{"id":6641,"date":"2015-10-17T14:12:32","date_gmt":"2015-10-17T12:12:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6641"},"modified":"2023-05-31T14:07:56","modified_gmt":"2023-05-31T12:07:56","slug":"friedrich-schiller-der-geisterseher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2015\/10\/friedrich-schiller-der-geisterseher.htm","title":{"rendered":"Friedrich Schiller, Der Geisterseher"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2015\/10\/friedrich-schiller-der-geisterseher.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>&#8222;Einer der besten Krimis aller Zeiten&#8220; hie\u00df es vor drei Wochen in der S\u00fcddeutschen Zeitung (<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/stil\/dem-geheimnis-auf-der-spur-sex-crime-und-weltliteratur-1.2660998\">online<\/a>) \u00fcber Schillers Romanfragment <em>Der Geisterseher<\/em>, das in f\u00fcnf Teilen in Heft 4-8 (1787-1789) der Zeitschrift <em>Thalia<\/em> erschien und danach f\u00fcr die erweiterte Buchausgaben noch etwas umgestaltet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist Unsinn. Das Buch ist meinethalben seiner Zeit voraus, genrepr\u00e4gend, stilbildend, <em>vielleicht<\/em> sogar ein Krimi, sicher Schillers gr\u00f6\u00dfter Publikumserfolg &#8211; aber ein planloses Durcheinander, was Erz\u00e4hlweise und Plot betrifft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Graf von O. erz\u00e4hlt uns im Buch, was er selbst miterlebt hat: Die Geschichte vom Niedergang des Prinzen von **. Der ist ein deutscher Prinz, gut protestantisch, in der Thronfolge weit abgeschlagen, der zu Beginn der Handlung inkognito und bescheiden in Venedig einige Zeit verbringt. Dort wird er in Intrigen verstrickt, macht dubiose Bekanntschaften und Schulden und n\u00e4hert sich dem Katholizismus an. Es gibt einige ungel\u00f6ste R\u00e4tsel und geheimnisvolle Gestalten, allen voran <em>der Armenier.<\/em> Die explizite Aufl\u00f6sung fehlt, da der Roman unvollendet blieb, auch wenn es es von anderen H\u00e4nden immer wieder Fortsetzungen gab (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Geisterseher#Fortsetzungen\">Wikipedia<\/a>). Die meisten Interpreten folgen den Andeutungen im Text und gehen davon aus, dass ein katholischer Geheimbund mit vielerlei hochkomplizierten R\u00e4nken den Prinzen katholisch macht und gleichzeitig seinen Weg zum Thron vorbereitet. Aber nichts muss so sein, wie es scheint.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"936\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/schiller_geisterseher.jpg\" alt=\"schiller_geisterseher\" class=\"wp-image-6645\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/schiller_geisterseher.jpg 500w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/schiller_geisterseher-80x150.jpg 80w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/schiller_geisterseher-294x550.jpg 294w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Folge 1:<\/strong> In Venedig scheint ein geheimnisvoller Mann den Prinzen und Graf O. zu verfolgen. Sie nennen ihn <em>den Armenier.<\/em> Er raunt ihnen orakelhafte Spr\u00fcche ins Ohr:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Neun Uhr,&#8220; wiederholte die Maske nachdr\u00fccklich und langsam. W\u00fcnschen Sie sich Gl\u00fcck, Prinz (indem sie ihn bei seinem wahren Namen nannte.) Um neun Uhr ist er gestorben.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und verschwindet dann. Eine gute Weile sp\u00e4ter erh\u00e4lt der Prinz tats\u00e4chlich die Botschaft, dass just zu diesem Zeitpunkt einer seiner Cousins gestorben ist. Wie konnte der Armenier das wissen, und wie hatte er den Prinzen erkannt? &#8212; Als ein Venezianer Streit mit dem Prinzen anf\u00e4ngt und ihm mit gedungenen M\u00f6rdern droht, sorgt der Armenier daf\u00fcr, dass die Staatsinquisition Venedigs den Erz\u00fcrnten kurzerhand hinrichtet. Und dann kommt der ausf\u00fchrlichste Streich des Kapitels: Das Heldengespann lernt <em>den Sizilianer<\/em> kennen, einen