{"id":7336,"date":"2016-02-28T18:36:48","date_gmt":"2016-02-28T17:36:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=7336"},"modified":"2016-02-28T18:37:04","modified_gmt":"2016-02-28T17:37:04","slug":"j-j-abrams-doug-dorst-s","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2016\/02\/j-j-abrams-doug-dorst-s.htm","title":{"rendered":"J. J. Abrams, Doug Dorst: S."},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2016\/02\/j-j-abrams-doug-dorst-s.htm#comments'>4 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div><p>Das Buch, das ich gelesen habe, hei\u00dft <em>S.<\/em> und ist von Doug Dorst und J. J. Abrams, der wohl die Idee dazu hatte. Es kommt in einem Schuber mit Banderole dran, und in diesem Schuber ist ein Objekt, n\u00e4mlich ein Buch namens <em>Ship of Theseus<\/em>, Autor: V. M. Straka, und unter diesem Namen d\u00fcrfte <em>S.<\/em> bekannter sein als unter dem technisch korrekten Titel.<\/p>\n<p>Das ist verwirrend, aber wenn man das physische Buch-Objekt erst einmal in der Hand hat, wird alles etwas verst\u00e4ndlicher. Das Buch ist die Reproduktion eines nicht existierenden Buchs&#8230; nein, doch anders: Das Buch sieht aus wie ein echtes Buch aus den 1950er Jahren, gebunden, ein ehemaliges Bibliotheksexemplar aus dem Bestand einer amerikanischen High School. Hinten sind sogar noch die Stempel der Schule drin, mit den Ausleihdaten. Guck mal, das erste Mal wurde das Buch im Oktober 1957 ausgeliehen, das letzte Mal im Oktober 2000. Das Papier ist schon ein bissen angegilbt, es gibt ein paar Wasser- und noch mehr Stockflecken. Einen Papierumschlag (&#8222;Dust Jacket&#8220;) muss es sicher mal gegeben haben, aber der ist nicht mehr vorhanden; au\u00dfen sieht man ein recht abstraktes Design, das man gut und gern in die 1950er Jahre einordnen m\u00f6chte. Au\u00dferdem klebt noch der Bibliotheksaufkleber mit dem Sigel dran, der Bibliotheksnummer: 813.54 STR 1949. &#8222;STR&#8220; sind die Anfangsbuchstaben des Autors Straka, 1949 ist das Erscheinungsjahr, &#8222;813&#8220; steht im Dewey Decimal System, das in amerikanischen Bibliotheken viel benutzt wird, f\u00fcr (googelt) &#8222;American fiction in English&#8220;, und &#8222;813.54&#8220; f\u00fcr &#8222;American fiction published between 1945-1999&#8220;. (Mmmh, &#8222;819&#8220; ist laut Wikipeda f\u00fcr &#8222;No longer used &#8211; formerly Puzzle activities&#8220;, auch nicht schlecht.)<\/p>\n<p>Kurz, das Buch sieht von vorn bis hinten aus wie ein Buch aus dem Jahr 1949, das es ja auch sein soll. (Zugegeben, dass das kein Bleisatz ist, sieht man als B\u00fccherfreund eigentlich gleich.) Komisch, von diesem V. M. Straka hat man noch nie etwas geh\u00f6rt, von dem herausgebenden Verlag auch nicht. Und schau mal, da hat sogar jemand Notizen in das Buch geschrieben, so am Rand, und sogar in verschiedenen Farben und in unterschiedlicher Handschrift&#8230;<\/p>\n<p>Also: Den in seiner Welt hochber\u00fchmten und vielbeforschten V. M. Straka gibt es in unserer nicht. In seiner Welt ist das ein Exemplar des letzten Romans dieses extrem \u00f6ffentlichkeitsscheu lebenden Autors, mit F. X. Caldeira als kaum weniger anonymem Herausgegeber. Das Exemplar geh\u00f6rt einem fortgeschrittenen Studenten, der \u00fcber Straka forscht und seit Schultagen schon Notizen in das Buch macht, mit Bleistift. (Also, &#8222;Bleistift&#8220;.) Nachdem er es an der Uni versehentlich liegen l\u00e4sst, findet er pl\u00f6tzlich hineingeschriebene Notizen von einer zweiten Hand, einer etwas j\u00fcngeren Studentin, wie sich im