{"id":63659,"date":"2024-11-23T07:55:45","date_gmt":"2024-11-23T06:55:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=63659"},"modified":"2024-11-24T12:22:55","modified_gmt":"2024-11-24T11:22:55","slug":"darfs-ein-bisschen-mehr-epistemie-sein-die-deutungshypothese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2024\/11\/darfs-ein-bisschen-mehr-epistemie-sein-die-deutungshypothese.htm","title":{"rendered":"Darf&#8217;s ein bisschen mehr Epistemie sein? Die Deutungshypothese."},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2024\/11\/darfs-ein-bisschen-mehr-epistemie-sein-die-deutungshypothese.htm#comments'>6 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Historisches zum Interpretationsaufsatz<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben dem Er\u00f6rtern ist das Interpretieren von literarischen Texten eine der historisch zentralen Aufsatzformen im Deutschunterricht. Etwas prominenter geworden ist in den letzten Jahrzehnten die eigentlich auch schon alte Sachtextanalayse, neu hinzugekommen das materialgest\u00fctzte informierende Schreiben. W\u00e4hrend fr\u00fcher die Interpretation eine eigenst\u00e4ndige Aufsatzart war, gibt es im kompetenzorientierten Deutschunterricht solche Arten nicht mehr, au\u00dfer nat\u00fcrlich schon; das Interpretieren wird jetzt subsumiert unter &#8222;Informieren (\u00fcber literarische Texte)&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Traditionell, als es klarer abgegrenzte Aufsatzarten gab, bestand der Hauptteil der Interpretation aus einer knappen Inhaltsangabe, einer Analyse, und darauf aufbauend aus einer Deutung. In der Analyse arbeitete man, mal mehr, mal weniger ausf\u00fchrlich, die f\u00fcr den jeweiligen Text und die jeweilige Textsorte interessanten Punkte ab. Die Deutung sollte aus dem Vorhergehenden erwachsen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"433\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/interpretation_mindmap_lyrik-700x433.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-63689\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/interpretation_mindmap_lyrik-700x433.png 700w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/interpretation_mindmap_lyrik-300x186.png 300w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/interpretation_mindmap_lyrik-150x93.png 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/interpretation_mindmap_lyrik.png 1161w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Zu Epochenmerkmalen gab es nur manchmal etwas zu sagen, zur Biographie noch viel seltener. Je nach Gedicht waren manche Punkte mal l\u00e4nger, mal k\u00fcrzer. Die Reihenfolge war immer schon flexibel, auch wenn man sinnvoll mit Inhalt anfing und mit der Deutung endete. Bei manchen Lehrkr\u00e4ften wurde der Deutungsansatz schon am Anfang kurz genannt und am Ende ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rt, bei anderen sollte sie am Anfang nicht genannt und nur am Ende erkl\u00e4rt werden.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist jetzt alles ein bisschen anders geworden, vielleicht jedenfalls.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Das Epistemische<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Kontaktbrief 2019 erscheint dieser Begriff zum ersten Mal, und zwar um zu erkl\u00e4ren &#8211; zu rechtfertigen, tats\u00e4chlich &#8211; warum andere Aufsatzarten (es gibt sie halt doch noch, trotz allem) einen Kontext, ein zu adressierendes Publikum haben, und die Interpretation nicht. Die ist &#8222;epistemisch-heuristisch&#8220;, das hei\u00dft, sie dient nicht zur Kommunikation mit anderen, sondern zum eigenen Erkenntnisgewinn. Man stellt den Text niemandem vor, sondern gewinnt durch die schriftliche Auseinandersetzung mit Text an Erkenntnis, da &#8222;das Schreiben der Selbstvergewisserung bzw. dem Erkenntnisgewinn dient.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Soll der Aufsatz nun das Ergebnis der Erkenntnisfindung sein, oder soll man w\u00e4hrend des Schreibens zu Erkenntnissen kommen? In der Theorie w\u00fcnscht man sich vielleicht, dass man sich zuerst viel Gedanken macht (etwa in Form einer Gliederung, die allerdings de facto abgeschafft wurde), und diese am Ende hinschreibt; in der Praxis kommt man vielleicht erst im Lauf des Schreibens zu Erkenntnissen. Ich bin mir nicht sicher, welche Sichtweise der real existierende Lehrplan w\u00fcnscht, und will hier dieser Frage nachgehen; dass es in der Fachdidaktik Argumente sowohl f\u00fcr das eine wie f\u00fcr das andere geben d\u00fcrfte, ist sehr wahrscheinlich.