{"id":8632,"date":"2017-01-04T08:24:47","date_gmt":"2017-01-04T07:24:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=8632"},"modified":"2023-05-27T20:48:27","modified_gmt":"2023-05-27T18:48:27","slug":"charlotte-lennox-the-female-quixote-1752","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2017\/01\/charlotte-lennox-the-female-quixote-1752.htm","title":{"rendered":"Charlotte Lennox, The Female Quixote (1752)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2017\/01\/charlotte-lennox-the-female-quixote-1752.htm#comments'>2 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"238\" class=\"alignnone size-full wp-image-8654\" style=\"float: right; margin-left: 15px;\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/lennox_female_quixote.jpg\" alt=\"Titelbild The Female Quixote\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/lennox_female_quixote.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/lennox_female_quixote-95x150.jpg 95w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/>Arabella w\u00e4chst fernab von London in der Abgeschiedenheit des Anwesens ihres Vaters auf. Sie sie hat als Kind und Heranwachsende vor allem <em>romances<\/em> gelesen und nimmt deren Ereignisse f\u00fcr bare M\u00fcnze, f\u00fcr Geschichtsschreibung. Alles, was ihr als junger Frau passiert, interpretiert sie vor diesem Hintergrund: Ein Gartenarbeiter, der ein wenig komisch schaut, ist f\u00fcr sie gleich ein verkleidetet Adliger, der sich unrettbar in sie verliebt hat und in die Bedienstetenrolle schl\u00fcpft, um heimlich in ihrer N\u00e4he zu sein. (Als er beim Karpfenstehlen entdeckt wird, gelingt es ihr mit nur wenig M\u00fche, auch das in ihr Weltbild einzubauen.) Und fremde Berittene m\u00fcssen immer gleich gedungene Entf\u00fchrer sein, die sie &#8211; im Auftrag eines verliebten Adligen, versteht sich &#8211; mit sich nehmen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Cousin Glanville wirbt um sie und versteht zuerst die Spielregeln nicht, die sie der Welt diktiert: Er darf ihr keineswegs seine Liebe gestehen, sonst wird er verbannt; erst nach vielen Jahren der Aufopferung, des unbemerkten Seufzens und Klagens darf es geschehen, dass die Geliebte quasi versehentlich von seiner Liebe erf\u00e4hrt, und dann ist ein &#8222;I do not hate him&#8220; das h\u00f6chste der Gef\u00fchle, das er erwarten darf. Dann nochmal zehn Jahre werben, gepaart mit dem Erobern von St\u00e4dten oder anderen Heldenleistungen zu ihren Ehren, dann darf es eine Hochzeit geben. (Dass die Heldin dann immer noch jugendliche zwanzig Jahre alt ist, ist halt so.)<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Zeit ist Glanville der einzige, der ihre Weltsicht versteht und ihre Aussagen deuten kann, sogar ihre wortlosen Gesten, den Raum zu verlassen, an denen alle anderen Personen scheitern, mit denen sie das versucht. Dazu geh\u00f6ren vor allem Glanvilles Vater und Sir George Bellmour, der ebenfalls um sie wirbt, allerdings vor allem auf ihr Verm\u00f6gen aus ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Ausflug nach Bath erwirbt Arabella die Freundschaft einer Gr\u00e4fin, die sie behutsam in die Realit\u00e4t holen will; die Gr\u00e4fin wird dann aber recht unvermittelt aus dem Buch entfernt, und erst im letzten Kapitel \u00fcberzeugt ein ebenso unvermittelt ins Buch eingef\u00fchrter Gelehrter (ein bisschen wie Van Helsing in <em>Dracula<\/em>, obwohl das Vorbild wohl Dr. Johnson ist) in einem platonischen Dialog Arabella davon, dass ihre geliebten <em>romances<\/em> a) fiktional, b) absurd und c) sch\u00e4dlich sind. Von diesen drei Punkten \u00fcberzeugt bietet Arabella im letzten Kapitel dem Glanville die erwartete Heirat an.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Der Roman ist zu lang, und der Schluss zu unvermittelt. Es ist recht klar, dass eigentlich die Gr\u00e4fin eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen sollte, und die Entscheidung, das Buch in zwei statt drei B\u00e4nden erscheinen zu lassen, den zu pl\u00f6tzlichen Schluss mit dem gelehrten Doktor n\u00f6tig machte. (Das Manuskript weithin zu \u00fcberarbeiten war f\u00fcr eine Berufsschriftstellerin finanziell nicht lohnend.) Aber interessant ist das Buch schon:<br>Einmal wegen der Rolle der tats\u00e4chlich relativ machtlosen Frau, die trotzdem der Umwelt ihre eigene Weltsicht aufzwingt und selbst Regeln aufstellt.<br>Dann illustriert es sch\u00f6n die &#8211; vermeintliche &#8211; Gefahr der <a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2013\/03\/kw-12.htm\">Lesesucht<\/a> (Blogeintrag dazu, der schamlos die besten Zitate aus dem Wikipedia-Artikel dazu \u00fcbernimmt). (Weibliche Quixotes gab es vorher \u00fcbrigens auch schon, entnehme ich dem Vorwort, etwa in Richard Steeles Kom\u00f6die <em>The Tender Husband, or, The Accomplished Fools<\/em>, zu der ich im gesamten Web keine Inhaltsangabe gefunden habe.)<br>Und zuletzt geht es um <em>romances<\/em>. Die englische Literaturtheorie unterscheidet <em>novels<\/em> und <em>romances<\/em>, \u00fcberall sonst wird beides &#8222;Roman&#8220; genannt. Und das kam so: Epik kam urspr\u00fcnglich in Versform. Geschichtsschreibung war in Prosa. Und im 17. Jahrhundert kam aus Frankreich die Mode, Epik in Prosa zu verfassen, wie Geschichtsschreibung, mit historischen Themen (altes Rom und so), aber voller Ritter, Prinzessinnen, Zauberei, Heldentaten, Schlachten (und historisch haneb\u00fcchen). Das hie\u00df dann <em>romance<\/em>, so wie die h\u00f6fische Epik davor auch, und wurde begeistert gelesen. Eine der wichtigsten Autorinnen war <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Madeleine_de_Scud%C3%A9ry\">Madeleine (Mademoiselle) de Scud\u00e9ry<\/a>, genau die aus E. T. A. Hofmanns eponymer Novelle, unter der so viele Achtkl\u00e4ssler leiden m\u00fcssen. Von ihr stammt <em>Artam\u00e8ne<\/em>, mit etwa 2 Millionen W\u00f6rtern einer der l\u00e4ngsten jemals erschienenen Romane, und <em>Cl\u00e9lie, histoire romaine<\/em>, an dem sich Arabella sehr orientiert.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re eine moderne Adaption von <em>The Female Quixote<\/em> als Film oder Fernsehserie lohnend? Jemand hat in Folge eines bestimmten Medienkonsums ein verqueres Bild von der Welt, und scheitert an der wirklichen Welt, oder zwingt ihr den eigenen Willen auf? Vermutlich ist das verschw\u00f6rungstheoretischer Alltag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(2 Kommentare.) Arabella w\u00e4chst fernab von London in der Abgeschiedenheit des Anwesens ihres Vaters auf. 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