Im Kino gewesen: Captain Marvel (weitgehend spoilerfrei)

Dann also doch noch etwas zu dem jüngsten Marvel-Film. Kurzfassung: Hat mir gefallen. Aber ich fand ja auch Avengers: Infinity War bewundernswert und enorm langweilig.

Der andere Captain Marvel

Captain Marvel ist dann doch eine der weniger erfolgreichen Figuren in den Marvel-Comics. Und das kam so: Der Konkurrenzverlag DC hat auch einen Captain Marvel im Angebot, und das seit wesentlich längerer Zeit. Genau genommen gehört der DC-Captain-Marvel auch nicht ursprünglich zu DC, sondern entstammt dem einstigen Konkurrenzverlag Fawcett Comics. Der wurde aber von DC verklagt und 1951 entschied ein Gericht (noch nicht letztinstanzlich) zugunsten von DC: Der Fawcett-Captain-Marvel sei dem DC-Superman zu ähnlich. Groß und stark und Cape, viel mehr Ähnlichkeit ist das nicht, aber wie heißt es so schön: Intellectual property is not a shield, it’s a weapon. Jedenfalls gab Fawcett 1953 den Kampf auf und stellte das Heft ein. 1972 kramte DC die Figur wieder heraus (lizenziert von Fawcett, die ihn selber als Folge des Rechtsstreits nicht mehr verwenden durften) und integrierte ihn und seine ganze Bande an Freund, Feind und Familie nach und nach ins reguläre DC-Universum.

Die anderen Captains Marvel

Nur hatte der Marvel-Verlag in der Zwischenzeit die Gelegenheit genutzt, selber einen Captain Marvel zu erfinden und ein Heft dieses Namens herauszugeben. Warum: Weil das rechtlich möglich war (da es seit einiger Zeit kein so getiteltes Heft gegeben hatte) und sie sich den Namen sichern wollten. Und seitdem hat Marvel darauf geachtet, dass immer wieder mal eine Serie Captain Marvel veröffentlicht wurde, so dass die Konkurrenz das nicht mehr konnte – auch wenn die Figur selber nicht besonders erfolgreich war. Deswegen heißt der DC-Film mit dem DC-Captain-Marvel, der in vier Wochen herauskommt, auch wie dessen Comics Shazam!

Nur: So richtig erfolgreich war der Marvel-Captain nie. Der erste Captain hatte ein langweiliges Kostüm und mehr Science-Fiction-Hintergrund als üblich. Recht spät erst entdeckte ich, dass der viel coolere zweite Captain Marvel, den ich vorher kennen gelernt hatte, tatsächlich der erste mit neuem Kostüm und neuen Kräften und neuem Stil war. (Leider wurden die deutschen Comics mitten in der Entwicklung zu diesem eingestellt.) Ein paar Jahre später starb die Figur dann für damalige Verhältnisse dramatisch und groß angelegt. Und so ging der Name auf einen neuen, diesmal weiblichen Captain Marvel über, und danach auf einen Sohn des ursprünglichen, und danach erst auf die zwischendrin erschienene Ms. Marvel – Carol Danvers, eine Nebenfigur bereits aus der ersten Captain-Marvel-Geschichte mit langer Geschichte danach. Und diese letzte Captain Marvel, um die geht es in dem Film.

Jetzt endlich: Der Film

Wie gesagt: Hat mir gefallen. Natürlich ist das Popcornkino, es bewegt mich nicht wie es Jules et Jim, Casablanca, Sullivan’s Travels, After Hours taten, auch alles Mainstream-Filme. Allerdings war nicht nur ich von der Stan-Lee-Würdigung am Anfang gerührt. — Keine interessanten Schnitte, keine kühne Kameraeinstellungen. Aber ich fühlte mich an keiner Stelle in meiner Intelligenz beleidigt (da bin ich besonders empfindlich) und habe mich nicht gelangweilt. Der Film ist bunt und lustig, wenigstens ansatzweise nichtlinear erzählt, bin ja schon froh; wartet mit kleinen und großen Überraschungen auf – vor allem eine finde ich beeindruckend. Und: Endlich mal keine Liebesgeschichte im Film, also gar keine; eine starke Frau und ein verspielter Geheimagent. Dazu die vielen Elemente der Originalgeschichte, die mti aufgenommen wurden: Angefangen mit den Uniformen der Kree und dem Kostüm der Captain Marvel. Sehr zufrieden. Eine Post-Credit-Szene, die in ihrer Vorhersehbarkeit und Banalität geradezu ein freches Zungeherausstrecken dem gegenüber ist, der sich auf den nächsten Film in ein paar Wochen freut – Avengers: Endgame natürlich.