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Exkurs: Wie es bei meinem eigenen Schreiben aussieht<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, meine Blogeintr\u00e4ge dienen dem Erkenntnisgewinn. Ja, ich schreibe in einem Kontext und f\u00fcr ein Publikum. Manchmal auch \u00fcber literarische Texte. Insofern sehe ich den Widerspruch des Kultusministeriums zwischen epistemisch-heuristischem und adressatenbezogenem Schreiben als kein so grundlegendes Problem an, aber soll sein, soll sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich mache mir vor dem Schreiben, oder vielleicht auch parallel zum Schreiben, immer eine Stoffsammlung, mal mehr, mal weniger ausf\u00fchrlich. H\u00e4ufig sind das einzelne Notizzeilen im Blogeintrag, die dann nach und nach f\u00fcr den entstehenden Text herangezogen werden. Wenn ich auf Papier schreiben m\u00fcsste, w\u00fcrde ich sicher vorher eine Art Plan anlegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich komme w\u00e4hrend des Schreibens auch auf neue und unerwartete Gedanken, aber &#8211; glaube ich &#8211; nur selten dergestalt, dass ich zu einer neuen Gesamtsicht, quasi Deutung, der urspr\u00fcnglich vorhandenen Idee finde. Es geht eher um Erweiterungen und Erg\u00e4nzungen. Mitunter komme ich allerdings zu der neuen Gesamtdeutung, dass sich der Blogeintrag nicht lohnt und verwerfe ihn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch habe ich das Gef\u00fchl, etwas erst dann ganz verstanden zu haben, wenn ich es in einem Blogeintrag verschriftlicht habe. Es ist keine <em>neue<\/em> Erkenntnis, die ich gewinne, aber ich forme die intuitive urspr\u00fcngliche Erkenntnis in eine f\u00fcr mich und vielleicht auch andere leichter fassbare Gestalt, und erst dann habe ich sie wirklich begriffen, als Modell in meinem Kopf verankert. (Bestenfalls passt das Modell dann auch zur Wirklichkeit, aber das ist wieder ein anderes Problem.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">T\u00e4usche ich mich dabei und verschiebe doch die Erkenntnis zu dem hin, was ich geschrieben habe? Am Ende glaube ich jedenfalls das, was ich geschrieben habe, und wenn ich an einem anderen Punkt angefangen habe, habe ich den vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man verweist hier gerne auf Heinrich von Kleists Essay &#8222;\u00dcber die allm\u00e4hliche Verfertigung der Gedanken beim Reden&#8220;, der auch aufs Schreiben anwendbar ist. Daneben kursiert der Spruch: &#8222;Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich h\u00f6re, was ich sage?&#8220;, der vielen Leuten zugeschrieben wird, darunter allerdings nicht, zu meiner Verwunderung, Karl Valentin. Tats\u00e4chlich geht diese konkrete Formulierung auf E. M. Forster (1927) zur\u00fcck, der ihn von einer alten Dame geh\u00f6rt haben will. Der <a href=\"https:\/\/quoteinvestigator.com\/2019\/12\/11\/know-say\/\">Quote Investigator hat sich auf die Suche gemacht<\/a> und einen Vorl\u00e4ufer ein Jahr vor Forster ausgemacht, bei dem als Autorin ein anonymes junges M\u00e4dchen genannt wird. In einem Buch aus dem Jahr 1949 wird Horace Walpole (1717-1797) zitiert mit: &#8222;I never understand anything until I have written about it.&#8220; Aber eine genaue Quellenangabe gibt es nicht, insofern ist es zweifelhaft, ob das korrekt ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Die Deutungshypothese und mein Problem damit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Begriff taucht am bayerischen Gymnasium erst mit dem LehrplanPlus des 9-j\u00e4hrigen Gymnasiums auf, also 2017ff. Davor ist im Lehrplan und in den j\u00e4hrlichen Kontaktbriefen von &#8222;Deutung&#8220;, &#8222;Deutungsansatz&#8220; oder &#8222;Deutungsm\u00f6glichkeit&#8220; die Rede. Ab der 9. Jahrgangsstufe geht es jetzt um &#8222;Verstehensentw\u00fcrfe&#8220; (bei Sachtexten) und &#8222;Deutungshypothesen&#8220; (bei literarischen Texten).