Warum ich den Werther nicht ernst nehmen kann

Einige unserer Herren hatten sich hinabbegeben, um ein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen; und die übrige Gesellschaft schlug es nicht aus, als die Wirtin auf den klugen Einfall kam, uns ein Zimmer anzuweisen, das Läden und Vorhänge hätte. Kaum waren wir da angelangt, als Lotte beschäftigt war, einen Kreis von Stühlen zu stellen und, als sich die Gesellschaft auf ihre Bitte gesetzt hatte, den Vortrag zu einem Spiele zu tun.
Ich sah manchen, der in Hoffnung auf ein saftiges Pfand sein Mäulchen spitzte und seine Glieder reckte. – Wir spielen Zählens, sagte sie. Nun gebt acht! Ich geh im Kreise herum von der Rechten zur Linken, und so zählt ihr auch ringsherum, jeder die Zahl, die an ihn kommt, und das muss gehen wie ein Lauffeuer, und wer stockt oder sich irrt, kriegt eine Ohrfeige, und so bis tausend. – Nun war das lustig anzusehen. Sie ging mit ausgestrecktem Arm im Kreise herum. Eins, fing der erste an, der Nachbar zwei, drei der folgende, und so fort. Dann fing sie an, geschwinder zu gehen, immer geschwinder; da versahs einer, patsch! eine Ohrfeige, und über das Gelächter der folgende auch patsch! Und immer geschwinder. Ich selbst kriegte zwei Maulschellen und glaubte mit innigem Vergnügen zu bemerken, dass sie stärker seien, als sie den übrigen zuzumessen pflegte.

(Am 16. Junius)

Der letzte, von mir kursiv gesetzte Satz, ist der, der mich zum Lachen bringt. Ernst nehmen kann ich den Werther nicht. Aber verstehen natürlich schon. Been there. In der Grundschule habe ich mal kurz Tagebuch geführt, da stand so etwas Ähnliches drin.

Nachtrag von Matthias Claudius:

Fritze

Nun mag ich auch nicht länger leben,
Verhasst ist mir des Tages Licht;
Denn sie hat Franze Kuchen gegeben,
Mir aber nicht.

4 Thoughts to “Warum ich den Werther nicht ernst nehmen kann

  1. Und wegen der Stelle können Sie jetzt den ganzen Roman (oder die ganze Figur Werther?) nicht ernst nehmen? Oder ist das „Warum“ der Überschrift das in den Holzmedien so beliebte floskelhafte Warum, dessen Versprechen auf Nennung des Grundes der Text dann bricht?

    Wenn „Namen konsequent falsch schreiben“ als Analogon zu „stärkere Maulschellen geben“ durchgeht, habe ich auch eine ähnliche Geschichte. :D

  2. In meinem Leben habe ich einen Fehler begangen: Ich habe nicht auf eigene Faust den Faust gelesen, bevor wir in der Schule mit dem Werther zugedröhnt wurde. Mein Gott, was für ein Schundroman. (Später der Faust war dann nicht besser, man durfte nämlich immer nur so weit lesen wie der Lehrer erlaubte und ich konnte nicht anders als mich permanent darüber hinwegzusetzen. Großartiges Werk.)

  3. Wegen dieser Stelle und einiger anderer kann ich die Person Werther nicht ernst nehmen. Soll man wohl auch nicht. Wenn er, auch ziemlich früh, sich für den größten Künstler hält, so groß, dass er gar nicht in der Lage ist zu malen.
    Der Roman Werther ist ganz in Ordnung, aber ich kann ihn nicht immer von den begeisterten Lesern (von vor zweihundertvierzig Jahren) trennen.

  4. Ich denke, Werther vergleicht sich nicht mit anderen, sondern seine Vorstellung, die er nicht malen kann, mit dem, was er malen könnte. So ähnlich wie „und doch bin ich wohl nie so sehr Maler gewesen wie in diesen Augenblicken“ (Leider fehlt mir die Zeit, die Stelle zu suchen.)
    Rousseau, der zweifellos schreiben konnte, sagt Ähnliches über die Gedanken, die er auf seinen Fußreisen entwickelt, im Vergleich zu denen, die er nachher zu Papier bringt:
    „Ich verfüge als Herr über die ganze Natur; von Gegenstand zu Gegenstand schweifend, vereinigt und identificirt sich mein Herz mit denen, die es angenehm berühren, umgiebt sich mit reizenden Bildern, berauscht sich an lieblichen Empfindungen. Wenn ich, um sie festzuhalten, mich damit ergötze, innerlich eine Schilderung von ihnen zu entwerfen, welche Lebensfrische der Formen, welchen Glanz der Farben, welche Kraft des Ausdrucks gebe ich ihnen dann! Man will etwas von dem allen in meinen Werken gefunden haben, obgleich ich sie erst in höheren Lebensjahren geschrieben habe. Ach, hätte man die meiner frühsten Jugend gesehen, die, welche ich auf meinen Reisen verfaßt, die, welche ich entworfen und nie niedergeschrieben habe! … Weshalb, wird man einwenden, sie nicht schreiben? Aber weshalb sie schreiben? werde ich antworten. Weshalb mich um den wirklichen Zauber des Genusses bringen, um anderen zu sagen, daß ich Genuß gehabt?“

    Freilich, Max Frisch berichtet von den tiefen Erkenntnissen, die Brecht ihm im Traum mitteilt. Soweit ihm gelingt, sie aufzuschreiben, erweisen sie sich als Banalitäten.

    Und da der Werther sicher von „Julie oder die neue Helouise“ beeinflusst ist, kann Goethe ihm ebenso wie den Ossian auch Rousseaus Blödsinnigkeiten haben anhängen wollen.

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