Im Kino gewesen: Captain Marvel (weitgehend spoilerfrei)

Dann also doch noch etwas zu dem jüngsten Marvel-Film. Kurzfassung: Hat mir gefallen. Aber ich fand ja auch Avengers: Infinity War bewundernswert und enorm langweilig.

Der andere Captain Marvel

Captain Marvel ist dann doch eine der weniger erfolgreichen Figuren in den Marvel-Comics. Und das kam so: Der Konkurrenzverlag DC hat auch einen Captain Marvel im Angebot, und das seit wesentlich längerer Zeit. Genau genommen gehört der DC-Captain-Marvel auch nicht ursprünglich zu DC, sondern entstammt dem einstigen Konkurrenzverlag Fawcett Comics. Der wurde aber von DC verklagt und 1951 entschied ein Gericht (noch nicht letztinstanzlich) zugunsten von DC: Der Fawcett-Captain-Marvel sei dem DC-Superman zu ähnlich. Groß und stark und Cape, viel mehr Ähnlichkeit ist das nicht, aber wie heißt es so schön: Intellectual property is not a shield, it’s a weapon. Jedenfalls gab Fawcett 1953 den Kampf auf und stellte das Heft ein. 1972 kramte DC die Figur wieder heraus (lizenziert von Fawcett, die ihn selber als Folge des Rechtsstreits nicht mehr verwenden durften) und integrierte ihn und seine ganze Bande an Freund, Feind und Familie nach und nach ins reguläre DC-Universum.

Die anderen Captains Marvel

Nur hatte der Marvel-Verlag in der Zwischenzeit die Gelegenheit genutzt, selber einen Captain Marvel zu erfinden und ein Heft dieses Namens herauszugeben. Warum: Weil das rechtlich möglich war (da es seit einiger Zeit kein so getiteltes Heft gegeben hatte) und sie sich den Namen sichern wollten. Und seitdem hat Marvel darauf geachtet, dass immer wieder mal eine Serie Captain Marvel veröffentlicht wurde, so dass die Konkurrenz das nicht mehr konnte – auch wenn die Figur selber nicht besonders erfolgreich war. Deswegen heißt der DC-Film mit dem DC-Captain-Marvel, der in vier Wochen herauskommt, auch wie dessen Comics Shazam!

Nur: So richtig erfolgreich war der Marvel-Captain nie. Der erste Captain hatte ein langweiliges Kostüm und mehr Science-Fiction-Hintergrund als üblich. Recht spät erst entdeckte ich, dass der viel coolere zweite Captain Marvel, den ich vorher kennen gelernt hatte, tatsächlich der erste mit neuem Kostüm und neuen Kräften und neuem Stil war. (Leider wurden die deutschen Comics mitten in der Entwicklung zu diesem eingestellt.) Ein paar Jahre später starb die Figur dann für damalige Verhältnisse dramatisch und groß angelegt. Und so ging der Name auf einen neuen, diesmal weiblichen Captain Marvel über, und danach auf einen Sohn des ursprünglichen, und danach erst auf die zwischendrin erschienene Ms. Marvel – Carol Danvers, eine Nebenfigur bereits aus der ersten Captain-Marvel-Geschichte mit langer Geschichte danach. Und diese letzte Captain Marvel, um die geht es in dem Film.

Jetzt endlich: Der Film

Wie gesagt: Hat mir gefallen. Natürlich ist das Popcornkino, es bewegt mich nicht wie es Jules et Jim, Casablanca, Sullivan’s Travels, After Hours taten, auch alles Mainstream-Filme. Allerdings war nicht nur ich von der Stan-Lee-Würdigung am Anfang gerührt. — Keine interessanten Schnitte, keine kühne Kameraeinstellungen. Aber ich fühlte mich an keiner Stelle in meiner Intelligenz beleidigt (da bin ich besonders empfindlich) und habe mich nicht gelangweilt. Der Film ist bunt und lustig, wenigstens ansatzweise nichtlinear erzählt, bin ja schon froh; wartet mit kleinen und großen Überraschungen auf – vor allem eine finde ich beeindruckend. Und: Endlich mal keine Liebesgeschichte im Film, also gar keine; eine starke Frau und ein verspielter Geheimagent. Dazu die vielen Elemente der Originalgeschichte, die mti aufgenommen wurden: Angefangen mit den Uniformen der Kree und dem Kostüm der Captain Marvel. Sehr zufrieden. Eine Post-Credit-Szene, die in ihrer Vorhersehbarkeit und Banalität geradezu ein freches Zungeherausstrecken dem gegenüber ist, der sich auf den nächsten Film in ein paar Wochen freut – Avengers: Endgame natürlich.

