Klassische deutsche Kurzgeschichten (Hrsg. Werner Bellmann, Reclam 2019, 2. Auflage)

Deutsche Kurzgeschichte mochte ich als Schüler nicht besonders, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Sprachlich packen mich die meisten nicht, von Wolfgang Borchert vielleicht mal abgesehen, und inhaltlich waren sie mir damals fern – keine Raumschiffe, keine abenteuerliche Handlung; sie sind beliebiger als Novellen, die ich mehr schätze. Dennoch macht mir das Arbeiten damit in der Schule doch immer wieder Spaß, so dass ich mich vor zwei Jahren dazu hinreißen ließ, mir diese kleine Reclam-Anthologie zu kaufen. Jetzt bin ich dazu gekommen, sie zu lesen; ich habe sie mir in den Urlaub mitgenommen, weil das Buch klein und aus Papier ist. Auf langen Zugfahrten spare ich gerne Telefonstrom, weil man ja nie weiß.

Es folgen festgehaltene Gedanken zu einigen wenigen der Geschichten in dieser Sammlung.

Ilse Achinger, Die geöffnete Ordner (1951)

Das ist eine von Aichingers bekanntesten Kurzgeschwichten, sie war Lektüre in meiner Schulzeit und hat mich schon damals irritiert. Das lag am Inhalt: In einer Kriegssituation geht es darum, ob eine Einheit jetzt angreifen oder warten soll. Ein Soldat hat eine versiegelte Botschaft zu übermitteln, liest sie aber heimlich (aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen). Obwohl die Botschaft lautet, den Übermittler der Botschaft zu töten, sorgt er dafür, dass sie ankommt. Am Ende wird ihm mitgeteilt, wie gut es gewesen sei, dass der den Inhalt der Botschaft nicht kannte, denn die verwendete Chiffre sei sehr ungewöhnlich gewesen.

Schon als Jugendlicher wusste ich, dass ich da etwas nicht verstehe. Wenn das realistisch sein soll, ist das Unsinn, weil nie jemand so eine Chiffe verwenden würde. Soll das also eine Parabel darauf sein darauf, dass junge Soldaten in den Tod geschickt werden? So sieht der Rest der Erzählung aber überhaupt nicht aus. Also was jetzt?

Ilse Aichinger, Seegeister (1952)

Teile dieser Geschichte waren im 2023 eines der Themen im Deutsch-Abitur in Bayern. Das ist eine sehr interessante Geschichte! Sie beginnt mit diesem kurzen Rahmen:

Den Sommer über beachtet man sie wenig oder hält sie für seinesgleichen, und wer den See mit dem Sommer verläßt, wird sie nie erkennen. Erst gegen den Herbst zu beginnen sie, sich deutlicher abzuheben. Wer später kommt oder länger bleibt, wer zuletzt selbst nicht mehr weiß, ob er noch zu den Gästen oder schon zu den Geistern gehört, wird sie unterscheiden. Denn es gibt gerade im frühen Herbst Tage, an denen die Grenzen im Hinüberwechseln noch einmal sehr scharf werden.

Diese Einleitung wird gefolgt von drei kurzen, ja, man muss es wohl Geistergeschichten nennen.

Diese Geschichten sind stimmungsvoll, und absurd bis unrealistisch, und es wird nicht so viel erklärt wie in klassischen Geistergeschichten. Es sind eher Skizzen oder Anekdoten. Aber allein die Tatsache, dass es sich jeweils um einen See handelt und die Geister um diesen herum, reiht die kurzen Binnenerzählungen in eine alte Tradition ein. Es müsste zwar auch viele deutsche Sagen geben, angefangen bei Goethes Fischer, aber ich denke zuerst an nordamerikanische Monster in Seen oder haunted lakes, von Ray Bradbury, The Lake (1944) bis zur Freitag-der-13.-Reihe, mit Episoden von Scooby Do und Gravity Falls.

In der ersten Geschichte geht es um einen Urlauber, dessen Motor beim Bootfahren auf dem See nicht mehr ausgeht, auch als später gar kein Benzin mehr darin sein kann. Also bleibt er auf dem See, winkt den abreisenden Freunden und letzten Gästen und wird zu einem Geist, den die Einheimischen in Herbstnächten hören.

