{"id":79,"date":"2004-08-11T08:13:11","date_gmt":"2004-08-11T06:13:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/08\/cabell-the-eagles-shadow.htm"},"modified":"2008-03-21T07:50:55","modified_gmt":"2008-03-21T06:50:55","slug":"cabell-the-eagles-shadow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/08\/cabell-the-eagles-shadow.htm","title":{"rendered":"Cabell, The Eagle&#8217;s Shadow"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/eaglesshadow.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Ich bin gerade v\u00f6llig entz\u00fcckt von <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2004\/06\/james-branch-cabell.htm\">James Branch Cabells<\/a> Fr\u00fchwerk, <i>The Eagle&#8217;s Shadow<\/i> (1904). Das Buch ist eine nette, geistreichelnde Kom\u00f6die um Erbschaft, Liebespaare, und ein Landhaus, in dem sich alle Beteiligten befinden: Bezaubernde junge Damen; M\u00fctter, die ihre T\u00f6chter verheiraten wollen; alte Herren mit Zigarren; junge Dichter. Dar\u00fcber Sonnenschein und darum ein weitl\u00e4ufiger Garten, und am Schluss haben sich doch die richtigen zwei Paare gefunden.<\/p>\n<p>Kurz: Die bezaubernde Margaret Hugonin h\u00e4lt Hof in ihrem S\u00fcdstaatenanwesen. Sie ist nicht nur bezaubernd sch\u00f6n, sondern auch eine reiche Erbin, und seitdem wimmelt es bei ihr nur von heiratswilligen jungen M\u00e4nnern. Andere Leute wollen einfach nur etwas von ihrem Geld, ohne den Umweg \u00fcber die Heirat gehen zu wollen. Nach vier Jahren Abwesenheit kommt ihr ehemaliger Liebster (Trennung im Streit) und m\u00f6glicherweise eigentlicher Erbe zur\u00fcck. <\/p>\n<p>Das h\u00e4tte bislang genauso gut eine Geschichte von P.G. Wodehouse sein k\u00f6nnen. Aber der Tonfall ist ein ganz anderer. Das Buch lebt von Margaret (&#8222;Peggy&#8220;), und  vor allem von deren Pr\u00e4sentation durch den Erz\u00e4hler &#8211; von dem wir nur wissen, dass auch er fr\u00fcher Margaret angeschw\u00e4rmt hat. Inzwischen ist aber viel Zeit vergangen und der Erz\u00e4hler sieht die Ereignisse aus einer gewissen Distanz, die verkl\u00e4rt und ern\u00fcchtert zugleich. <\/p>\n<p>Und das alles h\u00e4tte ich gar nicht gebloggt, wenn meine Ausgabe (von 1924) nicht 25 Seiten Leserbriefe aus der <i>New York Times Book Review<\/i> vom Dezember 1904 bis Januar 1905 enthalten h\u00e4tte. Um das Buch, Cabells erstes, hatte sich damals n\u00e4mlich anscheinend eine lebhafte Diskussion entwickelt.<\/p>\n<p>Es beginnt mit einem Leserbrief, der eine Stelle im Buch kritisiert, als die liebreizende S\u00fcdstaatensch\u00f6nheit Margaret flucht und keift und auf einen Mann, der ihren Geliebten niedergeschlagen hat, einschl\u00e4gt. So etwas mache keine Dame. Gerade im Vergleich zum idyllischen Rest des Werks sei diese Stelle deplaziert. Ist das noch eine Dame?<br \/>\nDem wird dann widersprochen. Ja, in einer solchen Situation d\u00fcrfe man fluchen. Nein, eine Dame kennt keine Schimpfw\u00f6rter. Ja, solche Menschen gibt es, aber man darf nicht \u00fcber sie schreiben. (&#8222;[S]o far from being fit for heroineship, the young woman is not even qualified for decent society.&#8220;) Ja, solche Menschen gibt es, und sie sind die bezaubernd erfrischenden jungen Frauen Amerikas. <\/p>\n<p>Andere vergleichen das Buch mit der englischen Kom\u00f6die der Restaurationszeit: &#8222;The book exhibits a degradation in morals, a degradation in ethics, a degradation in the standards of true womanliness that I can parallel in nothing short of the Restoration comedies of infamous memory.