{"id":6433,"date":"2015-04-16T20:56:40","date_gmt":"2015-04-16T18:56:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6433"},"modified":"2015-04-16T20:56:40","modified_gmt":"2015-04-16T18:56:40","slug":"eroerterung-in-der-schule-und-essays","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2015\/04\/eroerterung-in-der-schule-und-essays.htm","title":{"rendered":"Er\u00f6rterung in der Schule, und Essays"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2015\/04\/eroerterung-in-der-schule-und-essays.htm#comments'>7 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p>Seit vielen Jahren bin ich mit der Textsorte Er\u00f6rterung in der Schule unzufrieden. <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/04\/mein-problem-mit-dem-eroertern.htm\">Steht hier was dazu,<\/a>, und <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/08\/fakten-machen.htm\">hier noch mehr.<\/a> Die Theorie zu dieser Textsorte &#8211; die kenne ich nicht. Nie gelernt, mich auch nie weitergebildet. Ich kenne auch keinen, der dazu gesicherte Informationen hat und nicht nur Alltagserfahrung&#8230; vielleicht mal <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Er%C3%B6rterung\">bei Wikipedia schauen.<\/a><\/p>\n<p>&#8230;uh, nein. Hei\u00dft die Er\u00f6rterung irgendwo tats\u00e4chlich noch &#8222;Besinnungsaufsatz&#8220;? Ich dachte, das Wort vermeidet man seit den 1970ern. Davor trieb man in der Mittelstufe Er\u00f6rterung, und den Besinnungsaufsatz in der Oberstufe; heute gibt es nur noch die Er\u00f6rterung. Sag ich mal nichts dazu. (Siehe Dietrich Wolf und Dorothea Klotz, <em>Von der Er\u00f6rterung zum Reifepr\u00fcfungsaufsatz. 3000 Aufsatzthemen<\/em>, Frankfurt am Main 1966, <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2007\/01\/nathan-themen-und-warum-und-wo-ist-normung-notwendig.htm\">in altem Blogeintrag mal beschrieben<\/a>.) Und was da \u00fcber die textgebundene Er\u00f6rterung steht, gilt in Bayern nicht.<br \/>\nAuch sonst sind keine Links zur wissenschaftlichen Besch\u00e4ftigung mit der Er\u00f6rterung da, schade. Da gibt es sicher Untersuchungen, wenn auch keine Fortbildungen.<\/p>\n<p>Nachdem ich mich also nie wissenschaftlich mit der Er\u00f6rterung besch\u00e4ftigt habe, hier mein Bauchgef\u00fchl, was die Sch\u00fcler daran lernen sollen: Sie sollen lernen, a) gute Argumente zu erkennen und zu verwenden, b) Argumente auch erfolgreich zu versprachlichen und c) dass die Dinge manchmal kompliziert sind. Ist die Er\u00f6rterung das beste Mittel, diese drei Ziele zu erreichen? Meine Intuition sagt: nein. Werden diese drei Ziele denn erreicht? Sagen wir mal so: Im bayerischen Abitur war die reine Er\u00f6rterung kein besonders beliebtes Thema.<\/p>\n<p>Dass die Dinge manchmal kompliziert sind, l\u00e4sst sich am ehesten in der Auseinandersetzung mit anderen Meinungen erfahren; in der Praxis der Er\u00f6rterung f\u00fchrt das eher dazu, dass man schreibt, was man nicht glaubt, weil es der Lehrer so will.<br \/>\nWie man Argumente versprachlicht, lernen die Sch\u00fcler zu oft an Hand einer Reihe von Floskeln, die sie zu verwenden haben, und brav verwenden, gerade bei den \u00dcberleitungen. &#8222;Am wichtigsten ist jedoch&#8220;, &#8222;Ganz besonders wichtig ist aber&#8220;.<br \/>\nUnd was ein gutes Argument ist &#8211; dazu sollte man erst mal lernen, was ein <em>non sequitur<\/em> ist, ein <em>ad hominem,<\/em> ein <em>argumentum ad verecundiam.<\/em> Im G9 habe ich das auch noch ein bisschen gemacht, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eristische_Dialektik\">Schopenhauers Eristische Dialektik<\/a> gelesen. <\/p>\n<p>Aber gut, soll sein, soll sein. Ich kenne ein paar Deutsch-Kolleginnen und -Kollegen, die das anders sehen, die schw\u00f6ren auf die Er\u00f6rterung. (Und raten den meisten Sch\u00fclern davon ab, im Abitur diese Aufgabensorte zu w\u00e4hlen.)