{"id":78,"date":"2004-08-08T10:20:25","date_gmt":"2004-08-08T08:20:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/08\/reden-zum-schuljahresende.htm"},"modified":"2023-05-24T11:43:33","modified_gmt":"2023-05-24T09:43:33","slug":"reden-zum-schuljahresende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/08\/reden-zum-schuljahresende.htm","title":{"rendered":"Reden zum Schuljahresende"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/08\/reden-zum-schuljahresende.htm#comments'>3 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>In allen Klassen, in denen ich Deutschlehrer oder Klassleiter bin, lasse ich Sch\u00fcler zum Jahresende eine Abschlussrede halten. Manchmal denke ich auch rechtzeitig vor den Weihnachtsferien oder zum Halbjahr an eine Rede. Das ist eine Vorbereitung f\u00fcr die Abiturrede, es verleiht dem Zeugnistag noch etwas Feierliches, und es kommen interessante Dinge dabei heraus. Wenn ich Klassleiter bin, bin ich bei der Rede dabei, sonst lasse ich sie mir oft nur mailen.<br>Hier ein Beispiel aus einer 8. Klasse:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Liebe Klasse [Bezeichnung der Klasse], sehr geehrter Herr [H.], sehr geehrter Herr Rau,<\/p>\n\n\n\n<p>mit gemischten Gef\u00fchlen werden wir dieses Schuljahr beenden. Einerseits beginnen damit die lang ersehnten Sommerferien, andererseits bedeutet das Ende des Schuljahres auch immer Abschied. Wir k\u00f6nnen auf ein Schuljahr voller kleiner H\u00f6he- und nat\u00fcrlich auch Tiefpunkte zur\u00fcckblicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schuljahr begann mit einem unerfreulichem Ereignis: Gleich zum Anfang wurde der Deutschtest in allen 8. Klassen in Bayern geschrieben. Dieser bestand aus etwa zehn Seiten \u00fcber Grammatik, die als Grundwissen bezeichnet wird, was aber kein Sch\u00fcler perfekt kann. Zwar z\u00e4hlte der Test nur wie eine Stegreifaufgabe, aber die Aufregung glich mehr der vor einer Schulaufgabe. Obwohl f\u00fcr den Test ausf\u00fchrlich im Unterricht ge\u00fcbt worden war, herrschte am 17. September 2003 allgemeine Weltuntergangsstimmung. Umso gr\u00f6\u00dfer war die Erleichterung, als der benotete Test wieder an die Sch\u00fcler verteilt wurde.<br>Danach ging es mit dem \u00fcblichen Schulstress los, bald folgte der erst Schulaufgabenblock.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Weihnachten verlie\u00df uns [ein Sch\u00fcler], der zur\u00fcck in die siebte wechselte. F\u00fcr uns kam das allerdings sehr \u00fcberraschend, kaum jemand wusste das vorher, das war wahrscheinlich sogar beabsichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem allj\u00e4hrlichen \u00f6kumenischen Weihnachtsgottesdienst und einer kleinen Weihnachtsfeier in der Klasse, in der haupts\u00e4chlich Gesellschaftsspiele gespielt und nat\u00fcrlich kleine Geschenke untereinander verteilt wurden, gingen wir f\u00fcr zwei Wochen in die Weihnachtsferien.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich danach, am 16. Januar fand die erste Stunde unseres Tanzkurses statt, an dem alle M\u00e4dchen und alle Jungen, die nichts &#8218;Wichtigeres&#8216; vorhatten teilnahmen. Bekanntlich muss man manchmal Leute zu ihrem Gl\u00fcck zwingen, in diesem Fall ging der &#8222;Zwang&#8220; gewisserma\u00dfen von Herrn Rau aus, der diese Aktion vorgeschlagen hat. Nat\u00fcrlich nahmen alle freiwillig teil, aber wie es nun mal in einer gr\u00f6\u00dferen Gemeinschaft ist, wollte keiner als Au\u00dfenseiter dastehen und sich weigern. Gelohnt hat sich der Kurs auf jeden Fall, jedenfalls f\u00fcr diejenigen, die den Kurs nicht abgebrochen haben, alleine wegen dem Abschlussball, der am 22. April stattfand. Wochen vorher war der Abschlussball, besonders bei den meisten M\u00e4dchen, das Gespr\u00e4chsthema Nummer Eins.