Anwesenheit bei Vorlesungen an der Uni

Neulich habe ich irgendwo online einen Beitrag zur Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen gelesen, also dass sich manche Unis darüber hinwegsetzen, dass es so eine Anwesenheitspflicht nicht gibt.

Als ich studiert habe, war das noch einfacher. Da gab es Seminare (in den weniger exakten Geisteswissenschaften sicher mehr als in den Naturwissenschaften oder Mathematik) und Übungen, jeweils in recht kleinen Gruppen, man redete miteinander und hörte mehr oder weniger guten Referaten zu. Das mochte ich am liebsten, und da habe ich am meisten gelernt. Übungen waren völlig freiwillig, Seminare musste man bestehen, und das in der Regel mit einer schriftlichen Seminararbeit. Auf die gab es eine Note, die aber nur zur Rückmeldung diente; die endgültige Staatsexamensnote.

In Vorlesungen bin ich, ehrlich gesagt, nur wenig gegangen. Ich wollte wohl eher mitreden als zuhören. Ich kann mich an eine Deutsch-Didaktik-Vorlesung erinnern, die ganz in Ordnung war, und eine Psychologievorlesung, eher so mittel. Aber die fachwissenschaftlichen Vorlesungen habe ich eher gemieden. (Bei den Gast- und Ringvorlesungen zu eher allgemein interessanten Themen war ich öfter.) Die Inhalte der Vorlesungen habe ich mir dann zum Staatsexamen selber erarbeitet. Vermutlich wäre es geschickter gewesen, auch die Vorlesungen mitzunehmen, aber ich habe meine Zeit sicher auch so sinnvoll verwendet.

Heute sieht das alles etwas anders aus: Auch die Vorlesungen werden mit einer Note abgeschlossen (Klausur, mündliche Prüfung, schriftliche Hausarbeit – meist also eine Klausur, auch als Multiple-Choice), die bereits zu einem gewissen Prozentsatz in die endgültige Staatsexamens-Note eingeht. Das heißt, wer keine Zeit für den Besuch der Vorlesung hat, kann trotzdem die Klausur mitschreiben, und optional eine Nachholklausur dazu. Das führt dazu, dass für die Klausur immer sehr viel mehr Studierende da sind als bei der eigentlichen Vorlesung. Das ist erst mal ungewöhnlich, aber eigentlich doch ganz in Ordnung – wie gesagt, ich war ja früher selber nur wenig in Vorlesungen. Dass es auf alles Noten gibt, gefällt mir aber nicht.

11 Thoughts to “Anwesenheit bei Vorlesungen an der Uni

  1. Die Zeiten haben sich verändert. Aus gegeben Umständen hatte ich das Vergnügen, mir von einem Professor anlässlich einer Anrechnung den Unterschied zwischen alten Diplom-/ Staatsexamensstudien und neuen BA/MA Studien erklaren zu lassen.
    Während die alte Studienform leistungsorientiert war, dh. der Schein benotete eine Leistung, bei der es allen egal war wann und wie die erbracht wurde (vulgo: keine Anwesenheitspflichte ) ist die neue Leistungsform zeitorientiert, dh der Schein bestätigt das Aufwenden einer gewissen Stundenanzahl aug den Stoff, jedoch wird der Schein erst erteilt, wenn die Prüfung erfolgreich war, dh. sichergestellt ist, das die Zeit auch produktiv verwendet wurde. Alle Veranstaltungen sind zu Mofulen gebündelt, mit Zeitplänen versehen und mit Modulabschlussprüfungen abzuschliessen, damit die Zeit via Schein in den Abschluss eingehen kann. In den Modulplänen sind die Zeiten genau vorgeschrieben und daraus leitet sich die Anwesenheitspflicht ab. Erfreulicherweise haben viele Unis eingeführt, dass die Pflicht zwar besteht, jedoch nicht duch Anwesenheitskontrollen geprüft wird.
    Eine Konsequenz daraus ergibt sich auch für die Anrechnung auf andere Studiengänge. Die gepriesene Anrechenbarkeit von Leistungen im BA/MA ist nicht so hoch, da Juristen festgestellt haben, das Zeit nicht doppelt verwendet werden darf. Ist ein Schein in das definierte Zeitkontingent eines Abschluss eingegangen, so ist er für andere Abschlüsse wertlos, es sei denn der zuständige Professor verzichtet gegenüber dem Prüfungsamt auf den erneuten Nachweis der Leistung und erspart einem damit zum x-mal irgendwelche GrundlagenVL zu hören. Alte Diplom/Magister/Staatsexamensscheine sind anrechenbar, da sie ja nur Leistung bestätigen.

