{"id":6486,"date":"2015-06-17T11:43:39","date_gmt":"2015-06-17T09:43:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6486"},"modified":"2023-05-24T12:53:54","modified_gmt":"2023-05-24T10:53:54","slug":"ueber-die-behandlung-von-gedichten-im-deutschunterricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2015\/06\/ueber-die-behandlung-von-gedichten-im-deutschunterricht.htm","title":{"rendered":"\u00dcber die Behandlung von Gedichten im Deutschunterricht"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2015\/06\/ueber-die-behandlung-von-gedichten-im-deutschunterricht.htm#comments'>13 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>In der Schule (Gymnasium, Bayern) ist die Textsorte <em>Essay<\/em> im Deutschunterricht eigentlich nur eine Variante des Kommentars mit mehr Zierrat. Das hei\u00dft: Parallelismen, Anaphern, Wortspiele (aber die sind schwierig). Sonderregel bei Herrn Rau: <em>keine<\/em> Ansprache an irgendwelche Leser, und ganz, ganz, <em>ganz<\/em> wenige Einwort-, Zweiwort- oder sonstwie unvollst\u00e4ndige S\u00e4tze sowie rhetorische Fragen. Diese Stilmittel liegen den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler n\u00e4mlich ganz nah an der Feder, und diese Stilmittel f\u00fchren ganz besonders dazu, dass es mich beim Lesen sch\u00fcttelt. Pr\u00e4skriptiv, deskriptiv, Abw\u00e4gen, eigener Stil, alles klar &#8211; aber sch\u00fctteln darf es mich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Geeigneter sind Metaphern und andere Bilder, breit ausgef\u00fchrte Vergleiche. Als Finger\u00fcbung in der 11. Klasse lautete das Thema &#8222;\u00dcber die Behandlung von Gedichten im Deutschunterricht&#8220;, und die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sollten den Vergleich mit der Behandlung eines Patienten m\u00f6glichst weit durchziehen. Hier ein paar Ausschnitte aus Sch\u00fclerarbeiten:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Operation Gedicht<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einmal taucht hier in der Deutschstunde ein Gedicht auf. Der Lehrer beschlie\u00dft nach einer kurzen Diagnose die Behandlung desselben. Die Sch\u00fcler sind entsetzt. Nun werden sie Zeugen einer brutalen Operation, in der mit Scheren und anderen Instrumenten dem Gedicht zu Leibe ger\u00fcckt wird. Aber keine Sorge, die heutigen Deutschlehrer haben Ahnung von ihrem Tun, sie sind weitaus erfahrener als die, die fr\u00fcher nur Kr\u00e4uter verbrannten, um die Illusion einer Heilung hervorzurufen. Dieses Gedicht hat Gl\u00fcck. Mit gezielten Schnitten werden die kritischen Zeilen herausgel\u00f6st, um dann vor den Augen der Sch\u00fcler genauestens seziert zu werden, so dass sie unsch\u00e4dlich und v\u00f6llig harmlos sind.<br>Doch warum operiert der Chefarzt immer vor seinen Studenten, der Meister vor den Lehrlingen, der Lehrer vor der Klasse? Es ist doch viel einfacher, so ein Gedicht alleine zu behandeln ohne die lauten Sch\u00fcler, die doch eh keine Ahnung von dieser Kunst haben. Nat\u00fcrlich ist es das, doch das ist eben nicht im Sinne des Erfinders. Die Erfindung Unterricht, die immer noch einigen Sch\u00fclern nicht erspart wird, sieht eben das Lehren wichtiger als das Behandeln von Texten an. Es hei\u00dft ja nicht umsonst \u201elearning by doing\u201c. Aber was ist, wenn man eine Behandlung gar nicht erlernen will, weil man eher an eine Kr\u00e4uterverbrennung glaubt? Wenn einem Oberfl\u00e4chlichkeit lieber w\u00e4re? Soll man dann zu unmoralischen Operationen gezwungen werden, wenn man seine Zeit weitaus sinnvoller nutzen k\u00f6nnte? [&#8230;]<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wie das Behandeln von Texten im Deutschunterricht die Sch\u00fcler krank macht<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wieder so weit: Die Deutschlehrerin k\u00fcndigt das Datum f\u00fcr die n\u00e4chste Klausur in 11\/2 an. Sie erz\u00e4hlt kurz \u00fcber die Thematik und den Stoff, woraufhin sie den Sch\u00fclern zu verstehen gibt, dass sie sich in den kommenden Unterrichtsstunden mit der Behandlung von Texten und Gedichten auseinandersetzen werden. Das soll ihnen helfen, sich in der Klausur zurecht zu finden und eine gute Note abzustauben. Aber wie war das gerade? Sagte sie allen Ernstes, wir w\u00fcrden die Texte &#8222;behandeln&#8220;? Wird von uns nun auch noch abverlangt, medizinische Fachkompetenz zu haben, um die Krankheit dieser Texte zu diagnostizieren und sie anschlie\u00dfend zu behandeln? Normalerweise hat man w\u00e4hrend der Klausur zwei bis drei Stifte und ein paar Bl\u00e4tter vor sich liegen. Doch gro\u00dfartig andere Instrumente, wie Chirurgen sie f\u00fcr OPs vor sich haben, besitzt der \u00fcbliche Sch\u00fcler nicht &#8211; und schon gar nicht w\u00e4hrend dem Unterricht oder der Klausur &#8211; zur Behandlung des Textes.