{"id":6277,"date":"2014-12-28T21:38:43","date_gmt":"2014-12-28T20:38:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6277"},"modified":"2023-06-13T08:36:16","modified_gmt":"2023-06-13T06:36:16","slug":"alles-ueber-lernziele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/12\/alles-ueber-lernziele.htm","title":{"rendered":"Alles \u00fcber: Lernziele"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/12\/alles-ueber-lernziele.htm#comments'>12 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.ingo-bartling.de\/2014\/12\/22\/wann-beherrscht-man-etwas\/\">&#8222;Wann beherrscht man etwas?&#8220;,<\/a> fragt Lehrzeit in einem Blogeintrag. Das habe ich mir auch schon \u00fcberlegt, und der Blogeintrag ist eine \u00dcberlegung dazu.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lernzieltaxonomien<\/h3>\n\n\n\n<p>Vor den Lernzielen war das Lehren w\u00fcst und leer. Man hat, stellt man sich vor, einfach drauflos unterrichtet. Das sollte sich Anfang der 1950er Jahre \u00e4ndern. Da pr\u00e4sentierte Benjamin Bloom als Vorsitzender einer Kommission, die genau das zum Ziel hatte, eine Kategorisierung und Hierarchisierung von Lernzielen, die Bloomsche Lernzieltaxonomie. Ein erkl\u00e4rtes Ziel war, dass man sich dadurch besser \u00fcber Unterricht kommunizieren k\u00f6nnte. Die Taxonomie sah kognitive, affektive und psychomotorische Lernziele vor; au\u00dferdem gab eine Hierarchisierung, nach der bestimmte Arten von Lernzielen auf anderen aufbauten. Die ganze Taxonomie sah am Anfang so aus:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td>Kognitive Ziele\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Wissen<\/li>\n<li>Verstehen<\/li>\n<li>Anwenden<\/li>\n<li>Analysieren<\/li>\n<li>Erzeugen<\/li>\n<li>Bewerten<\/li>\n<\/ol>\n<\/td><td>Affektive Ziele\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Aufmerksamwerden, Beachten<\/li>\n<li>Reagieren<\/li>\n<li>Werten<\/li>\n<li>Entwickeln von Wertestrukturen\/eines Wertesystems<\/li>\n<li>Verinnerlichen von Werten<\/li>\n<\/ol>\n<\/td><td>Psychomotorische Ziele\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li>Imitieren (einer vorgef\u00fchrten Handlung)<\/li>\n<li>Manipulieren (Ausf\u00fchren nach Anweisung)<\/li>\n<li>Selbstkontrolliertes Ausf\u00fchren (mit mehr Pr\u00e4zision)<\/li>\n<li>Strukturierung (Zerlegung in Einzelhandlungen)<\/li>\n<li>Automatisierung, Verlagerung ins Unterbewusstsein (Naturalisierung)<\/li>\n<\/ol>\n<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>An dieser Taxonomie kommt man in keinem Lehramtsstudium vorbei. Es f\u00e4llt allerdings auf, dass in der Praxis f\u00fcr die meisten F\u00e4cher dann doch nur die kognitiven Lernziele eine Rolle spielen &#8211; deren Taxonomie entstand auch vor den anderen: 1956 erschien Band 1 der <em>Taxonomy of educational objectives: The classification of educational goals<\/em> (zum kognitiven Bereich), 1965 Band 2 (zum affektiven Bereich). Band 3 erschien nicht. Bloom nannte das Handbuch &#8222;one of the most widely cited yet least read books in American education&#8220; (<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Bloom's_taxonomy\">zitiert nach Wikipedia<\/a>) &#8211; ich m\u00fcsste selber auch mal reinschauen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>An der Rangordnung innerhalb der Taxonomie wurde immer wieder herumgeschraubt, die aktuellste Fassung ist diese:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"407\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/BloomsCognitiveDomain.png\" alt=\"BloomsCognitiveDomain\" class=\"wp-image-6278\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/BloomsCognitiveDomain.png 500w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/BloomsCognitiveDomain-150x122.