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und so kommt es, dass heute oft zum Ende des Aufsatzes hin mehr oder weniger w\u00f6rtlich steht: &#8222;Wie sich gezeigt hat, ist meine Deutungshypothese best\u00e4tigt worden&#8220; oder auch, seltener, &#8222;Wie sich gezeigt hat, ist meine Deutungshypothese nicht best\u00e4tigt worden.&#8220; Ich halte beides f\u00fcr unsinnig, andere Lehrkr\u00e4fte schw\u00f6ren darauf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es h\u00e4ngt letztlich davon ab, was der Aufsatz sein soll: Geht es um die Dokumentation des Verlaufs der Erkenntnisfindung, oder um das Ergebnis der Erkenntnisfindung? Ein Verlaufsprotokoll oder ein Ergebnisprotokoll? (Nat\u00fcrlich eh kein Protokoll, in beiden F\u00e4llen wird man argumentieren m\u00fcssen, weshalb die Zuweisung dieser Textsorte zum informierenden statt argumentierenden Schreiben obendrein Unfug ist.)<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb bringt es die Arbeit mit der Deutungshypothese mit sich, dass die so geleitete Interpretation immer argumentativ gest\u00fctzt wird.<\/p>\n<cite>Kurt Finkenzeller, Zum Begriff &#8222;Deutungshypothese&#8220; (ISB)<br>(Eben, deswegen ja auch argumentierend, nicht informierend.)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Diese Herangehensweise ist mittlerweile im Lehrplan durchgehend verankert und sie ist auch in der Deutschdidaktik untersucht worden, z. B. hat R\u00f6del belegt, dass das \u201eZiel eines Interpretationstextes (\u2026) die argumentative Darstellung (ist), wie und warum der Verfasser zu (s)einer konkreten Interpretation eines literarischen Textes gelangt ist\u201c (R\u00f6del, 2018 S.20)<\/p>\n<cite>Kurt Finkenzeller, Zum Begriff &#8222;Deutungshypothese&#8220; (ISB)<br>(Wie kann man <em>belegen<\/em>, was das Ziel des Aufsatzes ist? Das kann man doch nur postulieren? Nicht dass ich R\u00f6del nicht zustimme; zu ihm weiter unten mehr.)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass das Verstehen eines Textes &#8211; f\u00fcr Literatur: das Finden eines von mehreren m\u00f6glichen Verst\u00e4ndnissen des Textes &#8211; ein <em>Vorgang<\/em> ist, ist ohnehin klar. Die Frage ist nur, ob man Verlauf oder Ergebnis dokumentiert; in der Praxis wird es ohnehin immer eine Mischform sein..<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin Team <em>Ergebnis<\/em>. Die Erkenntnisgewinnung soll vor dem Schreiben stattfinden, n\u00e4mlich in der Entwurfs- und Planungsphase. Dann k\u00f6nnte man die eigene Deutungsthese, den Deutungsansatz, die Deutung (so hie\u00df das fr\u00fcher) voranstellen und am Text erkl\u00e4ren. Das Wort Hypothese w\u00e4re dann falsch. Es w\u00e4re eine <em>These,<\/em> die es zu begr\u00fcnden g\u00e4lte, so wie bei jedem anderen argumentierenden Schreiben auch. Das Wort Hypothese suggeriert einerseits einen vorl\u00e4ufigen Standpunkt, den ich hier beim Ergebnis eben nicht m\u00f6chte, und einen Zusammenhang mit exakteren Wissenschaften &#8211; da bringt eine Hypothese n\u00e4mlich Erkenntnisgewinn, egal ob sie widerlegt oder best\u00e4tigt wird. (Au\u00dferdem bringt das auch anderen etwas; bei der rein epistemisch-heuristischen &#8211; nicht meine Worte &#8211; Interpretation bringen die Hypothese, deren Best\u00e4tigung oder Widerlegung nur dem Denkenden selber etwas. Die Nichtbest\u00e4tigung einer Hypothese sagt auch nichts dar\u00fcber aus, ob jemand anderes diese Hypothese niocht doch f\u00fcr sich best\u00e4tigen kann und m\u00f6chte.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Team <em>Vorgang<\/em> sieht in der Interpretation eher das kommentierte Entlangspazieren am hermeneutischen Zirkel, einen Fu\u00df vor den anderen setzend und die Schritte dabei sprachlich begleitend. Rezeptions\u00e4sthetik, reader-response, wei\u00df schon, aber ich sehe daf\u00fcr im Schulaufsatz keinen Platz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ein Sch\u00fcler oder eine Sch\u00fclerin die Deutungshypothese verwirft und im Lauf des Schreibens zu einer anderen kommt: von mir aus. Das h\u00e4tte aber vorher geschehen sollen. Wenn die Deutungshypothese dagegen einfach als nicht best\u00e4tigt pr\u00e4sentiert wird, und das ist mir mehrfach untergekommen, dann ist mir das nicht genug f\u00fcr einen Interpretationsaufsatz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist es vielleicht doch so, dass man am Anfang eine Deutungshypothese stellt, und im Lauf des Aufsatzes diese These best\u00e4tigt oder halt eine andere findet? Dass &#8222;Hypothese&#8220; hier wirklich die Vorl\u00e4ufigkeit, den ersten Gedanke meint? Die Sch\u00fclerhilfe sieht das so: &#8222;Die Deutungshypothese muss nicht korrekt sein, denn sie stellt einen Einstieg in die Analyse und eine Vermutung dar, die \u00fcberpr\u00fcft, widerlegt, erweitert oder ver\u00e4ndert werden kann.