Die geheimnisvollste Insel

Literarische Inseln gibt es viele:

  1. Der Gesellschaftsentwurf oder -spiegel: Utopia, Atlantis, Liliput.
  2. Die Pirateninsel: Die Schatzinsel, Monkey Island, Der Graf von Monte Cristo
  3. Die Toteninsel: Reprobates/Next Life (Computerspiel 2007), Wings of Fame (Film 1990) – nach dem Tod findet man sich auf einer Insel wieder, zusammen mit anderen Gestorbenen; vielleicht gehört sogar die griechische Unterwelt mit ihren fünf Flüssen und den verschiedenen Bereichen hierher
  4. Die Robinsonade: Robinson Crusoe, Castaway, die Schwundstufe der Don-Martin-Inselcartoons in Mad Magazine
  5. Die geheimnisvolle Insel: Fremde kommen auf eine Insel, oft schiffbrüchig, und finden heraus, dass die Insel Geheimnisse birgt: Die geheimnisvolle Insel (Verne), Die Insel des Dr. Moreau (Wells), Graf Zaroffs Insel aus The Most Dangerous Game und dessen Kurzgeschichtenvorlage, Lost, Shakespeares The Tempest – hier ausnahmsweise einmal aus der Perspektive des Drahtziehers hinter den Inselgeheimnissen.

Die geheimnisvollste Insel ist für mich Fantasy Island. Fantasy Island war eine amerikanische Fernsehserie, die von 1977 bis 1984 ausgestrahlt wurde und sehr erfolgreich war. Seit meiner Jugend ist mir die Serie ein Begriff – von der deutschen Erstausstrahlung ab 1989 habe ich allerdings nichts mitgekriegt. Vielmehr muss ich die Serie bei Besuchen in den USA kennengelernt haben, oder aus dem MAD-Magazin. Ich glaube nicht, dass ich bis vor kurzem je eine ganze oder auch nur halbe Episode gesehen hatte – zu wenig hätten sie mich interessiert, zu wenig sah meine deutsch-amerikanische Verwandtschaft fern. Aber das Konzept war mir sofort sonnenklar, glaube ich, und die Bilder der Serie sind derart ikonisch, dass man sie vielleicht nur einige Male zu sehen braucht, bevor sie sich einprägen:

Ein distinguierter Ricardo Montalbán (schwamm früher mit Esther Williams und sang mit ihr „Baby , it’s cold outside“, war danach und davor der Khan im Zorn des Khan) als Mr. Roarke mit einem kleinwüchsigen Franzosen, Tattoo genannt (Hervé Villechaize), beide in weißen Leinenanzügen in tropischer Umgebung vor Korbgeflechtstuhl.

Der Plot jeder Episoden: Ricardo Montalbán ist Herr über die Urlaubsinsel Fantasy Island, die Gäste besuchen, um dort ihre Fantasien auszuleben. Einmal reich sein? Auf einer Seance den Geist des toten Bruders beschwören? Vielleicht sogar einmal Superman sein? Mr. Roarke macht es zwei Gästen pro Folge möglich. Jede davon beginnt damit, dass Tattoo das Flugzeug entdeckt („Ze plane! Ze plane!“), von Mr. Roarke ein wenig verspottet wird, bevor der in die Hände klatscht und die willkommnenden Südseemädchen mit „Smiles, everyone, smiles!“ auffordert, die Gäste zu empfangen. Davor kommt eine Titelmelodie, die mich an „Bali Hai“ aus South Pacific erinnert, eine ähnlich mystifizierte Insel.

Typische Folge

Eine typische Folge: (1) Eine kleine Angestellte möchte einmal Firmenchefin sein. Roarke macht sie zur Chefin einer ihm bekannten Firma, weil deren Chef verschollen ist und ihm eine Vollmacht hinterlassen hat. Sie deckt einen Betrug auf, und am Ende taucht der ursprüngliche Chef wieder auf – es war ein Trick. (2) Ein Mann sucht nach Informationen über seinen Vater, vermutlich tot, als Dieb verrufen, aber der Sohn glaubt nicht daran. In einer Gefangenenkolonie wie aus den 1930er Jahren findet er jemanden, der das Schicksal seines Vaters kennt. Am Ende Flucht, Hunde, Treibsand, Erkenntnis.

Fantasy Island wird im Mad Magazine 203 (Dezember 1978) so parodiert: (1) Die schöne Farrah Fawcett Majors will einmal Aschenputtel sein und arbeitet verkleidet als Kellnerin, Dick van Dyke verliebt sich in sie und sie werden ein Paar. (2) Shaun Cassidy möchte Revolverheld werden und spielt Der Mann, der Liberty Valence erschoss nach. Das klingt wie eine echte Episode, aber die hat es so nie gegeben. Aber tatsächlich gibt es meist bekannte Schauspieler als Gaststars, wenn auch eher die der 1960er oder 1950er Jahre – Milton Berle, Bill Bixby, Linda Blair, Sonny Bono, Horst Buchholz, Joseph Cotten, Hans Conreid. Namen, die mir alle etwas sagen.

For whatever we lose (like a you or a me)
it’s always ourselves we find in the sea

(e.e.cummings)

Dieses Konzept der Gaststars ist etwas, das ich sonst nur von Columbo kenne. Könnte es das auch fürs deutsche Fernsehen geben? Gibt es das heute noch? (Eben läuft zufällig eine Folge Grey’s Anatomy mit Tyne Daly in einer Gastrolle – das Gesicht kennt man aus Cagney & Lacey, hier singt sie in Bernsteins On the Town.) Das wäre so, als hätte der Blaue Bock eine Spielfilmhandlung gehabt und alle Gäste spielten Rollen. Geht organisatorisch wohl gar nicht mehr.

Der letze Nachfolger dieser Art Serie war vielleicht Quantum Leap/Zurück in die Vergangenheit (1989-1993, Scott Bakula und Dean Stockwell): Individuelle Episoden statt großer Handlungsbögen, nie ganz geklärte phantastische Elemente, moralisch angemessenes Schicksal aller Beteiligten. Aber Quantum Leap war weniger schräg, weil ausgewiesener phantastisch; dafür mit wesentlich intelligenteren, kritischeren und inklusiveren Plots.

Mr. Roarke und seine Vorläufer

Mr. Roarke kann Wünsche erfüllen. Manche sind im Rahmen dessen, was einem exzentrischen Multimillionär möglich ist. (Die Gäste zahlen wohl auch für diese Dienstleistung, abhänging von ihren Verhältnissen.) Andere Wünsche erfordern Zeitreisen oder andere Unmöglichkeiten, auch kein Problem. Die Gäste akzeptieren das, ohne nachzufragen. Wiederkehrende Rollen gibt es wenige – aber dazu gehören eine Meerjungfrau, die in der Nähe der Insel lebt, und der Teufel höchstpersönlich. Mr. Roarke betont, dass er auf den Nachbarinseln keine Autorität habe; angedeutet wird, dass er unsterblich ist. Mit so etwas kriegt man mich.

