibt es eine Sparte &#8222;Source Notes&#8220;, in der kurze Anmerkungen gesammelt werden. Poul Anderson erkennt darin &#8222;Manuel&#8220; als Kurzform von &#8222;Emmanuel&#8220;, &#8222;Gott mit uns&#8220;, und bezieht erg\u00e4nzend den Namen auf die Christus-\u00e4hnlichen Elemente in der Figur Manuel. W.L.G. dagegen bezieht den Namen auf &#8222;manual&#8220; und assoziiert Stellen, an denen die starken H\u00e4nde Manuels eine Rolle spielen. Jim Allen spekuliert arg konstruiert etwas zu dem hebr\u00e4ischen Monat &#8222;Elul&#8220;. (Es gibt auch einen verwandten Manu-Elul bei Cabell, aber das klingt nicht nach dem Ursprung des Namens.) <\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcsste jedenfalls zu gerne, woher Cabell den Namen Manuel hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1 Kommentare.) (Ausf\u00fchrlichere Fassung einer Fu\u00dfnote in einem \u00e4lteren Kommentars.) Als ich neulich vor und nach ein paar Jahren meine Reclam-Balladensammlung zu Ende las, stie\u00df ich darin auf &#8222;Die M\u00e4r vom Ritter Manuel&#8220; von Agnes Miegel aus dem Jahr 1905. 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