Wochenrückblick

By | 21.1.2012

1. Uni

Eine Aufgabe der beiden teilabgeordneten Lehrer im Wintersemester besteht darin, einen Repetitoriumskurs zu halten. Theoretische Informatik, Algorithmen und Datenstrukturen, Betriebssysteme und Datenbanken sind die wichtigsten Themengebiete, und wenn natürlich die Studenten die Hauptarbeit leisten, so muss ich doch typsiche Staatsexamensaufgaben heraussuchen, auf untypische hinweisen, und Lösungen parat haben. Für manche gibt es Musterlösungen, für die neueren nicht – also muss ich die erst einmal selber lösen, und auch die Musterlösungen muss ich erst einmal begreifen und kritisch beäugen. Mein Studium ist jetzt schon über sechs Jahre her, und wenn das auch ein vollwertiges Staatsexamen ist, so war das Studium schon sehr konzentriert und ich stoße immer wieder auf Bereiche, die ich ganz vergessen oder nie gewusst habe. Jetzt, nach dem ersten Durchgang, fühle ich mich erst einmal erleichtert, durchgekommen zu sein. Und beim nächsten Mal läuft das dann lockerer. Da muss ich zwar wieder Neues lernen, aber jetzt ist eine ordentliche Basis da. Jedenfalls fühle ich jetzt nicht mehr ganz so sehr als Hochstapler.

2. Schulalltag

Schulforumssitzung, Treffen Personalrat und Schulleitung, technische Vorbereitungen aufs Zwischenzeugnis. Die eine 9. Klasse habe ich ja durchs Schulhaus geschickt, die andere 9. gestaltet selbst einen Moodlekurs – erst mal nur zum Herumspielen, vielleicht kriege ich sie aber so zur Teilnahme oder es stellt sich gar als nützliches Werkzeug heraus. Kommt etwas Brauchbares heraus, wenn Schüler selber einen Kurs zu einem Thema anlegen?

3. SOPA

Am Mittwoch blieb die englischsprachige Wikipedia dunkel, ebenso wie andere Webseiten auch. Das war ein Protest gegen SOPA, den Stop Online Piracy Act, einen Gesetzesentwurf der USA, der inzwischen in dieser Form erst einmal von Tisch ist.

Die Theorie hinter SOPA: Es gibt zu viele Urheberrechtsverstöße im Internet. Ein neues Gesetz soll es erlauben, in- und ausländische Webseiten zu sperren (das heißt, aus dem DNS, dem Internet-Telefonbuch, zu entfernen und dadurch für Laien unauffindbar zu machen). Auch Facebook, Google, Wikipedia, die auf solche Seiten verlinken, dürfen das nicht mehr, ohne sich strafbar zu machen.

Ich bin aus mehreren Gründen gegen SOPA. Der Grund: Die Beweislast liegt dabei beim Angegriffenen: irgendwer behauptet einen Urheberrechtsverstoß. Dann kommt man auf eine schwarze Liste und wird gesperrt. Wenn Google das nicht tut und sich hinterher herausstellt, dass da tatsächlich ein Urheberrechtsbruch vorliegt, macht sich Google strafbar. Also muss man als Diensteanbieter sicherheitshalber sperren.
Außerdem wird so eine Zensurstruktur geschaffen, die es ermöglicht, beliebige Seiten zu sperren. Wikileaks hat durch die Veröffentlichung von geheimer diplomatischer Korrespondenz oder geheimgehaltenen Kriegsvideos kein Gesetz gebrochen, auch kein Urheberrecht. Trotzdem: bei einer bestehenden Zensurinfrastruktur würde, da bin ich mir sicher, Wikileaks sofort von den USA für die USA gesperrt.

Wenn Urheberrechtsbrüche vermutet werden, kann man das vor Gericht bringen und anklagen. Dazu braucht man kein SOPA. Da macht es auch gar nichts, wenn verschiedene Länder beteiligt sind. Die meisten Straftaten sind in vielen Ländern ebensolche, da kann man auch international kooperieren. Das hat die Schließung von Megaupload und die Verhaftung der Betreiber – in Australien – zwei Tage nach den SOPA-Protesten gezeigt.

Ein grundsätzliches Problem ist allerdings: Jedes Land hat irgendetwas, dass in seinem Land illegal ist und in anderen Ländern legal. Das möchte das Land dann für seine Bewohner sperren. Das wird noch öfter Probleme geben.

