{"id":9385,"date":"2017-05-23T07:38:53","date_gmt":"2017-05-23T05:38:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/?p=9385"},"modified":"2023-06-12T06:54:59","modified_gmt":"2023-06-12T04:54:59","slug":"brauchen-wir-einen-literarischen-kanon-und-schullektueren-lesebuecher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2017\/05\/brauchen-wir-einen-literarischen-kanon-und-schullektueren-lesebuecher.htm","title":{"rendered":"Brauchen wir einen literarischen Kanon? (Und: Schullekt\u00fcren, Leseb\u00fccher.)"},"content":{"rendered":"<div style='text-align:right;'><small>(<a href='https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2017\/05\/brauchen-wir-einen-literarischen-kanon-und-schullektueren-lesebuecher.htm#comments'>17 Kommentare.<\/a>)<\/small> <\/div>\n<p>So lautete, verk\u00fcrzt gesagt, das Er\u00f6rterungsthema im bayerischen Abitur 2017, aufgeh\u00e4ngt an einer Analyse der Argumente und Argumentationsweise einer Rede von Roman Herzog 1997. Bob Blume macht sich auch <a href=\"http:\/\/bobblume.de\/2017\/05\/08\/denkverbote-wer-guten-unterricht-bestimmt\/\">Gedanken \u00fcber Literaturkanons<\/a>, und darum, ob man <a href=\"http:\/\/bobblume.de\/2017\/05\/20\/pornos-killerspiele-und-gewaltsprache-in-den-unterricht\/\">Computerspiele im Unterricht<\/a> so wie Texte behandeln sollte. Und weil ich heute mit meiner 9. Klasse die n\u00e4chste Schullekt\u00fcre ausgew\u00e4hlt habe, m\u00f6chte ich auch meinen Senf zu Literatur im Deutschunterricht geben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Ja, wir brauchen einen Literaturkanon.<\/h2>\n\n\n\n<p>(Gr\u00fcnde siehe irgendwo, da gibt es genug, die schenke ich mir.)<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wir kriegen nicht so leicht einen. Ich w\u00fcsste ja auch keine Instanz, die einen verbindlichen Kanon vorschreiben k\u00f6nnte. Und wem denn \u00fcberhaupt? Sicher nicht den \u00f6ffentlichen B\u00fchnen; bleiben also die Schulen, und das Kultusministerium m\u00f6chte ich sehen, dass eine l\u00e4ngerfristig verbindliche Lekt\u00fcreliste festlegt. Zumal das ja nur bundesland\u00fcbergreifend Sinn machen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Kanon in dem Sinn, dass eine Autorit\u00e4t formal ein Buch in eine Liste kanonisierter B\u00fccher aufnimmt, wird es also nicht geben. Obwohl, so eine Art Walhalla oder wenigstens Ruhmeshalle wie hinter der Bavaria w\u00e4r schon auch nett. Gipsabdr\u00fccke zentraler Werke, dann m\u00fcsste man sie auch nicht lesen. &#8212; Was so ein Kanon im urspr\u00fcnglichen Sinn ist, wissen manche Sch\u00fcler \u00fcbrigens sehr wohl: Im Star-Wars-Universum gibt es nicht nur die Filme, und Fernsehserien, sondern auch B\u00fccher. Und manche dieser B\u00fccher und Filme sind kanonisch, das hei\u00dft, ihre Handlung geh\u00f6rt offiziell, von Lucas, dann Disney abgesegnet, zum Star-Wars-Universum. Die alten Star-Wars-Comics von Marvel? Nicht kanonisch. Das Star Wars Holidy Special von 1978? Trotz Drehbuch von Lucas nicht kanonisch. Der Roman <em>Die neuen Abenteuer des Luke Skywalker<\/em> von Alan Dean Foster? Keine Ahnung. Als vor wenigen Jahren die j\u00fcngsten Filme ins Kino kamen, wurden pl\u00f6tzlich Jahrzehnte voller Romane aus dem Kanon gestrichen, sind jetzt H\u00e4resie, weil sie den neuen Filmen widersprechen. Bei Superhelden, Marvel und DC, und Sherlock Holmes, Star Trek und \u00fcberhaupt jeder Serie gibt es kanonische und unkanonische Werke, und Aficionados diskutieren das Thema gerne.<\/p>\n\n\n\n<p>Um so einen Kanon geht es also nicht. Trotzdem gibt es so etwas \u00e4hnliches. Im Studium hie\u00df es: Kanonisch ist ein Buch dann, wenn man den Inhalt kennt, obwohl man es nie gelesen hat &#8211; weil es so oft zitiert wird, weil man so viel davon geh\u00f6rt hat, dass sich das ergibt. Wie gro\u00df ist der Buchkanon in Deutschland? Sehr, sehr klein. Wenn ich mit Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen auf gemeinsame Werke zugreifen will, muss ich zu Filmen ausweichen, und selbst da gibt es wenige &#8211; Star Wars, Harry Potter. Bei B\u00fcchern: Harry Potter, noch. Nach der Schulzeit: Faust, Woyzeck. E.T.A. Hoffmann. Fontane.