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Gerade die Frage, obb das Bewerten oder das Erzeugen das anspruchsvollere Lernziel ist und das jeweils andere als Grundlage n\u00f6tig ist, wird unterschiedlich gesehen. Deshalb stehen sie jetzt auch nebeneinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Taxonomie ist nicht die einzige, bekannt ist auch eine von Anderson\/Krathwohl mit 4 Wissensdimensionen und 6 Stufen &#8211; alle kognitiv. Aber in der einen oder anderen Form ist Bloom immer noch sehr verbreitet. ein Beispiel daf\u00fcr ist dieses Poster zur &#8222;Padagogy&#8220;:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/padagogy_wheel.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"550\" height=\"345\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/padagogy_wheel-550x345.png\" alt=\"padagogy_wheel\" class=\"wp-image-6280\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/padagogy_wheel-550x345.png 550w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/padagogy_wheel-150x94.png 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/padagogy_wheel-1024x642.png 1024w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/padagogy_wheel-900x564.png 900w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/padagogy_wheel.png 1483w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><small>(Allan Carrington, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/3.0\/\">Creative Commons Attribution 3.0 Unported<\/a>)<\/small><\/p>\n\n\n\n<p>Die Speichen entsprechen den (kognitiven) Dom\u00e4nen bei Bloom, wobei die untersten beiden Ebenen, Erinnern und Verstehen, zusammengefasst sind. Im zweiten Kreis von innen stehen den einzelnen Dom\u00e4nen zugeordnete &#8222;action verbs&#8220; &#8211; passende Verben zu den jeweiligen Lernzielen. F\u00fcr das Analysieren sind das zum Beispiel &#8222;compare, classify, demonstrate&#8220;. Diese <em>action verbs<\/em> entsprechen wohl dem, was hierzulande Operatoren hei\u00dft, dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann habe ich noch in einem <a href=\"https:\/\/kaul.inf.h-brs.de\/wordpress\/2014\/08\/portale-fuer-die-informatik-lehre\/\">Blogeintrag von Manfred Kaul<\/a> den Hinweis auf die <a href=\"http:\/\/web-cat.org\/questionbank\/\">Canterbury QuestionBank<\/a> gefunden. Das ist ein Pool von zur Zeit gut 650 Informatik-Aufgaben, den man als html, pdf, xml, oder doc herunterladen kann (lizenziert unter BY-NC-SA 3.0).<br>Ein Beispiel f\u00fcr eine Aufgabe:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Welche Datenstruktur, mit der man eine Menge implementieren k\u00f6nnte, hat die ung\u00fcnstigste Laufzeit f\u00fcr eine Methode Menge.enthaelt?<br>A Bin\u00e4rer Suchbaum<br>B Verkettete Liste<br>C Sortiertes Array<br>D Hashtable<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Aufgabe ist unter anderem verschlagwortet mit &#8222;Schwierigkeitsgrad 1 (niedrig)&#8220; und &#8222;Bloom-3-Analysis&#8220;. (Hier lautet die Reihenfolge: 1-Knowledge, 2-Comprehension, 3-Analysis, 4-Application, 5-Synthesis, 6-Evaluation.) H\u00e4tte ich das auch unter Analyse getan oder doch nur unter Verst\u00e4ndnis?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vor- und Nachteile von Lernzielen<\/h3>\n\n\n\n<p>Mit einer Lernzieltaxonomie hat man ein einheitliches Format, um sich \u00fcber Unterrrichtsstunden und Lehrmaterial auszutauschen. Und mit Lernzielen macht man sich als Lehrer vor einer Stunde Gedanken dar\u00fcber, welches Ziel man mit der Stunde \u00fcberhaupt erreichen will. (Oder mit der ganzen Sequenz, dann mehr so als Grobziel.) Wenn man nur verschwommene Vorstellungen hat, was am Ende der Stunde herauskommen soll (und dazu z\u00e4hlt: wir machen die Seite 17 und 18 im Buch), dann kommt leicht eine Stunde heraus, in der Sch\u00fcler und Lehrer sich gegenseitig nichts tun, womit alle zufrieden sind &#8211; aber gelernt wird nichts Sinnvolles.