Anschauen: Die Daily Show zu den SOPA-Protesten. „Bring in the nerds.“ „Actually, the word you may be looking for is ‚experts‘.“

Ein Nebenschauplatz ist der: Ich bin dafür, dass man 69 Jahre nach dem Tod eines Schriftstellers dessen Werk ohne Erlaubnis verbreiten darf. Ich bin dafür, dass man bei Buchbesprechungen in Blogs das Titelbild des Buches verkleinert abbilden darf. Ich bin dafür, dass man ein paar Sekunden Fußballübertragung in einem Remix bei Youtube verwenden darf. Ich bin dafür, dass man kostenlos aus Büchern zitieren darf, bei denen die Rechteinhaber nicht mehr auszumachen sind. Ich bin dafür, dass ich in einem Film-Podcast ein paar Sätze aus dem Film einspielen darf. Das ist bei uns alles verboten.
Einerseits ist es den Rechteverwertern natürlich egal, wofür oder wogegen ich bin; die haben die Regierungen dazu gebracht, dementsprechende Gesetze zu erlassen, weil sonst die Kultur des Abendlandes untergeht, und diese Gesetze gelten nun mal. Andererseits ist es sinnlos und schädlich, Gesetze zu haben, die dem Rechtsempfinden so vieler Bürger widersprechen.

4. Apple und digitale Schulbücher

Apple hat das Geschäft mit digitalen Schulbüchern auf dem iPad eröffnet. Die Buchsoftware darauf ist nun erweitert, so dass Anmerkungen und Grafiken möglich sind; es gibt ein neues Mac-Programm zum Erstellen von Büchern dafür; und die damit erstellten Werke kann man auf einer Art iTunes nur für Schulbücher verkaufen. Aber auch nur dort und nicht anderswo. (Kostenlose Bücher kann man auch auf anderen Wegen verbreiten.)

  • Hokey betont, dass trotz aller Kritik an Apple und deren restriktiven Vorstellungen bei Dateiformaten und Vertriebswegen Apple auf diesem Weg wenigstens Leben ins Thema digitale Schulbücher bringt.
  • Maik Riecken weist darauf hin, dass Apple-Produkte und das App-Unwesen Nachteile haben: der Benutzer entfernt sich dadurch immer mehr von einem Verständnis, was wirklich im und um den Computer herum geschieht, und gibt Kontrolle darüber ab.
  • EduShift zieht bereits ein erstes Fazit und nennt Einzelheiten.

4 thoughts on “Wochenrückblick

  1. -thh

    „Wenn Urheberrechtsbrüche vermutet werden, kann man das vor Gericht bringen und anklagen. Dazu braucht man kein SOPA. Da macht es auch gar nichts, wenn verschiedene Länder beteiligt sind. Die meisten Straftaten sind in vielen Ländern ebensolche, da kann man auch international kooperieren.“

    Daraus spricht – leider – eine erhebliche Realitätsferne.

    Zivilrechtliche Unterlassungsansprüche sind international realiter gar nicht und national nur schwer geltend zu machen; die Probleme beginnen mit der Feststellung des Verletzers und seiner ladungsfähigen Anschrift, hören damit aber noch lange nicht auf.

    Eine Strafverfolgung findet – auch – in Urheberrechtssachen nur bei erheblichen Verstößen statt und rechtfertigt sicherlich im Regelfall nicht den umständlichen und langwierigen Weg der internationalen Rechtshilfe, der auch bei schweren Straftaten in manchen Ländern in Monaten und Jahren gemessen wird, nicht in Wochen und Tagen.

    Das klingt ein wenig nach „wenn mir mein Fahrrad geklaut wurde, kann ich den Dieb ja verklagen“. Das ist zutreffend, aber … etwas praxisfremd. :)

    Das spricht nicht zwingend für SOPA; so simpel ist die Abwägung aber nun beileibe wirklich nicht.

  2. Herr Rau Post author

    Ich weiß schon, dass es nicht so einfach ist. Aber bei größeren Straftaten kann das gehen – siehe die Versuchsreihen zur Kinderpornographie damals, siehe Megaupload. Da erwarte ich eher, dass die Staaten besser kooperieren.

    Denn um beim Fahrradvergleich zu bleiben: wenn eine Seite aus den USA mein Bild klaut, wird mein Brieflein an die USA weder mit noch ohne SOPA bewirken, dass das aufhört. (Zumal der Klau dort vielleicht noch legal ist und unter Fair Use fällt.) Und mein Brieflein an Deutschland, sie mögen doch die amerikanische Seite aus dem DNS nehmen, wird auch nichts fruchten. (Gut so.)

    Eine Lösung für das Problem, wenn jemand mein intellektuelles Fahrrad klaut, habe ich auch nicht. Was soll ich denn sonst machen außer das anzeigen? (Habe ich auch schon mal, wegen Sachbeschädigung. Brachte tatsächlich nichts.) Im Idealfall kann in den Provider anschreiben und auf Verstoß hinweisen, und der prüft das dann. Das geht natürlich nicht, weil der die Anfragen allein von der Zahl her nicht wird prüfen können. Also dann sperren, einfach weil ich es sage? „IP is a sword, not a shield“ hieß es neulich bei der beruflichen Weiterbildung eines Familienangehörigen.

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