Tatsächlich spielt er für die Geschichten keine Rolle; nicht mal die Insel spielt eine Rolle. Fantasy Island ist strukturell einfach eine Anthologie-Serie mit zwei völlig unabhängigen abenteuerlichen, übernatürlichen, romantischen, exotischen, gefährlichen Geschichte pro Episode. Vom Realismusanspruch der Plots her sind sie auf dem Niveau meiner geschätzten Hörspielserien der 1940er und frühen 1950er Jahre: Escape oder Suspense. Die Geschichten können überall auf der Welt spielen; notfalls versetzt Mr. Roarke Zeit und Raum. Roarke ist nur die Klammer, die die Episoden verbindet, so wie The Mysterious Traveler in der gleichnamigen Radioserie. Der hatte allerdings mit den von ihm erzählten Geschichten wirklich gar nichts zu tun. Noch ähnlicher ist er demnach dem Whistler in der wiederum gleichnamigen Radioserie. (Hier habe ich viel zu ihm geschrieben.)

Nur sehr gelegentlich interagiert die Erzählerfigur the Whistler mit der Welt seiner Erzählungen, aber es kommt schon mal vor, dass die Figuten abgelenkt werden von seinen Schritten in der Nacht oder der Melodie, die er pfeift. Oft spricht der Whistler zu seinen Figuren, quasi als Du-Erzähler: “Yes, Roy, you have it all figured out, haven’t you.” Allerdings hört Roy und hören die anderen Figuren ihn nicht. Anders ist das bei Mr. Roarke, mit ihm interagieren seine Gäste – aber nie so, dass das eine Wirkung hätte. Roarke gibt kryptische Hinweise und Ratschläge, aber die werden erst einmal nicht angenommen – für den Ablauf der Handlung spielt er keine Rolle. Er könnte genauso gut nicht gehört werden und für den personifizierten Zufall oder die Ironie des Schicksals stehen. (Manchmal macht er den deus ex machina, aber das könnten auch diese Instanzen übernehmen.)

Though we thought it was a modern, radical idea at the time, Fantasy Island now more clearly resembles the throwback to the Vaudeville Era that it really is.

https://www.dvdtalk.com/reviews/54623/fantasy-island-season-two/

Nein, nicht Vaudeville, sondern Radio und wohl auch Fernsehen der frühen 1950er Jahre. Obwohl es eine Episode gibt, in der ein alter Varieté-Künstler (Phil Silvers) noch einmal die Vaudeville-Nummer mit dem alten Partner (Phil Harris, großer Fan hier) vorführen will. Ich kenne die Episode nicht, aber sie klingt ein bisschen nach The Sunshine Boys mit George Burns und Walter Matthau (1975). Überhaupt hat sich Fantasy Island wohl immer wieder mal der Plots von älteren Kinofilmen bedient.

Eine Episode, Season 3 Episode 11: The Victim/The Mermaid (1979)

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The Mermaid

Ein Meeresbiologe will eine große Entdeckung machen. Seine Frau begleitet ihn; die Ehe steckt in einer Krise. Er entdeckt die Meerjungfrau Nyah – sehr übertrieben geschminkt, aber bei diesen Sachen kurz vor oder nach 1980 weiß ich nie, ob das komisch geschminkt sein soll oder nicht. “I must tell my colleagues of your existence.” “No, please, no other mortal must know of my existence.” Er verliebt sich in sie; sie will ihn zu sich ins Meer holen, wohl eher nicht mit guten Absichten. Nyah ist eine böse oder zumindest amoralische Meerjungfrau. Sie zieht ihn zu immer längeren Tauchausflügen ins Wasser – nach einem liegen sie beide ermattet am Strand. “That was an incredible experience. Unbelievable. I will never forget it.” Fehlt nur noch die Zigarette.

Währenddessen macht sich die Frau des Biologen Sorgen um die Beziehung. Mr. Roarke zu ihr: “Come now, Mrs deHaven, mermaids aren’t real. How could you have seen your husband with something that doesn’t exist?” Das hätte genauso gut der Whistler ungehört vor sich hin sprechen können. Die Aufgabe: Sie muss um ihn kämpfen und ihn zurückgewinnen, und das gelingt ihr auch. “I promise I will be more understanding.” – Laut imdb ein Remake von Mr. Peabody and the Mermaid (1948).

Interessant noch das kurze Geplänkel zwischen Roarke und Nyah, das Vorgeschichte und mythischen Status andeutet: “You summoned me?” / “We have battled before.” (Nyah wird in einer späteren Folge wiederkehren und selber eine Wunschvorstellung ausleben wollen.)

The Victim

Eine Frau möchte ein Date mit einem Mann, den sie vor vier Jahren kurz kennengelernt hat. Mr Roarke ermöglicht das, warnt sie aber vor ihm und insbesondere davor, die Insel zu verlassen. Es kommt zu einem romantischen Abendesse, komplett mit „Feelings“ als Hintergrundmusik. Aber der Mann mischt ihr eine Droge ins Getränk und sie wacht in einem Harem auf der Nachbarinsel auf. Dort Yvonne de Carlo als Bordellchefin und viele weiße, hochglänzende, Champagner trinkende junge Frauen als Gefangene. “We perform… services, for the men he brings here,” die Frauen bezeichnen sich als “slave hookers”. Bisschen Auspeitschen, wenn man nicht pariert, nicht zu viel; aber selbst für einen 10-Uhr-Fernsehslot 1979 überraschend.

Den Frauen gelingt aus eigener Kraft die Flucht; sie werden von den Übeltätern verfolgt, aber Mr. Roarke steht ihnen bei. Allerdings heißt es: “Wait a minute, Roarke, you have no authority on this island.” Als wären das Urgewalten, jeder als Herrscher über seine eigene Insel. Woher hat Roarke die Entscheidungsgewalt auf seiner Insel? Tatsächlich hat Roarke die Polizei der Nachbarinsel mitgebracht, die sich um alles kümmert. Danach noch homerisches Gelächter der befreiten Sexsklavinnen bei der Aussicht auf Erholung auf Fantasy Island.

Certain aspects of the formula haven’t aged as well.

https://www.dvdtalk.com/reviews/54623/fantasy-island-season-two/

Fortsetzungen

1998er gab es ein Remake mit Malcolm McDowell, nur eine Staffel.

2015 wurden Pläne für ein Remake angekündigt, aus dem aber wohl nichts wurde: Mit einer Frau statt Mr Roarke (okay), aber ohne Insel, sondern in der Großstadt. Strukturell ändert sich nichts, aber der Charme wäre weg: Damit wären wir endgültig bei der Godgames- Firma gewesen aus Chestertons Club of Queer Trades (Blogeintrag) gewesen. Dort wird eine Firma vorgestellt, bei der man Abenteuer bestellen kann.