Deutung und Rezeption

Ich habe den Film dann auch gleich als Beispiel im Deutschunterricht herangezogen für das, was wir bei der Arbeit mit Texten von den Schülern und Schülerinnen wollen: Eine Inhaltsangabe zur Orientierung (damit die SuS, die den Film nicht gesehen haben, überhaupt unserem Fachsimpeln folgen können), eine Beschreibung/Analyse von Auffälligkeiten (Stilmittel, Motive) und dann vor allem eine Deutung/Interpretation. Und der Film lässt sich auf verschiedene Art deuten und wird im Netz auch auf verschiedene Art gedeutet: Als Vorstufe zu Avengers: Endgame; als feministischer Film; als Film zum Thema Kolonialismus; als männerfeindlicher Propagandafilm.

Denn als solcher wird der Film von einer kleinen lauten Minderheit gesehen. Ähnlich wie schon bei diesem einen Star-Wars-Film neulich oder bei Ghostbusters davor stören sich diese Fans daran, dass eine Frau die Hauptrolle hat. Das ist meine Deutung; tatsächlich heißt es meist eher: dass es vor allem darum ging, gewaltsam die Hauptrolle mit einer Frau zu besetzen und eine feministische Botschaft zu verbreiten, so dass die erzählerischen und gestalterischen Qualitäten des Films darunter litten. Captain Marvel schießt im True-Lies-Pappaufsteller Arnold Schwarzenegger den Kopf weg und nicht Jamie Lee Curtis, und Samuel Jackson wird zum Geschirrspülen degradiert. Brie Larson als Captain Marvel agiere hölzern – schon nach den ersten Trailern hieß es, sie schaue immer so verbissen, sollte doch öfter mal lächeln. Und tatsächlich gibt es eine Szene im Film, wo ein aufdringlicher Passant ihr vorschlägt, doch mal zu lächeln. Diese Szene, so hieß es, sei aber keine Reaktion auf Fankritik, sondern von Anfang an drin gewesen. Weil Frauen das nun einmal gesagt kriegten.

Meine Meinung dazu: Marvel hat schon immer so Sozialkram gemacht. Social Justice Warrior wird als Schimpfwort verwendet, aber was waren Marvel-Superhelden je anders? Das hier habe ich bei Twitter gefunden, eine von Stan Lees Kolumnen aus den Comics, ich tippe mal auf 1970er Jahre:

Klar ging es Stan Lee und Marvel vor allem ums Geschäft. Aber die Marvelhefte hatten alle auch Tränendrüse und Moral und Dilemmata und Minderheiten, nie nur Eskapismus. Das unterschied – im Silver Age – Marvel von DC. (Ja, weiß schon, auch da gab’s Green Lantern/Green Arrow.)

Natürlich kleidet sich die Kritik am Film auch anders. Eine Besprechung (4/10 Sterne) in der Internet Movie Database („But, I still went in with an open mind“) klagt:

It just all felt sloppy and rushed. It’s like they never heard of Joseph Campbell and how a hero tell is made. Where is the journey a hero has to go through to get to that point they are one. That’s basic.

That’s basic. Und ich war so froh, endlich mal einen Film zu haben, der mir nicht wieder die hunderste Version der Heldenreise auftischt. It’s like they never heard of Joseph Campbell. Man sollte meinen, dass man Filme, selbst über Heldinnen, auch mal anders aufbauen kann als Joseph Campbell das beschrieben und nicht etwas vorgeschrieben hat.

Im Kino gewesen: Black Panther (2018)

Jetzt ist schon wieder was von Marvel im Kino gekommen. Black Panther, hat mir gefallen.

Ach, Marvel. Ich bin ja Fan der ersten Stunde (Foto von 1979 als Beleg), und es war eine schwierige Zeit für Fans. Marvel war in Deutschland der Underdog, DC kannte man. Und auch bei den Filmen gab es erfolgreiche Superman- und Batman-Produktionen (beide Gestalten natürlich DC), und nur sehr unglückliche Marvel-Versuche. Um die Jahrtausendwende änderte sich das plötzlich, es gab richtig gute Marvel-Filme, eine Weile, und dann nicht mehr so gute.

Und vor knapp zehn Jahren kam dann der erste Film des MCU (Marvel Cinematic Universe) heraus, 2008 habe ich Iron Man gesehen und darüber gebloggt. Ich hatte mir nicht viel davon erwartet, der Hulk-Film von 2003 war enttäuschend gewesen, und Iron Man als Figur hatte mich nie besonders interessiert. Und dann war das ein erfrischend originaltreuer Film mit einem vielversprechenden Anhang… und Marvel hat die Versprechungen eingelöst und inzwischen knapp zwanzig Superhelden-Filme gemacht, die alle im gleichen Kosmos und miteinander spielen.

