{"id":6632,"date":"2015-10-04T08:46:17","date_gmt":"2015-10-04T06:46:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6632"},"modified":"2023-06-01T11:26:08","modified_gmt":"2023-06-01T09:26:08","slug":"ignaz-ferdinand-arnold-der-schwarze-jonas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2015\/10\/ignaz-ferdinand-arnold-der-schwarze-jonas.htm","title":{"rendered":"Ignaz Ferdinand Arnold, Der Schwarze Jonas"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2015\/10\/ignaz-ferdinand-arnold-der-schwarze-jonas.htm#comments'>5 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-6637\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/arnold_der_schwarze_jonas.jpg\" alt=\"arnold_der_schwarze_jonas\" width=\"195\" height=\"279\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/arnold_der_schwarze_jonas.jpg 195w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/arnold_der_schwarze_jonas-105x150.jpg 105w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><em>Der Schwarze Jonas, Kapuziner, R\u00e4uber und Mordbrenner. Ein Blutgem\u00e4lde aus der furchtbaren Genossenschaft des ber\u00fcchtigten Schinderhannes. Aus einem Inquisitions-Protokoll gezogen<\/em> ist ein &#8211; darf ich sagen ber\u00fcchtigter? dabei wenig bekannter? &#8211; R\u00e4uberroman von 1805. Ich habe ihn in einer Ausgabe aus dem Jahr 2000 gelesen, <em>print on demand,<\/em> aber trotzdem ansprechend gemacht, leider mit einigen Tippfehlern, aber daf\u00fcr in der Reihe &#8222;ExcentricClub&#8220; erschienen &#8211; das macht Vieles wett.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem dtv-Band <em>Lieblingsb\u00fccher von dazumal. Eine Bl\u00fctenlese aus den erfolgreichsten B\u00fcchern von 1750-1860<\/em> (Hrsg. Horst Kunze), den ich nie ganz gelesen habe, weil mich der Satzspiegel abschreckt, taucht Arnold nur kurz auf &#8211; in einer langen Aufz\u00e4hlung von Autoren, die es trotz ihrer damaligen Popularit\u00e4t aus verschiedenen Gr\u00fcnden leider nicht in die Sammlung geschafft haben. Neben Arnold habe ich dort auch Karl Immermann und dessen <em>M\u00fcnchhausen<\/em> gefunden (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/04\/karl-immermann-muenchhausen-eine-geschichte-in-arabesken.htm\">Blogeintrag dazu<\/a>), wo mir zum ersten Mal das Genre des deutschen Geisterromans begegnete, wenn auch als Parodie. Auch Schiller versuchte mit &#8222;Der Geisterseher&#8220; auf den Zug aufzuspringen, aber sein Herz war wohl nicht recht dabei.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber den Autor<\/h3>\n\n\n\n<p>Arnold Ignaz Ernst Ferdinand Kajetan Theodor (Anzahl und Reihenfolge der Namen variieren) ist mir begegnet als Autor des Romans &#8222;Der Vampir&#8220;, des ersten deutschen Vampirromans, der leider nicht erhalten ist &#8211; wenn es denn nicht nur eine Messe-Ank\u00fcndigung war, aus der dann doch gar nichts wurde. Er hat viel und universell geschrieben und wenig damit verdient (<a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Ignaz_Ferdinand_Arnold\">Bibliographie<\/a>), hier eine ausgew\u00e4hlte Liste seiner rei\u00dferischen Titel, mit ein oder zwei harmlosen dazwischen, des sch\u00f6nen Kontrasts wegen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Friedrike von Becheln, oder die vermeinte F\u00fcrstentochter. Etwas mehr als ein Roman.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Die Doppelte Ursulinernonne. Aus den Memoirs des Grafen R*** mit der aschgrauen Maske.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Das Bildni\u00df mit den Blutflecken. Eine Geistergeschichte nach einer wahren Anekdote.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Gregor der Wunderth\u00e4ter oder Hieronymus Knicker der Zweyte. Eine tolle Geschichte von Falk und Cramer.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Pinetti, Philadelphia und Enslin, oder die enth\u00fcllten Zauberkr\u00e4fte. Eine Sammlung auserlesener leicht auszuf\u00fchrender magischer chemischer- und Karten-Kunstst\u00fccke nebst den interessantesten Scherz- und Pf\u00e4nderspielen zu Belustigung und Unterhaltung f\u00fcr frohe Gesellschaften.