Ende Februar 2020 soll eine Kinofassung kommen: “A horror adaptation of the popular ’70s TV show about a magical island resort.” Bin schon sehr gespannt, kann aber nur schlecht werden. Es bräuchte Gastauftritte aus der vorherigen Generation und coole Erzählerfiguren. (Michael Peña als Mr. Roarke, der Rest sagt mir nichts.)

Weisheiten aus der Bildungsszene

Teaching creative computer science: Simon Peyton Jones at TEDxExeter (Youtube):

  1. Die Aufgabe von Bildung hat nur indirekt mit Jobs zu tun. Aber gut, vielleicht ist Education auch nicht Bildung.
  2. Die Probleme der Menschheit sind seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten bekannt: Klimakatastrophe, Armut, Ungerechtigkeit.
  3. Richard Riley, amerikanischer Bildungsminister: Na und?
  4. Er hat es ja auch gar nicht so gesagt. Das Zitat wird meist in anderer, ähnlicher Form verbreitet, die aber wohl auch nicht korrekt ist. (Wer die Spuren verfolgen möchte, kann hier anfangen.)

Und dann war noch der Pädagoge auf Twitter, der mir das hier schickte, als wäre es originell:

Tatsächlich mag ich diesen Cartoon. Er erinnert mich daran, dass die Schule nicht fair ist, dass die Noten nicht fair sind, und das sollten Lehrer und Lehrerinnen nicht vergessen. Nur: Was soll man machen? Auf Noten verzichten oder Leistungsforschritt oder Anstrengungsbereitschaft benoten statt Leistung? Kann man machen, am Anfang. Aber irgendwann werden Leute wissen wollen: Na, wie gut kann sie denn jetzt Bäume erklettern? Irgendwann wird es Noten geben. – Oder soll man Klettern war nicht üben, weil das nicht alle gleich gut können?

Weitere Beiträge aus dieser Reihe:

Käsekästchen, Autorennen, Panzerschlacht: Spiele auf kariertem Papier

Schiffe versenken habe ich in der Schule so gut wie nie gespielt. Zu groß war wohl der Aufwand mit den getrennten Zetteln für zwei Spieler, außerdem hatten wir das zu Hause groß aus Plastik von MB.

Was wir gespielt haben, war natürlich Käsekästchen. Das gibt es heute wohl auch noch: Auf Karopapier und in einem rechteckigen, durch Linien begrenzten Spielfeld; jeder Spieler macht der Reihe nach einen senkrechten oder waagrechten Strich von einer Kästchenlänge, und wenn man dadurch ein Kästchen auf allen vier Seiten umschließt, zählt das als Punkt für einen und man darf gleich noch einen Strich machen. (Das führt oft zu kaskadierenden Zügen.)

Gar nicht mehr gesehen habe ich in den letzten zwanzig Jahren Autorennen. Man zeichnet eine Fahrstrecke auf kariertes Papier; jeder Spieler fährt abwechselnd mit seinem Auto, darf dabei aber nicht aus der Bahn kommen. (Sonst… muss man einmal aussetzen?)

Man fährt pro Zug je nach aktueller Geschwindigkeit zwischen 1 und 5 Kästchen, immer geradeaus, und kann vor allem die Geschwindigkeit pro Zug immer nur um 1 erhöhen oder verringern. Wenn man sich da vertut, wird man schnell aus der Kurve getragen.

Ein anderes Spiel hieß Panzer, glaube ich, vielleicht auch Panzerschlacht? Ich weiß nicht mehr, wie man die Panzer gezeichnet oder platziert hat. Man schoss jedenfalls abwechselnd, indem man einen Bleistift senkrecht auf einem eigenen Panzer platzierte und mit einer Hand oben festhielt, und danach mit den Fingern der anderen (meist: rechten) Hand die Bleistiftspitze derart anschnipste, dass sie eine – nicht ganz leicht vorhersehbare – Spur hinter sich auf dem Papier zog. Erreichte so ein Strich einen gegnerischen Panzer, war der zerstört.

Nach dem gleichen Prinzip konnte man auch Autorennen spielen, aber die Variante oben war populärer. Man schnippste mit dem Bleistift von der jeweils letzten Fahrzeugposition weiter, durfte aber nicht die Fahrbahngrenzen verlassen.

Ansonsten gab es noch eine Phase, in der wir Labyrinthe zeichneten, elaborierte, auf Karopapier, DIN A 5, dann A4, teilweise auch A3 mit aneinander geklebten Blättern. Schade, dass ich die nicht mehr habe.

– Ich kann mir nicht vorstellen, dass Schüler oder Schüler an meiner Schule diese Spiele heimlich im Unterricht spielen. Zu sehr wird da aufgepasst. War das bei uns auch nur Zeitvertreib in den Vertretungsstunden? Sicher kann ich mich nur an heimliches Lesen, Zeichnen und Hausaufgabenmachen erinnern; später in der Oberstufe kam Stricken dazu, das aber ganz öffentlich und geduldet. In unseren modernen Zeiten nicht vorstellbar.

Nachrufe

Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

Rutger Hauer ( † Juli 2019) als Roy Batty in Blade Runner

Ich habe diese Zeilen zum ersten Mal 1982 gehört; ob sie mir da sofort aufgefallen sind oder erst ein Jahr später, das weiß ich nicht mehr. SIe leuchteten mir sofort ein und führten dazu, dass ich als Teenager über Sterblichkeit nachdachte, vermutlich zum ersten Mal ernsthaft.

Batty trauert nicht um sich, sondern um all das, was mit ihm sterben wird: Seine Empfindungen, seine Erinnerungen, das Schöne und Aufregende und Überwältigende, das er gesehen hat. Jeder Mensch ist eine eigene Welt, die mit ihm stirbt.

Hinterfragt habe ich die Zeilen erst jetzt. Dieser fast solipsistische Ansatz gefiel mir als Teenager, und dass ich weniger wichtig bin als meine Erinnerungen, das passte zu meinem Selbstbild. Aber den Menschen um dich herum ist es völlig egal, ob du C-Beams gesehen hast oder nicht, ob du vor der Schulter des Orion warst oder nicht oder dir das nur eingebildet hast.

Ach. Sophie, ich vermisse dich. Dreimal habe ich dich getroffen; du warst auf unserem Fest, hast das Geschenk besorgt; du warst klug und lieb, und wohl krank. Und jetzt bist du tot und wir hätten vielleicht mehr tun müssen.

Ich glaub mich laust der Affe! (Abizeitungen)

Ich glaube, ich muss mir einen lustigen Spruch zulegen. Ich werde nämlich nie in Schülerzeitungen oder Abizeitungen zitiert, wirklich nie. Wahrscheinlich bin ich nicht witzig. Hier sind so Sachen, die in der Abizeitung stehen:

Wer Jogginghosen draußen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Physik ist schön, man muss es halt können.