Geisterbeschw\u00f6rer, den Geisterseher des Romantitels. Es kommt zu einer S\u00e9ance, der Prinz und sein Begleiter staunen ohne jedes gr\u00f6\u00dfere Misstrauen, als tats\u00e4chlich das ganze Arsenal aufgefahren wird: Donnergrollen, wirkungslose Pistolenkugeln, elektrische Entladungen, Rauchwolken, ein beschworener Geist, der mehr wei\u00df, als eigentlich m\u00f6glich ist. Dann ein \u00fcberraschender letzter Satz, als der <em>Russe<\/em> dem Sizilianer Betrug vorwirft, worauf dieser zusammenbricht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Folge 2:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Stellt sich heraus, der Russe ist der Armenier in Verkleidung, der dem Prinzen schon wieder zur Seite steht und ihm aus einer brenzligen Situation hilft (n\u00e4mlich dem betr\u00fcgerischen Sizilianer aufgesessen zu sein, der an den historischen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alessandro_Cagliostro\">Cagliogstro<\/a> angelehnt ist). Der Sizilianer kommt ins Gef\u00e4ngnis, der Prinz besucht ihn mit dem Grafen und fragt ihn aus. Er und wir kriegen eine lange Binnenerz\u00e4hlung serviert, in der der Armenier &#8211; wiederum nur als Randfigur &#8211; als geheimnisvoller Dr\u00e4htezieher auftaucht.<br>Der Prinz, pl\u00f6tzlich dynamisch und aufmerksam, erkennt einen geheimen Plan und kl\u00e4rt den naiven Grafen von O. auf: Das ganze sei ein Trick im Trick, die Geschichte des Sizilianers reine Erfindung, die Aufdeckung des Betrugs ein wesentlicher Teil eines umfassenderen Plans &#8211; mit dem Ziel, den Prinzen f\u00fcr irgendetwas vorzubereiten oder die Figur des Armeniers als wohlgesonnen und m\u00e4chtig zu etablieren.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212; Bis hierhin h\u00e4tte das eine durchaus spannende Geschichte werden k\u00f6nnen. Der allgegenw\u00e4rtige Armenier erinnert mich an den nicht minder geheimnisvollen <em>Perser<\/em> aus Gaston Leroux&#8216; <em>Das Phantom der Oper<\/em>. Und ja, an der Erz\u00e4hltechnik kann Schiller noch arbeiten. Auf die Binnennovelle des Sizilianers folgt des Prinzen Analyse des Gespr\u00e4chs: 13 Seiten reiner Dialog, unterbrochen von sehr gelegentlichem &#8222;sagte der Prinz&#8220; und vier Zeilen vorausdeutendem Erz\u00e4hlerkommentar. So mag ich meine Epik nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Folge ist der Prinz aktiv und \u00fcberlegend kritisch und l\u00e4sst sich nichts vormachen. Die Geschichte des Sizilianers entlarvt er als T\u00e4uschung, den Aufbau der gr\u00f6\u00dferen T\u00e4uschung des Armeniers erkl\u00e4rt er minuti\u00f6s &#8211; aber eher wie Nero Wolfe vom Schreibtisch aus, ohne den Schauplatz der Tat noch einmal zu besuchen. Die Lupe Sherlock Holmes&#8216; fehlt, aber der Graf gibt einen braven Watson ab:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Das m\u00f6chte schwer zu beweisen sein,&#8220; rief ich mit nicht geringer Verwunderung.<br>&#8222;Nicht so schwer, lieber Graf, als Sie wohl meinen.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und das hier klingt doch schon ein wenig nach Holmes&#8216; Diktum (&#8222;Wenn man das Unm\u00f6gliche ausgeschlossen hat, dann muss das, was \u00fcbrig bleibt, die Wahrheit sein, wie unwahrscheinlich es auch ist&#8220;):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;In der Tat,&#8220; rief ich, &#8222;f\u00fcr so gut als unm\u00f6glich.&#8220; &#8211;<br>&#8222;Diese Redensart verstehe ich nicht. Widerspricht es allen gesetzen der Zeit, des Raums und der physischen Wirkungen, dass ein so gewandter Kopf, wie doch unwidersprechlich dieser Armenier ist, mit H\u00fclfe seiner vielleicht ebenso gewandten Kreaturen [&#8230;] in so weniger Zeit so viel zustande bringen k\u00f6nnte? [&#8230;] Wollten Sie lieber ein Wunder glauben, als eine Unwahrscheinlichkeit zugeben?