{"id":6233,"date":"2014-10-29T21:08:08","date_gmt":"2014-10-29T20:08:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6233"},"modified":"2023-05-24T12:55:22","modified_gmt":"2023-05-24T10:55:22","slug":"karl-may-am-stillen-ocean","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/10\/karl-may-am-stillen-ocean.htm","title":{"rendered":"Karl May, Am Stillen Ocean"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/10\/karl-may-am-stillen-ocean.htm#comments'>6 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>\u00dcberraschendes Fundst\u00fcck:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es ist unberechenbar, welche St\u00f6rungen und Umw\u00e4lzung die Einf\u00fchrung eines neuen Thieres in der urspr\u00fcnglichen Thierwelt eines Ortes hervorbringen kann. So hat z.B. in Neu-Seeland der fl\u00fcgellose Kiwi der Uebersiedelung des europ\u00e4ischen Hundes nicht widerstehen k\u00f6nnen, und ebenso droht die dort eingef\u00fchrte Katze dem Kakapo, einem dortigen Kukuk, der auf niederen Zweigen zu nisten pflegt, mit dem vollst\u00e4ndigen Untergange. Nicht allein die wilden<span style=\"letter-spacing: .3em;\"> V\u00f6lker<\/span>st\u00e4mme sind es, die bei der Ankunft des wei\u00dfen Mannes ihr Todesurtheil empfangen, auch die Hausthiere, welche ihn begleiten, bringen den freien thierischen Bewohnern der Wildni\u00df Verderben und Vernichtung.<br>(&#8222;Der Kiang-lu&#8220; 1880, sp\u00e4ter aufgenommen in <em>Am Stillen Ocean<\/em>)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Kakapo, ich glaub&#8217;s nicht! Der Kakapo ist kein Kuckuck, sondern ein flugunf\u00e4higer Papagei; der einzig flugunf\u00e4hige Papagei, den es gibt. Auf Neuseeland, ja. Den Kakapo w\u00e4hlten schon Douglas Adams und Mark Carwardine als eine der bedrohten Tierarten, die sie in <em>Die letzten ihrer Art (Last Chance to See)<\/em> vorstellten, und daher kennen und lieben wir ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kakapo ist inzwischen tats\u00e4chlich vom Aussterben bedroht (Rote Liste, critically endangered), im M\u00e4rz 2014 gab es noch 126 Exemplare. Der Grund f\u00fcr das Aussterben ist der, den May schildert &#8211; zu den von May genannten Katzen (und wohl auch Ratten) kamen nach 1880 noch dort ausgesetzte Hermeline, Frettchen und Wiesel hinzu, die die \u00fcberhand nehmende Zahl der Kaninchen reduzieren sollten. Rettungsversuche f\u00fcr den Kakapo begannen schon 1891.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier tr\u00e4gt Adams aus dem Buch vor:<\/p>\n\n\n\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Douglas Adams explains the mating ritual of the Kakapo\" width=\"500\" height=\"375\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/sCsHuoVABgI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n\n\n\n<p>Unbedingt empfehlenswert, das ganze Buch. Das Fortpflanzungsverhalten des Kakapo ist tats\u00e4chlich bizarr, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kakapo\">Wikipedia hat eine Menge Information dazu.<\/a> Unter anderem kann man dort den m\u00e4nnlichen Balzruf h\u00f6ren oder (als .ogg) herunterladen. Mit meinen alten m\u00fcden Ohren h\u00f6re ich den originalen Balzruf dort tats\u00e4chlich nicht &#8211; die Frequenz liegt unter meiner H\u00f6rschwelle, der Ton ist zu tief. Auf Wikipedia gibt es eine um eine Quinte herauftransponierte Fassung, da h\u00f6re ich den Ruf tats\u00e4chlich. Sch\u00f6ner ist es nat\u00fcrlich, sich die Originaldatei in eine Audiobearbeitungssoftware zu laden, dort zu <em>sehen,<\/em> dass da etwas ist, das man nicht h\u00f6rt, und dann selber die Frequenz zu erh\u00f6hen, bis man die T\u00f6ne h\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"525\" height=\"155\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/kakapo.png\" alt=\"kakapo\" class=\"wp-image-6235\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/kakapo.png 525w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/kakapo-150x44.