&#8220; <a href=\"https:\/\/www.schuelerhilfe.de\/online-lernen\/2-deutsch\/3836-deutungshypothese\">https:\/\/www.schuelerhilfe.de\/online-lernen\/2-deutsch\/3836-dDie eutungshypothese<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was das Kultusministerium dazu sagt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht viel. Alle Beispiele und Erkl\u00e4rungen, die ich gefunden habe, beziehen sich nur auf Thesen, die im Lauf des AUfsatzes best\u00e4tigt werden. Dazu passt auch, dass in den letzten Jahren im Abitur &#8211; alter Lehrplan, ohne Hypothese &#8211; meist, aber nicht immer, eine Deutungsthese vorgegeben ist, die es nur noch anzuwenden gilt. Das ISB schreibt dazu:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen literarischen Text deuten, hei\u00dft dann, das eigene Textverst\u00e4ndnis zun\u00e4chst als Hypothese\/als erste Annahme zu formulieren und im zweiten Schritt zu erkl\u00e4ren, wie sich diese Lesart am Text begr\u00fcnden und je nach Jahrgangsstufe unter Einbeziehung au\u00dfertextlicher Informationen (geschichtlicher Hintergrund, Einbettung in historische, kulturelle und aktuelle Diskurse) vertiefen l\u00e4sst.<\/p>\n<cite>Kurt Finkenzeller, Zum Begriff &#8222;Deutungshypothese&#8220; (ISB)<br><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was geschieht, wenn die Erkl\u00e4rung dieser Lesart nicht m\u00f6glich ist oder verworfen wird, dazu steht nichts.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ausgangspunkt ist die grunds\u00e4tzliche Deutungsoffenheit von literarischen Texten und die sich daraus ergebende Notwendigkeit, eine plausible Lesart des Textes vorzustellen. Die einzelnen Erschlie\u00dfungsschritte dienen dann dazu, die Plausibilit\u00e4t zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<cite>Kurt Finkenzeller, Zum Begriff &#8222;Deutungshypothese&#8220; (ISB)<br><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also: Plausibilit\u00e4t erh\u00f6hen und nicht reduzieren.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weil alles darauf ausgerichtet ist, die Deutungshypothese durch die Erschlie\u00dfung zu pr\u00fcfen, kann auch davon ausgegangen werden, dass die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ihre F\u00e4higkeit, einen koh\u00e4renten Text zu verfassen, verbessern. Auszugehen ist auch davon, dass die Texte k\u00fcrzer werden, weil es eben \u201enur\u201c darum geht, die Deutungshypothese zu begr\u00fcnden \u2013 die Vorarbeiten dazu werden wichtiger, die Gliederung und der Aufbau des eigenen Textes r\u00fccken st\u00e4rker in den Vordergrund. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler m\u00fcssen genauer planen und \u00fcberlegen, auf welche Aspekte der Texterschlie\u00dfung sie sinnvollerweise setzen, damit sie ihre Deutungshypothese belegen k\u00f6nnen. Bei der Bewertung der Arbeiten kann sich die Lehrkraft darauf konzentrieren, inwiefern es der Sch\u00fclerin bzw. dem Sch\u00fcler gelungen ist, einen koh\u00e4renten, argumentativ \u00fcberzeugenden und sprachlich gelungenen Aufsatz zu verfassen.<\/p>\n<cite>Kurt Finkenzeller, Zum Begriff &#8222;Deutungshypothese&#8220; (ISB)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr mich klingt das danach, dass die Deutungshypothese zu begr\u00fcnden ist, und nicht darum, sie zu \u00fcberpr\u00fcfen, also sie zu best\u00e4tigen oder zu widerlegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Optimistisch, aber naheliegend finde ich den Gedanken, dass die Texte koh\u00e4renter werden; behutsam das &#8222;kann davon ausgegangen werden&#8220;. Interessant und sinnvoll finde ich den Gedanken, dass die Aufs\u00e4tze dann k\u00fcrzer werden. Die Pr\u00fcfungszeiten, Abitur eingeschlossen, werden jedenfalls regelm\u00e4\u00dfig verl\u00e4ngert. Das muss kein Widerspruch sein, weil ja dann mehr Zeit zum Denken und Planen verwendet werden k\u00f6nnte, ruft bei mir aber eine gewisse Skepsis hervor.