Wie seid ihr eigentlich in die 9. Klasse gekommen?

Zum Teil halten die Schüler und Schülerinnen diese Sprüche für witzig; sicher auch, weil sie sie – im Gegensatz zu Lehrern und Lehrerinnen – zum ersten Mal hören. Zum Teil sind sie sicher auch mit der Situation und dem Wesen der Lehrkraft verbunden und aus diesem Zusammenhang heraus erinnernswert oder witzig. Als Außenstehender kriegt man das nicht so mit.

Überhaupt, Außenstehender. Ich glaube, ich werde nächstes Jahr keine Abizeitung kaufen. Lehrer und Lehrerinnen sind nicht Adressaten, das sind alles Insidertexte und Insiderwitze, und dafür zahle ich keine 12 Euro. Da gebe ich diesem Tweet recht und ziehe halt die Konsequenz:

An jedem Gymnasium dürfte es etabliert sein, dass jeder Schüler und jede Schülerin zwei Seiten in der Abizeitung kriegt, eine mit Interviewfragen und Antworten, eine selbst oder von Freundinnen kreativ gestaltete, persönlichere Seite. Interessante Fragen sind die nach bester Schullektüre, was man in 12 Jahren Schule gelernt hat, was man nie verstehen wird, was einen vom Schulabbruch abgehalten hat, was man einem zukünftigen Fünftklässler/einer Fünftklässlerin raten würde. Interessante Antworten sind die, die Fragen ernst nehmen, die meisten sind allerdings aber nur launig-oberflächlich. Alle Fragen bis auf as Geburtsdatum betreffen die Schule, also nichts zu Hobbies (finde ich okay), aber auch nichts zu Instagram oder gar Twitter. Das machen sicher einige Schüler, aber nicht viele, und das ist wohl eher nichts, das man vorzeigen, für das man bekannt sein möchte.

Zu diesem Thema im Telegraph gelesen: Einer Studie zufolge wünschen sich viele Jugendliche, dass alle ihre Internaktivitäten, die sie getrieben haben, als sie noch keine 18 Jahre alt waren, mit der Volljährigkeit gelöscht werden sollten. Weil es so wichtig ist, Fehler zu machen und Dinge auszuprobieren, aber als Erwachsene soll das nicht mehr gegen sie verwendet werden können. Hm, ich sehe das anders.

Die meisten Abizeitungen werfe ich kurz nach dem Lesen weg. Ich würde sie schon aufheben, so als Forschungsgegenstand, wie ich überhaupt gerne alles archivieren würde, habe aber keinen Platz. (Und digital, gerne auch adaptiv statt pdf, ist noch keine Alternative.) Also weg damit, aber zwei oder drei Jahrgänge habe ich noch, darunter meinen eigenen. Hier eine kurze Gegenüberstellung:

1987:

  • Erster Satz: „Und hier in der Hallstraße, meine Damen und Herren, sehen Sie das Schmuckkästchen unserer schönen Fuggerstadt, ein Musterbeispiel abendländischer Kultur.“
  • 115 Seiten A5, DM 3,-
  • Fließtextseiten: 42
  • Motto: keines

2009:

  • Erster Satz: „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kinder, Was Sie hier in den Händen halten ist die Abiturzeitung des ersten Abiturjahrgangs des neuen Graf-Rasso-Gymnasiums.“
  • 307 Seiten A4, €5
  • Fließtextseiten: 18
  • Motto: abistokratie

2019:

  • Erster Satz: „Liebe Leser*innen, an unserer Verleihung wurden vermutlich genug kitschige Reden gehalten und unsere StufenkameradInnen haben durch die langen WhatsApp-Nachrichten in den letzten Wochen sicher auch erstmal genug von uns gehört.“
  • um die 300 Seiten A4 (keine Seitenzahlen), € 12,-
  • Fließtextseiten: 1
  • Motto: Westminster Abi – der Adel dankt ab

Das mit dem Fließtext ist auch bei dem Abijahrgang meines Neffen so, ebenfalls 2019. Schön gestaltete Abizeitung, aber keine Fließtexte; Beiträge zu Kursfahrten, aber nur als Fotocollagen. Daneben gibt es Balken- und Kreisdiagramme, Zitatschnipsel, Kurz- und Kürzesttexte.

Ich finde das schade und verspüre den Wunsch, darin den Untergang des Abendlandes zu sehen. Aber nun, Zeiten ändern sich. Gute Tweets mag ich selber, Texte diesseits des „erweiterten Textbegriffs“ der Lehrpläne schreiben macht Arbeit, und es verspüren wohl weder die Ersteller der Abizeitungen noch das Publikum ein Bedürfnis danach. Aber schade isses doch.

Können wir mal etwas Schwierigeres lesen?

Im Moment liest mein Kurs gerade Theodor Fontane, Irrungen, Wirrungen. Ein guter, nicht ausgelasteter Schüler fragte mich danach, ob wir nicht mal etwas Schwierigeres lesen könnten.

Leseempfehlungen gebe ich immer gerne, das geht hoffentlich allen Lehrern und Lehrerinnen so, insbesondere mit dem Fach Deutsch. Was heißt schwierig? Ist Irrungen, Wirrungen nicht schwierig genug? Faust ist schwierig und Iphigenie und Nathan, weil die Sprache den Schülern und Schülerinnen fremd ist, aber das war nicht gemeint.

Für die Schule musste ich vertrösten: Im bürgerlichen Realismus gibt es nichts, was sprachlich schwierig ist, da müsse er bis zur Moderne warten. Und dann, ja, Ulysses, Berlin Alexanderplatz, Lyrik des Expressionismus… aber war es das, was er meinte? Wann ist Literatur schwierig? „The past is a foreign country; they do things differently there“ ist der berühmte Anfangssatz von The Go-Between von L. P. Hartley. Die Vergangenheit verstehen, das ist doch immer schwierig; und jedes Werk der Literatur ist auch immer eine andere Welt, die fremd sein kann, auch wenn sie einfach ist.

Mit darstellender Kunst ist es doch auch so. Das hier ist einfach:

Dass ich das nicht malen könnte, darum geht es nicht; das Bild ist einfach zu verstehen. (Glaube ich.) Und trotzdem sehe ich mich nicht satt daran und es fordert mich heraus.

Auf weitere Nachfrage an einem anderen Tag präzisierte der Schüler: Ein Weltbild suche er, das ihn herausforderte, an dem er lernen könnte, und ein Buch präsentiere ja auch immer ein Weltbild. (Ich glaube, das habe ich denen letztes Jahr mal so gesagt, bin mir aber nicht mehr ganz sicher.)