    Insgesamt ist das Studieren kein deut besser geworden, eher im Gegenteil. Die Freiheit zu lernen wann, wo und wie ist durch dieses Zeitsystem sehr reglementiert worden. Früher war alles toller.. :)

  2. Ich erinnere mich an mein Studium eigentlich ganz gern – auch, oder gerade weil Selbstständigkeit in der Planung von Vorlesungsbesuchen (oder eben Nicht-Besuchen) gefordert war.
    An der TU, an der ich auf Lehramt studiert habe, lief Lehramt neben den Diplomstudiengängen „halt so mit“, ohne Amtsblatt-Prüfungsverordnung war man aufgeschmissen (es gab drei parallele, sich widersprechende Studienordnungen). „Pflicht“-Vorlesungen lagen parallel oder behandelten den Stoff in anderer Reihenfolge als für die begleitenden Kolloquien zu Lehramtspraktika gefordert. Also Literaturstudium (was häufig in kürzerer Zeit das geforderte Wissen ergab) oder auch Mut zur Lücke – zum Glück kann man in den Naturwissenschaften ja einiges mit Analogieschlüssen abdecken.
    Was zählte, war dann am Ende die vom externen staatlichen Prüfungsamt organisierte und bewertete Prüfung.

    Ich habe so den Eindruck, dass ich heute nicht nochmal studieren möchte.

  3. Wir haben gerade parallele Lehramtsprüfungsordnungen, ECTS-modularisiert und alt, und eine offizielle und eine inoffizielle Studienordnung, und es gibt mindestens vier verschiedene Sachen, die alle „Praktikum“ heißen und jeweils etwas völlig Unterschiedliches sind.

    Heute macht das Studieren hoffentlich auch noch Spaß, aber die Freiheit von früher würde ich vermissen.

  4. Ich bin so froh noch einen alten Diplomstudiengang zu studieren. Mich quält keiner mit Anwesenheitskontrollen und man kann sich fast alles selbst einteilen. Ob man in der Arbeitsgemeinschaft oder Übung war oder nicht, ist egal. Man muss nur die Klausuren bestehen, damit du den Schein bekommst. Es zählt einzig allein die Leistung und das finde ich gut so. Ich mag die Freiheit selbst zu wählen, welche Lehrveranstaltung jetzt noch sinnvoll wäre, damit ich auf die Prüfung gut vorbereitet bin. (Ein paar Pflichtlehrveranstaltungen gibt es aber schon.) Und ich mag auch die Freiheit, dass ich auch einfach mal Vorlesungen aus anderen Studiengängen besuchen kann.

  5. Auch beim Bachelor zählt nur die Leistung, es gibt keine Anwesenheitspflicht – aber man hat weniger Auswahl, was man wann macht, weil die Studienordnung da schon einen sehr deutlichen Vorschlag macht. (An den muss man sich nicht halten, aber dann sind Überschneidungen mit anderen Pflichtveranstaltungen wahrscheinlicher.) Und es zählt halt vor allem schon jede Note fürs Ende. Ich glaube, das hätte ich nicht gemocht, auch wenn ich eigentlich immer recht gute Noten auf meine Scheine gekriegt habe.