<br>Nat\u00fcrlich w\u00fcrden viele Sch\u00fcler hier einr\u00e4umen, dass eine Klausur oder auch eine Textanalyse die reinste Qual f\u00fcr sie ist und deswegen als Plage oder Krankheit gesehen werden kann. So wird der Text nun zuallererst auf den Ursprung untersucht. Was wollte mir der Autor mit seinem ewigen Rumgeschwafel nur vermitteln? Wo liegt der Ursprung der Krankheit, wo und wieso tut es meinem Patienten weh? Hat man hier endlich einen Ansatz zur Diagnose gefunden, stellt sich schon wieder eine Frage und zwar wie man das Ganze behandeln soll, denn irgendwie muss der Sch\u00fcler das ja aufs Blatt bringen und die Zusammenh\u00e4nge verkn\u00fcpfen. Im Endeffekt hat der Sch\u00fcler dann aus einem Text eine sechs- bis zehnseitige Abfassung geschrieben, um bei seiner letzten Deutungsthese \u2013 im medizinischen Bereich nat\u00fcrlich die Enddiagnose &#8211; auf eine passende Schlussfolgerung, die die Krankheit feststellt, zu kommen. Ist das Ph\u00e4nomen dann endlich beseitigt, beginnt der sch\u00f6nste Moment f\u00fcr den Sch\u00fcler \u2013 das letzte Wort ist geschrieben, der Stift kann aus der Hand gelegt und es kann wieder ruhig aufgeatmet werden. Denn die Rumplagerei mit der wirren Krankheit hat endlich ein Ende. Die Krankheit ist beseitigt und die Diagnose steht fest. Diese Gedanken spielen sich wohl im Kopf eines jeden Sch\u00fclers ab.<br>Tja&#8230;falsch gedacht. Wie so oft im Schulleben und auch im sp\u00e4teren Arbeitsleben hat der untergeordnete Sch\u00fcler bzw. der Arzt keine Macht und kein Sagen \u00fcber das Endergebnis seines Handelns. Der Lehrer, der auch vergleichbar mit einem Oberarzt in einem Krankenhaus ist, entscheidet \u00fcber die endg\u00fcltige Diagnose oder auch Behandlung. Die Note auf das Werk des Sch\u00fclers bestimmt \u00fcber den weiteren Verlauf nach der Behandlung. War die Arbeit schlecht, so kommt es zum Tod und der Sch\u00fcler schafft im schlimmsten Fall die Klasse nicht, oder es wird eine gute Note und die Behandlung wurde erfolgreich absolviert.<br>Doch warum f\u00e4rbt diese Behandlung des Textes derart auf den Sch\u00fcler ab? Ist es nicht auch so, dass \u00c4rzte w\u00e4hrend und nach der OP psychische Schaden mit sich tragen? So versp\u00fcrt der Sch\u00fcler sogar auch noch physische Schmerzen, wie das bet\u00e4ubte, ziehende Gef\u00fchl im Handgelenk, das ca. nach der vierten Seite einsetzt. Hinzukommend hat er w\u00e4hrend seiner Diagnose enormen psychischen Stress, aufgrund der Angst und dem Druck vorm Versagen \u2013 eben genauso wie ein Arzt, wenn er vor einem halbnackten, kranken, sogar offenen K\u00f6rper steht. Aber kann man die Interessen und Merkmale eines Arztes nun wirklich mit denen eines Sch\u00fclers vergleichen? Der Arzt hat eben Medizin studiert, um seinen Interessen nachzukommen. Der Sch\u00fcler behandelt den Text, um schnellstm\u00f6glich auf ein Ergebnis zu kommen, in der Hoffnung eine gute Note zu kriegen. Doch ob er wirklich interessiert und vertieft ist in den Grundz\u00fcgen seiner Handlung, das wei\u00df wohl nur der Sch\u00fcler selbst&#8230;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das mit der Bildersprache hat eigentlich bei allen Sch\u00fclerinnen geklappt. Gefehlt hat oft ein roter Faden, oder offensichtliche Widerspr\u00fcche wurden nicht erkannt und stehengelassen &#8211; vielleicht weil kein Ziel vorgegeben war, also sich f\u00fcr mehr Lyrik aussprechen, f\u00fcr weniger Lyrik, f\u00fcr alternative Behandlungsmethoden. Ich werde jetzt einige Texte heraussuchen, mit den Sch\u00fclerinnen die Schw\u00e4chen durchgehen und sie die Texte \u00fcberarbeiten lassen. \u00dcberarbeiten macht man ohnehin viel zu wenig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(13 Kommentare.) In der Schule (Gymnasium, Bayern) ist die Textsorte Essay im Deutschunterricht eigentlich nur eine Variante des Kommentars mit mehr Zierrat. Das hei\u00dft: Parallelismen, Anaphern, Wortspiele (aber die sind schwierig). Sonderregel bei Herrn Rau: keine Ansprache an irgendwelche Leser, und ganz, ganz, ganz wenige Einwort-, Zweiwort- oder sonstwie unvollst\u00e4ndige S\u00e4tze sowie rhetorische Fragen. 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