{"id":64660,"date":"2025-04-06T11:07:00","date_gmt":"2025-04-06T09:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=64660"},"modified":"2025-09-28T20:43:34","modified_gmt":"2025-09-28T18:43:34","slug":"weitere-theaterbesuche-goetz-nashoerner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2025\/04\/weitere-theaterbesuche-goetz-nashoerner.htm","title":{"rendered":"Weitere Theaterbesuche: G\u00f6tz, Nash\u00f6rner"},"content":{"rendered":"\n<p>Daf\u00fcr, dass ich nicht so gern ins Theater gehe, war ich mit bisher f\u00fcnf Auff\u00fchrungen in diesem Kalenderjahr doch recht oft. Am Mittwoch mit einer halben Schulklasse im Cuvilli\u00e9s-Theater, <em>G\u00f6tz von Berlichingen<\/em>, nach Johann Wolfgang Goethe von Alexander Eisenach, am Freitag in <em>Die Nash\u00f6rner<\/em> von Eug\u00e8ne Ionesco im Volkstheater.<\/p>\n\n\n\n<p>Ins sp\u00e4tbarocke Cuvilli\u00e9s-Theater zieht man sich feiner an als in die Kammerspiele, habe ich beobachtet. Vielleicht lag das auch am Publikum: drei Viertel schienen mir Schulklassen zu sein &#8211; wohlgesittet und aufgebrezelt, Damen wie Herren. Mindestens dreimal im St\u00fcck wurde auf dieses Publikum Bezug genommen mit rhetorischen Fragen, &#8222;M\u00fcsst ihr doch wissen als Abiturienten&#8220; und so. Wird das improvisiert, wei\u00df man vorher schon, wer da kommen wird?<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser <em>G\u00f6tz<\/em> gab mir neue Sichtweisen: G\u00f6tz als reichsb\u00fcrgerlnder Vokuhila im Kampf gegen Beh\u00f6rden und Vorschriften, staatliche wie gesellschaftliche. Nichts darf man mehr sagen. Dabei wirkten er und seine Schwester eher wie traurige und nicht sehr intelligente Nebenfiguren, sicher nicht sehr heldenhaft; zusammen mit den lederschwarzen Monturen in ihrer revolution\u00e4ren Phase hatten sie aber auch etwas von Paul und Alia Atreides, oder meine ich Pauls zwei Kinder? Das Team Bischof war aber nur wenig besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Inszenierung begann, wir begr\u00fc\u00dfen das, mit einem Shakespearschen <em>Chorus,<\/em> ich wei\u00df nicht, wie das auf Deutsch hei\u00dft: Wenn eine Figur auf die B\u00fchne tritt und erst einmal das Publikum erz\u00e4hlend informiert. Sehr effizient. Auch sonst war viel episches Theater nach Brecht: Musikeinlagen, Publikumsansprachen, die Figuren eher in ihrer gesellschaftlichen Funktion und nicht psychologisch als Individuen, vom verwirrten G\u00f6tz abgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie es sich f\u00fcrs epische Theater geh\u00f6rt, gab es auch keine Katharsis, von der ich ohnehin nicht wei\u00df, wie die funktionieren soll, und auch weder Furcht und Schrecken noch Mitleid und Jammer, das ist ja eine alte \u00dcbersetzungsfrage. Das hei\u00dft, ich habe mit keiner Figur besonders mitgelitten, kein Schicksal ging mir nah, nichts war tragisch. Das macht ein Theaterst\u00fcck f\u00fcr mich unterhaltsam und leicht zu sehen, wenn ich weder w\u00fctend werde \u00fcber irgendetwas noch leide, sondern einfach zuschaue, aber ich f\u00fchle mich dann immer, als h\u00e4tte ich ein bisschen geschummelt. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Nash\u00f6rner<\/em> im Volkstheater war sehr sch\u00f6n. Ich verbinde mit dem St\u00fcck vor allem das Theaterplakat, das Anfang der 1990er Jahre in der Uni Augsburg hin und dessen Design mir gefiel. \u00dcblich und biographisch passend ist die Deutung des St\u00fccks als die schleichende Anpassung an den Faschismus. Dazu schien mir die Inszenierung nicht zu passen, muss ja auch \u00fcberhaupt nicht sein; die Aussicht, ein Nashorn zu werden, wurde als eher verlockend dargestellt. Oder falle ich damit auf den Faschismus herein? Explizite Vorw\u00fcrfe an die Nash\u00f6rner im St\u00fcck sind nur, dass sie gr\u00fcn sind und h\u00e4ssliche Haut haben; au\u00dferdem kommt eine Katze durch sie zu Tode. Implizit haben wir am Schluss ein geballtes Auftreten von im Chor singenden Nash\u00f6rnern, das man als bedrohlich und Uniformit\u00e4t deuten k\u00f6nnte. Ansonsten geht es darum, dass in einer nicht besonders verlockend geschilderte b\u00fcrgerliche Welt die Nashornlichkeit einbricht.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Inszenierung gibt es zwei Szenen, bei denen eine Gruppe von zwei oder mehr Menschen von diesen anderen Wesen umgeben ist und sich bedroht f\u00fchlt &#8211; wie man es aus Zombiefilmen kennt. Am Ende geht es um den letzten Menschen in einer Welt von gr\u00fcnen fremdartigen Gestalten, teils wortlos schlurfend &#8211; das hat mich erinnert an Richard Matheson, <em>I Am Legend<\/em>, das drei Jahre vor Ionescos Werk entstand. Dort geht es um den letzten Menschen in einer Vampirwelt, nur dass die Vampire dort eher zombieartig sind; Matheson hat den Zombie, wie man ihn aus Filmen kennt, erst erfunden. Auch bei Matheson geht es, Spoiler f\u00fcr ein altes Buch, darum, wer eigentlich normal ist in dieser Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann war da noch die Szene, in der Hans\/Jean zum Zombie\/Vampir\/Nashorn wird &#8211; lange gr\u00fcne Handschuhe und eine befreit wirkende Tanzeinlage nach der Transformation. Das hat etwas von <em>Rocky Horror Show,<\/em> wo nach und nach Janet, die professorale Erz\u00e4hlerfigur, und Brad auf die anarchische Seite von Frank N. Furter wechseln. Auch da geht es um die Verlockung eines Anderssein, der immer mehr erliegen, und wo auch nicht klar ist, wer die Guten sind und wer nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daf\u00fcr, dass ich nicht so gern ins Theater gehe, war ich mit bisher f\u00fcnf Auff\u00fchrungen in diesem Kalenderjahr doch recht oft. 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