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie entsteht so ein literarischer Kanon? Indem \u00fcberhaupt erst einmal gelesen wird, und indem \u00fcber B\u00fccher geredet wird &#8211; in Zeitungen, in Blogs, im Fernsehen, im Kino, in der Schule. Bei der Wahl einer Schullekt\u00fcre ist es ein Faktor unter mehreren, ob ein Buch kanonisiert geh\u00f6rt, meiner Meinung nach. (Wessen sonst?) Bei zwei gleich geeigneten Werken nehme ich das, das Sch\u00fcler in eine gr\u00f6\u00dfere Gemeinschaft oder mit der Vergangenheit einbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bringt mich zu Schullekt\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Schule treibt Leuten nicht das Lesen aus<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich lese das immer wieder mal, dass junge Leute so gern gelesen haben, bis die Schule ihnen das mit der Lekt\u00fcrebehandlung dort ausgetrieben hat. Ich glaube nicht, dass das oft vorkommt. In der Pubert\u00e4t h\u00f6rt man aus verschiedenen Gr\u00fcnden mit dem Lesen auf. Dass man in der Schule D\u00fcrrenmatt lesen musste, d\u00fcrfte nur in seltenen F\u00e4llen ein Problem sein. Wenn man dort Lieblingsb\u00fccher der Sch\u00fcler zerredete, vielleicht; aber das kommt nicht vor.<br>Gleichfalls glaube ich nicht, dass Lekt\u00fcre, wie man sie in der Schule einsetzt, Spa\u00df machen muss. Es ist sch\u00f6n, wenn das so ist, aber Lesen kann eben auch Arbeit sein, das wei\u00df jeder Geisteswissenschaftler und jeder, der sonst mit Texten arbeitet. Lesef\u00f6rderung in der Schule ist wichtig, aber ich bezweifle, dass Schullekt\u00fcren, wie sie traditionell eingesetzt werden, dazu beitragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Ich m\u00f6chte ein Lesebuch<\/h2>\n\n\n\n<p>Das mehr so als ceterum censeo: Was ist eigentlich mit den Leseb\u00fcchern passiert? Da gibt es sicher Forschung dazu, aber ich habe nicht die Zeit, ihr nachzugehen. Hier w\u00fcrde ich anfangen: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lesebuch\">Wikipedia<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.ruhr-uni-bochum.de\/lidi\/Downloads\/rvl_du_heute\/Lese-Sprachbuecher%20Zusammenfassung3_240507.pdf\">Notizen mit Quellen (pdf)<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.wmelchior.com\/modules.php?op=modload&amp;name=News&amp;file=article&amp;sid=61\">ein Skript zur Geschichte der Deutschdidaktik<\/a> (ganz unten auf der Seite). Bis Ende des 20. Jahrunderts hatten Sch\u00fcler in Bayern ein Sprachbuch, das von meinen liebsten Deutschlehrern nie, und ein Lesebuch, das selten verwendet wurde. (<a href=\"https:\/\/www.herr-rau.de\/wordpress\/2011\/04\/mein-liebstes-schulbuch.htm\">Blogeintrag zu meinem Lesebuch der 11. Klasse.<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>Danach verschwand das Lesebuch; Sch\u00fclerinnen heute kriegen ein kombiniertes Sprach-\/Lesebuch, das von Lehrern unterschiedlicher Generationen vermutlich unterschiedlich eingesetzt wird. Ich verwende es nach der Unterstufe nur noch als Materialquelle, vor allem f\u00fcr die Gedichte dort. Selbst die Prosatexte verwende ich nur gelegentlich. Die Erkl\u00e4rungen zum Aufbau eienr Er\u00f6rterung oder die Arbeitsaufgaben zu den Texten verwende ich sehr selten. Trotz des Buches kriegen meine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler viel Papier: Die Textauswahl in den Sprachb\u00fccher ist viel zu gering. Exploratives Verhalten und offene Auftr\u00e4ge, die nicht an einen bestimmten Text gebunden sind, sind mit solchen B\u00fcchern auch schwer m\u00f6glich, sondern nur mit einem Lesebuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum ist es verschwunden? Ich wei\u00df es nicht. Damit die Sch\u00fcler weniger tragen m\u00fcssen? Weil Leseb\u00fccher nach Kanon riechen und der verp\u00f6nt ist? Weil Schulen keines mehr gekauft haben und die Verlage deshalb keine produzierten? Weil die Verlage keine mehr produzierten, weil Leseb\u00fccher vielleicht lehrwerksunabh\u00e4nging waren und deshalb nicht bei jedem neuen Lehrplan ein neues gekauft werden musste? Weil Lehrer nicht mit Texten allein arbeiten wollen, sondern Begleitmaterial dazu brauchen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(17 Kommentare.) So lautete, verk\u00fcrzt gesagt, das Er\u00f6rterungsthema im bayerischen Abitur 2017, aufgeh\u00e4ngt an einer Analyse der Argumente und Argumentationsweise einer Rede von Roman Herzog 1997. 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