Zugegeben: Citizen Kane war keiner dabei, und auch kein Casablanca. Aber das waren andere Mainstreamfilme auch nicht. Aber die Filme waren mehr oder weniger, und mit der Zeit eher mehr, und teilweise enorm, erfolgreich bei Publikum und Kritik und Fans. Der Immer wieder befürchtete man das Ende der Erfolgsreihe, und immer wieder überraschte Marvel mit etwas Neuem… Während DC, nun Mantel des Schweigens am besten.

Und jetzt schon wieder. Von Black Panther hat ja wohl schon jeder gehört? Kritik lobt, Publikum strömt rein. Ein Unterschied zu bisherigen erfolgreichen Superheldenfilmen, der vor allem in den USA einen großen Unterschied macht: Eigentlich alle wichtigen Rollen sind mit schwarzen Schauspielern besetzt. (Und Musik und Drehbuch und Regie auch.) Der Film spielt weitgehend in Afrika. Wie sehr wäre mir das aufgefallen, wenn das nicht vorher so sehr thematisiert worden wäre? Nur die erste Szene des Films, die in den USA spielt, fühlte sich auffällig an – eben weil sie in den USA spielt. Der Rest ist Afrika, und da sind die Leute halt schwarz. Ganz ohne weißen Retter.

Dabei ist die Perspektive auf die gezeigte Kultur eine mir sehr vertraute. Rider Haggards King Solomon’s Mines habe ich so in Erinnerung – farbenfroh, tanzfreudig, voller Speere und Rituale. Nur dass hier noch Science Fiction dazu kommt, futuristische Technik, futuristische Waffen, Wolkenkratzer, und das mitten in Afrika, vor den neugierigen Augen der Außenwelt verborgen.

Solche Enklaven des Fortschritts kenne ich, zum Beispiel aus meinem geschätzten Lost Horizon von James Hilton: Dort ist es die Stadt Shangri-La in Tibet, mit fortgeschrittener Kultur und moderner Technik, von der keiner ahnt. Hilton dürfte unmittelbar oder mittelbar beeinflusst gewesen sein von Agarttha (Wikipedia), einer geheimnisvollen Stadt in Tibet, die vom französischen Okkultisten Alexandre Saint-Yves d’Alveydre Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben wurde, komplett mit Hohlwelt und geheimen Weltenlenkern. In der Verschwörungsliteratur gibt es noch mehr in der Art. Und bei Marvel auch: In Fantastic Four #47 (1966) tauchte zum ersten Mal die verborgene Stadt Attilan der Inhumans auf, in Fantastic Four #54 (1966) war Prester John der letzte Überlebende der verborgenen Stadt Avalon, in Fantastic Four #52 (1966) erschienen zum ersten Mal das verborgene Land Wakanda und sein Regent T’Challa, der Schwarze Panther. (Das soll jetzt nicht heißen, dass Stan Lee und Jack Kirby zu wenig Fantasie hatten. Zu Prester John kamen die Helden direkt von Wakanda aus, und zwar auf der Suche nach Attilan, hängt doch alles zusammen.)

Wakanda war in den Comics von Anfang an ein ultra-hochtechnisiertes, aber sehr zurückgezogenes Land. Es gaukelt im Film dem Rest der Welt erfolgreich vor, ein ganz normales Drittweltland zu sein. Das ist dann auch ein Thema: Wie sehr soll sich Wakanda weiterhin abschotten, wie sehr an der Lösung der Probleme in der Welt mitarbeiten? Das kommt mir ein wenig so vor wie ein ganzes Land als Superheld: Üblicherweise haben wir den Teenager, der wie ein ganz normaler Teenager wirkt, aber in Wirklichkeit geheime Superkräfte hat, und das weiß nur keiner, weil man sie nicht einsetzt; hier haben wir ein ganzes (schwarzes) Land, das wie ein normales (armes) Land wirkt, aber in Wirklichkeit geheime Superkräfte hat, nur dass das keiner weiß, weil man sie nicht zeigt. Ist das vergleichbares Wunschdenken?

Pluspunkte des Films: Schurken mit sinnvoller Motivation, Frauen mit sinnvollen Rollen. Das gab es bisher zu wenig. Dass die Schauspieler hervorragend sind, die Produktion sorgfältig, mit Liebe zum Detail und zur Vorlage, mit Humor – das ist bei Marvel eigentlich immer so.

Black Panther erschien zuerst als wiederkehrende Nebenfigur bei den Fantastic Four, später bei den Avengers; 1977 erschien das erste Heft mit seinem Namen auf den Titel, aber schon vorher, 1973, war er der Held der Serie Jungle Action, zumindest in den vielgelobten Heften 6-18. Was genau darin passiert, kann man zum Beispiel bei der Marvel University nachlesen, einem inzwischen abgeschlossenen Blog, das so ziemlich jedes Marvel-Heft des Silver Age ausführlich bespricht: Hier geht es zum September 1973, mit Jungle Action Nr. 6.

