{"id":61832,"date":"2024-05-18T07:31:01","date_gmt":"2024-05-18T05:31:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=61832"},"modified":"2024-05-18T07:31:01","modified_gmt":"2024-05-18T05:31:01","slug":"r-c-sherriff-the-hopkins-manuscript-1939","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2024\/05\/r-c-sherriff-the-hopkins-manuscript-1939.htm","title":{"rendered":"R. C. Sherriff, The Hopkins Manuscript (1939)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2024\/05\/r-c-sherriff-the-hopkins-manuscript-1939.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Ich bin durch einen Beitrag in der letzten Ausgabe von <em>Slightly Foxed<\/em> auf dieses Buch gekommen. Da ist eigentlich jedes Mal ein Buch dabei, das ich danach lese, fast immer mit Gewinn. Vorab ein sehr kurzer Exkurs zur Lust am Untergang.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Invasion literature<\/em> (<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Invasion_literature\">Wikipedia<\/a>) ist ein Genre, das in Gro\u00dfbritannien bis zum Ersten Weltkrieg popul\u00e4r war, H. G. Wells&#8216; <em>Krieg der Welten<\/em> ist wohl der bekannteste Vertreter, aber es gab eine richtige Welle, keineswegs alle mit Science-Fiction-Elementen. Ich wei\u00df nicht, ob Chestertons <em>The Flying Inn<\/em> (1914) am Rande dazu geh\u00f6rt, in dem er ein England beschreibt, das kulturell und politisch vom Osmanischen Reich abh\u00e4ngig ist (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2010\/11\/g-k-chesterton-the-flying-inn.htm\">Blogeintrag<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann gibt es noch das Weltuntergangsgenre, auch das schon \u00e4lter, als man meint. \u00dcber Jack Londons <em>The Scarlet Plague<\/em> aus dem Jahr 1912 (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Scharlachpest\">Wikipedia<\/a>) habe ich nie etwas geschrieben, stelle ich gerade fest. <em>The Hopkins Manuscript<\/em> hat mich, allerdings wirklich um ein paar Ecken herum, erinnert an Ward Moore, <em>Greener Than You Think<\/em> aus dem Jahr 1947 (<a href=\"https:\/\/www.gutenberg.org\/ebooks\/24246\">gutenberg.org<\/a>), in dem mit den Mitteln der Wissenschaft modifiziertes Gras immer weiter w\u00e4chst und sich nicht umbringen l\u00e4sst und die menschliche Zivilisation zugrunde gehen l\u00e4sst. Ich habe es herausgesucht, um es wieder zu lesen, die paar Besprechungen, die ich gefunden habe, klangen gut. Selber habe ich das Buch vor vierzig oder mehr Jahren gelesen, eines dieser ikonischen Moewig-Taschenb\u00fccher, erschienen 1980, eine Ausgabe, von der ich mich getrennt habe und bei der ich jetzt erst beim Suchen sehe, dass das H. P. Lovecraft auf der Fotomontage des Titelbilds ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der gleichen Zeit stammt <em>Die gr\u00fcne Wolke,<\/em> im Original <em>The Last Man Alive<\/em> (1938) von A. S. &#8222;Summerhill&#8220; Neill, das &#8211; skandal\u00f6s! &#8211; trotz best\u00e4tigter K\u00f6stlichkeit (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2007\/11\/a-s-neill-die-gruene-wolke.htm\">Blogeintrag dazu<\/a>) auf dessen englischer Wikipediaseite mit keiner Silbe erw\u00e4hnt wird. Bis jetzt habe ich den Weltuntergang in diesem Buch als Plot-Notwendigkeit hingenommen, aber tats\u00e4chlich reiht sich auch dieses Buch damit in eine Tradition ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Exkurs: Sp\u00e4ter gibt es dann die eigentlichen postapokalyptischen Romane, <em>Earth Abides<\/em> (1949), <em>A Canticle For Leibowitz<\/em> (1959) und so weiter. Ich wei\u00df noch nicht genau, warum ich daf\u00fcr eine eigene Kategorie m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p><em>The Hopkins Manuscript<\/em> (1939) ist jedenfalls auch so ein Weltuntergangsroman. Dem fiktiven Vorwort der Universit\u00e4t Addis Abeba (nat\u00fcrlich, eine alte Handschrift) entnehmen wir, dass vor achthundert Jahren ein Katastrophe die westiche Zivilisation ausl\u00f6schte und dass die wiedererstarkte Kultur des Ostens unmittelbar danach in postkolonialem Furor alles vernichtete, was daran erinnerte, so dass die Wissenschaft jetzt leider kaum etwas \u00fcber diese Zeit wei\u00df. Das