{"id":61551,"date":"2024-04-17T14:50:50","date_gmt":"2024-04-17T12:50:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=61551"},"modified":"2024-04-17T16:20:32","modified_gmt":"2024-04-17T14:20:32","slug":"zeitreisen-mit-dem-perry-rhodan-werkstattband-1986","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2024\/04\/zeitreisen-mit-dem-perry-rhodan-werkstattband-1986.htm","title":{"rendered":"Zeitreisen mit dem Perry-Rhodan-Werkstattband (1986)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2024\/04\/zeitreisen-mit-dem-perry-rhodan-werkstattband-1986.htm#comments'>5 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Intro<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich lese gerade ein Buch aus dem Jahr 1986, also Vergangenheit, in dem es viel um die Jahre ab 1961 geht, also Vergangenheit der Vergangenheit, zu einem Thema, mit dem ich mich um das Jahr 1980 sehr besch\u00e4ftigt habe, also Zukunft meiner Vergangenheit. Es geht um den <em>Werkstattband Perry Rhodan,<\/em> der 1986 stolz auf 25 Jahre Seriengeschichte zur\u00fcckblickt. &#8222;Mein Gott, wie lange ist das alles her&#8220; schreibt Kurt Brand 1986, und man m\u00f6chte trocken auflachen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"368\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/perry_rhodan_werkstattband.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-61618\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/perry_rhodan_werkstattband.jpg 250w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/perry_rhodan_werkstattband-204x300.jpg 204w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/perry_rhodan_werkstattband-102x150.jpg 102w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht um die deutsche Science-Fiction-Serie <em>Perry Rhodan<\/em>, mit der ich mich lange, also vielleicht zwei Teenagerjahre, sprich: eine Ewigkeit, einigerma\u00dfen intensiv besch\u00e4ftigt habe. Um die 7. Klasse herum? Ein Nachrechnen ergibt, dass ich gar nicht so viel davon gelesen habe, wie ich immer glaubte, die ersten f\u00fcnf Silberb\u00e4nde vielleicht, dazu die Hefte 150 bis 299, ein paar Dutzend weitere, dazu die Taschenb\u00fccher, und nat\u00fcrlich den Jubil\u00e4umsband 1000 und ein paar Hefte danach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese verschiedenen zeitlichen Perspektiven spielen tats\u00e4chlich eine Rolle bei meiner Lekt\u00fcre. Ich erfahre, wie sich die Handlung der Serie nach Band 1000 entwickelte, aber anders als der Verlag damals wei\u00df ich, wie es nach 1986 mit der ganzen Serie weiterging. Es gibt sie immer noch, und ich w\u00fcnsche ihr alles Gute. Aber das einstige Imperium mit f\u00fcnf Auflagen gleichzeitig (alle paar Jahre kamen Nachdrucke der Serie heraus, die wieder bei Heft 1 anfingen), mit der Parallelserie <em>Atlan<\/em>, den PR-Taschenb\u00fcchern, dem PR-Magazin, den Silberb\u00e4nden &#8211; das ist ein bisschen geschrumpft. Aber man ist inzwischen fast bei Band 3300, und seit 2011 erscheint zweiw\u00f6chentlich eine Relaunch-Serie, die das Geschehen noch einmal neu von vorne erz\u00e4hlt &#8211; abgewandelt, modernisiert, mit alternativen Handlungsverl\u00e4ufen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(Der Handlung der usrp\u00fcnglichen Serie kann ich folgen bis Band 300, danach wird es immer kosmischer. Die Serie ist da erfrischend r\u00fccksichtslos: in den ersten Heften geht es um die Erde, danach um das Sonnensystem, dann die n\u00e4here Umgebung, dann das Zentrum der Milchstra\u00dfe, dann die ganze Milchstra\u00dfe, dann mit Andromeda um die erste Nachbargalaxis, und danach&#8230; das w\u00e4re jetzt etwas kompliziert zu erkl\u00e4ren. Gefahren und Gegner werden immer kosmischer. Das erste unvorstellbar weit entwickelte Super-Geistwesen taucht schon sehr fr\u00fch auf, aber es ist, stellt sich sp\u00e4ter heraus, nur die erste Stufe derartiger Entwicklungen.