(Wir sprechen nicht gerne darüber, aber bei seinem Erscheinen war T’Challa einer der wenigen Marvel-Superhelden mit einem Cape, und zwar einem unkleidsam halblangen.)

Blade Runner 2049

Ich weiß noch, wie ich Blade Runner zum ersten Mal gesehen habe. Das war Ende Oktober 1982 auf meinem ersten Con, drei oder vier Tage in einem Jugendzentrum. Der Hauptsaal war mit Alufolie abgedunkelt, man schlief in Schlafsäcken, irgendwo; im Keller gab es Rollenspiele und grausliche Horrorfilme auf Schmalfilm, und in einem Nebenraum liefen rund um die Uhr Filme auf einem kleinen Fernseher. Da waren dann immer so zehn, zwnazig Leute versammelt und schauten Filme. VHS-Videokassetten, Raubkopien, Blues Brothers war dabei, Galaxina, die zwei Star-Wars-Filme rauf und runter, aber die kannte ich ja schon zu genüge. Und eben auch Blade Runner. Der war erst zwei Wochen zuvor in Deutschland angelaufen, eine Gruppe von Conbesuchern sah ihn auch im Kino, teilweise voll kostümiert – Jahre bevor das „Cosplay“ hieß.

Nicht von allen Filmen habe ich gleich viel mitbekommen, auch weil ich, uh, am Rummachen mit einem Mädchen war. Von Blade Runner hatte ich viel gehört und viel gelesen, in Fanzines, im Cinema-Magazin, aber der Film war mir zu langsam und ich war sicher unaufmerksam. Deshalb war es wahrscheinlich nicht dieser Con, auf dem mich der Film begeisterte. Aber im Jahr darauf gab es den nächsten Con, und im Jahr darauf den nächsten, und in den Jahren darauf mehrere Conbesuche pro Jahr – genug: noch bevor ich zwanzig war hatte ich den Film oft gesehen, und viele Stellen daraus waren geflügelte Worte in unserer Spielerrunde geworden.

Deshalb habe ich auch ein Herz für die ursprüngliche Fassung und ziehe sie dem Director’s Cut vor. Die Einhorn-Traumsequenz in dieser bringt mir nichts, und ja, das grüne Ende ist ebenso aufgesetzt wie das am Ende von Kafkas „Verwandlung“ – aber das Voice-Over mochte und mag ich. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits ein Kenner oder zumindest Freund des Film noir, und da passt so ein Sprecher natürlich wunderbar hin. Außerdem habe ich dabei das Wort „Sushi“ kennengelernt.

Dass der erste Blade Runner ein stilprägender und wichtiger Film ist, will ich hier nicht erklären; Musik und Design sind ohne Zweifel hervorragend; die gezeigte Welt ist es ebenso. Handlung und Dialoge sind sehr gut, auch keine Frage. Das Tempo des Films ist manchen zu langsam, ich mag die langen Einstellungen aber, und sie werden ja immer wieder unterbrochen durch schneller geschnittene Szenen. Die Schauspieler… Harrison Ford finde ich schlecht, aber das ist mir erst später beim englischen Original aufgefallen und nie in der deutschen Version meiner Jugend. Rutger Hauer, Daryl Hannah, Sean Young, Edward James Olmos, auch die Nebenrollen: alle sehr gut besetzt.

Der definitive Artikel zu Blade Runner ist für mich übrigens dieser hier zu der im verwendeten Typographie: http://typesetinthefuture.com/2016/06/19/bladerunner/

— Auf die Quasi-Fortsetzung Blade Runner 2049 war ich mäßig gespannt, habe sie aber doch baldmöglichst mit Frau Rau angeschaut. Fazit: Ja, schon gut. Gerade im Vergleich zu dem, was man sonst als Großproduktionen sieht, die geschätzten Marvel-Filme eingeschlossen, ist der Film eine Wohltat. Einen Film wie diesen habe ich lamnge nicht gesehen, er erinnert mich an die ambitionierten Science-Fiction-Filme der 1970er Jahre.