<br>Der Termin wurde extra verschoben, weil sich drei Sch\u00fclerinnen unserer Klasse zum geplanten Termin wegen eines Austausches in Frankreich befanden. Alle drei waren sich einig, dass sich die Teilnahme auf jeden Fall gelohnt hat und w\u00fcrden sich jeder Zeit wieder anmelden.<br>Etwas komplizierter sah die Sache beim Englandaustausch aus. Von etwa zwanzig Anmeldungen aus der Klassen durften nur sechs Sch\u00fcler teilnehmen. Trotz der Beteuerungen der Lehrer dass die Auswahl nichts mit Charakter oder Noten zu tun hat, sah man in der Stunde als die Sch\u00fcler, welche ausgew\u00e4hlt worden waren, bekannt gegeben wurden, sowohl entt\u00e4uschte als auch frustrierte Gesichter.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedoch war zu diesem Zeitpunkt der eigentlich Austausch noch in weiter Ferne.<br>Vielmehr folgte die &#8222;kirchliche Zeit&#8220;, viele Sch\u00fcler hatten entweder Konfirmation oder Firmung, was f\u00fcr die Betreffenden auch einen Schulfreien Tag bedeutete: f\u00fcr die einen am Tag der Firmung, f\u00fcr die anderen am Montag nach der Konfirmation.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazwischen fand unser j\u00e4hrlicher Theaterbesuch statt. Dieses Mal schauten wir in der Neuen B\u00fchne Bruck &#8222;Das Herz eines Boxers&#8220; an. Wir befassten uns im Deutschunterricht ausf\u00fchrlich mit dem St\u00fcck und hatten sogar einen der beiden Hauptdarsteller, Herrn Uwe Treplin, &#8222;live&#8220; in der Klasse. Das dort entstandene Interview sollte eigentlich ver\u00f6ffentlicht werden, es schein aber als w\u00e4re das Projekt zusammen mit ein paar Deutschheften bei Herrn [Z.] verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schuljahr ging weiter, wir lernten viele Dinge, die wie garantiert immer wieder brauchen k\u00f6nnen, zum Beispiel wie man ein Schweineherz seziert. Manche Sch\u00fcler hatten ihren Spa\u00df, im Biologieunterricht Metzger zu spielen und Eingeweide zu erforschen. Herr [B.] brachte uns sogar noch ein Lammherz mit Lunge mit, das von der Sch\u00fclerseite begeistert inspiziert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 22. Juni fand auf dem Sportplatz der Abiturstreich statt. Im Gegensatz zu den vorigen Jahren besch\u00e4ftigten sich kaum Sch\u00fcler anderweitig, sondern verfolgten das Programm der &#8222;GlABIatoren&#8220;, h\u00f6chstwahrscheinlich wegen dem schlechten Wetter, was das &#8222;In-Der-Wiese-Sitzen&#8220; unm\u00f6glich machte, es sei denn man legte Wert darauf, krank zu werden, um am folgen Tag nicht am Wandertag teilnehmen zu k\u00f6nnen beziehungsweise m\u00fcssen. Zwar war nach Sch\u00f6ngei\u00dfing wandern nicht gerader der Traumwandertag, aber trotzdem recht sch\u00f6n. Sechs Sch\u00fcler konnten nicht am Wandertag teilnehmen, da sie sich mit den nun eingetroffenen englischen Austauschsch\u00fclern auf einem separaten Wandertag befanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam n\u00e4herte sich da Schuljahr dem Ende, immer mehr Stunden fielen aus. Eigentlich h\u00e4tten auch die Temperaturen ansteigen sollen damit die noch etwas Hitzefrei dazu kommt, aber das ist diese Jahr wortw\u00f6rtlich ins Wasser gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens wenn der Zettel ausgeteilt wird, der die Sch\u00fcler daran erinnern soll, die letzten Schulwochen immer noch ernst zu nehmen, ist es mit der Ernsthaftigkeit endg\u00fcltig vorbei. Im Normalfall ist sie ja eigentlich auch nicht mehr n\u00f6tig, wenn man die letzte Schulwoche betrachtet: Vier Projekttage, das Sommerfest und nat\u00fcrlich der &#8222;Tag des Schicksals&#8220;, der letzte Schultag.