&#8220; Auf diesen Vergleich kann Cabell stolz sein; Congreve ist einer seiner Vorbilde (wie sich in sp\u00e4teren Werken Cabells zeigen wird), und die Restaurationskom\u00f6die einer der H\u00f6hepunkte in der englischen Literatur. Ich habe sie im English-LK kennengelernt und im Studium gelesen; die ist einen eigenen Blog-Eintrag wert.<\/p>\n<p>Die meisten der Teilnehmer an dieser Diskussion \u00fcbersehen allerdings, dass Margaret  &#8211; eigentlich &#8211;  eine oberfl\u00e4chliche, eigensinnige, zickige, egozentrische, langweilige Person ist, freilich von entr\u00fcckender und durchaus bewusster Sch\u00f6nheit. Der Erz\u00e4hler (wir erinnern uns, ein zur\u00fcckblickender ehemaliger Anhimmelnder) hat sich auch die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche gegeben, das nicht allzu deutlich zu sagen. <\/p>\n<p>Ein Leser hat diese Dekonstruktion der S\u00fcdstaatensch\u00f6nheit erkannt: &#8222;In my ignorance I viewed the book as a remarkable though cruel bit of realism&#8220;. Die &#8222;ignorance&#8220; deshalb, weil der Leser danach in jeder Kritik lesen musste, dass es sich bei dem Buch um eine &#8222;fascinating comedy with an adorable heroine&#8220; handelt. &#8222;[W]omen will like the book, fancying themselves in the part of a heroine&#8220;. Und er wundert sich und ist verunsichert. Wenn der Autor tats\u00e4chlich eine zuckers\u00fc\u00dfe Romanze habe schreiben wollen, dann sei ihm dennoch quasi unbemerkt etwas ganz anderes gelungen.<\/p>\n<p>Und in dieser Zweischneidigkeit liegt die Kunst Cabells. Sein Erz\u00e4hler sieht das ganze sentimental r\u00fcckblickend verst\u00e4ndnisvoll, aber gleichzeitig auch distanziert und manchmal geradezu zynisch. Er bleibt dabei immer Gentleman. Zeitliche Distanz ern\u00fcchtert und verkl\u00e4rt zugleich. Und wenn der Erz\u00e4hler noch gelegentlich Margaret trifft, die ihre Sch\u00f6nheit schon lange verloren hat, denkt er gleichzeitig an die Peggy von fr\u00fcher und fragt sich, wo sie wohl geblieben ist.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Fu\u00dfnoten: Ein anderer Leser erkl\u00e4rt sich die unterschiedlichen Reaktion auf Margaret damit, sie sei erste Heldin der englischsprachigen Literatur, die nicht auf die tugendsame Amelia Booth aus Henry Fiedlings letztem, inzwischen nur wenig bekannten Roman <i>Amelia<\/i> zur\u00fcckgeht. Margaret sei die erste realistische Heldin.<br \/>\nEine Generation sp\u00e4ter gab&#8217;s dann Theodore Dreiser.<\/p>\n<p>Cabell hat die Leserbriefe kaum ohne Grund der Neuausgabe von <i>The Eagle&#8217;s Shadow<\/i> angef\u00fcgt. Zwanzig Jahre nach der Erstver\u00f6ffentlichung sahen die Vorw\u00fcrfe von damals l\u00e4cherlich aus. Und die Vorw\u00fcrfe Anfang der 20er Jahre, die zum zeitweiligen Verbot von Cabells <i>Jurgen<\/i> f\u00fchrten, w\u00fcrden weitere zwanzig Jahre in der Zukunft ebenso l\u00e4cherlich wirken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin gerade v\u00f6llig entz\u00fcckt von James Branch Cabells Fr\u00fchwerk, The Eagle&#8217;s Shadow (1904). Das Buch ist eine nette, geistreichelnde Kom\u00f6die um Erbschaft, Liebespaare, und ein Landhaus, in dem sich alle Beteiligten befinden: Bezaubernde junge Damen; M\u00fctter, die ihre T\u00f6chter verheiraten wollen; alte Herren mit Zigarren; junge Dichter. 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