{"id":8679,"date":"2017-01-15T20:41:55","date_gmt":"2017-01-15T19:41:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=8679"},"modified":"2023-05-24T12:05:27","modified_gmt":"2023-05-24T10:05:27","slug":"martin-amis-times-arrow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2017\/01\/martin-amis-times-arrow.htm","title":{"rendered":"Martin Amis, Time&#8217;s Arrow (1991)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2017\/01\/martin-amis-times-arrow.htm#comments'>6 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"244\" src=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/amis_times_arrow.jpg\" alt=\"Titelbild Time's Arrow\" class=\"wp-image-8685\" srcset=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/amis_times_arrow.jpg 150w, https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/amis_times_arrow-92x150.jpg 92w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>(Mit Spoilern, aber das Buch ist von 1991, die Spoiler sind hier nicht wichtig, und auf Spoiler kommt es eh nicht an.)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Handlung dieses Buches folgt dem Leben eines Mannes, Tod Friendly (ein etwas ungew\u00f6hnlicher, aber kein einzigartiger Name, denken wir an den Regisseur Tod Browning). Ein Ich-Erz\u00e4hler begleitet dieses Leben, und zwar beginnt das Bewusstsein des Ich-Erz\u00e4hlers zu dem Zeitpunkt, als Friendly stirbt &#8211; das Buch ist, man merkt es bald, sozusagen r\u00fcckw\u00e4rts erz\u00e4hlt: Friendly stirbt in hohem Alter, und der Ich-Erz\u00e4hler gewinnt zu diesem Zeitpunkt das Bewusstsein; Friendly wird von Medizinern behandelt, es geht Friendly schlecht, bald geht es ihm immer besser, bald kann er sein Bett verlassen, aus dem Haus gehen, seinen Beruf als Arzt aus\u00fcben. Der Ich-Erz\u00e4hler wei\u00df wenig \u00fcber diese Welt, er lernt nach und nach die merkw\u00fcrdige Sprache verstehen, die alle Menschen dort sprechen, und er versucht, sich einen Reim darauf zu machen, was er beobachtet. Der Ich-Erz\u00e4hler ist quasi Passagier in Friendlys Kopf, er h\u00f6rt mit dessen Ohren und sieht mit dessen Augen, auch wenn er seine Aufmerksamkeit unabh\u00e4ngig davon auf einzelne Objekte der Au\u00dfenwelt richten kann. Der Ich-Erz\u00e4hler hat keinerlei Einblick in Friendlys Gedanken, aber er bekommt mit, wenn Friednly aufgeregt oder nerv\u00f6s ist, auch andere Stimmungen kann er deuten. Und so wird Friendly langsam immer j\u00fcnger, und die Geschichte schreitet voran, oder zur\u00fcck, je nachdem.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist schon mal ein interessantes Gimmick. Viele Leser des Buches werfen diesem vor, dass das auch alles sei &#8211; kann sein, aber es ist schon mal interessant genug: Wo kommen alle sch\u00f6nen Dinge her, die der Mensch verwendet? Aus dem M\u00fcll, der von M\u00fcllm\u00e4nner angeliefert und von Toiletten gespendet wird. Nicht jeder Mensch hat sch\u00f6ne Dinge, es gibt Klassenunterschiede:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>It all comes down to the quality of your trash.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Der Ich-Erz\u00e4hler h\u00f6rt Friendly fluchen und beschreibt das als: &#8222;[He] invokes human ordure, from which all good things come.&#8220; \u00dcbersetzt hei\u00dft das: Friendly flucht: &#8222;Shit.&#8220; Dieses \u00dcbersetzen ist ein Reiz des Buches &#8211; was der Ich-Erz\u00e4hler beschreibt ist oft etwas anderes, als was aus Friendlys, sprich: unserer regul\u00e4ren Sicht geschieht. Manchmal hatte ich beim Lesen das Gef\u00fchl, zwei Geschichten gleichzeitig zu lesen, besonders bei manchen Dialogen, die ich quasi gleichzeitig von oben nach unten und von unten nach oben las.<\/p>\n\n\n\n<p>Schnell vergehen die Jahre. Friendly ist dem Ich-Erz\u00e4hler nicht unbedingt immer sympatisch; sie haben bei vielen Dingen andere Ansichten. Friendly behandelt seine Frauenbekanntschaften (leider kein besseres Wort gefunden) sehr schlecht. Einmal gibt es eine Art Dreiecksverh\u00e4ltnis: Der Ich-Erz\u00e4hler liebt Irene, Irene den Friendly, und der eigentlich niemanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schicksal ist unausweichlich. Am Braunwerden von Friendlys Haut erkennt der Erz\u00e4hler, dass es bald auf eine Reise gehen wird. (So ist das in dieser Welt nun einmal, dass sich Reisen derart ank\u00fcndigen.) Selbstmord existiert als Konzept, ist aber unm\u00f6glich: Jeder wei\u00df genau, wie lange sein Leben dauern wird. Gewalt erzeugt Dinge, aus dem Feuer kommen viele Gegenst\u00e4nde, besonders Briefe.