{"id":7411,"date":"2016-04-04T22:20:35","date_gmt":"2016-04-04T20:20:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=7411"},"modified":"2023-05-31T14:07:36","modified_gmt":"2023-05-31T12:07:36","slug":"matt-ruff-lovecraft-country","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2016\/04\/matt-ruff-lovecraft-country.htm","title":{"rendered":"Matt Ruff, Lovecraft Country"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2016\/04\/matt-ruff-lovecraft-country.htm#comments'>3 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-7421\" style=\"float: left; margin-right: 15px;\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/matt_ruff_lovecraft_country.jpg\" alt=\"book cover matt ruff lovecraft country\" width=\"250\" height=\"379\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/matt_ruff_lovecraft_country.jpg 250w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/matt_ruff_lovecraft_country-99x150.jpg 99w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/matt_ruff_lovecraft_country-198x300.jpg 198w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/>Habe ich hier tats\u00e4chlich noch nie etwas \u00fcber Matt Ruff geschrieben? Seinen Erstling, <em>Fool on the Hill<\/em> (1988) habe ich bald nach Erscheinen gelesen, und vor wenigen Jahren wieder: Hat sich gut gehalten, ist aber sicher nicht f\u00fcr jeden etwas. Meine Leserunde w\u00fcrde sich sch\u00fctteln&#8230; aber ein tolles Buch: Ein Universit\u00e4tsroman mit einem jungen Tr\u00e4umer als Helden und einer Bande von schr\u00e4gen Tolkien-Fans auf Motrr\u00e4dern, und &#8211; essentiell, aber ziemlich unbemerkt von allen anderen &#8211; einer Reihe von intelligenten Hunden und Katzen und, uh, Elfen und Kobolden, die sich alle auf dem Campus der Cornell-Universit\u00e4t herumtreiben. &#8222;&#8218;Ich hasse es, wenn sie Bradbury gelesen haben'&#8220;, sagt einer.&nbsp; Wie gesagt, tolles Buch.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sewer, Gas &amp; Electric<\/em> (1997): Habe ich als gut in Erinnerung, aber nicht sehr gut. Aber auf jeden Fall originell. Noch origineller, und sehr gut, ist <em>Set This House in Order<\/em> (2003), den ich nicht spoilern m\u00f6chte. <em>Bad Monkeys<\/em> (2007) war das einzige Buch, das mich entt\u00e4uscht hat. <em>The Mirage<\/em> (2012) war dann wieder gut, und originell&#8230; das Wort passt zu Ruff:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>11\/9\/2001: Christian fundamentalists hijack four jetliners. They fly two into the Tigris &amp; Euphrates World Trade Towers in Baghdad, and a third into the Arab Defense Ministry in Riyadh. The fourth plane, believed to be bound for Mecca, is brought down by its passengers.<br>The United Arab States declares a War on Terror. Arabian and Persian troops invade the Eastern Seaboard and establish a Green Zone in Washington, D.C. &#8230;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das Buch ist sehr viel besser, als man zuerst bef\u00fcrchtet. &#8222;Full Ninja&#8220; als Umgangssprache f\u00fcr Vollverschleierung, &#8222;Library of Alexandria&#8220; statt Wikipedia.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Tage kam Matt Ruffs j\u00fcngstes Buch heraus, <em>Lovecraft Country.<\/em> Wie nach seinem Erstling immer wieder hat er dann doch nicht den Roman geschrieben, den ich eigentlich wollte. Also bin ich wieder ein kleines bisschen entt\u00e4usch. Aber vielleicht tut Ruff auch gut daran.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lovecraft Country<\/em> ist eine Sammlung von acht verbundenen Kurzgeschichten oder Vignetten, die zusammen einen Roman ergeben. Erz\u00e4hlt werden die Abenteuer einer schwarzen Chicagoer Familie Mitte der 1950er Jahre, jeweils mit dem einen oder anderen Familienmitglied als Hauptperson. Und die Geschichten sind alles Gruselgeschichten. Es sind trotz des Titels keine typischen Lovecraft-Geschichten (Tentakelmonster, kosmisches Grauen, Bedeutungslosigkeit der Menschheit), keine psychologischen oder ekligen modernen Horrorerz\u00e4hlungen, aber auch keine letztlich christlichen Geschichten um Geister oder Vampire. Widersacher sind eher wahnsinnige Kultisten; Vorbilder sind Ray Bradbury oder Stephen King.