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>&#8212; <em>Am Stillen Ocean<\/em> ist kein Roman, sondern eine Sammlung von f\u00fcnf Einzelerz\u00e4hlungen, die teilweise weiter in einzelne Episoden aufgeteilt sind. Der Held ist wieder mal Kara Ben Nemsi\/Old Shatterhand, hier durchweg &#8222;Charley&#8220; genannt, aber die Geschichten spielen weder in Nordamerika noch in Nordafrika oder Arabien oder auf dem Balkan, sondern in der S\u00fcdsee und China, und sind lose miteinander verkn\u00fcpft. In der ersten Geschichte geht es um einen Machtkampf in der S\u00fcdsee, in der zweiten, l\u00e4ngeren und interessantesten, um Flusspiraten in China. Die dritte Geschichte beginnt in einem Bahnhof in einem &#8222;ber\u00fchmten Centralpunkt des westf\u00e4lischen Kohlen- und Eisenwerkbetriebes&#8220;, wo der Erz\u00e4hler das auserkorene Opfer einer Bande von Trickbetr\u00fcgern wird. Sie wollen ihn bei einer Runde Three-Card-Monte ausnehmen, aber das klappt nat\u00fcrlich nicht. (Sp\u00e4ter verschl\u00e4gt es die Geschichte noch nach Moskau und in die Mongolei, wo er jeweils wieder auf die Trickbetr\u00fcger st\u00f6\u00dft.) In der vierten und f\u00fcnften Geschichte geht es um Piraten auf Ceylon (heute: Sri Lanka) und Java.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber Land und Leute habe ich in diesen Geschichten sehr viel gelernt. Kunstst\u00fcck, stellt sich heraus, denn Karl May wollte seinen Lesern genau das beibringen. In seiner Autobiographie <em>Mein Leben und Streben<\/em> schreibt May durchaus kritisch &#8211; aber ehrlich gesagt: eher noch begeistert &#8211; \u00fcber die R\u00e4uberromane seiner Kindheit und vergleicht sie mit den braven didaktischen B\u00fcchern:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren B\u00fcchern des Herrn Rektors? Da waren gro\u00dfe, weite und ferne L\u00e4nder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und V\u00f6lker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie, nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch kein Teufel da, das Kreuz mit den F\u00e4den in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, n\u00e4mlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, f\u00fcr den die B\u00fccher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet f\u00fcr sie den Tod. Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bed\u00fcrfnisse dessen, der so ein Buch in die H\u00e4nde nimmt! Kaum f\u00fchlt er w\u00e4hrend des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erf\u00fcllt. [&#8230;] Mag Goethe noch so viel \u00fcber die Herrlichkeit und Unumst\u00f6\u00dflichkeit der g\u00f6ttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ganz klar, May spricht sich f\u00fcr die Unterhaltung aus, n\u00e4hert sich aber auch sehr der Trivialliteratur, wenn er lobend erw\u00e4hnt, dass die W\u00fcnsche des Lesers jeweils sofort erf\u00fcllt werden. Der ganze, lesenswerte Abschnitt steht noch einmal am Ende dieses Blogeintrags.<\/p>\n\n\n\n<p>Demnach enth\u00e4lt das Buch auch einige der ausf\u00fchrlichen Landschaftsbeschreibungen, die man als junger Mensch immer \u00fcbersprungen hat. Anders war das \u00fcbrigens bei dem Band, den ich eine Woche zuvor gelesen hatte: <em>Im Lande des Mahdi I: Menschenj\u00e4ger<\/em> enth\u00e4lt kaum solche st\u00f6renden Landschaftsszenen. Daf\u00fcr besteht es aus zu vielen Variationen von: Feinde Verfolgen, Gefangennehmen und -genommenwerden, Anschleichen und Belauschen, Befreien von Gefangenen. Auf die Dauer merkt man da schon eine gewisse Wiederholung. Da ist <em>Am Stillen Ocean<\/em> sehr viel abwechslungsreicher &#8211; andererseits enth\u00e4lt das daf\u00fcr nervende Sidekicks, etwa der sehr flach gezeichnete Sir John Raffley (mit genau drei Merkmalen: spleeniger Engl\u00e4nder, wettet gern, hat eine Klappstuhl-Fernrohr-Regenschirm-Kombination) und in der letzten Geschichte den mehr als \u00fcblich rassistisch gezeichneten Quimbo.