{"id":69210,"date":"2026-08-25T07:30:03","date_gmt":"2026-08-25T05:30:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=69210"},"modified":"2026-08-25T07:36:42","modified_gmt":"2026-08-25T05:36:42","slug":"klassische-deutsche-kurzgeschichten-hrsg-werner-bellmann-reclam-2019-2-auflage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2026\/08\/klassische-deutsche-kurzgeschichten-hrsg-werner-bellmann-reclam-2019-2-auflage.htm","title":{"rendered":"Klassische deutsche Kurzgeschichten (Hrsg. Werner Bellmann, Reclam 2019, 2. Auflage)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutsche Kurzgeschichte mochte ich als Sch\u00fcler nicht besonders, und daran hat sich bis heute nicht viel ge\u00e4ndert. Sprachlich packen mich die meisten nicht, von Wolfgang Borchert vielleicht mal abgesehen, und inhaltlich waren sie mir damals fern &#8211; keine Raumschiffe, keine abenteuerliche Handlung; sie sind beliebiger als Novellen, die ich mehr sch\u00e4tze. Dennoch macht mir das Arbeiten damit in der Schule doch immer wieder Spa\u00df, so dass ich mich vor zwei Jahren dazu hinrei\u00dfen lie\u00df, mir diese kleine Reclam-Anthologie zu kaufen. Jetzt bin ich dazu gekommen, sie zu lesen; ich habe sie mir in den Urlaub mitgenommen, weil das Buch klein und aus Papier ist. Auf langen Zugfahrten spare ich gerne Telefonstrom, weil man ja nie wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es folgen festgehaltene Gedanken zu einigen wenigen der Geschichten in dieser Sammlung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ilse Achinger, Die ge\u00f6ffnete Ordner (1951)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist eine von Aichingers bekanntesten Kurzgeschwichten, sie war Lekt\u00fcre in meiner Schulzeit und hat mich schon damals <em>irritiert.<\/em> Das lag am Inhalt: In einer Kriegssituation geht es darum, ob eine Einheit jetzt angreifen oder warten soll. Ein Soldat hat eine versiegelte Botschaft zu \u00fcbermitteln, liest sie aber heimlich (aus nicht ganz nachvollziehbaren Gr\u00fcnden). Obwohl die Botschaft lautet, den \u00dcbermittler der Botschaft zu t\u00f6ten, sorgt er daf\u00fcr, dass sie ankommt. Am Ende wird ihm mitgeteilt, wie gut es gewesen sei, dass der den Inhalt der Botschaft nicht kannte, denn die verwendete Chiffre sei sehr ungew\u00f6hnlich gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon als Jugendlicher wusste ich, dass ich da etwas nicht verstehe. Wenn das realistisch sein soll, ist das Unsinn, weil nie jemand so eine Chiffe verwenden w\u00fcrde. Soll das also eine Parabel darauf sein darauf, dass junge Soldaten in den Tod geschickt werden? So sieht der Rest der Erz\u00e4hlung aber \u00fcberhaupt nicht aus. Also was jetzt?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ilse Aichinger, Seegeister (1952)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Teile dieser Geschichte waren im 2023 eines der Themen im Deutsch-Abitur in Bayern. Das ist eine sehr interessante Geschichte! Sie beginnt mit diesem kurzen Rahmen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Sommer \u00fcber beachtet man sie wenig oder h\u00e4lt sie f\u00fcr seinesgleichen, und wer den See mit dem Sommer verl\u00e4\u00dft, wird sie nie erkennen. Erst gegen den Herbst zu beginnen sie, sich deutlicher abzuheben. Wer sp\u00e4ter kommt oder l\u00e4nger bleibt, wer zuletzt selbst nicht mehr wei\u00df, ob er noch zu den G\u00e4sten oder schon zu den Geistern geh\u00f6rt, wird sie unterscheiden. Denn es gibt gerade im fr\u00fchen Herbst Tage, an denen die Grenzen im Hin\u00fcberwechseln noch einmal sehr scharf werden.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Einleitung wird gefolgt von drei kurzen, ja, man muss es wohl Geistergeschichten nennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Geschichten sind stimmungsvoll, und absurd bis unrealistisch, und es wird nicht so viel erkl\u00e4rt wie in klassischen Geistergeschichten. Es sind eher Skizzen oder Anekdoten. Aber allein die Tatsache, dass es sich jeweils um einen See handelt und die Geister um diesen herum, reiht die kurzen Binnenerz\u00e4hlungen in eine alte Tradition ein. Es m\u00fcsste zwar auch viele deutsche Sagen geben, angefangen bei Goethes Fischer, aber ich denke zuerst an nordamerikanische Monster in Seen oder <em>haunted lakes,<\/em> von Ray Bradbury, The Lake (1944) bis zur Freitag-der-13.-Reihe, mit Episoden von Scooby Do und <em>Gravity Falls.