Papierbücher und mein Verhältnis zu ihnen

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Anderswo wird davon geschrieben, dass man sich gerne von Büchern trennt. Von Papierbüchern, muss man inzwischen wohl sagen.

Wenn ich Platz hätte, würde ich jedes einzelne Buch aufheben, das ich je gelesen habe. Ich würde auch gerne in einer Bibliothek wohnen, zum Beispiel in einer großen Universitätsbibliothek, wo eine der vielen abgeschlossenen Türen – zu denen ich den Schlüssel habe, natürlich – zu meiner eigenen Wohnung führt. Komplizierte historische Mietverhältnisse, so etwas, noch aus der Entstehungszeit; man liest ja immer von Basketball-Plätzen am obersten US-Gerichtshof, oder versteckten Räumen oder Apartments. Die Bibliothek und meine Wohnung darin wären nicht ebenerdig, aber meine Wohnung hat einen separaten Eingang außen, zu dem eine Treppe führt. Ich würde keine wilden Parties feiern, aber doch schon auch mal Leute zum Essen einladen und dabei auch die Tür aufsperren, die von meiner Wohnung in die Bibliothek geht. Warum ich diesen Schlüssel überhaupt habe und die Tür nicht permanent zugesperrt ist… uh, feuerpolizeiliche Gründe vielleicht?

Da ich den Platz für eine solche Sammlung, auch in kleinerem Maßstab, nicht habe und auch nicht in einer Bibliothek wohne, trenne ich mich immer wieder von Büchern. Das fällt mir nicht allzu schwer, macht mir aber auch keine Freude und erleichtert mich auch nur insofern, als es halt sein muss und danach wieder Platz ist.

Warum will ich eigentlich alle Bücher behalten? Vermutlich aus drei Gründen.

Erstens, weil ich dann leichter Informationen finde. Ich habe ein gutes Gedächtnis für Dinge, die ich gelesen habe, wenn ich sie auf Papier gelesen habe, und finde die Stellen dann schnell. E-Books: Nein, da mache ich mir Notizen und speichere die Notizen, aber ich habe sie nicht mehr, oder jedenfalls viel weniger, im Kopf. Wenn ich weiß, dass etwas, das ich suche, in diesem oder jenem Buch steht und ich das Buch nicht greifbar habe, stört mich das sehr.

Zweitens, weil Bücher sentimentale Erinnerungsobjekte für mich sind. Wo habe ich sie gekauft, von wem habe ich sie geschenkt bekommen, was dachte ich damals bei der Lektüre, an welchem Ort habe ich das Buch gelesen? All das kommt wieder auf, wenn ich das Buch zur Hand nehme, das Papierbuch.

Drittens aus dem unbestimmten Gefühl heraus, etwas festhalten zu wollen. Ich denke da oft an Fausts „Verweile doch, du bist so schön!“, das er zu keinem Augenblick sagen will, weil ihm kein Augenblick gut genug ist. Der Arsch. Tech-Bro, wirklich, mit dem ewigen Versprechen kommender, noch schönerer Augenblicke, für deren Erreichung kein gegenwärtiges Leid eine Rolle spielt. Ich empfinde es eher so, dass alle Augenblicke schön sind, weil sie sind, und irgendwann nichts mehr sein wird. Deshalb versuche ich Vergängliches festzuhalten, vergeblich natürlich, aber eben auch in Form von Büchern, die einst jemandem wertvoll waren und das jetzt nicht mehr sind. Der andere Goethe ist mir da lieber:

Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.

Allenfalls er, jedenfalls.

Kurze Buchbiographie

Ich bin aufgewachsen in einem Haushalt voller Bücher. Nicht kinomäßig viele Bücher, zwölf oder fünfzehn Regalmeter vielleicht? Das hat für meine Entwicklung wahrscheinlich viel bedeutet, für die meines Bruders, und aus dem ist auch etwas geworden, vermutlich nicht. Beschäftigt habe ich mich mit diesen Bücherregalen erst, als ich in der Schule lesen lernte. Dann entdeckte ich nach und nach ein vielbändiges Universallexikon, Krimis von Edgar Wallace und Agatha Christie, eine Anekdotensammlung, Götter, Gräber und Gelehrte, diverse kleine FundstückeI; ich erkannte die Bücher wieder, die es damals in vielen Haushalten und Flohmärkten gab – Das Buch von San Michele und Die Forsyte-Saga und Readers-Digest-Bande meiner Großeltern. Ich schaute aber in fast alle mal hinein, ob sie etwas für mich sein könnten.