Erzählende Literatur ist für mich zumindest außerhalb der Schule kein Werkzeug, um zu lernen; aber ein Mittel, sich zu bilden – im Sinn der Aufklärung – ist sie auf jeden Fall. Wenn mich Fontane und die von ihm beschriebene Welt auch heute reizen, als Schüler hätten sie mich gelangweilt, gebildet, geformt hätten sie mich nicht. (Unterhalten schon gleich gar nicht.) Das gilt übrigens nicht für den Schüler.

Welche schwierigen Bücher, anders schwierig als Fontane, empfehle ich jetzt dem jungen Mann? Am liebsten im Original auf Deutsch; mir fallen nur Übersetzungen ein. Kurz meine gelesenen Bücher der letzten Jahre durchgesehen:

  • Homer, Odyssee
  • Ted Chiang, Stories of Your Life and Others
  • Isak Dinese, Seven Gothic Tales
  • Charlotte Brontë, Jane Eyre
  • Salomon H. Mosenthal, Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben
  • Robert Menasse, Die Hauptstadt
  • Kazuo Ishiguro, The Remains of the Day
  • Rudyard Kipling, Stalky & Co
  • Ursula K. Le Guin, The Left Hand of Darkness
  • Philip K. Dick, Do Androids Dream of Electric Sheep?
  • Martin Amis, Time’s Arrow

Ja, wenig auf Deutsch. Max Frisch? Thomas-Mann-Novellen? Ich suche weiter.

Weitere Empfehlungen aus den Kommentaren zusammengetragen:

  • Gabriel García Márquez, Hundert Jahre Einsamkeit
  • Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini
  • Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter
  • Herta Müller: Atemschaukel
  • Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert
  • Pia Ziefle: Suna
  • Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens
  • Stefan Zweig: Die Welt von Gestern
  • Arno Schmidt: KAFF auch Mare Crisium
  • Franz Kafka: Der Prozess
  • Jonathan Safran Foer
  • Christoph Hein
  • Raoul Schrott: Tristan da Cunha (Einsamste Insel der Welt, missglückter Roman rückwärts)
  • Matthias Politycki: Der Herr der Hörner (Voodoo in Santiago de Chile; hierzu auch Hubert Fichte?)
  • Chris Kraus: Sommerfrauen, Winterfrauen (Subjektive Perspektive auf die Filmavantgarde der 80er Jahre in New York und anderswo)
  • Josef Bierbichler: Mittelreich (Bayern Post 1945)
  • Herbert Achternbusch: Die Atlantikschwimmer
  • Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts (Post-DDR)
  • Seiler: Kruso (Wende und Post-DDR)
  • Thomas Hettche: Pfaueninsel (Vor-DDR Preußen)
  • Juri Brezan: Krabat oder Die Verwandlung der Welt (Sorbischer Mythos)
  • Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut (Minderjähriges Flüchtlingsmädchen in Wien)
  • Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste
  • Timothée de Fombelle: Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle.
  • Robert Musil, Die verwirrungen des Zöglings Törleß
  • Marlen Haushofer, Die Wand
  • Gabriele Tergit: Effingers
  • Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind (Wenn es ganz modern zugehen darf. Aber harter Stoff.)
  • Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege
  • Alexander Lernet-Holenia, Der Baron Bagge
  • Karl Philipp Moritz: Anton Reiser. Grosse Empfehlung.
  • Gottfried Keller, Das Meretlein
  • Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplicissimus
  • Günter Grass, Das Treffen in Telgte
  • Bettina Brentano: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde
  • Max Frisch, Homo Faber / Gantenbein / Montauk (keine „guten“ Bücher, aber mit Weltbild)
  • Fritz Zorn, Mars (siehe Frisch)
  • Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (siehe Frisch) (Ich rate ab. Auch, weil zu Gemisch aus Fiction und Nonfiction. Herr Rau)
  • Jeremias Gotthelf, Die schwarze Spinne
  • Albert Meyer, Berndeutsche Odyssee parallel zur klassischen deutschen Übersetzung
  • Walter Kempowski
  • Herbert Rosendorfer, Der Ruinenbaumeister
  • Steffen Mensching, Schermanns Augen

Bogenschießen 2019

Inzwischen Tradition: Um diese Zeit im Jahr fahre ich mit unserer Bogenschießen-Schulsportmannschaft (nur aus Frauen bestehend) zur Bayerischen Bogenschießen-Schulsportmeisterschaft. Diese Tag hat etwas Meditatives. Um fünf Uhr aufstehen, Zug fahren, den Tag über zusehen, wie viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen schießen. (Ich habe das selber als Teenager gemacht.)

Neu ist nicht viel. Unsere Mannschaft hat den zweiten Platz gemacht, wir haben einige sehr gute Schützinnen dabei.

Der freundliche Wegweiser zum Schießplatz in Feucht
Am Anfang alles noch etwas trübe
Später viel sonniger
Dazwischen Mittagspause

Beim modernen Bogensport sind viele Hilfsmittel am Bogen zugelassen: Visier, Stabilisatoren, Tabs (ein lederner Schutz, damit die Fingerkuppen nicht unmittelbar an der Sehne ziehen, weil das weh tut), Klicker (eine Art Metallzunge an der Pfeilauflage, die die Kontrolle ermöglicht, den Bogen jedesmal exakt gleich weit anzuziehen, wenn man schießt). Diese Mittel nutzten die meisten Schützen; die Einsteiger dürfen aber noch nicht damit arbeiten. Außerdem verzichten Feld- und Jagdschützen darauf und andere Vertreter eines ursprünglicheren Bogenschießens. Ein paar hatten wir am Nebentisch, ohne Visier und sogar ohne Tab, dafür mit einem ganzen Handschuh an der Schusshand. Beim Feldschießen schießt man oft auch auf unbekannte Entfernungen oder leicht bergauf oder bergab.

Gerade bei Wikipedia gelesen: Gibt auch 3D- und 4D-Bogenschießen. Was alles gibt inzwischen, bei mir gab’s immer nur Regen am traditionellen 1.-Mai-Turnier.

Kartoffelkistenwoche

Frau Rau ist derzeit nicht zu Hause und ich muss diese Woche alleine mit der heute abgeholten Kartoffelkiste zurechtkommen. Deshalb habe ich einen Plan gemacht, was ich die Woche über kochen werde. Mal sehen, was daraus wird; Bilder und Rezeptlinks reiche ich nach. Falls wer mal vorbeikommen möchte zum Essen: Jederzeit.

Donnerstag

Der schwierigste Tag, weil: Salat. Ich mag Salat in kleinen Portionen. Kleine Salatportionen gibt es bei uns nicht, selbst wenn ich mir den Salatkopf mit Frau Rau teile. Diesmal ist es ein ganzer Salatkopf nur für mich. Gibt also: Sandwiches (so viel Toast war noch da, von Experiment gestern) mit dick Mayonnaise und Käse und so viel Salat wie möglich.

Danach ein vielleicht etwas passiv-aggressiv geratener, aber nicht böse gemeinter grüner Salat auf Glasteller:

Nachtisch: Schokolade.