In der zweiten Geschichte geht es um eine Frau, die sich aufzulösen beginnt, sobald sie ihre Sonnenbrille abnimmt. Also lässt sie sie einfach auf, bei jeder Gelegenheit. Was soll sie im Winter tun, und in der Stadt nach dem Urlaub? Das Ende bleibt offen.

In der dritten Geschichte geht es um drei junge Frauen, deren Getuschel und Gekichere (man erfährt nicht, was in ihnen tatsächlich vorgeht) indirekt Schuld am Ertrinken eines Matrosen ist. Seitdem sind sie „immer noch auf dem Dampfer und stehen am Heck und lachen hinter der vorgehaltenen Hand. Wer sie sieht, sollte sich von ihnen nicht beirren lassen. Es sind immer dieselben.“

(Dass in der Abituraufgabe nur die erste der drei Binnenerzählungen enthalten ist und die anderen nicht einmal erwähnt werden, lädt dazu ein, mehr Beziehungen zwischen dem Einleitungsabsatz und der Binnenerzählung zu suchen, als vielleicht da sind. In der b)-Aufgabe geht es dann außerdem noch um parabolisches Erzählen, was nahelegt, dass eine parabolische Deutung der Geistergeschichte erwartet wird, was mir wiederum nicht sehr hilfreich erscheint.)

Erinnert hat mich die erste Geschichte an Shirley Jackson, „The Summer People“, erschienen 1950, anthologisiert in Best American Short Stories 1951. Ein Ehepaar aus der Stadt verbringt regelmäßig den Urlaub am See; das Paar wird als ziemlich nervig beschrieben, aber die Leute aus der Siedlung am See liefern anstandslos Lebensmittel und Dienstleistungen. In einem Jahr reist das Paar aus Gründen nicht ab, bleibt einfach nach der Saison noch da. Das Verhalten der Leute ihnen gegenüber ändert sich: sie kriegen keine Bestellungen aus dem Lebensmittelladen mehr geliefert – klar, der Lieferjunge geht jetzt wieder in die Schule, und für einzelne Gäste lohnt sich die Anfahrt ohnehin nicht. Nach und nach wird die Stimmung immer feindseliger, und die Geschichte kippt nach und nach in Richtung unheimlicher phantastischer Geschichte.

Friedrich Dürrenmatt, Der Tunnel (1952)

Diese Geschichte ist sehr bekannt. Ein Mann fährt eine ihm eigentlich sehr vertraute Strecke mit dem Zug; sie fahren in einen Tunnel, dessen Durchquerung eigentlich höchstens eine Minute dauern sollte. Aber sie dauert länger, der Zug fährt und fährt und kommt doch nie aus dem Tunnel. Die Mitpassagiere reagieren erst einmal desinteressiert und sehen kein Problem. Mit einem Bahnmitarbeiter schlägt sich der Mann bis zur Lokomotive am Kopfende des Zugs durch.

Die Geschichte hat sich gut gehalten. Heute habe ich dabei Action-Filme im Kopf, Snowpiercer oder diesen koreanischen Zombiefilm im Zug, Train to Busan, nicht dass ich mir so grausliche Sachen anschauen könnte.

Die anderen Geschichten

Die anderen Geschichten haben mich eher kalt gelassen. Dennoch hat mich überrascht, wie wenige davon in das Kurzgeschichtenschema passen, das wir in der Schule gerne vermitteln – und das, obwohl ein Auswahlkriterium – von mehreren – für die Anthologie war, welche Geschichten in Schulbüchern häufig auftauchen.

Werner Bellmann, Nachwort

Diese gut zwanzig Seiten waren besonders interessant zu lesen. Die Geschichte der Kurzgeschichte bis zur Nachkriegszeit war mir nicht neu, es beginnt natürlich mit Poe, aber danach war für mich vieles neu. Kurz: Es geht durcheinander und keineswegs so einheitlich wie in meiner vereinfachten Schulbuchfassung. Die Leute haben geschrieben, was sie wollten. Endlich wird einmal zugegeben, dass es mindestens zwei Arten von Kurzgeschichten gibt, die mit dem alltäglichen Ereignis und die mit der überraschenden Pointe und der spannenden Ausnahmesituation.


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