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hat etwas &#8211; auch in seiner Unausweichlichkeit &#8211; von der Unschuld eines Wales, der pl\u00f6tzlich in der Atmosph\u00e4re eines Planeten geboren wird, sich erst orientieren muss, dem Kitzeln am Bauch den Namen &#8222;Wind&#8220; gibt, und der nach und nach eine immer gr\u00f6\u00dfer werdende Oberfl\u00e4che auf sich zukommen sieht, die er mal probeweise &#8222;Boden&#8220; nennt und von der er sich freudig erwartungsvoll fragt, ob sie wohl nett zu ihm sein wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser wei\u00df es vermutlich vom Klappentext her, oder er stolpert \u00fcber den Namen &#8222;Tod Friendly&#8220;, oder ahnt es sonst: Das geht nicht gut aus. &#8222;Tod Friendly&#8220; wechselt mehrfach den Namen, in Mittelamerika sammelt er Goldm\u00fcnzen, bis er sich schlie\u00dflich auf eine Reise nach Deutschland macht, wo der Krieg vor kurzem begonnen hat. Er wird Arzt in Ausschwitz und Teil eines gro\u00dfes Projekts: Es gilt, die Juden aus den L\u00fcften zu holen, aufzup\u00e4ppeln, in die Gesellschaft zu integrieren. Das war grimmig und traurig und furchtbar zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8212; Frau Rau hat das Buch als nett, aber nicht mehr als ein Gimmick in Erinnerung. Das deckt sich mit der Einsch\u00e4tzung vieler Kritiker. Bei Goodreads habe ich die <a href=\"https:\/\/www.goodreads.com\/book\/show\/2287306.Time_s_Arrow\">Kommentare zum Buch<\/a> gelesen; die klingen \u00e4hnlich oder weisen darauf hin, dass Martin Amis ja nicht der erste gewesen sei mit dieser Idee. Einer verweist auf eine Stelle aus Vonneguts <em>Slaughterhouse Five<\/em> mit einem r\u00fcckw\u00e4rts laufenden Film &#8211; Amis nennt Vonnegut selber als Anregung. Ein anderer nennt eine Geschichte von Jorge Luis Borges, &#8222;A Weary Man&#8217;s Utopia&#8220;. Man findet die Geschichte im Web, und sie enth\u00e4lt \u00e4hnliche Motive, also Vergangenheit und Zukunft, Zerst\u00f6rung auf Aufbau, Hitler als Massenm\u00f6rder oder Philantrop. Aber mehr \u00c4hnlichkeit sehe ich nicht &#8211; zugegeben, bei Borges bin ich mir nie sicher, wieviel mir entgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00fcrde mich aber nicht wundern, wenn Borges tats\u00e4chlich so eine \u00e4hnliche Geschichte geschrieben h\u00e4tte. Das passt zu ihm. Tats\u00e4chlich habe ich auch eine Anthologie herausgesucht (im Original von 1967), in der ich eine solche Geschichte vermutete, und w\u00e4hrend da auch ein Borges drin ist, so ist es doch ein anderer. Daf\u00fcr enth\u00e4lt der Band die Kurzgeschichte &#8222;Divine Madness&#8220; von Roger Zelazny, die zum Gro\u00dfteil r\u00fcckw\u00e4rts erz\u00e4hlt wird &#8211; bis hin zu einer Situation, in der sich die Hauptperson gerne anders verhalten h\u00e4tte, weil es schlimme Konsequenzen gab. Und ganz am Ende erh\u00e4lt die Hauptperson eine zweite Chance, und die Zeit l\u00e4uft wieder vorw\u00e4rts, jetzt aber in einer neuen Spur. &#8211; Was da aber fehlt, auch bei dem Borges, ist der Ich-Erz\u00e4hler.<\/p>\n\n\n\n<p>Fu\u00dfnote: Nicht eigentlich r\u00fcckw\u00e4rts erz\u00e4hlt, aber doch mit \u00e4hnlichem Effekt ist dieses palindromische Gedicht von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/J._A._Lindon\">James A. Lindon.<\/a><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Doppelg\u00e4nger<\/p>\n\n\n\n<p>by James A. Lindon<\/p>\n\n\n\n<p>I<\/p>\n\n\n\n<p>Entering the lonely house with my wife<br>I saw him for the first time<br>Peering furtively from behind a bush \u2014<br>Blackness that moved,<br>A shape amid the shadows,<br>A momentary glimpse of gleaming eyes<br>Revealed in the ragged moon.<br>A closer look (he seemed to turn) might have<br>Put him to flight forever \u2014<br>I dared not<br>(For reasons that I failed to understand),<br>Though I knew I should act at once.<\/p>\n\n\n\n<p>II<\/p>\n\n\n\n<p>I puzzled over it, hiding alone,<br>Watching the woman as she neared the gate.<br>He came, and I saw him crouching<br>Night after night.<br>Night after night<br>He came, and I saw him crouching,<br>Watching the woman as she neared the gate.<\/p>\n\n\n\n<p>III<\/p>\n\n\n\n<p>I puzzled over it, hiding alone \u2014<br>Though I knew I should act at once,<br>For reasons that I failed to understand<br>I dared not<br>Put him to flight forever.<\/p>\n\n\n\n<p>IV<\/p>\n\n\n\n<p>A closer look (he seemed to turn) might have<br>Revealed in the ragged moon.<br>A momentary glimpse of gleaming eyes<br>A shape amid the shadows,<br>Blackness that moved.<\/p>\n\n\n\n<p>V<\/p>\n\n\n\n<p>Peering furtively from behind a bush,<br>I saw him for the first time,<br>Entering the lonely house with my wife.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(6 Kommentare.) (Mit Spoilern, aber das Buch ist von 1991, die Spoiler sind hier nicht wichtig, und auf Spoiler kommt es eh nicht an.) Die Handlung dieses Buches folgt dem Leben eines Mannes, Tod Friendly (ein etwas ungew\u00f6hnlicher, aber kein einzigartiger Name, denken wir an den Regisseur Tod Browning). Ein Ich-Erz\u00e4hler begleitet dieses Leben, und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":8685,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[224],"class_list":["post-8679","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-buecher","tag-buecher"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/archiv\/amis_times_arrow.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8679","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8679"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8679\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":57712,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8679\/revisions\/57712"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8685"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8679"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8679"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8679"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}