Freitag

Geplant: Zucchini aus der Kiste nach einem Rezept aus dem Guardian. Optional dazu noch Apfelkompott, selbst gekocht aus Schwiegergartenäpfeln, und Joghurt aus Kühlschrank, noch von Frau Rau. Zuzukaufen: Mozzarella, Ricotta.

– An Plan gehalten, Apfelmus und Joghurt war Frühstück, tagsüber Fortbildungstag an der Uni, abends dann den Auflauf:

Etwas zu viel Semmelbrösel oben, insgesamt aber schon okay. Aber mit Zucchini gibt es andere schöne Sachen. Ich habe nur die Hälfte des Rezepts gemacht, davon knapp die Hälfte gegessen, Rest für morgen tagsüber.

Samstag

Geplant: Dim Sum mit roter Beete aus der Kiste. Die tiefgefrorenen Teigblättchen müssen mal weg. Zuzukaufen: Frühlingszwiebeln. Speck? Tofu? Als Reserve Kartoffelrösti.

– An Plan gehalten. Den Tag über die Zucchinireste gegessen, abends eine Rote Bete gehackt, mit Frühlingszwiebeln, Ingwer, Fischsoße, Sesamkörnern, Honig, getrockneten Pilzen, Gewürzen (Chili, Five-Spice-Mischung, Piment, Kreuzkümmel, Koriander) zu einer Füllung verarbeitet. Kein Speck, kein Tofu. Rezept abgewandelt aus: Lee Anne Wong, Dumplings All Day Wong.

Sonntag

Geplant: Socca (so eine Art Kichererbsenpfannkuchen?) nach Ottolenghi mit Kombinats-Mangoldgemüse. Reserve wieder Kartoffelrösti. Kichererbsenmehl und Kichererbsen sind im Haus.

– Nicht ganz an Plan gehalten. Für morgen Reis gekocht; für irgendwann mal (Mittwoch?) aus den letzten Schinkenresten Brühe gekocht. Mit dem Socca-Rezept hatte ich pfannenmäßig meine Schwierigkeiten. (Die Kichererbsen-Zitronen-Salsa ist aber eine gute Idee.) Darüber habe ich dann ganz den Kombinatsmangold vergessen!

Die Rückseite sieht viel besser aus, ist aber etwas zu dunkel geworden. Insgesamt bleibe ich lieber bei meinem bisherigen Rezept, mit einer dickeren Socca/Farinata.

Montag

Geplant: Noch nicht sicher. Pasta mit chinesischer Keule aus der Kiste – heißt auch Spargelsalat und ich habe noch nicht viele Ideen, was ich damit machen kann.

– Statt Pasta Reis, gebratener Reis, weil Frau Rau sich nicht so viel aus Reis macht. Die chinesischen Keule geschält und in Stücke geschnitten, ist innen saftig und lindgrün; die Blätter kleingeschnitten und angebraten, später alles zu gebratenem Reis verarbeitet. Spätnachmittags gegessen, weil Mittagessen quasi ausfiel. (Joghurt und Kombinatsgurke.)

Den gebratenen Reis habe ich so gemacht, wie mein Studienfreund Wai mir das in Brighton gezeigt hat: Reis vom Vortag; das Ei in der Mitte verquirlen und recht fest werden lassen, bevor man es dann in Stückchen unter den Rest verteilt. Und nicht zu viel Sojasoße! Nicht im Bild: Die süßscharfe chinesische Soße dazu. Macht man ja vielleicht nicht, aber Wai schon.

Nachtisch/zweites Abendessen: Käsesoße aus der Jamon-Brühe im Kühlschrank (statt Wasser), Käse und Natriumcitrat – da kommt dann so etwas heraus wie die Nachosoße im Kino. Warum? Weil ich’s kann. Dazu drei Weizentortillas, weil ich noch Hunger hatte.

Dienstag

Wahrscheinlich aushäusig. – Jawohl, Bogenschießen gewesen.

Mittwoch

Geplant: Tsatsiki. Joghurt und Knoblauch sind Haus, dazu Kombinatsgurke. Und spätestens jetzt Rösti aus Kombinatskartoffeln dazu.

– An Plan gehalten. Herr und Frau Hauptschulblues und Frau Klugscheißer waren da und halfen beim Bewältigen der Kartoffeln. Dazu den vergessenen Mangold (Kichererbsen am Vortag eingeweicht, gekocht; Knoblauch, scharfer geräucherter Paprika, Kreuzkümmel, Olivenöl, etwas Essig) und eine Salsa aus Petersilie und den just an diesem Tag zu öffnenden eingelegten Salzzitronen.

Ich hatte mich schon darauf gefreut, das als Museumsführung zu betrachten und darüber zu twittern: „Und hier sitzt Frau Rau immer und macht die Glastellerfotos.“ „Und da, da liegt immer ihre Süddeutsche.“ (Würde mir Attrappe besorgen müssen.) War dann aber gar nicht so.

Am Donnerstag kommt dann die nächste Kiste.

Mein schönstes Ferienerlebnis (Pfingsten 2019)

Frau Rau sagt, ich soll mal wieder etwas ins Blog schreiben. Ich sag, es war doch nichts los, und über den Rest steht schon was a.a.O. (am anderen Ort), aber sie meint, irgendwas werde mir schon einfallen. Na gut.

Essen: Chinesisch

In lauer Sommernacht (Fledermäuse, Glühwürmchen) zu chinesischer Tafel eingeladen gewesen. Das waren nur die ersten Gänge. Sehr lecker, sehr interessant.

Essen: Colcannon Pie

Colcannon ist vielleicht eines der irischen Nationalgerichte. Kartoffelbrei machen. Gleichzeitig Weißkraut (oder auch Wirsing) kleinschneiden, in Butter 8 Minuten braten. Mit dem Kartoffelbrei und vielleicht etwas Extrabutter mischen: Colcannon.

Auf den britischen Inseln gibt es außerdem Cottage Pie (Rind) oder Shepherd’s Pie (Lamm): gegartes Hackfleisch in Soße, vielleicht noch ein paar Erbsen dran, unter einer Decke, im Ofen mit einer Decke aus Kartoffelbrei überbacken. Ich bin sicher nicht der erste, der daraus Colcannon Pie gemacht hat: Kraut, Zwiebeln, etwas Schinken, sonstige Reste (hier: Kohlrabi) anbraten, mit Kartoffelbreidecke und Butterflöckchen in den Ofen.

Essen: Panisse

Nein, nicht „Penisse“. Panisse (Singular). Kennengelernt in Nizza, hat man aber wohl auch in Marseille und überhaupt in Südfrankreich. Gibt’s in Scheiben oder wie hier in Stiften: Aus Salz, Kichererbsenmehl, Butter (oder Öl) und Wasser eine Art Polenta kochen, zehn Minuten rühren und köcheln und dann erkalten lassen. Mindestens ein paar Stunden in den Kühlschrank, dann ist die Masse schön schnittfest, wenn auch wabbeliger als Polenta. In Stifte schneiden und in der Pfanne herausbraten oder – wie oben – in einem engen Topf in ein paar Zentimetern Öl frittieren. (Das Öl kommt danach gefiltert zurück in die Flasche.) Bei 120° C im Ofen warm halten, bis alle fertig sind. Mit Pfeffer und Salz würzen.