Deutung und Rezeption

Ich habe den Film dann auch gleich als Beispiel im Deutschunterricht herangezogen für das, was wir bei der Arbeit mit Texten von den Schülern und Schülerinnen wollen: Eine Inhaltsangabe zur Orientierung (damit die SuS, die den Film nicht gesehen haben, überhaupt unserem Fachsimpeln folgen können), eine Beschreibung/Analyse von Auffälligkeiten (Stilmittel, Motive) und dann vor allem eine Deutung/Interpretation. Und der Film lässt sich auf verschiedene Art deuten und wird im Netz auch auf verschiedene Art gedeutet: Als Vorstufe zu Avengers: Endgame; als feministischer Film; als Film zum Thema Kolonialismus; als männerfeindlicher Propagandafilm.

Denn als solcher wird der Film von einer kleinen lauten Minderheit gesehen. Ähnlich wie schon bei diesem einen Star-Wars-Film neulich oder bei Ghostbusters davor stören sich diese Fans daran, dass eine Frau die Hauptrolle hat. Das ist meine Deutung; tatsächlich heißt es meist eher: dass es vor allem darum ging, gewaltsam die Hauptrolle mit einer Frau zu besetzen und eine feministische Botschaft zu verbreiten, so dass die erzählerischen und gestalterischen Qualitäten des Films darunter litten. Captain Marvel schießt im True-Lies-Pappaufsteller Arnold Schwarzenegger den Kopf weg und nicht Jamie Lee Curtis, und Samuel Jackson wird zum Geschirrspülen degradiert. Brie Larson als Captain Marvel agiere hölzern – schon nach den ersten Trailern hieß es, sie schaue immer so verbissen, sollte doch öfter mal lächeln. Und tatsächlich gibt es eine Szene im Film, wo ein aufdringlicher Passant ihr vorschlägt, doch mal zu lächeln. Diese Szene, so hieß es, sei aber keine Reaktion auf Fankritik, sondern von Anfang an drin gewesen. Weil Frauen das nun einmal gesagt kriegten.

Meine Meinung dazu: Marvel hat schon immer so Sozialkram gemacht. Social Justice Warrior wird als Schimpfwort verwendet, aber was waren Marvel-Superhelden je anders? Das hier habe ich bei Twitter gefunden, eine von Stan Lees Kolumnen aus den Comics, ich tippe mal auf 1970er Jahre:

Klar ging es Stan Lee und Marvel vor allem ums Geschäft. Aber die Marvelhefte hatten alle auch Tränendrüse und Moral und Dilemmata und Minderheiten, nie nur Eskapismus. Das unterschied – im Silver Age – Marvel von DC. (Ja, weiß schon, auch da gab’s Green Lantern/Green Arrow.)

Natürlich kleidet sich die Kritik am Film auch anders. Eine Besprechung (4/10 Sterne) in der Internet Movie Database („But, I still went in with an open mind“) klagt:

It just all felt sloppy and rushed. It’s like they never heard of Joseph Campbell and how a hero tell is made. Where is the journey a hero has to go through to get to that point they are one. That’s basic.

That’s basic. Und ich war so froh, endlich mal einen Film zu haben, der mir nicht wieder die hunderste Version der Heldenreise auftischt. It’s like they never heard of Joseph Campbell. Man sollte meinen, dass man Filme, selbst über Heldinnen, auch mal anders aufbauen kann als Joseph Campbell das beschrieben und nicht etwas vorgeschrieben hat.

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