Aber zu lesen begonne habe ich in der Grundschulzeit mit den Büchern, die mein Bruder und ich geschenkt bekamen: Karl May, Enid Blyton, Schreckenstein, die Lurchi-Bücher, verschiedene eklektische Jugendliteratur. Ich las immer und alles, wie viele von uns: Bücher, Comics, Haferflockenpackungen, wo auch immer Worte waren.

In der späteren Grundschulzeit entdeckte ich die Stadtbibliothek und bediente mich an der Science Fiction dort:

Man ging ein paar Stufen hinunter; die Stadtbücherei lag zwar nicht im Keller, aber doch unterhalb des Erdgeschosses. Gleich in der allerersten Regalwand standen die Mark-Brandis-Bände. Nie waren alle Bücher da, ein paar waren stets ausgeliehen. Woche um Woche wartete ich auf Band , Unternehmen Delphin. Schließlich musste ich mir, ein unerhörtes Vorgehen, das Buch reservieren lassen, um die Lücke schließen zu können.“
Thomas Rau

Alexander Seibold, „Erinnerungen an Mark Brandis“, in: Mamczak, Jeschke, Das Science Fiction Jahr 2006. München: Heyne 2006

Dann Flohmärkte, später Buchhandlungen. Ich weiß noch, wie groß die Hemmschwelle zu den ersten Buchhandlungsbesuchen war, später ging ich ein und aus und drehte meine Runde durch vier oder fünf der großen Augsburger Buchhandlungen. Ja, früher halt. Dann Versandläden, Studium, Englandaufenthalte, Internetbestellungen.

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15 Antworten zu „Papierbücher und mein Verhältnis zu ihnen“

  1. Die ersten Versuche, eine Art Klassiker-Abbildung mit der eigenen Bibliothek zu schaffen, konnte ich im Studium einigermaßen thematisch eingrenzen. Danach irgendwann und immer nur nach und nach auch größere Zäsuren, weil mir klar wurde, den die ein oder andere Großautor/in will ich gar nicht lesen. Bildungsverlust hin oder her. Die dritte große Phase war dann die Konzentration auf mich interessierende Nischenthemen – was eine Bibliothek wahrscheinlich erst interessant macht. (Den Kanon findet man ja überall.) Es gibt also immer was zu tun, wenn Platz endlich ist.

  2. Ein schöner Text, vielen Dank! Papiertücher habe ich gar nicht gesagt, weil ich weder E-noch Hörbücher konsumiere, abgesehen von wissenschaftlicher Recherche natürlich, aber nicht für pleasure reading.

  3. Bücher, nicht Tücher!

  4. Ich trenne mich nicht von Büchern – wir haben auch ausreichend Platz für unsere vielen Regalmeter. Fühle Dich verstanden und schau mal hier: https://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2016/2/Historische_Bibliotheken.php

  5. Susann

    In meiner Herkunftsfamilie gab es immer viele Bücher – meine Eltern, denen man keine bildungsbürgerliche Herkunft in die Wiege gelegt hatte, waren wissbegierig und vielseitig interessiert. Wir saßen abends bei Tisch und schlugen Begriffe im mehrbändigen Lexikon nach; wir hatten Bibliothekskarten, sobald wir sie bekommen konnten. Ich werde meinen Eltern immer dafür dankbar sein, dass sie uns Lesen als etwas ganz Selbstverständliches vermittelten. Danke, Ihr zwei!
    Dementsprechend viele Bücher habe ich, die ich regelmäßig ausmisten muss. Ich lese lieber auf Papier als auf „E“, auch, wenn letzteres aus Platzgründen die praktischere Lösung ist. Manche Bücher begleiten mich seit drei Jahrzehnten, auch, wenn ich sie nicht (mehr) lese. Seitdem ich regelmäßig in Gratisbücherschränken vorbeischaue, ist mir klar, dass Bücher, zumal alte Bücher, letztlich eine Belastung sind. Die Leute wollen sie nicht wegwerfen, sondern verfrachten sie in einen Gratisbücherschrank, wo dann vier Exemplare von „Angelique und der König“ neben fünf Exemplaren von Schullektüren stehen. Dementsprechend habe ich mein Kaufverhalten in ein Leihverhalten umgewandelt und versuche, die Neuzugänge zu minimieren und die Bücher loszuwerden, die meinem Leben nicht mehr entsprechen und mit denen mich auch emotional wenig verbindet. Puh. Schwierig.
    Gerade freue ich mich, mit anderen Susan Coopers The Dark Is Rising Sequence wiederzulesen, wie so oft um die Wintersonnenwende. Komischerweise geben mir Bücher den Trost, den religiöseren Menschen die Religion spenden dürfte.