Das Ergebnis: Unglaublich lecker! Leicht und locker, außen knusprig, innen ganz saftig-weich. Das nächste Mal probiere ich ein anderes Rezept und die Pfanne, aber Panisse kommt sicher ins Repertoire.

Sachen für die Schule

Übungsaufsätze, Klausuren, Testvorbereitung. Ich weiß gar nicht mehr, was alles war, nur dass ich das meiste geschafft habe. Außerdem war Nifftenkochen: Frau Rau hat ihren drei Neffen und Nichten einen Kochkurs bei einem befreundeten Koch und Kochbuchautor geschenkt. Sie kauften am Markt ein und kochten stundenlang bei uns zu Hause; Eltern, Onkel und Tanten trafen dann beim Abendessen auf die Köche und Köchinnen.

Basteln am NAS

Endlich habe ich ein Problem mit meinem heimischen Netzwerkspeicher gelöst. (Einen Überblick über mein Heimnetz habe ich in einem alten Blogeintrag gegeben.) Diese NAS-Systeme werden langsam Mainstream, ich habe schon mindestens zwei Kollegen an der Schule, beide alles andere als technisch versiert, die sich so etwas zugelegt haben, zur kleineren oder größeren Zufriedenheit.

Mein NAS ist ein WD My Cloud Mirror, ein wohl eher günstigeres Produkt. Ich bin zufrieden damit: Das Gerät ist ausgesprochen leise; ein Kollege mit anderem Produkt klagt über die Lauflautstärke. Ich kann es aber nur eingeschränkt empfehlen: Der Support geht gegen Null, die Selbsthilfeforen sind voller Klagen. Größtes Manko: Es gibt keinen Ein- oder Ausschalter; wenn sich das Gerät aufgehängt hat und nicht reagiert, muss ich den Netzstecker ziehen, und so etwas mache ich nicht gerne.

Und das Gerät hängt sich gerne mal auf, und zwar beim ansonsten zuverlässigen und schnellen Backup der Inhalte auf eine externe USB-Festplatte, eine Funktion, die das NAS mitbringt. Um das Aufhängen zu vermeiden, muss man erstens vor dem Anschließen der Festplatte den Medienserver ausschalten: Der indiziert sonst alle Mediendateien, die ja bereits vom letzten Backup auf der externen Platte sind, und das dauert ewig. Meistens reicht das auch, aber manchmal nicht. Dann muss man den Prozess, der für das Erkennen von USB-Platten zuständig ist, manuell abbrechen – nachdem die aktuell verwendete Platte erkannt wurde, natürlich. Dazu mit PuTTY eine ssh-Verbindung zum NAS aufbauen, dann den Linuxbefehl top ausführen, der einem die laufenden Prozesse zeigt:

Den Prozess „wdnotifier“ muss man abbrechen, indem man „kill 6049“ ausführt – die Zahl istr die ID des Prozesses, die man oben ablesen kann oder mit „pidof wdnotifier“ erfragt. Danach kann man das Backup dann starten.

We’ll catch up some other time

(Bilder vom Fest weiter unten, erst Durcheinandereres.)

1. Ich und die Menschen

Ich habe das Glück, die Welt großartig finden zu können. Mindestens bis in die 5. Klasse hinein war ich verwundert und erstaunt und froh darüber, dass es überhaupt etwas gibt, statt nichts. Dann ließ das mit dem Philosophieren nach und das mit dem Sammeln von Comics und Lesen von Science Fiction begann.

Auch Menschen mochte ich schon immer. Aber ich wunderte mich nicht über sie, sie waren einfach da. Mit einem Zwillingsbruder und großer Verwandtschaft und häufigen Treffen war ich auch nie allein. Im Wohnblock waren es Rainer, Harald, Joachim, in der Grundschule dann Günter, mit dem ich Abenteuer erlebte, später Christian: Freunde. Zu all diesen verlor ich den Kontakt.

In den frühen Jahren des Fantasy-Rollenspiels und Science-Fiction-Fandoms waren es noch viel mehr Freunde: Norbert; Karl-Heinz, Michael, Robin, Joachim (ein anderer), Jürgen, Alexander; Dirk und Jan und Bernhard. Petra und Claudia und andere aus der Con-Szene. Ewig viel Zeit haben wir miteinander verbracht, und manchmal waren es doch nur zwei, drei, vier Jahre: So lange dauerte eine Ewigkeit damals. Ich nähre mich noch heute von den Erinnerungen. Mit den meisten dieser Freunde bin ich gerade mal bei Facebook befreundet, habe aber keinen Kontakt, auch weil ich Facebook nicht besuche. Wenn es hoch kommt, einmal im Jahr Grüße. Mehr will ich auch gar nicht, und doch ist es ein bisschen traurig.

Zwischen Schule und am Anfang des Studium traten Michael und Markus, Toni, Aldonna, vielleicht Christiane in mein Leben. Eine tolle Ewigkeit war das, unendlich viel gelernt und erfahren. Ich bin voller Dankbarkeit für diese Menschen und unsere Zeit zusammen. – Manche davon sehe ich alle zwei Jahre, andere gar nicht mehr. Ich könnte mehr Kontakt suchen, aber ich habe gar nicht das echte Bedürfnis.

Zu meinen späteren Studienzeiten trieb ich mich mit Gisi und Lisa herum, Frank, Uwe, Andrea, Inés,der späteren Frau Rau. Eine ist verschollen, einer weit weg, mit den anderen halte ich regelmäßig Kontakt. (Ja, weiß schon, mit Frau Rau natürlich auch.)

Und dann kam das Internet, also vor allem das Mitmachweb, die Bloggerei, später dann Twitter. Dieses Internet ist voller toller, kluger, witziger, menschlicher, freundlicher, guter Menschen. Die wenigstens davon kenne ich gut, manche ein bisschen besser, viele über Blogs, sehr viele über Frau Rau. Die Welt ist schön, also meine Welt (und ich weiß, dass ich das von einer sehr privilegierten Warte aus betrachten kann), und voller interessanter und bewunderswerter Menschen, oder einfach nur Menschen – wenn man sie kennt, müssen sie gar nicht erst klug oder interessant sein, sie sind allein schon kennenswert, weil sie Menschen sind, glaube ich; sie müssen nichts leisten. (Böse Menschen sind keine dabei. Die gibt es wohl schon auch. Aber es gibt so, so viele, die keine sind.)