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der ersten Geschichte geht es um einen Urlauber, dessen Motor beim Bootfahren auf dem See nicht mehr ausgeht, auch als sp\u00e4ter gar kein Benzin mehr darin sein kann. Also bleibt er auf dem See, winkt den abreisenden Freunden und letzten G\u00e4sten und wird zu einem Geist, den die Einheimischen in Herbstn\u00e4chten h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der zweiten Geschichte geht es um eine Frau, die sich aufzul\u00f6sen beginnt, sobald sie ihre Sonnenbrille abnimmt. Also l\u00e4sst sie sie einfach auf, bei jeder Gelegenheit. Was soll sie im Winter tun, und in der Stadt nach dem Urlaub? Das Ende bleibt offen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der dritten Geschichte geht es um drei junge Frauen, deren Getuschel und Gekichere (man erf\u00e4hrt nicht, was in ihnen tats\u00e4chlich vorgeht) indirekt Schuld am Ertrinken eines Matrosen ist. Seitdem sind sie &#8222;immer noch auf dem Dampfer und stehen am Heck und lachen hinter der vorgehaltenen Hand. Wer sie sieht, sollte sich von ihnen nicht beirren lassen. Es sind immer dieselben.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(Dass in der Abituraufgabe nur die erste der drei Binnenerz\u00e4hlungen enthalten ist und die anderen nicht einmal erw\u00e4hnt werden, l\u00e4dt dazu ein, mehr Beziehungen zwischen dem Einleitungsabsatz und der Binnenerz\u00e4hlung zu suchen, als vielleicht da sind. In der b)-Aufgabe geht es dann au\u00dferdem noch um parabolisches Erz\u00e4hlen, was nahelegt, dass eine parabolische Deutung der Geistergeschichte erwartet wird, was mir wiederum nicht sehr hilfreich erscheint.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erinnert hat mich die erste Geschichte an Shirley Jackson, &#8222;The Summer People&#8220;, erschienen 1950, anthologisiert in <em>Best American Short Stories 1951.<\/em> Ein Ehepaar aus der Stadt verbringt regelm\u00e4\u00dfig den Urlaub am See; das Paar wird als ziemlich nervig beschrieben, aber die Leute aus der Siedlung am See liefern anstandslos Lebensmittel und Dienstleistungen. In einem Jahr reist das Paar aus Gr\u00fcnden nicht ab, bleibt einfach nach der Saison noch da. Das Verhalten der Leute ihnen gegen\u00fcber \u00e4ndert sich: sie kriegen keine Bestellungen aus dem Lebensmittelladen mehr geliefert &#8211; klar, der Lieferjunge geht jetzt wieder in die Schule, und f\u00fcr einzelne G\u00e4ste lohnt sich die Anfahrt ohnehin nicht. Nach und nach wird die Stimmung immer feindseliger, und die Geschichte kippt nach und nach in Richtung unheimlicher phantastischer Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Friedrich D\u00fcrrenmatt, Der Tunnel (1952)<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Geschichte ist sehr bekannt. Ein Mann f\u00e4hrt eine ihm eigentlich sehr vertraute Strecke mit dem Zug; sie fahren in einen Tunnel, dessen Durchquerung eigentlich h\u00f6chstens eine Minute dauern sollte. Aber sie dauert l\u00e4nger, der Zug f\u00e4hrt und f\u00e4hrt und kommt doch nie aus dem Tunnel. Die Mitpassagiere reagieren erst einmal desinteressiert und sehen kein Problem. Mit einem Bahnmitarbeiter schl\u00e4gt sich der Mann bis zur Lokomotive am Kopfende des Zugs durch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte hat sich gut gehalten. Heute habe ich dabei Action-Filme im Kopf, <em>Snowpiercer<\/em> oder diesen koreanischen Zombiefilm im Zug, <em>Train to Busan,<\/em> nicht dass ich mir so grausliche Sachen anschauen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die anderen Geschichten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die anderen Geschichten haben mich eher kalt gelassen. Dennoch hat mich \u00fcberrascht, wie wenige davon in das Kurzgeschichtenschema passen, das wir in der Schule gerne vermitteln &#8211; und das, obwohl ein Auswahlkriterium &#8211; von mehreren &#8211; f\u00fcr die Anthologie war, welche Geschichten in Schulb\u00fcchern h\u00e4ufig auftauchen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Werner Bellmann, Nachwort<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese gut zwanzig Seiten waren besonders interessant zu lesen. Die Geschichte der Kurzgeschichte bis zur Nachkriegszeit war mir nicht neu, es beginnt nat\u00fcrlich mit Poe, aber danach war f\u00fcr mich vieles neu. Kurz: Es geht durcheinander und keineswegs so einheitlich wie in meiner vereinfachten Schulbuchfassung. Die Leute haben geschrieben, was sie wollten. Endlich wird einmal zugegeben, dass es mindestens zwei Arten von Kurzgeschichten gibt, die mit dem allt\u00e4glichen Ereignis und die mit der \u00fcberraschenden Pointe und der spannenden Ausnahmesituation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsche Kurzgeschichte mochte ich als Sch\u00fcler nicht besonders, und daran hat sich bis heute nicht viel ge\u00e4ndert. Sprachlich packen mich die meisten nicht, von Wolfgang Borchert vielleicht mal abgesehen, und inhaltlich waren sie mir damals fern &#8211; keine Raumschiffe, keine abenteuerliche Handlung; sie sind beliebiger als Novellen, die ich mehr sch\u00e4tze. 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