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sprachliches<\/h3>\n\n\n\n<p><em>Am Stillen Ozean<\/em> ist ein Fundort f\u00fcr das seltene Dschungel-Femininum, wie es sich &#8211; neben der Pluralform &#8211; auch bei alten Kipling-\u00dcbersetzungen findet. Oft ist hier vom Dschungel im Plural die Rede, da verwundert der Artikel &#8222;die&#8220; nicht: &#8222;Da in die dichten Dschungeln nur sehr schwer einzudringen ist&#8220; (GR11, S. 534). Manchmal ist dabei unklar, ob es sich um Singular oder Plural handelt: &#8222;Wir liefen durch die Dschungel nach der K\u00fcste zur\u00fcck&#8220; (GR11, S. 568) &#8211; ein Akkusativ-Singular oder ein Plural, diesmal ohne &#8222;n&#8220;?<br>Aber ein echtes Femininum ist auch einmal dabei: &#8222;dann kam die Dschungel, eine undurchdringliche Verwickelung von \u00fcppigen Rankengew\u00e4chsen, Schlingpflanzen und Str\u00e4uchern&#8220; (GR11, S. 426). Allerdings gibt es auch einmal ein eindeutiges Maskulinum\/Neutrum: &#8222;nicht weit von uns im Dschungel verborgen&#8220; (GR11, S. 435). Zitate in diesem Fall jeweils nach der digitalen Ausgabe, also nicht \u00fcberpr\u00fcft.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann ist da noch Karl Mays Verwendung von &#8222;jedenfalls&#8220;. Heute wird das Wort verwendet, um an Vorangegangenes anzukn\u00fcpfen, entweder rein best\u00e4tigend oder konzessiv-abwehrend. (<em>Ich habe jedenfalls nichts davon gewusst<\/em>!) Auch das Deutsche W\u00f6rterbuch (Grimmsches W\u00f6rterbuch) nennt diese Bedeutung: &#8222;<em>nach einem zugebenden, voraussetzenden, behauptenden vordersatze:<\/em> mochte er auch in not sein, jedenfalls durfte er einen solchen schritt nicht thun&#8220;. Allerdings kennt es auch eine Bedeutung, die es heute nicht mehr gibt: &#8222;<em>es steht im sinne einer nachdr\u00fccklichen bejahung:<\/em> &#8218;kommst du?&#8216; jedenfalls&#8220;. Und dieses an nichts vorher Gesagtes ankn\u00fcpfende &#8222;jedenfalls&#8220;, das hat May recht oft. In folgenden S\u00e4tzen steht das Wort synonym f\u00fcr &#8222;gewiss, sicherlich, zweifellos&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Er ruderte sich an der K\u00fcste hin, jedenfalls um sein Lotsenboot zu holen, und wir hielten auf unsere Jacht zu.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Als wir das Zwischendeck passierten, wo die R\u00e4uber angebunden waren, stie\u00df der Kapit\u00e4n einen leichten Fluch aus, jedenfalls vor Grimm dar\u00fcber, da\u00df wir Quimbo gefunden hatten<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ich war gezwungen, das Schleichen aufzugeben, und sprang, obgleich ich in der Eile das Gespenst nicht sah, auf die Hinterluke zu. Wenn ich diese, aus der er jedenfalls gekommen war, besetzte, konnte er uns nicht entgehen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Gefangenen wurden im Vorderraume untergebracht und scharf bewacht, dann ging es an eine Untersuchung des Raumes. Er enthielt eine reichliche und jedenfalls zusammengeraubte Ladung von Zimmet, Reis, Tabak, Kaffee, Ebenholz und &#8211; geraubten Frauen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das erinnert mich an einen Sch\u00fcler in einem meiner aktuellen Kurse, der &#8222;schon&#8220; \u00e4hnlich als Allerweltsbest\u00e4tigung verwendet: &#8222;K\u00f6nnen Sie die Frage beantworten?&#8220; &#8222;Schon.