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Der Brautku\u00df auf dem Grabe, oder die Trauung um Mitternacht in der Kirche zu Mariengarten. Vom Verfasser der doppelten Ursulinernonne.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Der Vampir. 3 B\u00e4nde, Schneeberg 1801 (nicht erhalten)<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Theobul der Geisterk\u00f6nig, oder das mohrische Grosm\u00fctterchen. Eine Zigeunergeschichte. Aus den Memoirs der Gr\u00e4fin F***ina.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Schwester Monika, oder: Der F\u00fcrst als Jagdjunker. Eine moralische Erz\u00e4hlung aus dem Reiche der Wahrheit.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Zaubereien und Wunder nebst Geisterbeschw\u00f6rungen und ihrer Erscheinung.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Mirakuloso, oder der Schreckensbund der Illuminaten. Ein f\u00fcrstliches Familiengem\u00e4hlde aus dem Nachla\u00df eines Staatsverbrechers, und der rothen Maske auf dem Vischerad.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Die Nachtwandlerin oder die schrecklichen Bundesgenossen der Finsterni\u00df. Aus den Memoires des Grafen F****, gegenw\u00e4rtigen Staatsgefangenen zu S****n.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Der ber\u00fchmte R\u00e4uberhauptmann Schinderhannes, Bueckler genannt. Ein wahrhaftes Gegenst\u00fcck zum Rinaldo Rinaldini.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Nettchen von Neudietendorf, oder Ungl\u00fcck aus Schw\u00e4rmerei.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Barbarina Cimarosa. Oder Freiheitsdrang und Gewissensqual. Ein Spiegel menschlicher Leidenschaften. Aus den hinterlassenen Memoirs des Herzogs von Arkos.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Euridane, die Tochter der H\u00f6lle. Eine Pfaffen- und Geistergeschichte (aus dem Nachlass des Grafen Portalegre).<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Die Jungfrau von London oder geheime Geschichte von Hannover.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Malerische Wanderung am Arme meiner Karoline durch die Blumengefilde des Fr\u00fchlings nach dem Thale der Liebe.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Die Meuchelm\u00f6rderin nebst der Beichte ihrer S\u00fcnden. Aus den Papieren der Giftmischerin U****s (Geheimr\u00e4thin Ursinus). Ein wahrer Roman, von ihr selbst geschrieben.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Der schwarze Jonas, Kapuziner, R\u00e4uber und Mordbrenner. Ein Blutgem\u00e4lde aus der furchtbaren Genossenschaft des ber\u00fcchtigten Schinderhannes. Aus seinem Inquisitionsprotokoll gezogen.<\/em><\/li>\n\n\n\n<li><em>Die geheimen Bundesschwestern und der Mohrenprinz, Begr\u00fcnder einer genialischen Colonie in Afrika. Fragmente zu einem Sittengem\u00e4lde aus der Brieftasche eines Reisenden.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Irgendwo gibt es sicher schon eine Liste von Schauer-, R\u00e4uber-, Geheimbund- und Geisterromanen des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts. Die h\u00e4tte ich dann mal gerne. Das sind exakt die f\u00fcr Leihbibliotheken geschriebenen Romane, die Karl May so \u00e4u\u00dferst ineffektiv in seinen Lebenserinnerungen gei\u00dfelt &#8211; <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2014\/10\/karl-may-am-stillen-ocean.htm\">siehe Ende dieses Blogeintrags.