The Admirable Crichton

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Herr Puntila und sein Knecht Matti

In Wien war ich im Theater, habe Brechts Herr Puntila und sein Knecht Matti gesehen. Darin geht es um den reichen Grundbesitzer Puntila, derim betrunkenen Zustand Verbrüderung mit seiner Dienerschaft sucht und sie im nüchternen Zustand klassenbewusst schikaniert. Außerdem will er seine Tochter, wenn er nüchtern ist, gegen ihren unerklärten Willen einem schnöseligen einflussreichen Beamten verheiraten; im Laufe des Stücks soll sie aber, wenn er betrunken ist, an seinen Chauffeuer Matti verheiratet werden, was ihr viel lieber wäre. Sie versagt allerdings bei den Proben, die Matti ihr auferlegt, um zu sehen, ob sie auch die Arbeiten verrichten könnte, die für die Frau eines Dienstboten nötig wären. (Bissele Misogynie, bissele Widerspenstigen Zähmung.) Am Ende verlässt Matti das Gut und den Dienst: Arm und reich passen einfach nicht zu einander.

Wikipedia entnehme ich, dass das Drama Sägemehlprinzessin der finnischen Dichterin Hella Wuolijoki (mir ihrem Wissen) Vorlage für Brechts Drama war. Außerdem werden noch „Der Brotherr“ von Maxim Gorki und Jacques der Fatalist und sein Herr von Denis Diderot als bewusst verwendete Quellen genannt. Nicht nachweisbar sei ein Einfluss von Chaplins Film Lichter der Großstadt, in dem ein Millionär in betrunkenem Zustand sich mit dem Tramp anfreundet und in nüchternem nichts mehr von ihm wissen will.

In Puntila erkenne ich zwei Motive: Erstens der Trunkene, der in nüchternem Zustand ein ganz anderer, weniger freundlicher Mensch ist. Das gibt es sicher öfter, bestimmt schon auch irgendwo in der Antike, und dann natürlich bei Elwood P. Dowd und seinem Freund Harvey. Und zweitens die Herrschaft und die Dienerschaft, die sich nicht mischen können, wobei die Dienerschaft zumindest teilweise einen kompetenteren Eindruck macht. Den Kompetenzunterschied kennen wir von Bertie Wooster und Jeeves; das Mischen ist bei Wodehouse allerdings kein Thema.

The Admirable Crichton

All das bringt mich auf mein eigentliches Thema, nämlich einen Film den ich als Kind oder Teenager einmal gesehen und von dem ich danach nie wieder gehört habe; ich weiß auch niemanden, der sich sonst an den Film erinnert, auch wenn die Wikipedia-Seite dazu ausführlich ist. Im Laufe der Jahre, schon im letzten Jahrtausend, habe ich herausgefunden, dass der Fim The Admirable Crichton heißt und auf dem gleichnmaigen Theaterstück von J. M. Barrie aus dem Jahr 1902 basiert. Der Plot des Stücks ist folgender:

Ein englischer Graf zum Wechsel 19./20. Jahrhundert hängt demokratischen Theorien an und zwingt seine Gäste und sein Personal, sich bei Einladungen zum Tee zu mischen, zum Leidwessen aller und unter besonderer Missbilligung des Butlers Crichton, der viel auf das (englische) Klassensystem gibt. Im zweiten und dritten Akt verschlägt es die Gesellschaft schiffbrüchig auf eine Insel, wo sich Crichton als die einzig kompetente Person herausstellt und der junge Ernest durch regelmäßiges Eintauchen in einen Eimer Wasser von der Unsitte abgebracht werden muss, Epigramme von sich zu geben. Crichton wird im Lauf von zwei Jahren der Chef, ein umgekehrtes Klassensystem entwickelt sich. Kurz vor seiner Heirat mit der Tochter des Grafen – ein Geistlicher ist vorhanden – entdeckt Crichton ein rettendes Schiff und sendet nach kurzem Zögern einen Hilferuf. Die Schiffbrüchigen werden gerettet. Im vierten Akt, zurück in der Zivilisation, nimmt Crichton seine alte Rolle wieder ein, Ernest erzählt heldenhafte Lügengeschichten über die Zeit auf der Insel, und die Tochter des Grafen heiratet dann doch, nicht ohne etwas Tränen, ihren ursprünglichen Verlobten. Crichton verlässt den Dienst bei dem Grafen.

(In der Filmfassung gibt es noch einen Beutel Perlen von der Insel und Crichton geht am Ende zurück auf die Insel, zusammen mit einem Dienstmädchen, einer für den Film neu geschaffenen Rolle, mit ein wenig mehr Happyend.)

Barries Stück gibt es bei Gutenberg, das werde ich wohl mal lesen, und den Film würde ich nach fünfundvierzig oder mehr Jahren auch gerne mal wieder sehen.

Weitere Texte

Wikipedia verweist auf das deutsche Theaterstück Robinson’s Eiland von Ludwig Fulda aus dem Jahr 1896. Berliner Personen der Oberschicht – darunter ein Kapitalist, ein Professor, ein Journalist – verschlägt es auf eine einsame Insel, auf der sich dann der einfache Sekretär als natürlicher Anführer der Gruppe herausstellt. Hier bei archive.org, könnte man sich auch einmal anschauen.

Im Kino läuft gerade Send Help von Sam Raimi mit Rachel McAdams und Dylan O’Brien. Wird gelobt, aber ich werde ihn mir sicher nicht ansehen: der geschätzte Raimi geht ein wenig an seine Wurzeln zurück. Im Film verunglücken ein Oberschnösel und eine zurückhaltende, bei der Beförderung übergangene Frau mit Survival-Erfahrung auf einer einsamen Insel und die Machtverhältnisse kehren sich um. Es spritzt viel Blut.

Robinsonaden, jedenfalls wenn sie mehr als eine Person betreffen, sind wohl immer gesellschaftliche Gegenentwürfe und ein spannendes Genre. Die kluge Frau Rau hat schon im Studium bei einem Referat auf die Schwundstufen-Form des Einsame-Insel-Cartoons hingewiesen, wie es ihn in Cartons von Mordillo und in MAD Magazine zuhauf gab.


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2 Antworten zu „The Admirable Crichton“

  1. Brecht hat, wie viele andere auch, viel von anderen profitiert oder adaptiert und auch manche Stücke von Damen, mit denen er liiert war, schreiben lassen. Die Quelle hätte ich gerne angegeben, sie aber nicht gefunden. Offensichtlich in einem der Bücherregale falsch eingeordnet. Namen sind Margarete Steffin, Ruth Berlau, Charles Laughton u.a.

  2. Bleistifterin

    dazu fällt mir noch eine Crusoe- Verfilmung mit Rollen Umkehr ein. ich glaube Pierce Brosnan als Robinson

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