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Anhang: Aus Karl Mays Bibliographie <em>Mein Leben und Streben<\/em><\/h4>\n\n\n\n<p>Hintergrund: Es geht um einen Nebenjob des jugendlichen Karl May in einer Wirtschaft, wo er unter anderem zum Kegelaufstellen besch\u00e4ftigt ist. Dort entdeckt er Abenteuerromanzen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Und doch gab es in dieser Schankwirtschaft ein noch viel schlimmeres Gift als Bier und Branntwein und \u00e4hnliche b\u00f6se Sachen, n\u00e4mlich eine Leihbibliothek, und zwar was f\u00fcr eine! Niemals habe ich eine so schmutzige, innerlich und \u00e4u\u00dferlich geradezu ruppige, \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrliche B\u00fcchersammlung, wie diese war, nochmals gesehen! Sie rentierte sich au\u00dferordentlich, denn sie war die einzige, die es in den beiden St\u00e4dtchen gab. Hinzugekauft wurde nichts. Die einzige Ver\u00e4nderung, die sie erlitt, war die, da\u00df die Einb\u00e4nde immer schmutziger und die Bl\u00e4tter immer schmieriger und abgegriffener wurden. Der Inhalt aber wurde von den Lesern immer wieder von neuem verschlungen, und ich mu\u00df der Wahrheit die Ehre geben und zu meiner Schande gestehen, da\u00df auch ich, nachdem ich einmal gekostet hatte, dem Teufel, der in diesen B\u00e4nden steckte, g\u00e4nzlich verfiel. Was f\u00fcr ein Teufel das war, m\u00f6gen einige Titel zeigen: Rinaldo Rinaldini, der R\u00e4uberhauptmann, von Vulpius, Goethes Schwager. Sallo Sallini, der edle R\u00e4uberhauptmann, Himlo Himlini, der wohlt\u00e4tige R\u00e4uberhauptmann. Die R\u00e4uberh\u00f6hle auf dem Monte Viso. Bellini, der bewundernsw\u00fcrdige Bandit. Die sch\u00f6ne R\u00e4uberbraut oder das Opfer des ungerechten Richters. Der Hungerturm oder die Grausamkeit der Gesetze. Bruno von L\u00f6weneck, der Pfaffenvertilger. Hans von Hunsr\u00fcck oder der Raubritter als Besch\u00fctzer der Armen. Emilia, die eingemauerte Nonne. Botho von Tollenfels, der Retter der Unschuldigen. Die Braut am Hochgericht. Der K\u00f6nig als M\u00f6rder. Die S\u00fcnden des Erzbischofs u. s. w. u. s. w.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich zum Kegelaufsetzen kam und noch keine Spieler da waren, gab mir der Wirt eines dieser B\u00fccher, einstweilen darin zu lesen. Sp\u00e4ter sagte er mir, ich k\u00f6nne sie alle lesen, ohne daf\u00fcr bezahlen zu m\u00fcssen. Und ich las sie; ich verschlang sie; ich las sie drei- und viermal durch! Ich nahm sie mit nach Haus. Ich sa\u00df ganze N\u00e4chte lang, gl\u00fchenden Auges \u00fcber sie gebeugt. Vater hatte nichts dagegen. Niemand warnte mich, auch die nicht, die gar wohl verpflichtet gewesen w\u00e4ren, mich zu warnen. Sie wu\u00dften gar wohl, was ich las; ich machte kein Hehl daraus. Und welche Wirkung das hatte! Ich ahnte nicht, was dabei in mir geschah. Was da alles in mir zusammenbrach. Da\u00df die wenigen St\u00fctzen, die ich, der seelisch in der Luft schwebende Knabe, noch hatte, nun auch noch fielen, eine einzige ausgenommen, n\u00e4mlich mein Glaube an Gott und mein Vertrauen zu ihm.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Lekt\u00fcre tut seiner Seele gar nicht gut, bildet allenfalls seinen Geist ein wenig. Die heldenhaften R\u00e4uber machen Mays moralischen Kompass kaputt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Psychologie ist gegenw\u00e4rtig in einer Umwandlung begriffen. Man beginnt immer mehr, zwischen Geist und Seele zu unterscheiden. Man versucht, sie beide auseinander zu halten, sie scharf zu definieren, ihre Unterschiede nachzuweisen. Man behauptet, da\u00df der Mensch nicht Einzelwesen sondern Drama sei. Soll ich mich dem anschlie\u00dfen, so darf ich das, was auf meinen kleinen, erst im Entstehen begriffenen Geist und das, was auf meine kindliche Seele wirkte, nicht mit einander verwechseln. Die ganze Vielleserei, zu der ich bisher gezwungen gewesen war, hatte meiner Seele nichts, gar nichts gebracht; nur das winzige Geisterlein hatte die Wirkung davon gehabt, aber was f\u00fcr eine Wirkung! Es war zu einem kleinen, monstr\u00f6s dicken, wasserk\u00f6pfigen Ungeheuer aufgestopft und