{"id":64351,"date":"2025-02-18T19:05:42","date_gmt":"2025-02-18T18:05:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=64351"},"modified":"2025-02-18T19:05:42","modified_gmt":"2025-02-18T18:05:42","slug":"eine-rahmenhandlung-fuer-das-marmorbild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2025\/02\/eine-rahmenhandlung-fuer-das-marmorbild.htm","title":{"rendered":"Eine Rahmenhandlung f\u00fcr das Marmorbild"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2025\/02\/eine-rahmenhandlung-fuer-das-marmorbild.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Wenn ich die Gattung Novelle erkl\u00e4re, erkl\u00e4re ich auch gerne das mit der Rahmenhandlung. Novellen sind mehr oder weniger kurze, jedenfalls abgeschlossene Erz\u00e4hlungen, in denen ein au\u00dfergew\u00f6hnliches, sich tats\u00e4chlich ereignetes oder f\u00fcr ereignet ausgegebenes Geschehen erz\u00e4hlt wird. Eine Neuigkeit sozusagen, von der man sonst auch in der Zeitung lesen w\u00fcrde. Das unterscheidet die Novelle vom M\u00e4rchen (das nicht f\u00fcr wahr gehalten wird) oder der Kurzgeschichte (die j\u00fcnger ist, nicht abgeschlossen und nicht f\u00fcr wahr ausgegeben, und insbesondere bei der deutschen Kurzgeschichte oft kein au\u00dfergew\u00f6hnliches Ereignis enth\u00e4lt).<\/p>\n\n\n\n<p>Da in der Novelle von einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Ereignis erz\u00e4hlt wird, ist oft die Erz\u00e4hlsituation Teil des Textes. Es gibt vielleicht sogar eine Rahmenhandlung, oder vielleicht nur einen einleitenden Absatz, der den Erz\u00e4hlanlass f\u00fcr die eigentliche Handlung beschreibt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>In einem der h\u00e4rtesten Winter war gegen Ende des Februar ein sonderbarer Tumult gewesen, \u00fcber dessen Entstehung, Fortgang und Beruhigung die seltsamsten und widersprechendsten Ger\u00fcchte in der Residenz umliefen. Es ist nat\u00fcrlich, dass, wenn alle Menschen sprechen und erz\u00e4hlen wollen, ohne den Gegenstand ihrer Darstellung zu kennen, auch das Gew\u00f6hnliche die Farbe der Fabel annimmt. <br>In der Vorstadt, die ziemlich bev\u00f6lkert ist, hatte sich in einer der engsten Stra\u00dfen das Abenteuer zugetragen.<\/p>\n\n\n\n<p>(Ludwig Tieck, &#8222;Des Lebens \u00dcberfluss&#8220;)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Man fragt sich, was da passiert ist. Oder:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>(Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem<br>S\u00fcden verlegt worden)<\/p>\n\n\n\n<p>In M\u2026, einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, lie\u00df die verwitwete Marquise von O\u2026, eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: dass sie, ohne ihr Wissen, in andre Umst\u00e4nde gekommen sei, dass der Vater zu dem Kinde, das sie geb\u00e4ren w\u00fcrde, sich melden solle; und dass sie, aus Familienr\u00fccksichten, entschlossen w\u00e4re, ihn zu heiraten.<\/p>\n\n\n\n<p>(Heinrich von Kleist, &#8222;Die Marquise von O&#8230;&#8220;)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Man fragt sich, was da passiert ist. Die Antwort liefert die Novelle. <\/p>\n\n\n\n<p>Kurzgeschichten beginnen anders: &#8222;Pl\u00f6tzlich wachte sie auf. Es war halb drei.&#8220; oder &#8222;Die Berge jenseits des Ebrotals waren lang und wei\u00df. Auf dieser Seite gab es weder Schatten noch B\u00e4ume, und der Bahnhof lag zwischen zwei Schie\u00adnenstr\u00e4ngen in der Sonne.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zu Kleist gibt es h\u00e4ufig ganze Rahmenhandlungen, in denen in einer gef\u00e4hrlichen Ausnahmesituation eine Gesellschaft einander Geschichten erz\u00e4hlt. Im <em>Decamerone<\/em> von Boccaccio flieht man vor der Pest und vertreibt sich die Zeit mit Geschichten; bei Chaucer spielen die erz\u00e4hlenden Pilger eine fast ebenso gro\u00dfe Rolle wie deren Geschichten; bei Goethes <em>Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten<\/em> sitzt man auf einem Schloss, das von den Franzosen bedrogt wird; Scheherezade muss erz\u00e4hlen, um ihr Leben zu verl\u00e4ngern; Bart, Lisa und Maggie erz\u00e4hlen einander in &#8222;Treehouse of Horror&#8220; Gruselgeschichten. Und selbst noch in der &#8222;Schachnovelle&#8220; von Stefan Zweig gibt es die Binnenerz\u00e4hlung im R\u00fcckblick und die Rahmenhandlung der Ozean\u00fcberquerung, die auch hier, finde ich, die eigentlich interessantere Geschichte ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Etliche der romantischen Novellen, die wir oft