&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Folge 3:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der vorhergehenden Folge war der Prinz aktiv, analytisch und aufdeckend, ab jetzt wird er zur Puppe, beliebig formbar. Er wird in eine m\u00e4\u00dfig geheime Verbindung eingef\u00fchrt, lauter Atheisten und verderbte Freigeister. Dort herrscht &#8222;die z\u00fcgelloseste Lizenz der Meinungen&#8220;, so der erz\u00e4hlende Graf &#8211; es gibt sehr viel <em>telling<\/em> und fast kein <em>showing,<\/em> also m\u00fcssen wir mal sein Wort daf\u00fcr nehmen. Der Prinz verliert &#8222;die reine, sch\u00f6ne Einfalt seines Charakters&#8220; (im vorherigen Teil zeigt er alles andere als das, n\u00e4mlich ein souver\u00e4nes Verst\u00e4ndnis von Intrigen und R\u00e4nken), sein &#8222;durch so wenig gr\u00fcndliche Kenntnisse unterst\u00fctzter Verstand&#8220; (von dem er eben noch so guten Gebrauch machen konnte) kann die gottlosen Argumente nicht widerlegen. Er entfernt sich von der guten protestantischen Kirche, macht immer mehr Schulden, lernt zweifelhafte Leute kennen. Dass das alles Teil eines Plans ist, wird angedeutet; wer alles darin verwickelt und Teil der Verschw\u00f6rung ist, kann man nur raten. Der Armenier taucht nicht mehr auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erz\u00e4hlweise wechselt jetzt zum Briefroman, der Graf von O. verl\u00e4sst Venedig, l\u00e4sst sich die weitere Handlung per Brief berichten. Das \u00e4ndert nichts am vielen <em>telling<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Folge 4:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt passiert wieder mal ein bisschen. Der Prinz beobachtet in einer leeren Kirche eine Frau, die ihn fasziniert, und sucht sie eine Weile, bis er sie findet. Das war&#8217;s dann aber auch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Folge 4 1\/2 (&#8222;Ein Fragment aus dem zweiten Bande des Geistersehers.&#8220;):<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Buchfassung steht dieses Fragment an etwas anderes Stelle. Wir erfahren als kleine Binnenerz\u00e4hlung Andeutungen zur Hintergrundgeschichte einer Frau, die vielleicht die Frau aus der vorherigen Folge ist. Oder auch nicht. Was auch immer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schluss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Steht nur in der Buchausgabe, soweit ich wei\u00df. Auf der <em>vorletzten<\/em> Seite wird Graf von O. nach drei Monaten Pause nach Venedig gerufen, wo alles drunter und dr\u00fcber geht: Der Marchese im Sterben, der Kardinal sinnt auf Rache und dingt M\u00f6rder, Prinz unerkannt im Kloster, eine &#8222;sie&#8220; ist tot, wahrscheinlich vergiftet, der Prinz trauert um sie. (Ist die Frau diejenige aus dem vorherigen Teil? Was ist mit dem Marchese, wer ist der Kardinal? Wir wissen es nicht.) Auf der <em>letzten<\/em> Seite ist er angekommen, des Prinzen &#8222;Schulden sind bezahlt, der Kardinal vers\u00f6hnt, der Marchese wieder hergestellt.&#8220; Und der Prinz ist bei der katholischen Messe &#8211; wom\u00f6glich war alles nur ein Komplott, um den Prinzen genau dorthin zu kriegen.<br>Dieser Sprung in der Handlung gef\u00e4llt mir ausgesprochen gut. Erst mal alles hinknallen, und danach kann man das immer noch erkl\u00e4ren. Aber leider ist da das Buch zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Nu, stilbildend isses: Im ersten Teil haben wir Held und Begleiter in der exotischen Gro\u00dfstadt wie sp\u00e4ter bei Karl May. Der zweite Teil hat einen analytischen Aufdecker, der seinem tumberen Begleiter die Zusammenh\u00e4nge erkl\u00e4rt &#8211; wie bei Poe und Doyle. Dazu Briefroman und damit Herausgeberfiktion. Geheimnisvolle Geheimb\u00fcnde kamen da erst langsam in Mode.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) &#8222;Einer der besten Krimis aller Zeiten&#8220; hie\u00df es vor drei Wochen in der S\u00fcddeutschen Zeitung (online) \u00fcber Schillers Romanfragment Der Geisterseher, das in f\u00fcnf Teilen in Heft 4-8 (1787-1789) der Zeitschrift Thalia erschien und danach f\u00fcr die erweiterte Buchausgaben noch etwas umgestaltet wurde. Das ist Unsinn. 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