{"id":6454,"date":"2015-05-11T17:50:37","date_gmt":"2015-05-11T15:50:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6454"},"modified":"2023-05-24T12:54:24","modified_gmt":"2023-05-24T10:54:24","slug":"das-biedermeier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2015\/05\/das-biedermeier.htm","title":{"rendered":"Das Biedermeier"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2015\/05\/das-biedermeier.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>In der Schule spielt die Zeit zwischen Romantik und Realismus literaturgeschichtlich keine gro\u00dfe Rolle. Man liest den &#8211; vielleicht gar nicht so typischen &#8211; <em>Woyzeck<\/em> von B\u00fcchner und schaut ein bisschen in seinen Hessischen Landboten hinein. Den Rest macht man als Kurzfassung: Das Biedermeier als Schwundstufe der Romantik (R\u00fcckzug ins Private, Gen\u00fcgsamkeit, regional ausgerichtet), als alternative Reaktion auf die Restaurationszeit das Junge Deutschland und sp\u00e4ter Vorm\u00e4rz (weltb\u00fcrgerlich-liberale Forderung nach mehr Freiheiten).<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei hat diese Zeit ihren eigenen Reiz. Und die Trennlinien sind gar nicht so klar. Siehe Turnvater Jahn:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Eiselen, Die deutsche Turnkunst (Berlin 1816)<\/h3>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Aber im Gegentheil darf man nie verhehlen, dass des Deutschen Knaben und Deutschen J\u00fcnglings h\u00f6chste und heiligste Pflicht ist, ein Deutscher Mann zu werden und geworden zu bleiben, um f\u00fcr Volk und Vaterland kr\u00e4ftig zu w\u00fcrken, unsern Urahnen, den Weltret\u00adtern, \u00e4hnlich. \u2014 So wird man am besten heimliche Jugend\u00ads\u00fcnden verh\u00fcten, wenn man Knaben und J\u00fcnglingen das Reifen zum Biedermanne als Bestrebungsziel hinstellt. Das Vergeuden der Jugendkraft und Jugendzeit durch ent\u00admarkenden Zeitvertreib, faulthierisches Hind\u00e4mmern, br\u00fcn\u00adstige L\u00fcste und hundsw\u00fcthige Ausschweifungen wird auf\u00adh\u00f6ren &#8211; sobald die Jugend das Urbild m\u00e4nnlicher Lebensf\u00fclle erkennt. Alle Erziehung aber ist nichtig und eitel, die den Z\u00f6gling in dem \u00f6den Elend wahngeschaffener Weltb\u00fcrger\u00adlichkeit als Irrwisch schweifen l\u00e4set, und nicht im Vaterlande heimisch macht &#8230; Wer wider die Deutsche Sache und Spra\u00adche freventlich thut oder ver\u00e4chtlich handelt, mit Worten oder Werken, heimlich wie \u00f6ffentlich &#8211; der soll erst ermahnt, dann gewarnt, und so er von seinem undeutschen Thun und Treiben nicht abl\u00e4set, vor jedermann vom Turnplatz ver\u00adwiesen werden. Keiner darf zur Turngemeinschaft kommen, der wissentlich Verkehrer der deutschen Volksth\u00fcmlichkeit ist und Ausl\u00e4nderei liebt, lobt, treibt und besch\u00f6nigt.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>(Ich habe &#8222;ent\u00admarkenden Zeitvertreib&#8220; auf Nachfrage im Unterricht <em>en passant<\/em> erkl\u00e4rt als &#8222;so \u00e4hnlich wie &#8218;br\u00fcn\u00adstige L\u00fcste&#8216;, nur mit weniger Personen&#8220;, dann aber gleich weitergemacht. Einer hat gelacht, der Rest es vermutlich gar nicht mitgekriegt.)<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das jetzt revolution\u00e4r? R\u00fcckzug ins Private? Biedermeierisch? Studentisch-aufbegehrendes Junges Deutschland? Revolution\u00e4res Biedermeier? Jedenfalls gruslig zu lesen, das mit der wahngeschaffenen Weltb\u00fcrgerlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ludwig Tieck, Des Lebens \u00dcberfluss (Urania. Taschenbuch auf das Jahr 1839)<\/h3>\n\n\n\n<p>Eine meiner liebsten Novellen, an der Grenze zwischen Romantik und Biedermeier, und mit absurden Z\u00fcgen. Heinrich und Klara, von den Eltern wegen unerlaubter Heirat versto\u00dfen, das Geld dem Freund geliehen, der damit verschollen ist, hausen arm und bescheiden im oberen Stockwerk eines kleinen Hauses zur Miete. Sie leben von Wassersuppe und erfreuen sich an den sch\u00f6nen Eisblumen am Fenster; sie haben einander und tr\u00e4umen sich ihre bescheidene Wohnung zu einem m\u00e4rchenhaften Reich.