Aber im Vergleich zu Blade Runner fallen mir dann doch eher die Vorteile des älteren Films auf. Gibt es zitierfähige Stellen im neuen Film? Oder ist das Konzept ohnehin veraltet, haben Filme heute eine zu geringe Halbwertszeit, als dass Zeilen darauf Klassiker werden können? Rutger Hauers Monolog im älteren Film ist berühmt; aber ich kann viele andere Stellen nachsprechen, und bin nicht der einzige – in Überschriften zu Artikeln zum neuen Film tauchen immer wieder Zitate aus dem alten Film auf: „Polizei-Männer“, „Wenn du mit deinen Augen gesehen hättest, was ich mit deinen Augen gesehen habe“, „Zeig mir, woraus du gemacht bist“, „das Licht, das doppelt so hell brennt, brennt eben nur halb so lang“, „Ein Jammer, dass sie nicht leben wird… aber egal – wer tut das schon?“

Sehr gut am neuen Film sind Musik und Design und die Welt, die der Film aufbaut. Die Schauspieler sind wahrscheinlich auch gut, aber ich habe keine Auge dafür; mir fallen nur richtig schlechte auf. Auch das langsame Tempo des Films ist gut. Das entschuldigt aber nicht 2 3/4 Stunden Dauer, eine Dreiviertelstunde hätte man gut streichen können, alles in der zweiten Hälfte des Films. (Konkrete Stellen auf Anfrage.) Ein echter Gewinn ist die elektronische Gefährtin des Helden – ein digitaler Ersatz-Replikant für Leute, die sich keinen echten Replikanten leisten können. Und schon wird die Frage danach, was ein echter Mensch ist, auf digitale Konstrukte erweitert.
Ganz übel ist der Schurke des Films. Ein unverständlich-uninteressanter Plan, eine alberne Frisur, keinerlei Persönlichkeit – wie gut, dass dieser Schurke für den Film dann auch keine Rolle spielt. Seine rechte Hand, eine Killer-Replikantin, schon eher. Aber die Tiefe eines Darth Vader erreicht sie nicht – und so tief, ehrlich gesagt, ist der ja auch nicht, jedenfalls nicht in Star Wars.

Gestört haben mich die Versatzstücke. Zwei verschiedene Organisationen sind hinter dem gleichen Geheimnis her, ich fühlte mich an The Da Vinci Code erinnert. Was ich auch zu oft gesehen habe: Der Held führt die Schurken unwissentlich zu ihrem Ziel, weil sie ihn heimlich beobachten (beide Organisationen). Wie erfrischend ist da der alte Film! Da ist nicht klar, wer eigentlich der Schurke ist, und niemand legt irgendwem heimlich einen Sender ins Gepäck.

Von der Übertragung des Replikanten-Falles auf das Digitale abgesehen (und selbst da: gibt es in der Zukunft keine verschlüsselten Backups?) stellt mir der Film auch keine philosophischen Fragen, die der ältere Film nicht besser gestellt hätte. An eine tragische oder auch nur traurige Szene kann ich mich nicht erinnern – kein Erschießen der flüchtenden Zhora, kein Rutger Hauer. Aber gut: Optisch und akustisch orientiert sich Blade Runner 2049 sehr am alten Film, ansonsten ist er halt ein eigenständiges Produkt. Gut ist, dass wie im alten Film nicht zu viel erklärt wird über die Welt udn manche Fragen offen bleiben.

Ich freue mich darauf, in weiteren 35 Jahren Blade Runner 2084 zu sehen.

Marvel wirft nichts weg (mit Anmerkungen zu Guardians of the Galaxy Vol. 2)

Titelbild Thor 206 Hit-Comics

Marvel-Comics

Marvel wirft nichts weg. Das war vor allem in den 1960er und 1970er Jahren prägend, als Marvel die Superheldencomicszene revolutionierte und den Platzhirsch und Konkurrenten DC alt aussehen ließ. Viele der Merkmale jener Zeit finden sich auch in den Filmen des Marvel Cinematic Universe der letzten neun Jahre.


(Der Autor als jugendlicher Marvel-Fan, ca. 1979, Blogeintrag zum Bild)

Neu bei den Comics war: die Albernheit. Stan Lee begrüßte einen immer wieder mal persönlichg mit seinem Ruf „Excelsior!“; die Autoren und Zeichner und Inker wurden nicht nur genannt, sondern porträtiert und ihre Arbeit erklärt; sie hatten Spitznamen wie Stan the Man Lee, Rascally Roy Thomas; Gene the Dean Colan. Die Geschichten waren nicht abgeschlossen wie bei der Konkurrenz, sondern hatten immer ein wenig Fortsetzungscharakter. Auch die Nummerierung der Hefte war fortlaufend, anders als bei Superman & Co, wo in Deutschland jeder Jahrgang wieder neu bei 1 begann. Die Helden hatten ähnliche Superkräfte wie bei DC, aber weniger Capes, waren fehlerhaft, zankten sich und hatten Alltagsprobleme. Und sie liefen einander ständig über den Weg, das machte die Welt größer.