europ\u00e4ische Festland ist l\u00e4ngt durchkolonialisiert, aber im feuchtkalten England finden sich &#8211; sehr selten &#8211; noch Spuren der alten Zivilisation, insbesondere eben der Augenzeugenbericht, der den Hauptteil des Romans ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Der beginnt dann ebenfalls mit einem R\u00fcckblick, und zwar aus einem zerst\u00f6rten London, sieben Jahre nach der Katastrophe, wo Hopkins beim Schein einer improvisierten \u00d6llampe seine Geschichte aufschreibt. In London leben, vermutet ein Nachbar, nur noch siebenhundert Menschen. Eine andere Nachbarin ist in die National Gallery gezogen. Sie f\u00e4ngt Tauben und br\u00e4t sie \u00fcber Feuern aus niederl\u00e4ndischen Meistern, f\u00fcr die sie nichts \u00fcbrig hat, ab und zu auch einem Turner, Constable oder Gainsborough, wenn sie derer \u00fcberdr\u00fcssig ist. Zum Abschied kriegt Hopkins ein wertvolles Kunstwerk, f\u00fcr das er sich h\u00f6flich bedankt, das er drau\u00dfen aber achtlos wegwirft.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann geht endlich der Hauptteil der Geschichte los, ab jetzt gem\u00e4chlich erz\u00e4hlt. Kurz: Der Mond n\u00e4hert sich der Erde. Das wissen am Anfang nur wenige; die Regierungen halten das geheim, nach und nach werden Presse und Klerus informiert, um die Weltbev\u00f6lkerung auf das Schlimmste vorzubereiten. Wird der Mond knapp an der Erde vorbeiziehen (was in dem naturwissenschaftlich nicht auf Realismus angelegten Modell des Romans keine gro\u00dfen Folgen h\u00e4tte), wird er sie frontal treffen, sie nur streifen?<\/p>\n\n\n\n<p>Man bereitet sich vor, hebt Bunker aus, geht noch einmal ins Theater. In London werden die N\u00e4chte unsicher; auf dem Land, wo Hopkins lebt und seine preisgekr\u00f6nten H\u00fchner z\u00fcchtet, siegt der Gemeinschaftsgeist, alle packen mit an, selbst Hopkins ist endlich integriert. Kurz vor der Mond-Landung gibt es ein letztes Cricketspiel. Die Monarchie spielt bei all dem \u00fcbrigens nicht die geringste Rolle, wird nicht einmal erw\u00e4hnt. Bukolisch geht es zu, Hopkins, der wirklich sehr eitle Eigenbr\u00f6tler, freundet sich mit einem jungen Geschwisterpaar an, fernab der Zivilisation leben sie friedlich und selbstversorgend dahin. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>I liked being silent in the morning, particularly at breakfast, but the presence of this charming girl and exuberant boy was going to call for a higher standard of morning behaviour than I was accustomed to.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Geschlechterrollen werden stereotyp eingesetzt, Schichtzugeh\u00f6rigkeit noch mehr; das Welt- und Menschenbild ist ein bisschen naiv; es gibt die gute einfache englische Landbev\u00f6lkerung, und es gibt die raffinierten Politiker aus den St\u00e4dten, die alles nur schlimmer machen. Lob des einfachen Lebens und Handwerks gegen\u00fcber der seelenlosen Fabrik. Es gibt kolonialherrschaftliche Aspekte, das Empire und mehr, oder sind es antikolonialistische? Denn all das ist gebrochen durch diesen pomp\u00f6sen und liebevollen Erz\u00e4hler. Es gibt nicht nur die Katastrophe von au\u00dfen (hier der Mond, es k\u00f6nnten auch Zombies, Scharlachpest, Sintflut oder Asteroid sein), sondern auch die katastrophale Dummheit der Menschheit in der Reaktion darauf &#8211; das scheint mir sehr modern gedacht zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman wird gem\u00e4chlich erz\u00e4hlt und hat ein paar \u00fcberraschende Wendungen. Ich habe das gerne gelesen, immer in der Hoffnung, dass alles gut ausgehen w\u00fcrde, aber man wei\u00df ja schon am Anfang, dass das so einfach nicht sein w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>(Meinen Rechtschreibschwierigkeiten beim Wort &#8222;Sheriff&#8220; hilft der Name des Autors auch nicht gerade, \u00fcbrigens.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) Ich bin durch einen Beitrag in der letzten Ausgabe von Slightly Foxed auf dieses Buch gekommen. Da ist eigentlich jedes Mal ein Buch dabei, das ich danach lese, fast immer mit Gewinn. Vorab ein sehr kurzer Exkurs zur Lust am Untergang. 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