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zu ein paar Inhalten des Werkstattbands<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Werkstattband hat als Rahmenhandlung die Idee, einen Erinnerungsband herauszugeben. Im Vorwort steht das &#8211; tats\u00e4chliche oder vermeintliche &#8211; urspr\u00fcngliche Konzept, welcher Autor welchen Beitrag schreiben k\u00f6nnte, dann folgen diese Beitr\u00e4ge, teils abgewandelt, mit \u00dcberleitungen des Redakteurs, mitunter in dem Plauderton, der mich an Oberstufenessays von Sch\u00fcler*innen so st\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>(Ich glaube, das ist auch authentisch. Die Kataloge von Zweitausendeins damals waren bewusst und kalkuliert so entworfen, dass sie nach kuscheligem Laden um der Ecke klangen. Und Marvel hatte mal einen &#8222;assistant editors month&#8220; &#8211; weil die Redakteure in diesem einen Monat alle auf einer Konferenz oder so etwas waren, \u00fcbernahmen die Aushilfen und stellten Schabernack an. Alles nicht echt, nat\u00fcrlich. Aber diesem Werkstattband nehme ich die ein wenig laienhaft anmutende Burschikosit\u00e4t ab. Nat\u00fcrlich wird auch hier nicht alles erz\u00e4hlt; der am Anfang noch eingeplante und aufgez\u00e4hlte Autor Thomas Ziegler hat dann doch keinen Beitrag verfasst und die Serie verlassen. Was ist da passiert? Zwei andere Autoren, in fr\u00fcheren Jahren aus der Serie gekickt, kommen zu Wort, aber vers\u00f6hnlich.) <\/em> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleich am Anfang gibt es Hintergrund zur Entstehungsgeschichte der zwei Ur-Autoren, Clark Darlton (Walter Ernsting) und K. H. Scheer. Die Behauptungen widersprechen sich, das wird kurz notiert, aber nicht gro\u00df thematisiert; es geht nicht darum, herauszufinden, was wirklich passiert ist, sondern wie die Beteiligten das in Erinnerung haben. Viel launige Erinnerungen an alkoholreiche Abende. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die echten japanischen Namen besorgte W. W. Shols (Winfried Scholz &#8211; die meisten Autoren haben mehrere Namen) aus einem japanischen Adressbuch, weil er in einer Gro\u00dfdruckerei arbeitete und so Zugang dazu hatte,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lesenswert: Der Expos\u00e9-Autor K. H. Scheer beschreibt die technische Entwicklung innerhalb der Serie. Welche Raumschiffgenerationen sich abwechseln, welche Antriebsarten, welche Waffen &#8211; kurz: Die Raumschiffe bleiben im Prinzip gleich, werden aber immer gr\u00f6\u00dfer. Arkonstahl wird abgel\u00f6st von Terkonitstahl, abgel\u00f6st von Ynkelonium-Terkonitstahl. Das Transitionstriebwerk wird abgel\u00f6st durch das Lineartriebwerk beziehungsweise den Kalupschen Kompensationskonverter, dann Ultrakomp-Kalups, Dimetranstriebwerk, Dimesextatriebwerk. &#8222;Das schon bekannte Howalgonium mu\u00dfte durch einen Quintronenbeschu\u00df aufgeladen und damit zum Sextagonium erhoben werden.&#8220; (S. 65 ) Und das alles in den ersten 500 B\u00e4nden, frage nicht, was danach kommt. Zu jedem Schiff errechnete KK. H. Scheer Volumen, Masse, Schub, Energiebedarf, Baukosten. Schon alles mit ein wenig <em>tongue in cheek<\/em>, aber akribisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was man als Fan damals nicht im Blick hatte: Die Rolle des Verlags. Der bestimmt &#8211; damals und sehr lange in Form des Cheflektors Kurt Bernhardt &#8211; fest, wohin die Serie geht. Gro\u00dfe Richtungs\u00e4nderungen kommen nicht von den Autoren, sondern vom Verlag:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Der Jubil\u00e4umsband mu\u00df wie ein Donnerschlag sein. Erfinden Sie den letzten Indianer, oder so etwas.&#8220;<\/p>\n<cite> Kurt Bernhardt, S. 40<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der letzte Indianer, das ist Atlan, der Winnetou zu Perry Shatterhand. Auf Basis der Richtungsvorgaben, so habe ich das verstanden, entwirft der zust\u00e4ndige Expos\u00e9-Autor die Expos\u00e9s und verteilt die an die Autoren. Nat\u00fcrlich gibt es auch Autorenkonferenzen und Diskussionen und Spielraum, ab wer nicht spurte, der flog raus. Jede Woche erschien und erscheint ein neues Heft, f\u00fcrs Schreiben braucht man, vermute ich, drei Wochen. Man schreibt also meist, ohne das vorhergehende Heft zu kenen. Sehr vergn\u00fcglich, <em>m\u00f6glicherweise<\/em> nicht ganz ernst gemeint, wird Willi Voltz zitiert (S. 206) zum Verh\u00e4ltnis Expos\u00e9-Autor und Rest des Teams:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von der Exp\u00f3seredaktion aus stellt sich der PR-Autor als Wesen dar, das mit leisem Unwillen eine Pflicht\u00fcbung erledigt. (&#8230;) Die Wirklichkeit ist so, da\u00df man als Expos\u00e9schreiber als eine Art Lehrer angesehen wird, der unangenehme Schularbeiten verteilt. Dabei denken die Sch\u00fcler, da\u00df sie vielleicht viel bessere Lehrer w\u00e4ren, wenn man sie nur lie\u00dfe.