Ein Beispiel für die Verzahnung der Marvelwelt

Ein Beispiel dafür, wie die Marvelcomic-Welt funktionierte, ist Adam Warlock. Der tauchte zuerst 1967 in einem Heft der Fantastischen Vier auf, geschrieben von Stan Lee:

Titelbild Fantastische Vier 63 Das Heft war der zweite Teil einer spannenden Doppelfolge. Üble Wissenschaftler hatten etwas gebaut, das bald aus einem Kokon schlüpfen würde, das war spannend gemacht. Es gab aber auch Hinweise darauf, dass da nicht das herauskommen würde, was geplant war… kurzum, eine goldene Männergestalt kam heraus, wurde „Him“ genannt, und floh die Erde dann ins All.

Panel aus dem Heft, ein goldener Mann

Titelbild Thor 206 Hit-Comics

Zwei Jahre später tauchte diese Gestalt wieder auf, in einem Heft von Thor (1969), geschrieben ebenfalls von Stan Lee. „Er“ schlüpft wieder aus einem Kokon, diesmal ein Fortbewegungsmittel, diesmal im All, und prügelt sich parzivalesk-naiv-draufgängerisch mit Thor, insgesamt vier Hefte lang.

(Geprügelt wird aber nur ein oder zwei Hefte lang – der Fortsetzungscharakter bei Marvel hieß, dass in einem Heft nur ein erster Hinweis auf einen Handlungsstrang kommt, während der vorhergehende abgeschlossen wird, im nächsten entwickelt er sich dann ein wenig weiter, um erst wieder ein Heft später seinen Höhepunkt zu finden – neben ersten Spuren des nächsten Handlungsstrangs.)

Man weiß immer noch nicht recht etwas anzufangen mit der Figur. Drei Jahre später bekommt sie ein neues Kostüm, ein Juwel auf die Stirn, einen neuen Lebensinhalt und bald auch ein eigenes Heft: Eine andere – ebenso wiederverwerte – Gestalt hat eine zweite Erde geschaffen, auf der „Er“, jetzt Adam Warlock genannt, sich als Christusfigur um die Menschen kümmern muss. Von da an wird die Figur berühmt, und da habe ich sie aus den Augenwinkeln immer wieder mal gesehen (in französischen Comics und in Gastauftritte da und dort), und erst Jahre danach mit der Kokon-Geschichte verbunden.

Das Juwel auf der Stirn, das wohl aus Designgründen entstanden sein dürfte, kriegt später noch ein paar Geschwister und eine Hintergrundgeschichte und eine lange, lange, lange Geschichte danach. Und das Labor mit den Wissenschaftlern, das „Ihn“ erst hervorgebracht hat? Das taucht auch noch einmal auf und produziert eine zweite, weibliche Gestalt, „Her“ genannt, später auch als Ayesha bekannt.

Wie das als Marvelfan früher war

Das Leben als Marvel-Fan war nicht leicht. Anfang der 1980er Jahre wurden die deutschen Hefte nach und nach eingestellt. (Etwas später machte ein neuer Verlag weiter, aber nicht mehr so gut – glänzendes Papier, Maschinensatz, und die Zeit der besten Geschichten war auch schon vorbei.) Die ersten Marvel-Produkte kamen ins Kino und waren… enttäuschend, auch wenn es ohnehin nur Fernsehproduktionen waren, die in Deutschland im Kino liefen. DC, der andere Verlag, brachte nach den erfolgreichen Supermanfilmen auch noch erfolgreiche Batmanfilme heraus.
Um die Jahrtausendwende herum verkaufte Marvel dann, vielleicht frustriert, die Filmrechte für Spider-Man, die X-Men, die Fantastischen Vier. Und zu allseitiger Überraschung wurden diese Filme, zunächst jedenfalls, Erfolge bei Publikum und Kritik. Bis sie dann immer schwächer wurden… da fasste Marvel sich ein Herz und produzierte eigene Filme mit ihren restlichen Helden, angefangen bei Iron Man (2008, hier mein Blogeintrag dazu), und das MCU (Marvel Cinematic Universe) war geboren.

Ich alter Marvelfan kann es immer noch nicht fassen, dass unsere Underdog-Helden jetzt plötzlich bekannt und beliebt sind, und dass wir ihre Abenteuer im Kino sehen können, wieder und wieder und wieder. Und dass diese Abenteuer vom Tonfall her den Comics der 1960er und 1970er Jahren entsprechen, eben jene, die ich damals in der 5. Klasse gelesen habe. Marvels beste Zeit.