aufgenudelt worden. Der sehr gut, ja vielleicht au\u00dfergew\u00f6hnlich veranlagte Knabe hatte sich zu einer unartikulierten geistigen Mi\u00dfgestalt verwandelt, die nichts Wirkliches besa\u00df als nur ihre Hilflosigkeit. Und seelisch war ich ohne Heimat, ohne Jugend, hing nach oben nur an dem erw\u00e4hnten starken, unzerrei\u00dfbaren Tau und wurde nach unten nur dadurch an der Erde festgehalten, da\u00df ich f\u00fcr K\u00f6nig und Vaterland, Gesetz und Gerechtigkeit diejenige mehr poetische als materielle Hochachtung empfand, die aus den Tagen stammte, an denen die elf Heldenkompagnieen Ernsttals sich gebildet hatten, den schwer bedr\u00e4ngten Monarchen Sachsens und seine Regierung von dem Untergang zu erretten. Nun aber wurde mir auch dieser Halt genommen, und zwar durch die Lekt\u00fcre dieser sch\u00e4ndlichen Leihbibliothek. Alle die R\u00e4uberhauptleute, Banditen und Raubritter, von denen ich da las, waren edle Menschen. Was sie jetzt waren, das waren sie durch schlechte Menschen, besonders durch ungerechte Richter und durch die grausame Obrigkeit geworden. Sie besa\u00dfen wahre Fr\u00f6mmigkeit, gl\u00fchende Vaterlandsliebe, eine grenzenlose Wohlt\u00e4tigkeit und warfen sich zum Ritter und Retter aller Armen, aller Bedr\u00fcckten und Bedr\u00e4ngten auf. Sie zwangen die Leser zur Hochachtung und Bewunderung; alle Gegner dieser herrlichen M\u00e4nner aber waren zu verachten, also besonders die Obrigkeit, der Schnippchen auf Schnippchen geschlagen wurde. Und vor allen Dingen die F\u00fclle des Lebens, der T\u00e4tigkeit, der Bewegung, die in diesen B\u00fcchern herrschte! Auf jeder Seite geschah etwas, und zwar etwas Hochinteressantes, irgend eine gro\u00dfe, schwere, k\u00fchne Tat, die man zu bewundern hatte.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Aber faszinierend ist sie halt schon, die Trivialliteratur:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Was dagegen war in all den B\u00fcchern geschehen, die ich bisher gelesen hatte? Was geschah in den Trakt\u00e4tchen des Pfarrers? In seinen langweiligen, nichtssagenden Jugendschriften? Und was geschah in den sonst ganz guten und brauchbaren B\u00fcchern des Herrn Rektors? Da waren gro\u00dfe, weite und ferne L\u00e4nder beschrieben, aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde Menschen und V\u00f6lker geschildert; aber sie bewegten sich nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte. Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch kein Teufel da, das Kreuz mit den F\u00e4den in die Hand zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt verlangt, n\u00e4mlich der Leser. Und auf den kommt doch alles an, weil er allein es ist, f\u00fcr den die B\u00fccher geschrieben werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet f\u00fcr sie den Tod. Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten und Bed\u00fcrfnisse dessen, der so ein Buch in die H\u00e4nde nimmt! Kaum f\u00fchlt er w\u00e4hrend des Lesens einen Wunsch, so wird dieser auch schon erf\u00fcllt. Und welche bewundernswerte, unwandelbare Gerechtigkeit gibt es da. Jeder gute, ehrenhafte Mensch, mag er zehnmal R\u00e4uberhauptmann sein, wird unbedingt belohnt. Und jeder b\u00f6se Mensch, jeder S\u00fcnder, mag er zehnmal K\u00f6nig, Feldherr, Bischof oder Staatsanwalt sein, wird unbedingt bestraft. Das ist wirkliche Gerechtigkeit; das ist g\u00f6ttliche Gerechtigkeit! Mag Goethe noch so viel \u00fcber die Herrlichkeit und Unumst\u00f6\u00dflichkeit der g\u00f6ttlichen und der menschlichen Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht! Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den Rinaldo Rinaldini geschrieben!