Vor zwei Wochen traf ich auf unserem Fest – siehe unten – auf viele dieser Menschen. Mit ein paar konnte ich reden, mit vielen nur ein paar Worte wechseln, andere nur aus der Ferne bestaunen. Kontakt halten selbst zu denen, die ich kenne, ist schwierig, zur großen Verwandtschaft, zu Freunden von früher: Ich bin zu träge. Es gibt zu viele tolle Menschen.

Tatsächlich sitze ich sehr gerne alleine mit Frau Rau zu Hause. Wenn sie mich nicht ab und zu mitnehmen würde zu Abenteuern und Freunden, was würde ich alles verpasst haben. Vielen Dank. Ich lese gerne und viel, und bastle, programmiere, lerne, die Liste der Projekte, die ich mal angehen möchte, wird länger und länger: Ich kann mich gut allein beschäftigen und tue das oft. Für all die guten und lieben Menschen hat man ja später noch Zeit.

Allein, man hat sie nicht. Ein Mensch ist kurz nach dem Fest, hoffentlich nur vorläufig, ganz verschwunden; ein anderer, zwanzig Jahre nicht gesehen und ansonsten unverändert, konnte am Tag darauf wegen persönlicher Umstände plötzlich doch nicht mehr zum Plaudern vorbeikommen.

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This day was just a token
Too many words are still unspoken
Oh, well, we’ll catch up some other time
(mehr hier)

„Some Other Time“ aus Leonard Bernsteins On the Town (nicht vorhanden in der berühmten, aber enttäuschenden Filmfassung), Text von Betty Comden und Adolph Green, die auch in der Musical-Fassung zwei Rollen spielten und danach bei vielen, vielen anderen Produktionen als Autoren beteiligt waren. Hintergrund: Drei Matrosen auf Landgang, Abenteuer und Begegnungen in New York, und am nächsten Morgen müssen sie wieder an Bord sein.

– Ich sehe mich schon in fünfunddreißig Jahren auf der Couch sitzen, wie immer etwas sentimental, und vielleicht wird sich dann die kognitive Dissonanz auflösen, mit der ich lebe, dass es so viele liebe Menschen auf der Welt gibt, und dass ich nicht genug Zeit mit ihnen verbringe.

Am liebsten wäre es mir einfach, wenn alle twitterten: Dann sehe ich, dass es ihnen gut geht (oder auch nicht). Das reicht mir schon für den Anfang.


2. Warum ich so wenig rede

Frau Rau erzählt ab und zu, wie sie mich, als ich noch nicht um sie zu werben begonnen, aber mich in ihrem Umkreis bemerkbar gemacht hatte, zu einem Frühstück mit ihren Freunden eingeladen hatte: Ich war wohl nur aufmerksam da gesessen und habe kaum ein Wort gesagt. So ist das heute noch manchmal. Heute kommt Faulheit dazu: Ich kann zur Not Konversation machen, kann Smalltalk, kann sogar einen gewissen Charme entwickeln – aber die tolle Frau Rau kann das noch viel besser als ich, und in gemeinsamer Runde lasse ich das oft sie bestreiten. Dazu kommt noch etwas, das früher noch viel mehr im Vordergrund stand, aber immer noch da ist: Ich bin immer davon überzeugt, dass andere Menschen viel interessantere Geschichten haben als ich und da will ich nicht stören. Frau Rau hat mir beigebracht, dass das nicht unbedingt stimmt, aber dennoch fällt es mir nicht gleich, Konversationssignale richtig zu deuten.


3. Das Fest

Frau Rau wollte schon seit vielen Jahren eine Feier für Freunde und Familie veranstalten, so richtig mit festlichem Rahmen. Und seit zwei oder drei Jahren wusste sie auch schon einen Ort dafür: Die alte Kongresshalle in München, gegenüber dem Verkehrsmuseum. Und da wir jedes Jahr den Beginn unserer Beziehung feiern und sich der der mehr oder weniger rund jährte, war das auch das Thema des Festes.

Normalerweise werde ich schlag zehn Uhr müde, an diesem Abend war ich munter bis zwei, verhältnismäßig munter bis drei Uhr. Ich habe versucht, mich mit allen, die ich kannte, kurz zu unterhalten, und habe das nicht einmal ansatzweise geschafft – aber es hat mich gefreut, wenn ich die Gäste aus der Ferne beobachtet habe. Es hat mich überhaupt alles gefreut, ich würde gerne sagen: Es war mir ein Vergnügen – das war es auch, aber diese Formulierung möchte ich Frau Rau vorbehalten lassen, der Hauptgastgeberin, sie trug den mental load der Organisation.

Alle die folgenden Fotos ©Smilla Dankert – vielen Dank der tollen Fotografin, die eine Woche nach dem Fest alles noch einmal hat auferstehen lassen. Es sind so viele Fotos von Frau Rau und mir, nicht weil ich eitel bin, sondern weil ich ohne Zustimmung der Gäste keine Fotos poste:

Die Alte Kongresshalle von außen.
Innen.
Frau und Herr Rau – ist sie nicht toll?
Frau und Herr Rau.
Herr und Frau Rau.
Frau und Herr Rau beim Foxtrott, auf meinen Wunsch hin.
Unten, von oben, mit bunten Gästen. Ein wunderbarer Anblick.
Vor dem Essen ein kurzer Videofilm.
Am mittleren Abend.

Mehr Fotos habe ich entdeckt bei Joel, Frau Brüllen, Miss Caro, und via Frau Mutti und Miriam Vollmer, bei Kluges & Scheiß. und im hermetischen Café.

Frau Rau und ich haben damals heimlich geheiratet; es gab keine Hochzeitsfeier. Also hatten wir auch keine Erfahrung mit Festen. Und wie bei allem, was man zum ersten Mal macht, lernt man sehr viel dabei:

  1. Mit Profis arbeiten, also einer Eventmanagement-Agentur. Man braucht eventuell: Catering, Musik, DJ, Dekoration, Blumenschmuck, Ausstattung, Haustechnik.
  2. Nicht verrückt machen lassen: Alles. Wird. Gut.
  3. Man freut sich über jede Zusage, die früh hereinkommt. Jetzt ist mir das enorm peinlich, wenn ich früher leichtfertig geschrieben habe: „Oh, ich habe den Termin ja übersehen, aber klar komme ich.“ Man glaubt ja sonst, dass keiner kommt.
  4. „Keine Geschenke“ heißt, dass Gäste trotzdem Geschenke bringen. Wir freuten uns darüber. Aber wir freuten uns auch über keine Geschenke – das größte Geschenk ist, da zu sein.
  5. Man braucht Tage, um wieder runterzukommen.
  6. Auch am letzten Tag gibt es noch Absagen und Planänderungen. Das ist okay.

Nachtrag: Noch mehr Bilder vom Fest in der Alten Kongresshalle (alle ©Smilla Dankert, und vielen Dank fürs Machen und Veröffentlichenlassen):