nur einzeln kennen, sind eingebunden in Erz\u00e4hlkontexte. &#8222;Der Sandmann&#8220; von E.T.A. Hoffmann stammt aus <em>Nachtst\u00fccke,<\/em> ebenso wie &#8222;Das steinerne Herz&#8220; oder &#8222;Das \u00f6de Haus&#8220;; mindestens in letzterem gibt es daher den expliziten auktorialen Erz\u00e4hler. In <em>Das Wirtshaus im Spessart<\/em> ist die Rahmenhandlung &#8211; wieder eine gef\u00e4hrliche Ausnahmesituation &#8211; interessanter als die Binnenerz\u00e4hlungen,<\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzept einer Rahmenhandlung, das wei\u00df ich aus vorherigen Erfahrungen, ist Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen erst einmal fremd; es fallen ihnen kaum eigene Beispiele daf\u00fcr ein. Deshalb versuche ich immer, das gr\u00fcndlich zu erkl\u00e4ren, vielleicht auch, weil ich Rahmenhandlungen mag. (&#8222;Nat\u00fcrlich, eine alte Handschrift.&#8220;) Zum ersten Mal habe ich bei diesem Durchgang allerdings selbst mal eine Rahmenhandlung schreiben lassen, und zwar f\u00fcr die als Lekt\u00fcre gelesene rahmenlose Erz\u00e4hlung &#8222;Das Marmorbild&#8220; von Eichendorff. Rahmenlos wahrscheinlich aus gutem Grund, ein nachtr\u00e4glicher Rahmen drumrum ist ja nicht unbedingt eine literarisch oder strukturell gute Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier jedenfalls ein allerdings besonders sch\u00f6ens Ergebnis aus der 12. Klasse:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die sterbende Sonne reflektierte tausendfach in Glasfl\u00e4chen, die einmal Fenster eines himmelhohen Geb\u00e4udes gewesenen sein mussten. Wie von \u00fcbermenschlicher Kraft in den Boden gerammte Keile ragten die monumentalen \u00dcberreste der seit \u00c4onen verlassenen Stadt aus der Erde. Moos war einige der schiefen Pfeiler aus Glas und Stahl hinaufgekrochen, wie um von oben dem Kampf der Natur gegen die letzten \u00dcberbleibsel der Zivilisation zuzusehen. Die einstigen Verkehrsadern des Lebens hatten wilde Gew\u00e4chse erobert, die Ruinen der f\u00fcr die Ewigkeit gebauten Metropole waren von urt\u00fcmlichen Ranken fast g\u00e4nzlich eingeschlossen worden. In den vergeblich nach dem Himmel reichenden Bauwerken brach das Licht sich zahlose Male in Scherben und malte Lichtwelle in dunklem orange auf die Bl\u00e4tter der Schlingpflanzen, ein verzweifelter Versuch der Gestirne, dem Ort den letzten Funken Leben abzuringen. Ein einzelner scharfer Lichtstrahl fand seinen Weg aus diesem Kaleidoskop durch die Stahltr\u00e4ger zweier sich ineinander lehnender Gebilde. Inmitten einer Lichtung von St\u00fctzpfeilern, die die Jahrmillionen unter einem Geflecht aus Ranken vergraben hatten, traf das Leuchten auf ein Relikt \u00e4lter als die Zeit. Den Blick voller Schwermut dem Glanz zugewandt, auf einem von Kr\u00e4uterb\u00fcscheln \u00fcberwuchertem Sockel stehend, schien die bleiche Statue dem Ende des Universums entgegenzusehen \u2013 Stellvertretend f\u00fcr eine Spezies, deren Name schon lange aus den Geschichtsb\u00fcchern verschwunden war. Zu ihren F\u00fc\u00dfen schwebten tr\u00e4ge Staubpartikel \u00fcber Tafeln aus Marmor. Auf diesen befanden sich mit einer erstaunlichen Akribie eingekerbte Zeichen in einer l\u00e4ngst vergessenen Schrift, die eine Geschichte f\u00fcr die Ewigkeit bewahrten. Sie lautete wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<p>[Hier der Text der Erz\u00e4hlung]<\/p>\n\n\n\n<p>Die letze R\u00f6te glomm noch am fernen Horizont, bis sich die Nacht vollst\u00e4ndig \u00fcber die Ruhest\u00e4tte der Zivilisation senkte. Der Vollmond durchdrang die Geb\u00e4udebruchst\u00fccke mit m\u00fcden Schein und h\u00fcllte auch die Venus in seinen kosmischen Glanz. Als der Polarstern im Zentrum der st\u00e4hlernen, zum schwarzen Himmel hin zulaufenden, Pfeiler aufleuchtet, hatte die Gestalt aus Marmor in der v\u00f6lligen Stille der Abwesenheit jeglichen Lebens die steinernen Augen bereits geschlossen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Polarstern, Venus, letzte R\u00f6te, Pfeiler, Ende des Universums, das hat mich gleich an einen Text erinnert, den ich kannte. Danach gefragt, zumindest hatte der Sch\u00fcler\/die Sch\u00fclerin vom Autor dieser Werke schon manches gelesen, wenn auch nicht unbedingt das, was ich im Kopf hatte &#8211; wir kamen nicht dazu, das zu vertiefen. Mit Erlaubnis ver\u00f6ffentlicht, nat\u00fcrlich; Rechte bleiben bei Urheber:in.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) 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