<br>Als sie schlie\u00dflich alles verkauft und kein Geld f\u00fcr Feuerholz mehr haben, nimmt Heinrich nach und nach die h\u00f6lzerne Treppe auseinander, die sie mit dem Untergeschoss verbindet, und verheizt sie; das Essen kriegen sie von einer Vertrauten in einen an ein Seil gebundenen Korb gelegt. Zum Schluss gibt es dann doch noch ein unvermitteltes gl\u00fcckliches Ende.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>[Heinrich:] Alles, was unser Leben sch\u00f6n machen soll, beruht auf einer Schonung, dass wir die liebliche D\u00e4mmerung, verm\u00f6ge welcher alles Edle in sanfter Befriedigung schwebt, nicht zu grell erleuchten. Tod und Verwesung, Vernichtung und Vergehen sind nicht wahrer als das geistdurchdrungene, r\u00e4tselhafte Leben. Zerquetsche die leuchtende, s\u00fc\u00dfduftende Blume, und der Schleim in Deiner Hand ist weder Blume noch Natur. Aus der g\u00f6ttlichen Schlafbet\u00e4ubung, in welche Natur und Dasein uns einwiegen, aus diesem Poesieschlummer sollen wir nicht erwachen wollen, im Wahn, jenseit die Wahrheit zu finden.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ist das noch Romantik? Oder Biedermeier? Oder schon Nihilismus?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Joseph von Eichendorff, Die Entf\u00fchrung (Urania 1838)<\/h3>\n\n\n\n<p>K\u00fcrzlich zum ersten Mal gelesen. Wie so oft steht der Held bei Eichendorff zwischen zwei Frauen: Leontine, idyllisch abgeschieden auf einem verfallenden Landschl\u00f6sschen lebend, die eigentlich nur am Anfang und am Ende der Erz\u00e4hlung auftaucht, h\u00e4lt den Grafen Gaston aufgrund einer Verwechslung f\u00fcr einen R\u00e4uberhauptmann, verliebt sich aber doch in ihn. Mehr Charakterz\u00fcge hat sie nicht.<br>Der Hof in Paris ist ganz im Bann der Gr\u00e4fin Diana, &#8222;einer amazonenhaften, spr\u00f6den Sch\u00f6nheit mit rabenschwarzem Haar und dunkeln Augen.&#8220; Sie ist jung, reich, &#8222;ganz m\u00e4nnlich erzogen&#8220;, wird von M\u00e4nnern nur so verfolgt &#8211; und leidet sehr darunter. &#8222;&#8218;Wer nimmt sich meiner an, wenn diese Kavaliere bei Tag und Nacht mit Listen und K\u00fcnsten bem\u00fcht sind, mich um meine Freiheit zu betr\u00fcgen?'&#8220;, fragt sie, und &#8222;ihr schauerte vor der eigenen Sch\u00f6nheit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6nig schl\u00e4gt Gaston eine Wette vor: Wer Diana erfolgreich entf\u00fchrt, der soll sie als Frau kriegen. Diana bereitet sich auf die m\u00f6gliche Entf\u00fchrung bestens vor (und klettert dabei, wie schon als Kind, auch auf B\u00e4ume), wird aber durch ihre Kammerzofe verraten, so dass Gaston die Entf\u00fchrung tats\u00e4chlich vorerst gelingt. Diana nimmt das aber nicht mit Humor, sondern wehrt sich, z\u00fcndet gar die H\u00fctte an, in der die beiden Rast machen. Da verliert Gaston das Interesse an ihr, bringt sie auf sein Schloss, um die Wette mit dem K\u00f6nig formal zu gewinnen, schickt dann aber doch nach der beim Lesen fast vergessenen Leontine, um sie zu heiraten. Diana hat sich &#8222;in der Nacht nach ihrer Entf\u00fchrung [in das benachbarte Kloster] hingefl\u00fcchtet und gleich darauf, der Welt entsagend, den Schleier genommen. Als Oberin des Klosters furchtbare Strenge gegen sich und die Schwestern \u00fcbend, wurde sie in der ganzen Gegend fast wie eine Heilige verehrt. Den Gaston aber wollte sie nie wiedersehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das noch Romantik oder schon Biedermeier? In Eichendorffs &#8222;Marmorbild&#8220;, zwanzig Jahre fr\u00fcher entstanden, muss sich der Held Florio immerhin zwischen der halbwegs interessanten Bianca und der d\u00e4monisch-heidnischen Venus entscheiden, die ihn verf\u00fchren will. Da sehe ich ja noch ein, dass er der schwarzen Seite der Romantik entsagt und im Sonnenschein weitermacht. Bianca hat ja ein bisschen Pers\u00f6nlichkeit, im Gegensatz zu Leontine. Und dann erst die spannende, selbstst\u00e4ndige Diana, f\u00fcr die wusste der angebliche Romantiker Eichendorff kein anderes Mittel, als sie ins Kloster abzuschieben? Biedermeier, rufe ich da anklagend, Biedermeier!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) In der Schule spielt die Zeit zwischen Romantik und Realismus literaturgeschichtlich keine gro\u00dfe Rolle. Man liest den &#8211; vielleicht gar nicht so typischen &#8211; Woyzeck von B\u00fcchner und schaut ein bisschen in seinen Hessischen Landboten hinein. 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