<\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber das Buch und andere B\u00fccher<\/h3>\n\n\n\n<p>Es gibt einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_Reinhard\">historischen Schwarzen Jonas<\/a>, dessen Geschichte vorgeblich erz\u00e4hlt wird, ein R\u00e4uber und Mitt\u00e4ter des ebenso historischen Schinderhannes &#8211; trotzdem ist alles am Roman von vorn bis hinten erfunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Jonas ver\u00fcbt schon als Knabe Diebst\u00e4hle und andere Verbrechen, bald kommt der erste gemeinsame Mord am Hehler der Diebesbande hinzu, dann der erste eigene Mord, weitere Straftaten. Episodenhaft berichtet er von seinen Erlebnissen, die Raub, Mord, Unzucht in und au\u00dferhalb des Klosters beeinhalten; am Schluss wird er endg\u00fcltig gefangen und hingerichtet. Gew\u00fcrzt ist das mit einem Arsenal herk\u00f6mmlicher und weniger herk\u00f6mmlicher Motive der Schauerliteratur: Schl\u00f6sser, Ruinen, R\u00e4uberbanden, Geheimb\u00fcnde, M\u00f6nche, Sex, Mord, Sexualmord, Kannibalismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist dabei, welche Rolle &#8211; lange vor der Postmoderne, die ja eigentlich schon mit Don Quijote beginnt &#8211; die Literatur spielt. So richtig angeheizt wird das Verhalten der jugendlichen Kleinganoven, als sie sich in eine Auff\u00fchrung von Schillers <em>R\u00e4ubern<\/em> stehlen. &#8222;Aber ein neues Gef\u00fchl begann sich bei den Szenen der R\u00e4uber in uns zu regen. Alle Knabenfurcht veschwand. Heldensinn durchstr\u00f6mte uns&#8220;, was zu dem Entschluss f\u00fchrt, &#8222;ein \u00e4hnliches Komplott zu stiften, und [wir] schwuren uns mit den gr\u00e4\u00dflichsten Eiden ewige Liebe und Freundschaft zu. [&#8230;] Wir brannten vor Begierde, nur bald einen Spitzbubenstreich auszuf\u00fchren.&#8220; (Kapitel 2, S. 22f.) Wieder einmal sind es die Medien, die die Kinder ins Verderben rei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch sp\u00e4ter blitzt immer wieder die zeitgen\u00f6ssische Literatur durch. Bei unheimlichen Ereignissen wei\u00df Jonas nicht, &#8222;was ich von dem sonderbaren Abenteuer denken sollte, das ich in eine Geistergeschichte, in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_Heinrich_Spie%C3%9F\">Spie\u00dfens<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Cajetan_Tschink\">Tschinks <\/a>oder sonst eines Modeschriftstellers Geschmack einzukleiden beschlo\u00df, sobald ich wieder daheim in meinen vier Pf\u00e4hlen war&#8220; (Kapitel 5, S. 66).<\/p>\n\n\n\n<p>Als Mitglied in der Bande des ber\u00fcchtigten Schinderhannes ver\u00fcbt Jonas mit den anderen R\u00e4ubern Diebst\u00e4hle in der Stadt. Ein R\u00e4uber kommt dabei auf die Idee, &#8222;als Guckkastenmann aufzutreten, und zu jederm\u00e4nniglichem Erstaunen die Geschichte von dem verruchten und verfluchten R\u00e4uberhauptmann Schinderhannes dem schaulustigen P\u00f6bel im echten B\u00e4nkels\u00e4ngerton&#8220; vorzutragen &#8211; w\u00e4hrend die anderen R\u00e4uber, darunter der besungene Schinderhannes selber, die Zuschauer unbemerkt bestehlen (S. 112).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ein bisschen Eigenwerbung zum Thema Schinderhannes darf sein:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wen dieser merkw\u00fcrdige Mann, dieser seltene wildlaunige Natursohn interessiert, den verweise ich auf seine Selbstbekenntnisse, die unter dem Titel: Schinderhannes, genannt B\u00fcckler, der R\u00e4uberhauptmann, ein Seitenst\u00fcck zu Rinaldo Rinaldini, in zwei B\u00e4nden, von ihm selbst geschrieben, herausgekommen sind. (S. 118)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die genannten zwei B\u00e4nde sind nat\u00fcrlich ein fr\u00fcheres Werk von I. F. Arnold selber.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Streich von Schinderhannes (S. 122f.) zeigen sich die literarischen Vorbilder. Schinderhannes begleitet mit Jonas, der aber nur aus erz\u00e4hlerischen Gr\u00fcnden dabei ist, unerkannt einen Baron und dessen Tochter. Das Gespr\u00e4ch kommt auf R\u00e4uber, und der unerkannte Schinderhannes will den beiden &#8222;spa\u00dfeshalber&#8220; erkl\u00e4ren, wie dieser vorzugehen pflegt. Die folgende Szene wird als Dramenauszug dargestellt, einschlie\u00dflich Regieanweisungen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Baron: Er machts recht nat\u00fcrlich.<br>Baronesse: Wahrlich, Sie w\u00fcrden den R\u00e4uber Moor vortrefflich spielen.<br>Schinderhannes (mit viel Artigkeit): Meinen Sie?