{"id":8644,"date":"2017-01-04T09:55:27","date_gmt":"2017-01-04T08:55:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=8644"},"modified":"2023-05-16T08:08:24","modified_gmt":"2023-05-16T06:08:24","slug":"j-c-wezel-belphegor-1776","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2017\/01\/j-c-wezel-belphegor-1776.htm","title":{"rendered":"J. C. Wezel, Belphegor (1776)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2017\/01\/j-c-wezel-belphegor-1776.htm#comments'>1 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"247\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/wezel_belphegor.jpg\" alt=\"Titelbild Belphegor\" class=\"wp-image-8657\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/wezel_belphegor.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/wezel_belphegor-91x150.jpg 91w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach der Erstauflage 1776 blieb das Buch vergessen, bis Arno Schmidt es 1959 in dem Essay &#8222;Belphegor oder wie ich euch hasse&#8220; wieder in Erinnerung brachte. <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-46265948.html\">Hier ein Spiegel-Beitrag zur Neuver\u00f6ffentlichung 1966.<\/a> Inzwischen kann man <em>Belphegor<\/em> bequem als E-Buch lesen, leider nur unbequem bei gutenberg.spiegel.de &#8211; weshalb man sich am besten mit geeigneter Software aus den einzelnen Webseiten dort eine epub-Version zusammenbauen l\u00e4sst f\u00fcr das E-Buch-Leseger\u00e4t der eigenen Wahl.<\/p>\n\n\n\n<p>Arno Schmidt vergleicht das Buch mit Voltaires <em>Candide<\/em> und <em>Gulliver&#8217;s Travels<\/em> von Swift. Wie bei Voltaire verschl\u00e4gt es ein kleines H\u00e4uflein von Helden quer durch die Welt: Belphegor, der zumindest am Anfang an das Gute im Menschen glaubt und stets bereit ist, f\u00fcr eine gute Sache zu k\u00e4mpfen, und der stets daf\u00fcr bestraft wird:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbWohl einem Volke\u00ab, sagte Belphegor, \u00bbdas f\u00fcr die Freiheit fechten kann! Keine Illusion ist gl\u00fccklicher als die Illusion der Freiheit, wenn man ihr gleich j\u00e4hrlich etliche hundert Hirnsch\u00e4del opfern m\u00fc\u00dfte. Mein Blut schwillt in allen Adern empor und zersprengt fast mein Herz vor \u00fcbereilter, zustr\u00f6mender Bewegung, wenn ich nur den begeisternden Klang &#8218;Freiheit&#8216; t\u00f6nen h\u00f6re. Komm! wir kehren zur\u00fcck nach England: das einzige Land der Erde, wo ich von nun an wohnen will! Die Sonne mu\u00df dort erfreulicher w\u00e4rmen, der Schatten viel erfrischender laben, weil er ein freyes Haupt erquickt. Freunde! wenn mein Leben nur noch in Einem Tropfen Blutes best\u00fcnde, gern wollte ich mir selbst die Ader zerschneiden und ihn heraustr\u00f6pfeln lassen, k\u00f6nnte ich durch diesen Tod eine Menge Menschen in die Illusion versetzen, sich f\u00fcr freyer als den Rest der Menschheit zu halten und dadurch gl\u00fccklicher zu werden.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dann ist da Medardus, der das Gl\u00fcck im Kleinen sucht; ihm reicht ein Krug Apfelwein und er ertr\u00e4gt die Unbillen des Schicksals mit seinem Wahlspruch: &#8222;Wer wei\u00df, wozu mirs gut ist?&#8220; Medardus glaubt an eine Vorsehung, die schon alles richten wird, am Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es gibt Fromal, nach dessen materialistischer Auffassung der Mensch nur den blinden Gesetzen der Natur gehorcht und im \u00dcbrigen skrupellos, gierig und neidisch ist:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Fromal fiel ihm ins Wort: \u00bbDu hast erfahren, Belphegor, da\u00df die Menschen nicht das sind, wof\u00fcr wir sie uns in dem ersten Rausche der Jugend ausgaben: keine friedlichen Gesch\u00f6pfe, die vom Verlangen, wohl zu tun, gl\u00fchn, die in Ruhe und Eintracht neben einander leben, sich \u00fcber ihr wechselseitiges Gl\u00fcck freuen und heiter, froh, zufrieden den muntern Tanz des Lebens dahinh\u00fcpfen. Du hast sie gefunden, wie ich dir verk\u00fcndigte \u2013 eine Heerde Raubthiere, die Eigennutz, Herrschsucht, Neid ewig zusammenhetzet, die sich in Truppe versammelten, um einander desto wirksamer befeinden zu k\u00f6nnen, durch ihre nat\u00fcrlichen Anlagen, durch die Oekonomie ihres Wesens zum immerw\u00e4hrenden Kriege bestimmt, den sie best\u00e4ndig in roher, grausamer oder minder grausamer oder verkleideter Gestalt fortsetzen, blutig oder unblutig, so wie Gesetze, Sitten und Verh\u00e4ltnisse es ihnen erlauben [&#8230;] Die Maschine kann nichts mehr oder weniger und nichts anders thun, als wohin sie der Sto\u00df der auf sie wirkenden R\u00e4der treibt, und wer sie aus ihrer Richtung herauslenken will, mu\u00df Kr\u00e4fte genug zum Wiederstande haben, oder er bek\u00f6mmt St\u00f6\u00dfe, wovon ihn vielleicht der erste schon zu Boden wirft.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Vorherbestimmt ist nach beider Auffassung ohnehin alles. Am Ende, aber nicht ganz am Ende, begn\u00fcgen sich alle wie Candide damit, ein kleines G\u00e4rtchen in Afrika zu bestellen &#8211; patriarchalisch \u00fcber ihre Sklaven gebietend allerdings, denn selbst Belphegor entpuppt sich als allzu menschlich und findet sich auch immer wieder als Unterdr\u00fccker wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bei Swift reisen die Helden, allein oder getrennt, durch imagin\u00e4re Welten in Afrika oder Amerika. Allerdings kapiert man schon nach den ersten L\u00e4ndern, dass die Welt schlecht und alles eitel ist; es ist ein wenig erm\u00fcdend, dass immer wieder zu lesen. Gulliver landet wenigstens in vier deutlich verschiedenen Reichern; bei Belphegor ist alles gleich &#8211; und das Buch ist unn\u00f6tiger Weise viermal so lang wie <em>Candide<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1 Kommentare.) 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