Guardians of the Galaxy, Vol. 2 (mit Spoilern)

Der Film hat mir sehr gut gefallen, sogar besser als der erste. Die Eröffnungssequenz ist ganz wunderbar, tolle Action, die strikt im Hintergrund spielt, während vorne ein Teddybäumchen tanzt. Das ist die richtige Schwerpunktsetzung. Die Farben im Film unverhohlen knallbunt, mit bunterem Sternengeflitter am Ende als bei Star Crash (1979). Flotte Musik, lustige Sprüche, rundum gut. Der Film ist zehn Minuten zu lang, eine Szene ist mir zu brutal, und der kleine Groot als Kindersoldat musste auch nicht sein. Trotzdem: Unterhaltsam, leichtfüßig, flott, witzig, menschelnd. Und es gibt einen sehr überraschenden 80er-Jahre-Gastauftritt. Das Alberne, Familiäre, Bunte kenne ich aus den frühen Marvels, ebenso das Melodrama, die gebrochenen Figuren – und weggeworfen wurde auch hier nichts. Groot selber war übrigens ursprünglich ein Standard-Monster in einem Standard-SF-Monstercomic von 1960, noch vor dem Beginn der Marvel-Superheldenzeit.

Was den Marvelfan besonders freute:

  • Howard! Howard the Duck ist ein spezieller Marvelheld. Eine sarkastische Ente aus einem Entenuniversum, die es zu uns verschlagen hat. Die Verfilmung von 1986 gilt als katastrophal; das Entenkostüm darin ist disneyworldhaft-unbeweglich, die erotisch knisternde Szene zwischen Howard und Beverly hat das Publikum ratlos-irritiert zurückgelassen. Ich mag den Film, er hat ein paar schöne Szenen. Unter anderem die mit Howard und Beverly.
    Schon im ersten Guardians ist Howard aufgetaucht, als Sammlungsobjekt, hinter Glas. Diesmal treibt er sich tatsächlich im Hintergrund herum und kriegt ein paar Zeilen Text. Nach all diesen Jahren endlich Respekt für Howard! Marvel wirft nichts weg, auch Howard gehört zur Familie, alles ist verziehen. Easter Eggs sind in allen Filmen lustig, aber bei Marvel zeigen sie außerdem, welche unerwarteten oder zukünftigen Ecken Teil der Marvel-Welt sind.
  • Starhawk! Die kleinen verhaltenen Flügelchen auf dem Kostüm von Sylvester Stallone. Als ich die gesehen habe, habe ich sie selbst in dieser Schwundstufe gleich erkannt: Es gibt in den Comics ein ursprüngliches, älteres Guaedians-Team, zu dem Yondu gehört, und so ein Typ mit diesen Flügelchen, nur eben größer. Die anderen Teammitglieder tauchen dann auch schön im Abspann von Vol. 2 auf.
  • Stan Lee und die Beobachter! Eine Wegwerffigur in einem frühen Abenteuer des Fantastischen Vier war der Beobachter, Uatu. Glatzköpfig, übermenschengroß, in Laken gehüllt – ein Außerirdischer, der sich geschworen hat, nur zu beobachten und nicht einzugreifen. Natürlich taucht er dann immer wieder auf – Marvel wirft nichts weg – und greift in den Comics dann doch ständig ein. Er ist der Erzähler der What-If-Parallelweltgeschichten. (Und später gibt es immer mehr Beobachter, und Hintergrundgeschichten dazu. Weniger bekannt als The Watcher ist ein anderer seiner Art, The Critic: Der beobachtet nicht nur, sondern mäkelt auch am Beobachteten herum, aber ich weiß nicht, wie kanonisch der ist.)
  • Ein Kokon, ein Kokon! Die goldglänzende Gegnerin der Guardians präsentiert im Abspann eine Art Wunderwaffe, und zwar einen Kokon, der genau so aussieht wie bei dem Fantastischen-Vier-Titelbild oben. Und da Warlock ein Erzgegner von Thanos ist, dem künftigen Oberschurken der Avengers-Filmen, und außerdem eng mit den Juwelensteinen verbunden ist, die das Gimmick in den MCU-Filmen sind – deshalb rechnen viele mit dem Erscheinen von Warlock in einem der nächsten Filme. Der Guardians-Regisseur hat das auch schon so angedeutet.
    Andererseits haben wir mit Vision aus Avengers 2 bereits einen pazifistischen Film-Superhelden, der ein unschuldiges Konstrukt in einer ihm fremden Welt ist, und der eines dieser Juwelen an der Stirn trägt… wird da wirklich noch einer kommen? Vielleicht steckt ja doch „Sie“ im Kokon, geschaffen von Ayesha und nach ihr benannt? (Aber ich glaube, der Name Adam fällt.)

Zugegeben: Guardians Vol. 2 ist immer noch nur ein Superheldenfilm. Ich warte noch auf einen solchen, der mehr ist als nur ein guter Superheldenfilm, so wie Blade Runner mehr ist als ein guter Science-Fiction-Film.