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>&#8212; So furchtbar billig geschrieben ist das ganze gar nicht, man kann es vergn\u00fcglich und rasch lesen. Aber ich bin da auch recht resistent. Aber manchmal merkt man es doch. Jonas erschie\u00dft einen Bediensteten &#8211; &#8222;Er winselte in seinem Blute&#8220; &#8211; und ein paar Zeilen darunter dessen Herrn &#8211; &#8222;Er winselte am Boden in seinem Blute&#8220; (Kapitel 5, S. 98 &#8211; ein langes Kapitel bis zum Schluss, weil der Autor danach wohl vergessen hat, die Kapitelz\u00e4hlung weiterzuf\u00fchren) &#8211; man m\u00fcsste das Buch mal durchgehen, ob Erschossene bei Arnold grunds\u00e4tzlich in ihrem Blute winseln.<br>Inhomogen und episodisch ist das ganze allerdings. Auf S. 73 hat mich das Ende einer ausf\u00fchrlichen Binnenerz\u00e4hlung \u00fcberrascht, weil ich da schon vergessen hatte, dass der aktuelle Ich-Erz\u00e4hler nicht der sonst ich-erz\u00e4hlende Jonas ist, sondern ein Spie\u00dfgeselle. So richtig auseinander zu halten waren deren Abenteuer nicht. Als Jonas schon zum Ende des Buches hin Mitglied einer R\u00e4uberbande werden soll, erzeugt der Autor Spannung mit dessen Reaktion: &#8222;Ich trat schaudernd zur\u00fcck.&#8220; (S. 104) Nach allem, was Jonas bis dahin schon verbrochen hat, darf es keinen Grund f\u00fcr irgendein Schaudern geben. Derjenige, der ihn einl\u00e4dt, ist der dicke Willem, ein Schulkamerad, den Jonas erst nicht erkennt &#8211; und ich auch nicht. Keine Ahnung, ob der zuvor schon einmal aufgetaucht ist, eventuell als &#8222;Euer getreuer Klosterknecht&#8220;, was auch immer.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Verbrechen<\/h3>\n\n\n\n<p>Einige der Abenteuer des Schwarzen Jonas sind eher harmlos-pikaresk. Viele enden aber mit Mord, h\u00e4ufig durch Gift. Er schw\u00e4ngert M\u00fctter und T\u00f6chter, Nonnen und B\u00fcrgerst\u00f6chter. Ziemlich am Anfang seiner Laufbahn steht ein Sexualmord.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ich rastete an ihren Busen, und w\u00e4hrend sie ganz entz\u00fcckt im sinnlichem Genusse, von Wollust bet\u00e4ubt, da lag, zog ich mein Messer, das ich in dieser Absicht zu mir gesteckt hatte, hervor, schlitzte ihr den Bauch auf und meuchelte sie. [&#8230;] Ich warf mich auf sie, und stach mit meinem breitklinigen Messer in ihren K\u00f6rper, wie ich dazu kam, ihre Br\u00fcste sowohl als ihren Unterleib zerfleischte ich sch\u00e4ndlich. (Kapitel 3, S. 33)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Da muss man schon schlucken. Erst am Schluss gibt es wieder \u00e4hnliche explizite Taten der ganzen R\u00e4uberbande, Schinderhannes ausgenommen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Selten blieb indessen auch das sch\u00f6nste M\u00e4dchen \u00fcber drei Tag leben, wir machten die meisten in den ersten vierundzwanzig Stunden kaputt. [&#8230;] Der Keller lag so voll Kadaver, da\u00df sich Knochenberge in die H\u00f6he schichteten.<br>Ich und meine Genossen waren so weit von den Grenzen der Natur zur\u00fcckgetreten, da\u00df wir das Fleisch unserer Ermordeten, wenn es gesunde junge Leute waren, fra\u00dfen. [&#8230;] Unter allen Teilen des menschlichen K\u00f6rpers schmeckt sein Fleisch nirgends delikater als das zwischen der Hand, der Ballen, und was man aus den fortgesetzten Fingerknochen bis zur Wurzel schabt. (S. 120)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und noch mehr davon.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aufkl\u00e4rung und Zensur<\/h3>\n\n\n\n<p>Eine der &#8222;Zehn Thesen zu Produktion, Rezeption und Erforschung des Schauerromans um 1800&#8220;, die Dirk Sangmeister in: Barry Murnane\/Andrew Cusack (Hrsg.), <em>Popul\u00e4re Erscheinungen. Der deutsche Schauerroman um 1800.<\/em> M\u00fcnchen: Wilhelm Fink 2011 aufstellt, lautet: Die Schauerromane dieser Zeit versto\u00dfen zwar gegen innerliterarische Regeln, was &#8222;Dezenz, \u00c4sthetik und zeitgen\u00f6ssische Romantheorie&#8220; betrifft, versto\u00dfen aber nur selten gegen au\u00dferliterarische Regeln der Zensur. Sie w\u00fcrden von vornherein zensurkonform geschrieben (weil sie sonst nicht in Leihbibliotheken aufgenommen werden w\u00fcrden). Also Sex und Gewalt, ja, aber keine Kritik am Staat.