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schlimmste an dieser Lekt\u00fcre war, da\u00df sie in meine sp\u00e4tere Knabenzeit fiel, wo alles, was sich in meiner Seele festsetzte, f\u00fcr immer festgehalten wurde. Hierzu kam die mir angeborene Naivit\u00e4t, die ich selbst heute noch in hohem Grade besitze. Ich glaubte an das, was ich da las, und Vater, Mutter und Geschwister glaubten es mit. Nur Gro\u00dfmutter sch\u00fcttelte den Kopf, und zwar je l\u00e4nger, desto mehr; sie wurde aber von uns andern \u00fcberstimmt. Es war uns in unserer Armut ein Hochgenu\u00df, von \u00bbedeln\u00ab Menschen zu lesen, die immerfort Reicht\u00fcmer verschenkten. Da\u00df sie diese Reicht\u00fcmer vorher andern abgestohlen und abgeraubt hatten, das war ihre Sache; uns irritierte das nicht! Wenn wir lasen, wieviel bed\u00fcrftige Menschen durch so einen R\u00e4uberhauptmann unterst\u00fctzt und gerettet worden seien, so freuten wir uns dar\u00fcber und bildeten uns ein, wie sch\u00f6n es w\u00e4re, wenn so ein Himlo Himlini pl\u00f6tzlich hier bei uns zur T\u00fcr hereintr\u00e4te, zehntausend blanke Taler auf den Tisch z\u00e4hlte und dabei sagte; \u00bbDas ist f\u00fcr euren Knaben; er mag studieren und ein Dichter werden, der Theaterst\u00fccke schreibt!\u00ab Das letztere war mir n\u00e4mlich, seit ich den \u00bbFaust\u00ab gesehen hatte, zum Ideal geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mu\u00df bekennen, da\u00df ich diese verderblichen B\u00fccher nicht nur las, sondern auch vorlas, n\u00e4mlich zun\u00e4chst meinen Eltern und Geschwistern und sodann auch in andern Familien, die ganz versessen darauf waren. Es ist gar nicht zu sagen, welchen unendlichen Schaden eine einzige solche Scharteke herbeif\u00fchren kann. Alles Positive geht verloren, und schlie\u00dflich bleibt nur die traurige Negation zur\u00fcck. Die Rechtsbegriffe und Rechtsanschauungen ver\u00e4ndern sich; die L\u00fcge wird zur Wahrheit, die Wahrheit zur L\u00fcge. Das Gewissen stirbt. Die Unterscheidung zwischen gut und b\u00f6s wird immer unzuverl\u00e4ssiger! das f\u00fchrt schlie\u00dflich zur Bewunderung der verbotenen Tat, die scheinbar Hilfe bringt. Damit ist man aber nicht etwa schon ganz unten im Abgrunde angelangt, sondern es geht noch tiefer, immer tiefer, bis zum \u00e4u\u00dfersten Verbrechertum.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Schlimm, schlimm. Selten ist Trivialliteratur so ineffektiv verdammt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>(<a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/mein-leben-und-streben-6562\/4\">Zum ganzen Buch.<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(6 Kommentare.) \u00dcberraschendes Fundst\u00fcck: Es ist unberechenbar, welche St\u00f6rungen und Umw\u00e4lzung die Einf\u00fchrung eines neuen Thieres in der urspr\u00fcnglichen Thierwelt eines Ortes hervorbringen kann. So hat z.B. in Neu-Seeland der fl\u00fcgellose Kiwi der Uebersiedelung des europ\u00e4ischen Hundes nicht widerstehen k\u00f6nnen, und ebenso droht die dort eingef\u00fchrte Katze dem Kakapo, einem dortigen Kukuk, der auf niederen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":6235,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[224,237],"class_list":["post-6233","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-buecher","tag-buecher","tag-karl-may"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/kakapo.png","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6233","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6233"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6233\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":57798,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6233\/revisions\/57798"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6235"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6233"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6233"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6233"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}