{"id":6751,"date":"2015-12-04T07:56:44","date_gmt":"2015-12-04T06:56:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=6751"},"modified":"2023-05-24T12:12:17","modified_gmt":"2023-05-24T10:12:17","slug":"hugo-ball-dada","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2015\/12\/hugo-ball-dada.htm","title":{"rendered":"Hugo Ball &#038; Dada"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2015\/12\/hugo-ball-dada.htm#comments'>12 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>Der folgende Text von Hugo Ball ist ein Klassiker aus seinen Tagebucherinnerungen, &#8222;Die Flucht aus der Zeit&#8220; von 1927. Darin schildert eher die dadaistische Auff\u00fchrung eines dadaistischen Gedichts. Den Dadaismus behandle ich in Deutsch nur ganz am Rande im Zusammenhang mit dem Expressionismus, aber ein dadaistisches Gedicht m\u00fcssen ein paar Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler der Oberstufe ihren Mitsch\u00fclern schon pr\u00e4sentieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Foto habe ich nicht gemacht, und an den Aufzug von Hugo Ball &#8211; siehe Bericht und Foto unten &#8211; sind die Sch\u00fcler nicht herangekommen. Aber ein mehrstimmiger Vortrag, etwas Verkleidung und eine Schriftrolle waren involviert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"277\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/dada_schriftrolle.jpg\" alt=\"dada_schriftrolle\" class=\"wp-image-6758\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/dada_schriftrolle.jpg 500w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/dada_schriftrolle-150x83.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>23. VI 1916<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe eine neue Gattung von Versen erfunden, &#8222;Verse ohne Worte&#8220; oder Lautgedichte, in denen das Balancement der Vokale nur nach dem Werte der Ansatzreihe erwogen und ausgeteilt wird. Die ersten dieser Verse habe ich heute abend vorgelesen. Ich hatte mir dazu ein eigenes Kost\u00fcm konstruiert. Meine Beine standen in einem S\u00e4ulenrund aus blaugl\u00e4nzendem Karton, der mir schlank bis zur H\u00fcfte reichte, so dass ich bis dahin wie ein Obelisk aussah. Dar\u00fcber trug ich einen riesigen, aus Pappe geschnittenen Mantelkragen, der innen mit Scharlach und au\u00dfen mit Gold beklebt, am Halse derart zusammengehalten war, dass ich ihn durch ein Heben und Senken der Ellbogen fl\u00fcgelartig bewegen konnte. Dazu einen zy\u00adlinderartigen hohen, wei\u00df und blau gestreiften Schamanen\u00adhut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte an allen drei Seiten des Podiums gegen das Publikum Noten\u00adst\u00e4nder errichtet und stellte darauf mein mit Rotstift gemaltes Manu\u00adskript, bald am einen, bald am andern Notenst\u00e4nder zelebrierend. Da Tzara von meinen Vorbereitungen wusste, gab es eine richtige kleine Premiere. Alle waren neugierig. Also lie\u00df ich mich, da ich als S\u00e4ule nicht gehen konnte, in der Verfinsterung auf das Podest tragen und begann langsam und feierlich:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>gadji beri bimba<br>glandridi lauli lonni cadori<br>gadjama bim beri glassala<br>glandridi glassala tuffm i zimbrabim<br>blassa galassasa tuffm i zimbrabim . ..<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Akzente wurden schwerer, der Ausdruck steigerte sich in der Ver\u00adsch\u00e4rfung der Konsonanten. Ich merkte sehr bald, dass meine Ausdrucks\u00admittel, wenn ich ernst bleiben wollte (und das wollte ich um je\u00adden Preis) dem Pomp meiner Inszenierung nicht w\u00fcrden gewachsen sein. Im Publi\u00adkum sah ich Brupba\u00adcher, Jelmoli, Laban, Frau Wiegmann. Ich f\u00fcrchtete eine Blamage und nahm mich zusammen. Ich hatte jetzt rechts am Notenst\u00e4nder &#8222;Labadas Gesang an die Wolken&#8220; und links die &#8222;Elefanten\u00adkarawane&#8220; ab\u00adsolviert und wandte mich wieder zur mittleren Staffelei, flei\u00dfig mit den Fl\u00fcgeln schlagend. Die schwe\u00adren Vokalreihen und der schleppende Rhythmus der Elefanten hatten mir eben noch eine letzte Steige\u00adrung erlaubt. Wie sollte ich&#8217;s aber zu Ende f\u00fchren? Da bemerkte ich, dass meine Stimme, der kein ande\u00adrer Weg mehr blieb, die uralte Kadenz der priesterlichen Lamentation annahm, jenen Stil des Messge\u00adsangs, wie er durch die katholischen Kirchen des Morgen\u2011 und Abendlan\u00addes wehklagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, was mir diese Musik eingab. Aber ich begann meine Vokalreihen rezitativartig im Kir\u00adchenstile zu singen und versuchte es, nicht nur ernst zu bleiben, sondern mir auch den Ernst zu erzwin\u00adgen. Einen Moment lang schien mir, als tauche in meiner kubistischen Maske ein bleiches, verst\u00f6rtes Jungengesicht auf, jenes halb erschrockene, halb neugierige Gesicht eines zehnj\u00e4hrigen Knaben, der in den Totenmessen und Hochmessen seiner Heimatpfarrei zitternd und gierig am Munde der Priester h\u00e4ngt. Da erlosch, wie ich es bestellt hatte, das elektrische Licht, und ich wurde vom Podium schwei\u00df\u00adbedeckt als ein magischer Bischof in die Versenkung getragen.<\/p>\n\n\n\n<p>24. VI 1916<\/p>\n\n\n\n<p>Vor den Versen hatte ich einige programmatische Worte verlesen. Man verzichte in dieser Art Klangge\u00addichte in Bausch und Bogen auf die durch den Journalismus verdorbene und unm\u00f6glich gewordene Sprache. Man ziehe sich in die innerste Alchimie des Wortes zur\u00fcck, man gebe auch noch das Wort preis, und bewahre so der Dichtung ihren letzten und heiligsten Bezirk. Man verzichte darauf, aus zweiter Hand zu dichten: n\u00e4mlich Worte zu \u00fcbernehmen (von S\u00e4tzen ganz zu schweigen), die man nicht funkelnagelneu f\u00fcr den eigenen Gebrauch erfunden habe. Man wolle den poetischen Effekt nicht l\u00e4nger durch Ma\u00dfnahmen erzielen, die schlie\u00dflich nichts weiter seien als reflektierte Eingebungen oder Arrangements verstohlen angebotener Geist\u2011, nein Bildreichigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"500\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/hugo_ball.jpg\" alt=\"hugo_ball\" class=\"wp-image-6754\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/hugo_ball.jpg 300w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/hugo_ball-90x150.jpg 90w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(12 Kommentare.) 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