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das alles vor dem Hintergrund des Rassismus der 1950er Jahre, schlimm genug im Norden (Chicago, Neuengland), noch gef\u00e4hrlicher im S\u00fcden. Atticus Turner sucht in der ersten Geschichte seinen Vater, Montrose, zusammen mit dessen Bruder George. George ist Herausgeber des <em>Safe Negro Travel Guide<\/em>, ein regelm\u00e4\u00dfig erscheinender Reisef\u00fchrer f\u00fcr schwarze Amerikaner. Da steht drin, welche Orte man als Schwarzer meiden sollte, wo man bedient wird und wo nicht, wo es Toiletten gibt, die Schwarze benutzen d\u00fcrfen, welche Motels und Gastst\u00e4tten sie aufnehmen und welche nicht. Selbst wenn die sich herausbildende schwarze Mittelschicht \u00fcber Geld verf\u00fcgt, gibt es wenige wei\u00dfe Orte, an denen man es ausgeben kann. &#8211; Vorbild f\u00fcr diese Publikation ist sicher <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_Negro_Motorist_Green_Book\">The Negro Motorist Green Book<\/a> (1936-1966).<\/p>\n\n\n\n<p>Stellt sich heraus: ein Geheimbund, the Order of the Ancient Dawn, lauter wei\u00dfe M\u00e4nner und Frauen, ist hinter Atticus her, aus Gr\u00fcnden. (Atticus stammt ab von einem der Gr\u00fcnder.) Der neue Anf\u00fchrer ist dann aber erst einmal kein unmittelbarer Feind der Atticus-Familie, sondern ein gef\u00e4hrlicher Helfer, der schon auch mal einen Gefallen springen l\u00e4sst, aber vor allem mit Hilfe von Atticus versucht, die Kontrolle \u00fcber andere Zweige des Bundes zu gewinnen. Das entwickelt sich erst im Lauf der Geschichten, bis im Finale die verschiedenen Parteien &#8211; die Zweige des Bundes, Atticus und seine Familie und Freunde &#8211; aufeinandertreffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Titelbild des Buchs ist bunt und rei\u00dferisch, ganz wie die Pulpgeschichten, die Atticus und George so lieben (und \u00e4hnlich gerastert). Sch\u00f6nes Detail: wie die Tentakel unten den Hintergrund bilden f\u00fcr wei\u00dfe Klan-artige M\u00fctzen. Der Einband des Buchs ist dicke Pappe, aber ganz anders als bei \u00fcblichen Hardcoverb\u00fcchern. Diese Art Einband kenne ich vor allem von den Jugendb\u00fcchern meiner Kindheit. Und so sind die Geschichten dann auch am ehesten Abeneteuergeschichten, viel mehr als Horrorgeschichten, auch wenn es durchaus gruslige Momente gibt. Aber das Abenteuer dominiert. Horror, ja, aber eher der Horror, wie ich sie aus etwas pulpiger gespielten Call-of-Cthulhu-Rollenspielszenarios kenne. In mindestens zwei Geschichten gibt es omin\u00f6se Auftraggeber, in mindestens einer beugt sich eine Gruppe von Helden \u00fcber den Grundriss eines Geb\u00e4udes und plant einen Einbruck. Einmal geht es um einen n\u00e4chtlichen Einbruch ins Museum, mit Geheimt\u00fcren und R\u00e4tsell\u00f6sen &#8211; gl\u00fccklicherweise hat die Gruppe ein Seil dabei. Es gilt die traum-hafte Logik des Rollenspiels, wo komplizierte Pl\u00e4ne leicht umgesetzt werden und sich niemand gro\u00df \u00fcber das Wunderbare wundert:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;It&#8217;s an alternate dimension!&#8220; he said. &#8222;Another universe, maybe.&#8220;<br>&#8222;Yeah,&#8220; said Pirate Joe. &#8222;So who wants to go first?&#8220; (p. 161)<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und doch: Mir hat das sehr gut gefallen, und f\u00fcr Rollenspiele lassen sich einige der Geschichten wunderbar \u00fcbernehmen. Ich musste mich halt erst damit abfinden, dass das Buch dann doch kaum etwas mit H. P. Lovecraft zu tun hat, von dem einen oder anderen Schlenker abgesehen. Und dann nat\u00fcrlich die Pr\u00e4misse: Lovecraft selber war sehr rassistisch, und dieser Rassismus ist explizit oder implizit in vielen seiner Geschichten sp\u00fcrbar. Ich hatte mir zuerst ein ernsteres Buch erwartet, mit mehr Verbindung zwischen Rassismus und Tentakelmonstern, wie das Titelbild nahelegt. Aber nein, der Rassismus ist einfach nur Alltag und hat mit den \u00fcbernat\u00fcrlichen oder abenteuerlichen Aspekten der Geschichten selber wenig zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Lesen habe ich mich gefragt: Ist es in Ordnung, wenn ein Wei\u00dfer so ein Buch schreibt? In den Acknowledgements nennt Ruff einen Essay, <a href=\"http:\/\/www.infinitematrix.net\/faq\/essays\/noles.html\">&#8222;Shame&#8220;, von Pam Noles<\/a>, wie es ist, ein schwarzer Science-Fiction-Fan zu sein. Lesenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(3 Kommentare.) Habe ich hier tats\u00e4chlich noch nie etwas \u00fcber Matt Ruff geschrieben? Seinen Erstling, Fool on the Hill (1988) habe ich bald nach Erscheinen gelesen, und vor wenigen Jahren wieder: Hat sich gut gehalten, ist aber sicher nicht f\u00fcr jeden etwas. 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