  6. Also ich habe genau im Übergang studiert und auch an der Umsetzung BA/MA mitgearbeitet.
    Sagen wir mal so: Mein eigenes Studieren war alles Mögliche, aber eines mit Sicherheit nicht: effizient. Und das war gut so. Freiheit haben, auschecken was einen interessiert, evtl. sogar das Fach wechseln, usw. Die Auswahl an Seminaren war größer, da mir niemand vorschrieb, wo ich hingehen muss/soll. Habe daher natürlich viel Zeit in Seminaren und Vorlesungen verplempert, mal bewusst, weil ich eh keinen Schein wollte, mal aus *achlieberdochnochmalzurfreundinfahrenalsseminararbeitzuschreiben*. Aber das war ok, man nimmt immer was mit! Freiheit und Interesse am Lernen und am Gegenstand, das sind die Stichpunkte. Subjektiv habe ich die BA/MA-Studierenden als eher ergebnisorientiert, effizient und zielgerichtet erlebt. Alles keine schlechten Eigenschaften, aber mir fehlt da ein bisschen die „Kante“, das Persönliche, der offene Dialog mit dem Lehrpersonal. Schule und Uni sind ja heute Dienstleister, das war vor 10 Jahren noch anders, da war die Abschlussquote noch egal…

  7. ergebnisorientiert, zielgerichtet und effizient sind sie auf jeden fall geworden. aber liebe zum fach sieht man nur noch selten. oder ein verständnis dafür, warum man all diese dinge, die der studienverlaufsplan vorgibt, denn auch besuchen sollte. oder auch nur ein nachfragen fehlt. stattdessen wird einfach abstudiert, was vorgeschrieben ist.
    ich habe im alten system studiert und habe keine übergangsphase erlebt, da ich einen bundeslandwechsel vornahm, und damit in ein laufendes system fiel. die bürokratisierung des studiums ist beträchtlich. nicht nur muss jeder pups eines studierenden aufgeschrieben werden, weil er ja in die endnote eingehen wird, sondern es muss mit jedem personalwechsel die fachspezifische anlage der studienordnung geändert werden, weil ein bestimmtes modul obsolet geworden ist.
    für die studis heißt BAMA auch, dass sie veranstaltungen absitzen müssen, deren inhalt sie vermutlich allein besser lernen könnten (wenn hinterher ohnehin nur in multiple choice abgefragt wird – das besteht man auch durch test-taking-strategies). die mobilität, die das system fördern sollte, ist nicht eingetreten. es ist nahezu unmöglich ohne größeren rechenaufwand von einer uni an die nächste zu wechseln, weil die einen kreditpunkte im 3er schritt vergeben, die anderen im 2er schritt. dann wieder kann man sogar einzelne punkte sammeln. dinge, die nicht verpunktet werden, werden nicht besucht, denn davon hat man ja nichts. das kann man ja nicht einbringen.
    ein hineinschnuppern in anderer leute studienfächer ist also nicht rentabel und wird daher gelassen. eine persönlichkeitsfindung findet also ggfs nicht mehr statt.
    die studierenden im system stehen und einem enormen druck. die langzeitstudierendenzahlen gehen nicht runter, die abbrecherquoten ebenfalls nicht. das notenspektrum wird von der anderen seite nicht mehr voll ausgeschöpft, da man ja den lieben kleinen nicht den weg versperren möchte. früher fiel man irgendwo durch und belegt halt eine andere disziplin. heute landet die 5 auf dem transcript und je nach prüfungsordnung muss man dann in die nachprüfung. ein, zwei mal und dann ist es vorbei mit dem studium.
    mir fehlt die freiheit. mir fehlt es, zuzusehen, wie sich studierende entwickeln. wie aus jemandem ein literaturwissenschaftler wird oder eben ein linguist. oder wie jemand das erste schulpraktikum macht und wieder kommt und sagt, ne, echt nicht.
    heute werden scharen durch die schulen geschleust (4-5 praktika während des studiums – welche schule soll soviele praktikanten betreuen??) und wenn es nix ist, dann macht man trotzdem weiter, weil ja schon so viele punkte gesammelt wurden. und weil man ja so alt ist, wenn man fertig ist, und wenn man jetzt noch mal wechselt…näää..lieber nicht.

    das schlimmste allerdings ist wirklich der papierkram, der hinter diesem bologna-monster steckt. tatsächlich ist das aber eine deutsche spezialität. in anderen europäischen ländern sieht man das alles lockerer.