Verlauf herausstellt. Er reagiert mit weiteren Notizen, sie mit Antworten darauf, und so liest man bei Lekt\u00fcre des Buches eigentlich drei verschiedene Geschichten:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Geschichte von Jen und Eric, wie sie sich nach und nach kennen lernen. Die Geschichte ihrer gemeinsamen Entdeckung und vom Hauen und Stechen in der Straka-Forschungsszene: Plagiate, kleinere Diebst\u00e4hle, Exmatrikulation und fieses Lehrpersonal. Und vielleicht auch Einbruch und Brandstiftung und Mordundtotschlag, oder war das alles nur Zufall?<\/li>\n<li>Die Geschichte um V. M. Straka selber: Geh\u00f6rte er wirklich zum geheimen Geheimbund der S.? War er ein idealistischer Auftragskiller? Wer war der \u00f6ffentlichkeitsscheue Autor \u00fcberhaupt &#8211; wenn er nicht gar ein Kollektiv war? Und welches Verh\u00e4ltnis hatte er zu F. X. Caldeira? Forschungsthesen zur Identit\u00e4t Strakas gibt es zuhauf; wer eine davon endg\u00fcltig kl\u00e4ren k\u00f6nnte, dem w\u00e4re akademischer Weltruhm gewiss. &#8212; Das Geschehen dieser Ebene wirkt eventuell auf die Ebene dar\u00fcber zur\u00fcck: <em>Wenn<\/em> es den Geheimbund der S. wirklich gab, <em>dann<\/em> ist vielleicht doch er das, der jetzt hinter Jen und Eric her ist.<\/li>\n<li>Die Geschichte von S., die eigentliche Geschichte des Romans. Allerdings ist das wahrscheinlich ein Schl\u00fcsselroman, so dass auch der Inhalt der Romanhandlung wieder Schl\u00fcsse auf die Ebene zuvor erm\u00f6glicht.<\/li>\n<li>Und wenn man die Fu\u00dfnoten von F.X. Caldeira noch dazu nimmt, gibt das wieder eine weitere Erz\u00e4hlebene oder jedenfalls einen weiteren Erz\u00e4hler.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das ist genau ein Buch f\u00fcr Herrn Rau, dachte sich Frau Rau Ende des letzten Jahres, und beschenkte mich damit. \u00dcbrigens ein Buch, das genau nicht f\u00fcr Frau Rau ist, aber das tut nichts zur Sache. Als Produktion ist das Buch sagenhaft. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie aufw\u00e4ndig es ist, das alles zu gestalten. Nicht nur gibt es das Buch und die vielen Randnotizen (in zwei bis drei Schriften, mit verschiedenen Farben, die man veschiedenen Zeitpunkten zuordnen kann). Zwischen den Seiten liegen auch noch: Zeitungsartikel, Postkarten, handbeschriebene (&#8222;handbeschriebene&#8220;) Servietten, Briefe, Fotos, Kopien aus dem Straka-Archv, eine Seite Universit\u00e4tszeitung. Sagenhaft. Und ein <em>secret decoder wheel<\/em>, lange Geschichte, eher sogar \u00fcberfl\u00fcssig, f\u00fcr mich jedenfalls. Tats\u00e4chlich braucht man es schon, um einen Code zu entschl\u00fcsseln, aber den habe ich im Internet nachgeschlagen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich enthalten die Fu\u00dfnoten von F. X. Caldeira in jedem Kapitel eine geheime Nachricht. Das hat mich sogar eher gest\u00f6rt. Erstens habe ich die Geduld nicht, die Codes zu knacken, und die meisten werden ja von Jen und Eric (also vor allem: Jen) geknackt. Zweitens scheinen sie mir nicht genug motiviert, auch wenn Gr\u00fcnde daf\u00fcr genannt werden. Drittens hat mich zumindest der Code von Kapitel 8 aus der Illusion gerissen, denn er basiert auf Bleisatz-Artefakten, die Dorst\/Abrams zwar sch\u00f6n reproduzieren k\u00f6nnen, die Caldeira aber so nie h\u00e4tte produzieren k\u00f6nnen. Dann kann man den Druckern ja gleich sagen, dass man hier etwas verschl\u00fcsselt.