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was die Fachdidaktik dazu sagt (na gut, <em>ein<\/em> Buch)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dem ISB-Kommentar werden ein Fachdidaktiker und ein Werk erw\u00e4hnt: Michael R\u00f6del, <em>Interpretationsaufs\u00e4tze<\/em> schreiben. Also gut, schauen wir uns den an &#8211; es gibt das Buch weder in Staats- noch Stadtbibliothek, auch anderswo finde ich es nicht kostenlos, also kaufe ich es f\u00fcr zwanzig Euro als PDF-Datei (kein DRM, aber eine Art Wasserzeichen auf den Seiten).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stellt sich heraus: Das Buch ist direkt gut und empfehlenswert. Ja, manche sehen als Leistung von Sch\u00fclern doer Sch\u00fclerinnen ein &#8222;Rezeptionsdokument&#8220;, aber nicht als Pr\u00fcfungsleistung. Nach R\u00f6del legt der Begriff &#8222;Deutungshypothese&#8220; eine vorl\u00e4ufige Deutung nahe, und er spricht sich dagegen aus, dass &#8222;diese vorl\u00e4ufige Deutung Bestandteil des Aufsatzes sein soll, etwa im Rahmen eines epistemischen Schreibens, in dem der Verfasser erst w\u00e4hrend des Schreibprozesses zu seinem Ergebnis kommt.&#8220; Er benutzt stattdessen den Audruck &#8222;Interpretationsthese.&#8220; F\u00fcr R\u00f6del sind beide Varianten legitim: die Interpretationsthese vor den argumentativen Text zu stellen (&#8222;deduktiv&#8220;) oder an dessen Ende (&#8222;induktiv&#8220;); beides hat Vor- und Nachteile, das induktive Vorgehen sieht er eher bei ge\u00fcbteren Schreibern. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann steht da noch sehr viel mehr Interessantes, in das ich mich bei Gelegenheit vertiefen m\u00f6chte, etwa dazu, zu welchen Texten sich leichter oder schwerer Interpretationsthesen aufstellen lassen. Je verschl\u00fcsselter der Text ist, desto leichter sei demnach, eine Interpretationsthese zu finden; wenn der Text offensichtlich ist, sei es schwer, die Deutung vom Inhalt abzugrenzen, weil: steht da doch schon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Au\u00dferdem gibt es viele Vorschl\u00e4ge zu Gliederungsverfahren, aber, nun ja, seit die Gliederung nicht mehr als Teil der Arbeit gewertet ist, ist es still geworden um die real existierende Gliederung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Und jetzt?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt machen halt alle, was sie wollen, und ich muss leben mit dem formelhaften: &#8222;Hat sich gezeigt, dass sich meine Deutungshypothese best\u00e4tigt hat.&#8220; Auch wenn es sich nach dem Protokoll eines Experiments anh\u00f6rt; ich sehe den Sch\u00fcler geradezu mit dem Skalpell in der Hand, die Reste des sezierten Gedichts blutig auf dem Schreibtisch verteilt. Vielleicht frage ich mich auch nur, wozu dieser epistemisch-selbstvergewissernde Aufsatz diese Verk\u00fcndigung &#8211; und Einleitung und Schluss -\u00fcberhaupt braucht, wenn er doch gar nicht adressatenbezogen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht sollte man mal nur Deutungsthese zu Gattung und Thema vorgeben, ohne das konkrete Gedicht, und dann hypothetisch formulieren, welche Stilmittel und sprachliche Auff\u00e4lligkeiten sie erwarten w\u00fcrden, die diese Deutung st\u00fctzen k\u00f6nnten. So wie Lem &#8211; und sicher auch andere &#8211; Vorworte zu nicht existierenden B\u00fcchern geschrieben hat, gibt es doch bestimmt auch Interpretationsaufs\u00e4tze zu nicht existierenden Gedichten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(6 Kommentare.) 1. Historisches zum Interpretationsaufsatz Neben dem Er\u00f6rtern ist das Interpretieren von literarischen Texten eine der historisch zentralen Aufsatzformen im Deutschunterricht. Etwas prominenter geworden ist in den letzten Jahrzehnten die eigentlich auch schon alte Sachtextanalayse, neu hinzugekommen das materialgest\u00fctzte informierende Schreiben. 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