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann ein schlimmer Beitrag: Peter Terrid erstellt das Horoskop von Perry Rhodan, und reiht New-Age-Schlagw\u00f6rter aneinander. Alles ernst gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Beitrag zu Perry Rhodan und die Frauen: Wir sind Mitte der 1980er Jahre so weit, dass Lesern und Autoren aufgefallen ist und auch artikuliert wird, dass das mit den Frauen in der Geschichte nicht gut l\u00e4uft. Aus der Sicht des Jahres 2024 ist man aber noch weit, weit zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Erinnerungen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man liest es im Werkstattband immer wieder, und so einnere ich mich: noch 1986 hie\u00df es &#8222;der Con&#8220;. Erst in den 1990ern begann sich &#8222;die Con&#8220; durchzusetzen. Wir wissen, was richtig ist, siehe auch &#8222;das Blog&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor <em>Perry Rhodan<\/em> hatte ich damit begonnen, Marvel-Comics zu lesen, serienm\u00e4\u00dfig in den deutschen \u00dcbersetzungen, aber auch schon immer wieder <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2021\/04\/intensive-und-extensive-beschaeftigung-mit-lektuere-avengers-142.htm\">mit amerikanischen Heften vom Flohmarkt<\/a> oder von USA-Besuchen. Eine Gemeinsamkeit aller drei Serien die tats\u00e4chliche oder &#8211; bei US-Marvel inzwischen vielleicht schon eher scheinbare &#8211; Nahbarkeit der Produktion. Perry hatte LKS (Leserkontaktseiten), Vorworte, Clubgr\u00fcndungen; Marvel hatte &#8211; auch in der deutschen \u00dcbersetzung &#8211; Spitznamen f\u00fcr Autoren und Zeichner, no-prizes, Stan&#8217;s Soapbox. Willi Voltz und Stan Lee hatten einen \u00e4hnlichen Schnurrbart, oder bilde ich mir das ein? &#8211; Willi Voltz, der war Expos\u00e9-Autor, Silberbandherausgeber, hielt den Kontakt zur Leserschaft und war auch noch der beste Autor. Humorvoll, sentimental, human. &#8222;Voltzen&#8220; hie\u00df die Praxis, liebevoll eine sympathische Nebenfigur einzuf\u00fchren und am Ende des Hefte sich aufopfern zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich ist zumindest der fr\u00fche Perry Rhodan voller Rassismus, Imperialismus, F\u00fchrerkult. Das wurde auch damals schon kritisch gesehen, die Serie hatte nicht unbedingt einen guten Ruf im konventionellen deutschen Science-Fiction-Fandom. Ich lese gerade die Hefte von vorn, zumindest noch ein Weilchen, und habe mir viele, viele Stellen dazu angestrichen. Aber das war noch zeitgem\u00e4\u00df damals, kleinb\u00fcrgerlich, nicht-akademisch, nicht besonders reflektiert, von Ingenieuren und Kaufleuten gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einmal, in meinem ersten oder zweiten Jahr in M\u00fcnchen, vor zwanzig Jahren, bin ich mal der Ank\u00fcndigung eines regelm\u00e4\u00dfigen Science-Fiction-Treffens im SFCD-Vereinsheft gefolgt. Ach, ich war nicht reif genug daf\u00fcr. Das Treffen fand in einer Privatwohnung statt, was ich gut fand, so war das fr\u00fcher auch immer. Wir sa\u00dfen in einem Zimmer f\u00fcr Elektrolurche. Das ist der Fachausdruck, er stammt nicht von mir, f\u00fcr Menschen mit L\u00f6tkolben und Oszillographen und vielen kleinen Plastikschr\u00e4nkchen mit Schrauben und Widerst\u00e4nden und Zeug. Ich komme aus einem Elektrolurch-Haushalt, und habe den h\u00f6chsten Respekt davor, aber ich bin nicht gut in Elektronik. Bei dem Treffen waren lauter alte M\u00e4nner, zu alt f\u00fcr mich, damals, heute: was f\u00fcr ein Schatz. War Waldemar Kumming selber dabei, Jahrgang 1924? Ich glaube ja, dem Namen war ich im Fandom immer wieder begegnet. (Er starb 2017.) Das war die Generation <em>vor<\/em> Perry Rhodan, die Generation, aus der Walter Ernsting\/Clark Darlton selbst kommt. Aber ich war jung und dumm, damals, und hatte viel um die Ohren, und so habe ich au\u00dfer ein paar Magazinnachdrucken von damals nichts davongetragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(N\u00e4chstes Mal: Ein bisschen digitale Textanalyse zu Perry Rhodan mit Orange Data Mining, und dann beginne ich vielleicht sogar wieder mit dem Schulcontent.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(5 Kommentare.) 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