<\/p>\n<p>Ja, und jetzt das Leseerlebnis: Hm. Ein bisschen arg bem\u00fcht, und ein bisschen arg m\u00fchsam. Dorst hat, habe ich gelesen, mehr oder weniger zuerst den Roman geschrieben und dann wurden die Randbemerkungen erg\u00e4nzt. Wenn der Roman mich mehr interessiert h\u00e4tte, h\u00e4tte ich das vielleicht andersherum gemacht, aber das hat er nicht. Die Geschichte um S. bleibt parabelhaft zweidimensional, eine Reihe von Schaupl\u00e4tzen und Fluchten, alles eher anonym und wenig konkret und nicht in einer greifbaren Welt verwurzelt. Und die Geschichte von Jen und Eric: schon besser. Aber das gro\u00dfe Drama enpuppt sich dann als unbegr\u00fcndeter Plagiatsvorwurf und viel Paranoia, meh. (Vgl. Foucaultsches Pendel.) Vermutlich entgeht mir viel, und wenn ich die vielen undokumentierten Codes knacken w\u00fcrde, k\u00e4me ich ganz anderen Dingen auf die Spur. Zumindest k\u00f6nnte ich als Autor nicht widerstehen, solche Sachen einzubauen, aber ich w\u00e4re wohl auch kein guter Autor.<\/p>\n<p>Als Kurzgeschichte h\u00e4tte mir das besser gefallen. Ich glaube, Nabokovs <em>Pale Fire,<\/em> vor vielen Jahren, hat mir besser gefallen. Dieser Roman besteht aus einem eigentlichen Text, einem epischen, nicht allzu langen Gedicht, und den sehr ausf\u00fchrlichen Fu\u00dfnoten des Herausgebers dazu, in denen sich die eigentliche Geschichte abspielt.<br \/>\nLetztlich liest sich <em>S.<\/em> linearer, als man denkt; die Randbemerkungen sind grob chronologisch, also die Notizen auf den fr\u00fchen Seiten \u00e4lter als die auf den letzten Seiten. Bei einer Kurzgeschichte h\u00e4tte man das anders machen k\u00f6nnen, bei einem Roman geht es kaum anders.<\/p>\n<p>EIne Frage zur \u00dcbersetzung h\u00e4tte ich: wie ist das Buch \u00fcbersetzt? Sind Jen und Eric Studierende an einer amerikanischen Bibliothek, die amerikanische Randbemerkungen machen, die &#8211; ebenso wie das Buch selbst &#8211; einfach ins Deutsche \u00fcbersetzt sind? Das vermute ich, aber das nimmt dem Buch-Artefakt nat\u00fcrlich wieder die Authentizit\u00e4t. Besser w\u00e4ren zwei deutsche Studierende an einer deutschen Universit\u00e4t mit einer deutschen Ausgabe des Bands. (Straka selber schrieb nicht unbedingt auf Englisch, sondern in vielen Sprachen.) Aber das w\u00e4re dann schon eine freiere \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>Links:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/swiki.zachwhalen.net\/\">http:\/\/swiki.zachwhalen.net\/<\/a> Ein Wiki zu <em>S.<\/em>, hilft vielleicht beim Lesen.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2008\/08\/was-der-autor-sich-an-herausgeberhaftem-unter-den-nagel-reisst.htm\">Was der Autor sich an Herausgeberhaftem unter den Nagel rei\u00dft<\/a>: Ein alter Blogeintrag von mir, in dem es darum geht, welche urspr\u00fcnglich editorischen Elemente nach und nach von Autoren vereinnahmt wurden. Bisher waren das: Titel, Vorwort, Fu\u00dfnoten, Inhaltsverzeichnis, Seitenzahlen und so weiter &#8211; mit <em>S.<\/em> kommt nun alles auf einmal dazu.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/stefanmesch.wordpress.com\/2016\/01\/09\/ein-mutiges-verlagsprojekt-das-schiff-des-theseus-j-j-abrams-doug-dorst\/\">Blogeintrag dazu<\/a> von Stefan Mesch. Der hatte auch so seine Schwierigkeiten beim Lesen.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(4 Kommentare.) Das Buch, das ich gelesen habe, hei\u00dft S. und ist von Doug Dorst und J. J. Abrams, der wohl die Idee dazu hatte. Es kommt in einem Schuber mit Banderole dran, und in diesem Schuber ist ein Objekt, n\u00e4mlich ein Buch namens Ship of Theseus, Autor: V. M. 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