<br>Wenn man sich als Lehrer dagegen vornimmt, dass die Sch\u00fcler am Ende der Stunde ein konkretes Lernziel erreicht haben sollen, dann arbeitet man zielgerichteter. Das Erreichen des Lernziels kann man dann mit einer Lernzielkontrolle \u00fcberpr\u00fcfen. Das geht um so besser, je <strong>operationalisierter<\/strong> ein Lernziel ist.<\/p>\n\n\n\n<p>(Operationalisierung: Das ist die m\u00f6glichst genaue Beschreibung unter Angabe aller Bedingungen. &#8222;Der Sch\u00fcler kann innerhalb von einer Minute drei Beispiele aufz\u00e4hlen.&#8220; Dazu geh\u00f6rt eben auch ein geeigneter Operator: Ungeeignet sind etwa Lernziel-Operatoren wie &#8222;wissen, verstehen, vertrauen, wertsch\u00e4tzen, einsehen, begreifen&#8220;, weil sich die nicht \u00fcberpr\u00fcfen lassen. Geeignet sind &#8222;beschreiben, identifizieren, unterscheiden, aufz\u00e4hlen, begr\u00fcnden, anwenden, benennen.&#8220;)<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits: Die Konzentration auf Lernziele kann dazu f\u00fchren, dass man sich nur die heraussucht, die auch tats\u00e4chlich operationalisierbar sind. Damit fallen affektive Lernziele schon mal weg. Au\u00dferdem wird der Unterricht unflexibel, wenn man nicht gelernt hat, von den anvisierten Lernzielen abzuweichen. Und schlie\u00dflich kann es auch gewinnbringend sein, wenn man nicht als Lehrer die Lernziele und ihre Reihenfolge vorgibt, sondern die Sch\u00fcler erst einmal arbeiten l\u00e4sst, bis sie selbst auf Probleme sto\u00dfen &#8211; manchmal ist die Reihenfolge der Lernziele ja nicht festgelegt.<br>Und dann tut auch noch die Kompetenzorientierung, als w\u00e4re sie etwas grunds\u00e4tzlich anderes als Lernzielorientierung. Dabei geht es bei beidem letztlich um Messbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zur\u00fcck zur Ausgangsfrage: Wann beherrscht man etwas?<\/h3>\n\n\n\n<p>Zugegeben, den Punkt habe ich inzwischen etwas aus den Augen verloren. Im psychomotorischen Bereich scheint mir das von der Naturalisierung ganz einleuchtend. Im affektiven Bereich ist Beherrschung vielleicht das falsche Wort (aber: Selbstbeherrschung). Im kognitiven Bereich&#8230; Marco <a href=\"http:\/\/blog.ingo-bartling.de\/2014\/12\/22\/wann-beherrscht-man-etwas\/#comment-4089\">schl\u00e4gt als Kommentator vor<\/a> &#8222;Ich kann es anderen beibringen\/erkl\u00e4ren&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Das gef\u00e4llt mir gut, und ich war auch selber schon auf den Operator &#8222;erkl\u00e4ren&#8220; gesto\u00dfen. (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/05\/sachen-erklaeren-koennen-the-art-of-explanation.htm\">Blogeintrag dazu.<\/a>) Oft meint man mit &#8222;erkl\u00e4ren Sie&#8220; dann doch nur: &#8222;Zeigen Sie, dass Sie wissen&#8230;&#8220;, und das ist nat\u00fcrlich etwas anderes, Bloom K4, sch\u00e4tze ich. Echtes Erkl\u00e4ren taucht in der Schule kaum auf, jedenfalls nicht auf Sch\u00fclerseite. Wo w\u00fcrde das bei Bloom stehen? War das damals noch nicht erfunden? Oder blieb das der Lehrkraft vorbehalten, war au\u00dferhalb des Geltungsbereichs der Taxonomie? Oder ist das Erkl\u00e4renk\u00f6nnen eine untergeordnete Sekund\u00e4rf\u00e4higkeit?<\/p>\n\n\n\n<p>(So, Ferien und Jahresende, Zeit f\u00fcrs Aufr\u00e4umen. Deshalb muss der Blogeintrag jetzt einfach raus, auch wenn er noch nicht fertig ist.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(12 Kommentare.) &#8222;Wann beherrscht man etwas?&#8220;, fragt Lehrzeit in einem Blogeintrag. Das habe ich mir auch schon \u00fcberlegt, und der Blogeintrag ist eine \u00dcberlegung dazu. Lernzieltaxonomien Vor den Lernzielen war das Lehren w\u00fcst und leer. Man hat, stellt man sich vor, einfach drauflos unterrichtet. Das sollte sich Anfang der 1950er Jahre \u00e4ndern. 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