  6. Bleistifterin

    Ich kaufe kaum noch Bücher und ich lese nur noch selten in meiner Freizeit lange Texte.
    Wenn, dann Kinderbücher, die ich Junior vorlese. Seit der Katastrophe höre ich hauptsächlich Hörbücher, nicht dasselbe, anders gut.
    aber ich würde mich nie von meinen Büchern trennen. es tröstet mich, sie griffbereit zu haben.
    dennoch könnte ich einiges weggeben, das ich nie wieder anfassen werde. Staubfänger? ja eben, drum! nicht auszudenken flöge all der Staub in der Wohnung herum!
    hier übrigens auch Erinnerungen an Cooper und Brandis und Vorfreude darauf, sie Junior nahezubringen. Leider fürchte ich, Junior zu sehr an Hörbücher gewöhnt zu haben. manchmal muss man eben doch das gedruckte Wort sehen.

  7. Brigitte

    Falls Sie immer noch SciFi lesen, müssten Sie mal die Phantastische Bibliothek in Wetzlar besuchen. Dort hat Thomas LeBlanc über drei Stockwerke eine unglaubliche Sammlung aufgebaut!

  8. Vielen Dank für die Kommentare, hier war so viel los, dass ich erst jetzt dazu komme, zu reagieren.

    Ich lese nicht mehr so viel SF wie früher, Brigitte, aber immer noch ab und zu und gerne und bin immer noch Mitglied im SFCD (völlig inaktiv, lese aber immehin die Nachrichten aus dem Verein und der Redaktion). Die Phantastische Bibliothek kenne ich, war aber nie dort. Ich mag Bibliotheken, und Spezialbibliotheken.

    Vielleicht ist das tatsächlich eine Lösung, kid (ich darf Sie doch kid nennen, kid37, oder ist das zu formlos?), mich auf Spezialgebiete zu legen. Ein Glück, das bereits viel darunter fällt, aber ich könnte noch radikaler sein.

    „Angelique und der König“ stand natürlich bei den Eltern auch im Regal, Susann. Vielleicht ist Papierbuch-Leihen tatsächlich eine Idee. Einen Bibliotheksausweis habe ich, ich müsste da nur eine Routine entwickeln.

    >Staubfänger? ja eben, drum! nicht auszudenken flöge all der Staub in der Wohnung herum!
    Wie wahr! Ich lese ja doch nur wenig Papier, aber dann immer mit großem Vergnügen.

  9. Es ist ein bisschen absurd: während der großen Buchweggebesause habe ich mir zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder Belletristik aus der Bücherei ausgeliehen. Tatsächlich sind die beiden Büchereibücher jetzt während des Umzugs mein Augenstern, denn die dürfen keinesfalls in irgendeiner Kiste verschwinden und erst in ein paar Monaten wieder auftauchen. Tempora mutantur.

  10. Katrin

    Ich kann all das nachvollziehen, was Sie schreiben. Auch ich verbinde Bücher mit den Situationen, in denen ich sie gelesen habe. Erinnere mich, wie es war, sie gelesen zu haben, wo ich sie gelesen habe. Einige Bücher finde ich vom Einband her wirklich schön und lese sie auch immer gerne wieder. Und deswegen fällt es mir auch schwer, mich von Büchern zu trennen. Aber ich versuche, seit einigen Jahren, tapfer zu sein, damit nicht meine Nichten und Neffen später so viel Ärger mit der Hausstandsauflösung haben, wie wir (mein Bruder und ich) es gerade bei dem Vater und der Tante erleben. Im Lehrerzimmer haben wir eine Ecke „sucht einen neuen Besitzer“ und dort lege ich die Bücher ab, von denen ich glaube, dass sie noch gerne gelesen werde und freue mich, wenn jemand davon nutznießen kann. Oder ich stelle sie in eine Telefonzelle für gelesene Bücher, wenn noch Platz vorhanden ist.
    Meine Tante, die sich im Heim befindet, hat noch ein altes Haus. Sie, so wie meine Eltern, entstammt der Kriegsgeneration der „Jäger und Sammler“ und hat wirklich alles der ca 85 Jahre, in denen sie das Haus bewohnte (zunächst mit der Familie, dann mit ihren Geschwistern, dann alleine), aufbewahrt. Sie möchte, dass alles noch einen Platz findet und versteht nicht, dass sich das als schwierig gestaltet. Darunter sind Bücher, die schon ihr Großvater besessen hat. Selbst für Antiquare haben die kaum noch einen Wert, zumal sie auch in keinem guten Zustand sind. Auch mein Vater hat die ganzen Bücher hauptsächlich meiner Mutter, die sehr viel gelesen hat, aufbewahrt. Es ist nicht möglich, für all diese Bücher ein neues Heim zu finden. Daher mussten wir viel wegschmeißen. 1,5 Tonnen Papier hat das bei meinem Vater ausgemacht. Das waren allerdings nicht nur Bücher, sondern auch Rechnungen, die seit 1961 alle aufbewahrt wurden. Es ist traurig, ein ganzes Leben wegzuwerfen. Daher versuche ich das jetzt schon, denn irgendwann kann man das alles nicht mehr, es wird dann alles zu viel.