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann haben wir Sommerferien. Das ist wohl die l\u00e4ngste Zeitspanne im Jahr, in der wir uns nicht sehen. F\u00fcr manche ist das sicher eine Erleichterung. Auch wenn sich viele neue Freunde gefunden haben und die fr\u00fcher noch deutlichen Grenzen, die zwischen Jungen und M\u00e4dchen sind, immer kleiner werden, ist in der Klassengemeinschaft ganz gewaltig der Wurm drin. Der erste Fall betrifft fast die ganze Klasse, die meisten wohl als Mitl\u00e4ufer. Die Rede ist nat\u00fcrlich von der, von euch so liebevoll bezeichneten, &#8222;Wasserleiche&#8220; oder auch dem &#8222;Schuppenkaspar&#8220;, wen das mehr anspricht. Am meisten Anspruch findet wohl der Name &#8222;Blubber&#8220;. Es verlangt ja niemand, dass man mit jedem in der Klasse gut auskommen muss, aber was ist so lustig daran, andere zu unterst\u00fctzen, die jemanden fertig machen, der einem pers\u00f6nlich nie etwas getan hat? In diesem Fall sind wirklich alle gegen einen. Sogar den Lehrern bleibt das verborgen, die wundern sich nur \u00fcber das Gel\u00e4chter, wenn zum Beispiel die Redewendung &#8222;wie Schuppen vor die Augen fallen&#8220; benutzt wird. Ich habe den Verdacht, dass dich das im n\u00e4chsten Schuljahr auch nicht bessern wird. Sicherlich f\u00fchrt diese Verhalten zu gar nichts, es sei denn man hat die Absicht, jemanden rauszuekeln, was ja, in einem andern Fall gegl\u00fcckt ist:<br>[Eine Sch\u00fclerin] verl\u00e4sst die Schule, weil sie sich hier nicht mehr wohl f\u00fchlt. Vielleicht ist es besser so, wenn man mit niemanden auskommt. Aber daran sieht man, was diese Ausgrenzgeschichte f\u00fcr Folgen f\u00fcr Leute hat, deren R\u00fcckgrat vielleicht nicht so stark ist, die vielleicht nicht soviel einstecken k\u00f6nnen.<br>Schluss mit der Kritik.<br>Es ist der Zeugnistag. Es standen ein paar Leute auf der Kippe, die meisten haben es geschafft. F\u00fcr [einen Sch\u00fcler] ist das heute der letzte Schultag in dieser Klasse. Er hat &#8222;Das Klassenziel nicht erreicht&#8220;, wie es so sch\u00f6n formuliert wird. Aber was hilft einem das Klassenziel, wenn man nichts damit anfangen kann? Es ist viel wichtiger, das Lebensziel zu erreichen.<br>Bei beiden hatten sie gewisserma\u00dfen Mitschuld, schlimmer ist es jedoch, wenn man gar nichts dagegen machen kann, wie bei [einer Sch\u00fclerin]. Sie zieht in den Sommerferien nach Baden-W\u00fcrttemberg. Ich denke die Klasse ist sich einig, mit ihr in Kontakt zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeugnisverteilung.<br>In den meisten F\u00e4llen sind das grausamste auf dem Zeugnis wohl die zweiten oder dritten Vornamen, die man versucht vor anderen geheim zu halten. Allerdings sind die meisten schon ans Licht gekommen.<br>Wenn das nicht der Fall ist, lasst euch auf keinen Fall etwas einreden.<br>In diesem Sinne euch allen sch\u00f6ne Ferien, Erholt euch von der Schule und dieser Rede, ein erfolgreiches und unterhaltsames neues Schuljahr, egal wo, mit Lehrern, die euch sch\u00f6ne Geschichten aus der zweiten Dimension, von unsichtbaren Freunden, Indianern oder sonstigen Kreaturen erz\u00e4hlen. Denn Schule soll nicht nur lehren, wie man sich vor Regen aller Art sch\u00fctzen kann sondern auch Spa\u00df bringen.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(3 Kommentare.) In allen Klassen, in denen ich Deutschlehrer oder Klassleiter bin, lasse ich Sch\u00fcler zum Jahresende eine Abschlussrede halten. Manchmal denke ich auch rechtzeitig vor den Weihnachtsferien oder zum Halbjahr an eine Rede. Das ist eine Vorbereitung f\u00fcr die Abiturrede, es verleiht dem Zeugnistag noch etwas Feierliches, und es kommen interessante Dinge dabei heraus. 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