<\/p>\n<p>Immerhin gibt es seit ein paar Jahren Alternativen zur Er\u00f6rterung, im Lehrplan und im Abitur. Sch\u00fcler und Lehrer werden erst langsam warm damit, aus Gr\u00fcnden, zugegeben. W\u00e4hrend im letzten Lehrplan des G9 noch von Aufsatzarten die Rede war (&#8222;Er\u00f6rterung&#8220;), geht es im aktuellen Lehrplan um Fertigkeiten (&#8222;er\u00f6rtern, begr\u00fcnden&#8220;). Und die kann man in verschiedenen Textsorten demonstrieren. Au\u00dferdem gibt es &#8222;informierendes&#8220; Schreiben. Das f\u00fchrt zu einer Vielzahl neuer, mehr oder weniger gegl\u00fcckter Aufsatzvarianten: Rede, Vorwort zu Ausstellungskatalog, Theaterprogramm, Lexikoneintrag, und eben auch Kommentar und Essay.<\/p>\n<p>Was auch immer man unter einem Essay versteht und wie auch immer man ihn benotet.<\/p>\n<p>Im Moment \u00fcbe ich Essays mit der 11. Jahrgangsstufe. Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sind erleichert, dass sie etwas schreiben d\u00fcrfen, dass nicht krampfhaft antithetisch-dialektisch-synthetisierend sein muss. Ohne das Korsett des Arguments mit Behauptung-Begr\u00fcndung-Beispiel. Tats\u00e4chlich mal schreiben d\u00fcrfen, was man will. Ohne die &#8211; gef\u00fchlte, hoffentlich nie bewusst durch Lehrer vermittelte &#8211; Notwendigkeit, geschwollen daherzureden, Fremdw\u00f6rter zu benutzen, lange S\u00e4tze zu machen. Ich habe mit den Sch\u00fclerinnen ein paar Essays angeschaut und wir haben verglichen, was ihnen aus der Er\u00f6rterung bekannt vorkommt und was so in der Er\u00f6rterung nicht stehen d\u00fcrfte. Zu letzterem z\u00e4hlten lauter einfache, klar, deutliche Aussagen, \u00fcber die ich mich so in in jeder Er\u00f6rterung freuen w\u00fcrde.<br \/>\nAllerdings haben die Sch\u00fcler auch gleich gemerkt, dass das Schreiben ohne starres Ger\u00fcst schwieriger wird. Also lesen wir jetzt gemeinsam Essays und Kommentare; ich glaube, dass man am besten am Vorbild lernt. Bei der Er\u00f6rterung geht das ja nicht, weil es die in freier Wildbahn nicht gibt, weil sie dort auch nicht \u00fcberleben k\u00f6nnte, \u00f6de wie sie ist.<\/p>\n<p>Das Lesen von Essays macht den Sch\u00fclern Spa\u00df. Ich habe nur noch nicht genug Beispiele &#8211; die meisten Essays, die ich kenne und sch\u00e4tze, habe ich nur im englischen Original. Hat jemand Vorschl\u00e4ge? Der ideale Beispielessay f\u00fcr die Schule ist kurz, sprachlich und gedanklich originell, demonstriert weder noch verlangt zu viel Hintergrundwissen. Blogeintr\u00e4ge z\u00e4hlen auch.<\/p>\n<p>Essayvorschl\u00e4ge, zu erg\u00e4nzen:<\/p>\n<ul>\n<li>Heinrich von Kleist, &#8222;\u00dcber die allm\u00e4hliche Verfertigung der Gedanken beim Reden&#8220;<br \/>\nGut, aber als Aufsatz-Vorbild schwierig, da man so etwas nur schreiben kann, wenn man sich bereits viel Gedanken zum Thema gemacht hat <\/li>\n<li>Charles Lamb, &#8222;A Dissertation Upon Roast Pig&#8220;<br \/>\nSchon besser, da Allerweltsthema. Beim Lesen bekam ich richtig lustig darauf, Schweinebraten zuzubereiten. Deutsche \u00dcbersetzung ist in der Post.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich habe schon ein paar mal in diesem Blog ein kleines Buch von Birgit Lahann erw\u00e4hnt, <em>Abitur. Von Duckm\u00e4usern und Rebellen &#8211; 150 Jahre Zeitgeschichte in Aufs\u00e4tzen prominenter Deutscher<\/em> (1982). Neben viel Kommentar, Zusammenfassung, Beschreibung enth\u00e4lt der Band viele &#8211; zu wenige &#8211; zumindest teilweise wiedergegebene Abituraufs\u00e4tze. Keiner davon sieht aus wie eine moderne Er\u00f6rterung. Als Essay w\u00fcrden sie alle durchgehen, auch in den F\u00e4llen, in denen es um Literaturiterpretationen geht- sie enthalten rhetorische Mittel und durchgehend ein sehr deutlich sich positionierendes Ich. Dieses &#8222;ich&#8220; treiben wir den Sch\u00fclern in der Er\u00f6rterung aus. <\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte jedenfalls gerne mehr solcher Essays-Besinnungsaufs\u00e4tze als Er\u00f6rterung. Kann man dabei die Dinge, die man an der Er\u00f6rterung lernen soll, besser lernen als mit der Er\u00f6rterung? Oder andere, wichtigere Dinge? Wenn nicht, dann ist die Er\u00f6rterung wichtiger, keine Frage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(7 Kommentare.) Seit vielen Jahren bin ich mit der Textsorte Er\u00f6rterung in der Schule unzufrieden. 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