  11. „Es ist traurig, ein ganzes Leben wegzuwerfen. Daher versuche ich das jetzt schon, denn irgendwann kann man das alles nicht mehr, es wird dann alles zu viel.“

    Mehr kann man nicht tun. Ich begrenze ja auch schon, was ich horte; meine alten Eltern geben ihren Kindern Listen, was da ist und weg soll. Was harmlos wegkann, soll bald weg; es bleibt genug übrig, bei dem die Trennung dann schwer ist.

  12. […] Herr Rau und die Bücher. […]

  13. Ja, ich würd auch gern alle Bücher behalten, muss mich aber leider auch immer wieder trennen. Mittlerweile gibt es ja Bücherschränke überall, da habe ich wenigstens die Hoffnung, dass jemand anderes das Buch gerne mitnehmen mag. Und gedruckte Bücher. Vor einiger Zeit musste ich was lesen, dass gedruckte Bücher eine schlechtere CO²-Bilanz hätten und hab wochenlang (ungelogen) überlegt, wie ich das widerlegen könnte. Mag ja sein, dass mehr Papier verbraucht wird: aber es wird ja doch auch über Jahre und Jahrzehnte weitergenutzt und kann sich ewig halten. Meine Gegenfrage in der Diskussion, wie lange sich E-Book-Dateien denn halten, ist dann niedergehalten worden (so empfand ich es), aber ich mutmaße: irgendeine Datei von 1969 wird man heute nur noch mit zigmal Umwandlung und Mühen lesen können, mein ältestes Buch (von 1869) kann ich heute noch problemlos in die Hand nehmen.

  14. Martin Stahl

    Mark Brandis – Erinnerungen werden wach. Das erste Buch las ich als Kind und mein älterer Bruder hatte es geschenkt bekommen: Verrat auf der Venus. Ich war so gespannt darauf, endlich mehr über die Oberfläche der Venus zu erfahren, und dann hatte es mit der wirklichen Venus so gar nichts gemeinsam. Mit der Hanldung konnte ich nichts anfangen; mit knapp 10 Jahren war ich dafür noch zu jung. Später fand ich die anderen Bände in der Stadtbücherei, war da schon älter und fand den Zugang zu den Mark Brandis-Abenteuern. Da habe ich sie dann verschlungen.
    Heutiger Nebeneffekt: vom vielen, vielen Lese in der Kindheit fühle ich mich sehr sicher in der Rechtschreibung und Zeichensetzung, was mir heute beim Korrigieren zugute kommt. Die Fehler springen praktisch ins Auge.

  15. Bei der CO2-Bilanz, holger, bin ich mir auch nicht sicher, bei der dauerhaften Lesbarkeit schon: wenn ich fleißig hinterher bin, bleibt meine Sammlung zu meinen Lebzeiten lesbar, aber das war es schon.

    Bei mir kam Mark Brandis glücklicherweise in der richtigen Reihenfolge, nach den frühen Boje-SF-Jugendbuchausgaben. Sechste Klasse? Wo das mit der Korrigierfähigkeit herkommt, weiß ich nicht, ist es die Übung oder eine grundsätzliche Veranlagung? Manchen hilft Lesen da ja wenig, ich empfehle das Lesen in der Schule immer sehr aus vielen Gründen – aber Schreiben lernt man durch Schreiben, sage ich auch dazu.

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