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine interessante These, die erstmal glaubw\u00fcrdig klingt. Aber ich kenne mich da nicht aus. Eine Passage in <em>Der Schwarze Jonas<\/em> hat bei mir zu kognitiver Dissonanz gef\u00fchrt. Jonas ist als wandernder Kapuzinerm\u00f6nch verkleidet und Teil einer zechenden Gesellschaft von Beamten und Soldaten. Ein Rittmeister spottet ganz besonders \u00fcber die M\u00f6nche. &#8222;Alle Gr\u00fcnde, die jemals von den Aufkl\u00e4rern gegen den M\u00f6nchsstand vorgebracht wurden, ersch\u00f6pfte er und machte sie durch seine milit\u00e4rische Kraftsprache noch weit auffallender und beleidigender&#8220; (S. 76) Das ganze kr\u00f6nt er mit einer ganzen Seite von Spottversen auf Priester und M\u00f6nche:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Vor allem sei dein Tor den Priestern stets verschlossen,<br>Den Kutten jeder Art, und Ordensmitgenossen.<br>Von weitem fliehe sie; die Welt hat keine Seuche,<br>Deren Verheerungshauch dem Priesterorden gleiche<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Damit hat die Zensur wohl kein Problem. Im Zug von Napoleons S\u00e4kularisation haben Kl\u00f6ster keinen guten Ruf, verderbte M\u00f6nche sind ein Standardtopos der Schauerliteratur. Das Kloster im <em>Schwarzen Jonas<\/em> ist verderbter, als Umberto Ecos Abtei es je war (S. 88f.). Weil Jonas ja doch die Hauptperson der Geschichte ist, ist der Leser mit ihm gegen den Soldaten eingestellt, auch wenn Jonas nur ein verkleideter und tats\u00e4chlich schurkenhafter Kapuziner ist. Jedenfalls hebt Jonas zu einer Gegenrede an, einer &#8222;Deklamation gegen die Soldaten&#8220;, angeblich nur als Scherz. Sehr ausf\u00fchrlich (S. 78-82 in meiner Ausgabe):<\/p>\n\n\n\n<p>Narren seien die Soldaten, weil sie im Frieden faulenzen und im Krieg t\u00f6ten, ohne beleidigt worden zu sein, pl\u00fcndern und rauben, ohne Strafe zu f\u00fcrchten. Auch vor der Religion k\u00f6nnen sie nicht bestehen. (&#8222;Welches Gebot \u00fcbertritt nicht dieser Stand und r\u00fchmt sich dessen noch?&#8220;) &#8222;[D]arauf angewiesen, ohne alles Selbsturteil \u00fcber Recht und Unrecht zu tun, was ihm ein anderer gew\u00f6hnlich in Teufelsnamen hie\u00df, ist er nicht als ein Mitglied des Staates zu betrachten, sondern ein blo\u00dfes Werkzeug.&#8220; Dabei sei der Soldatenstand den Zielen des Staates sogar hinderlich:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Der Staat hat die Pflicht, die wahre Bestimmung der Menschen nicht zu hindern. Ausbildung seiner Kr\u00e4fte und best\u00e4ndiges Streben, fr\u00f6mmer, weise und gerechter zu werden, ist die Bestimmung des Menschen. Wie kann er diese Bestimmung erreichen? Wie kann der Staat seine Pflicht erf\u00fcllen, wenn eine Menschenklasse den Herrn in ihm spielt, und die anderen B\u00fcrger unterdr\u00fcckt; eine Menschenklasse, die keine Ausbildung als gewisse mechanische erh\u00e4lt, die blindlings dem Willen Einiger oder eines Einzigen folgen mu\u00df und daher nicht weise werden darf, weil es nicht ohne Selbstpr\u00fcfung m\u00f6glich ist, und die ihr ganzes Gef\u00fchl f\u00fcr Recht und Unrecht unterdr\u00fccken mu\u00df, weil sie die Menschheit ausziehen und sich zum Mordinstrument eines andern mu\u00df: Kann so der Staat, kann auf diese Weise der Mensch seine Bestimmung erreichen?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Also ich als Zensor h\u00e4tte da eingegriffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als N\u00e4chstes lese ich dann wohl mal Schillers &#8222;Geisterseher&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nachtrag: Zum Motiv der menschenfressenden R\u00e4uberbande siehe auch Br\u00fcder Grimm, &#8222;Der R\u00e4uberbr\u00e4utigam&#8220; (Fassung von 1812 mit einer Prinzessin, und andere Fassung mit M\u00fcllerstochter ab 1837).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(5 Kommentare.) 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