Öffentlicher Nahverkehr

„Sie fragen sich bestimmt, was da drin ist.“

Er saß mir im Zug gegenüber, 17 Jahre oder 18. Neben sich hatte er einen flachen roten Pappkarton, bedruckt. Ich war übernächtigt und auf dem Weg nach Hause und in ein Buch vertieft. Zumindest las ich darin.
Bei der ruckelnden Fahrt rutschte der Karton rutschte im Sitz gegenüber immer wieder herum. Der junge Mann (sauberes Erscheinungsbild, Brille, rasiert) entschuldigte sich.
Ich murmle irgendwas, nicht unfreundlich aber auch nicht kontaktwillig und verkrieche mich in mein Buch.

In Romanen heißt es dann immer „Er war seinem Blick gefolgt“ oder „Er hatte seinen Blick bemerkt“. Da war aber nichts zu bemerken gewesen. Trotzdem sagte der junge Mann plötzlich: „Sie fragen sich bestimmt, was da drin ist,“ und zeigte auf den Karton neben sich. Ich fragte mich nicht, schon gar nicht bestimmt.

Aber er wollte es mir sichtlich sagen. Also packte ich mein Buch weg. Der geheimnisvolle Inhalt des Kartons stellte sich als Zeichenbrett für das technische Zeichnen heraus. Der junge Mann war gerade im Begriff, Schreiner zu werden. Viel Arbeit, sei es, aber er habe sich den Beruf ja ausgesucht. Wenn ich mich recht erinnere, ging es um sein Gesellenstück. Er war sichtlich stolz und voller Mitteilungsdrang und fing das Gespräch auch keinesfalls aus Langeweile an; an einer der nächsten Stationen stieg er aus.

Eigentlich war es doch ein schönes Erlebnis gewesen.

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