{"id":6243,"date":"2014-11-09T09:04:09","date_gmt":"2014-11-09T08:04:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6243"},"modified":"2023-05-24T12:55:10","modified_gmt":"2023-05-24T10:55:10","slug":"richard-matheson-i-am-legend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/11\/richard-matheson-i-am-legend.htm","title":{"rendered":"Richard Matheson, I Am Legend"},"content":{"rendered":"\n<p>Von Fredric Brown stammt diese ber\u00fchmte K\u00fcrzestgeschichte:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>The last man on Earth sat alone in a room. There was a knock on the door&#8230;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>(<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Knock_%28short_story%29\">Wikipedia hat mehr dazu,<\/a> auch zu Browns Vorlage. Die Zeilen sind nur der Auftakt einer sich anschlie\u00dfenden Kurzgeschichte, die aber weit weniger bekannt ist als eben dieser Anfang. <a href=\"http:\/\/jamesaquilone.com\/2013\/02\/27\/the-last-man-on-earth-sat-alone-in-a-room\/\">Hier eine Idee<\/a> f\u00fcr den kreativen Umgang damit im Englischunterricht.)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann nicht anders, als diese K\u00fcrzestgeschichte als Stammvater von Richard Mathesons <em>I Am Legend<\/em> zu betrachten. Das Buch kenne ich als Horror- und SF-Klassiker, 1954 erschienen, mehrfach verfilmt, aber ich hatte es nie gelesen &#8211; ich glaube, als junger Teenager stellte ich es mir zu gruslig vor, vor allem die Charlton-Heston-Verfilmung. Die Postapokalypse ging uns in den 80ern noch richtig nahe.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ausgangspunkt: Robert Neville ist &#8211; jedenfalls soweit er wei\u00df &#8211; der letzte Mensch auf der Erde. Tags\u00fcber pflegt er seinen Generator, organisiert Benzin und Lebensmittel, repariert sein zu einer kleinen Festung ausgebautes Haus und sucht seine Umgebung ab. Nachts kauert er verbarrikadiert im Haus und h\u00f6rt den Vampiren zu, die drau\u00dfen auf ihn warten, an die T\u00fcren klopfen, ihn zum Herauskommen verleiten wollen, um das Blut des letzten Menschen auf der Erde zu trinken. Das ist der zweite Stammvater der Geschichte: Der Vampirgedanke zu Ende gedacht &#8211; was machen die Vampire, wenn sie alle Menschen gebissen haben und keiner mehr da ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Neville nennt die Wesen da drau\u00dfen Vampire. Sie f\u00fcrchten Knoblauch und Kruzifix, ruhen tags\u00fcber bewegungslos im Dunkel und sterben im Licht, k\u00f6nnen durch normale Schusswaffen nicht aufgehalten werden und zerfallen nach einem Holzblock durch das Herz. Klassische Vampire in vieler Hinsicht.<br>Allerdings stellt Matheson eine naturwissenschaftliche, diesseitige Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Vampirismus zur Verf\u00fcgung. Ein Bakterium ist es, dass Menschen zu Vampiren werden l\u00e4sst; wenige Jahre vor Beginn der Handlung hat diese Seuche nach und nach die ganze Welt ergriffen. Neville versucht das zu erforschen, nicht v\u00f6llig systematisch, und ohne viel wissenschaftliches Vorwissen, aber er hat ja Zeit und Bibliotheken. Das mit dem Kruzifix, schlie\u00dft er, ist Aberglaube &#8211; christliche Vampire bilden sich nur ein, dass Ihnen das etwas ausmacht. Das mit dem Schlaf und dem Licht und der teilweisen Unverwundbarkeit liegt an den Folgen des Bakteriums, dass sich Vampire im Spiegel nicht sehen an hystersicher (eingebildeter) Blindheit. F\u00fcr den Knoblauch findet Neville, wenn ich mich richtig erinnere, keine Erkl\u00e4rung; synthetisches Knoblauch\u00f6l hat jedenfalls keine Wirkung. Einige der Erkl\u00e4rungen sind \u00fcberzeugender als andere, aber Neville ist ja auch kein Spezialist, und Matheson h\u00fctet sich, ein erz\u00e4hlerisches Machtwort zu sprechen und mehr zu erkl\u00e4ren, als sich Neville zusammenreimt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fand das Buch ausgezeichnet. Es ist kurz, die Situation klaustrophobisch und bedr\u00fcckend, man leidet unter der Ungewissheit ebenso wie die Hauptperson. Revolution\u00e4r, m\u00f6chte ich sagen, ist der konsequent naturwissenschaftliche Erkl\u00e4rungsansatz &#8211; und revolution\u00e4r auch das, was letztlich daraus wurde: Die Vampire aus <em>I Am Legend<\/em> sind der Grundstein f\u00fcr die modernen Zombies. Es ist schon fast alles da, was sp\u00e4ter Geschichten dann weiter entwickeln: Intelligente Zombies; schlurfende, geistlose Zombies; die epidemische Verbreitung mit einem mikroskopischen biologischen Erreger; die Apokalypse; das Gegen\u00fcberstehen einer kleinen Gruppe von Menschen gegen eine gr\u00f6\u00dfere Armee von Untoten; \u00fcberraschende Wendungen.<br>Zombie-Geschichten gab es vorher auch schon, etwa die Filme <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/White_Zombie_%28film%29\">White Zombie<\/a> (1932) und <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/I_Walked_with_a_Zombie\">I Walked with a Zombie<\/a> (1943). Aber da waren Zombies noch einzelne, aus dem Grab auferstandene Tote, gesteuert durch Voodoo-Magie in der Karibik, die weder menschliche Opfer suchen (wie Vampire) noch ansteckend sind (wie Vampire). Den modernen Zombie gibt es erst nach Matheson, behaupte ich mal; die <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/List_of_zombie_films\">Liste der Zombie-Filme bei Wikipedia<\/a> ist umfangreich, aber der moderne Zombie-Film beginnt erst Ende der 1960er Jahre &#8211; ob tats\u00e4chlich erst mit &#8222;Night of the Living Dead&#8220;, das m\u00fcsste mal ein Sch\u00fcler im W-Seminar untersuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>(Besonders gut am Buch: Einige Punkte, die ich hier ausgelassen habe. Weniger gut am Buch: Mathesons Angewohnheit, Neville st\u00e4ndig irgendwelchen Whisky vesch\u00fctten zu lassen. Ein- oder zweimal reichen. Auch Nevilles sexuelle Frustration h\u00e4tte sich nach einigen Jahren des Z\u00f6libats langsam legen k\u00f6nnen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Guardian brachte vor zwei Wochen eine Liste der <a href=\"http:\/\/www.theguardian.com\/books\/2014\/oct\/29\/top-10-vampire-books\">Top 10 vampire books<\/a>, viele der \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen sind dabei, aber <em>I Am Legend<\/em> fehlt. Das geh\u00f6rt aber unbedingt auf eine solche Liste.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Fredric Brown stammt diese ber\u00fchmte K\u00fcrzestgeschichte: The last man on Earth sat alone in a room. There was a knock on the door&#8230; (Wikipedia hat mehr dazu, auch zu Browns Vorlage. Die Zeilen sind nur der Auftakt einer sich anschlie\u00dfenden Kurzgeschichte, die aber weit weniger bekannt ist als eben dieser Anfang. 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