  8. Puh, ja, das Studium heutzutage ist ziemlich verschult. Ich bin im modularisierten Staatsexamensstudiengang und bei uns gibt es sogar die Anwesenheitslisten. Wer im Semester mehr als zweimal fehlt, ist raus (aus dem Kurs).
    Inwiefern das sinnvoll ist, kann man sich drüber streiten – als erwachsene Menschen sollte man uns das eigentlich in Eigenverantwortung regeln lassen, finde ich. Andererseits muss ich sagen, dass ich mit der Anwesenheitspflicht an sich kein Problem habe: 2x Fehlen bei … 13/14 Semesterwochen (meine ich) finde ich vollkommen ok. Andererseits gab es auch schon Seminare, die einfach so schlecht und sinnlos waren, dass ich die Zeit auch effizienter für etwas anderes hätte nutzen können, z.B. hatte ich ein Seminar, in dem ich die Klausur problemlos durch Selbststudium bestanden hätte, weil im Seminar ohnehin nur die Theorietexte kleinschrittig gelesen wurden.
    Dass es auf alles Noten gibt, ist auch so etwas, wo ich geteilter Meinung bin… Klar, es ist absolut nervig, man kann kaum was aus Interesse oder Spaß belegen, man muss immer auch auf den Dozenten achten und eben leistungsorientiert an die Sache gehen. Das erhöht den Druck unheimlich und das macht definitiv nicht immer Spaß. Andererseits ist mir diese Variante lieber als das alte System, bei dem 2-3 Examenstage allein ausschlaggebend für meine Endnote gewesen wären.

  9. (..)Dass es auf alles Noten gibt, ist auch so etwas, wo ich geteilter Meinung bin… Klar, es ist absolut nervig, man kann kaum was aus Interesse oder Spaß belegen (..)
    und genauso ist es halt nicht. wenn jemand etwas aus interesse oder spaß belegen möchte, dann kann er oder sie das immer tun. denn es wird in keiner veranstaltung jemand gezwungen auch die note in sein transcript einzubringen. man kann also alles belegen, was man möchte. man muss nur auch das belegen, was das studium vorschreibt. leider, leider, leider wird es von 97% der studierenden anders gesehen.

  10. @Adelhaid: Was du ansprichst, ist das scheinfreie Belegen von Seminaren. Dass es das gibt, ist mir durchaus bewusst, und ich habe das auch tatsächlich schon mal gemacht, aber in der Regel gibt es die Zeit nicht her. Unser Stundenplan ist ziemlich vollgepackt mit Modulen, in denen wir eben Scheine benötigen, und dort gute Noten zu erzielen, ist sehr arbeitsintensiv. Nebenher müssen viele Studenten arbeiten gehen, weil es eine ziemlich große Mitte gibt zwischen „Eltern sind reich genug, für das Studium aufzukommen“ und „Ok, wir können Bafög zusprechen, weil die Eltern wirklich nicht viel Geld haben“. Wenn man sein Studium in Regelstudienzeit durchkriegen will, sind zusätzliche Seminare aus Interesse kaum drin, so ist es leider. Wenn ich mir zwei Semester länger Zeit lassen würde, könnte ich so vieles noch belegen, was mich interessiert – da spielen aber der finanzielle Rahmen, die Eltern und mein Gewissen nicht mit, also haue ich meinen Stundenplan voll mit Pflichtmodulen, um das Examen in 10 Semestern (davon 1 Semester Praxis + 1 Ausland, also quasi 8 Semester) zu absolvieren.

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