Death Race 2000 – Frankensteins Todesrennen

Gestern zufällig auf ein Interview mit Roger Corman vom letzten Herbst gestoßen, das jetzt erst veröffentlicht wurde. Wie schön – ich wusste nicht, dass er noch lebt, aber mit 90 Jahre ist er auch weniger alt, als ich gedacht hätte. Anlass des Interviews war der Film Death Race 2050, der Anfang des Jahres 2017 herauskam, ein Remake von Death Race 2000 (deutsch: Frankensteins Todesrennen) aus dem Jahr 1975, produziert von Roger Corman. (2008 gab es schon mal ein Remake.)

Und just diesen Originalfilm (Regie: Paul Bartel), dessen Titel ich seit frühen Jahren kenne, habe ich vor wenigen Monaten zum ersten Mal gesehen, und er hat mit sehr gut gefallen. Schön fand ich das Sparsame der Produktion. Da ist nichts Überflüssiges daran, keine lyrische Landschaft, kein episches Herumgucken, keine, uh, Schauspielerei, und kein ordentliches Bühnehnbild. Als zum ersten Mal die zentrale der geheimen Widerstandsbewegung gezeigt wurde, meinte Frau Rau: „Das sieht aus wie bei der Probe eines Brechttheaters“, und exakt so sieht es auch wirklich aus.

Die Geschichte: Ein dystopisches USA der nahen Zukunft. Es gibt einen Präsidenten, eine möglicherweise repressive Regierung (aber das wird allenfalls angedeutet), eine Widerstandsbewegung, und das jährliches Toderesrennen, bei dem Fahrer schnellstmöglich durch die USA fahren und dabei außerdem Punkte für überfahrene Passanten erhalten. Dazu überdrehte Medienberichterstattung vom Rennen. Die Fahrer – in der Hauptrolle David Carradine, als Konkurrenz Sylvester Stallone – versuchen einander umzubrinnen; der Widerstand versucht Frankenstein umzubringen; Frankenstein hat eigene Pläne und einen Spion im Auto. Dazu ein paar blanke Busen, mäßig motiviert. Alles ohne schauspielerische Leistung, ohne große Kulissen oder Innenausstattung. Wie schön, dass man früher einfach solche Filme machen konnte!

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Doctor Strange

Endlich gibt’s eine Kollegin, mit der ich über Marvel-Filme fachsimpeln kann. Beide waren wir gestern schon in Doctor Strange, und uns beiden hat der Film gut gefallen. Der Film krankt an den üblichen Marvel-Krankheiten, aber die Schurken und Frauen sind wenigstens einen Tick interessanter als sonst. Cumberbatch als Stephen Strange und Tilda Swinton als Ancient One sind ohnehin toll besetzt. Dazu wie üblich ordentliche Dialoge, Action und Humor, so wie man das von Marvel halt kennt und wie das DC immer noch nicht hinkriegt.

Der eigentliche Star des Films sind aber wohl die Spezialeffekte, und dabei lohnt sich das 3D wirklich mal. Anders als man gelegentlich in Kritiken liest, ist Doctor Strange nicht entstanden vor dem psychedelischen Hippie-Hintergrund der 1960er Jahre.* Immerhin wurde die Gestalt schon 1963 von Steve Ditko, hauptsächlich, erfunden. Die Handlung der ersten Hefte ist wieder von Stan Lee. Und schon ganz am Anfang trieb sich Doctor Strange in fremden Dimensionen herum, noch Dalí-hafter als die Kirby-Kosmen, halb organisch, halb weltraumhaft, und ein bisschen dämonisch. Das war das, war uns an Doctor Strange gefiel, und das hat auch der Film übernommen.

Die hochgelobten Spezialeffekte in der Großstadt, wo sich die Straßen und Gebäude von New York wie ein Verschiebepuzzle gegeneinander drehen: schon beeindruckend, aber letztlich für mich nicht interessant. Die Spezialeffekte in Hong Kong, spoilerfrei: schon besser. Aber richtig gut sind die nicht-irdischen Dimensionen.

Der Film beginnt mit einer Entstehungsgeschichte: Wie aus dem Neurochriurgen der Magier wird. Muss wohl sein, ich brauch’s nicht, mich stört es eher. Zeigt mir erst den Magier, für seinen Hintergrund ist auch später Platz. So hielt man es auch in den Comics. Erst in seinem vierten Abenteuer erfährt man seine Geschichte.
Stattdessen beginnt die allererste Geschichte so, wie ich mir einen Film gewünscht hätte. Ein Klient kommt mit einem okkulten Problem zu Doctor Strange, der rät und hilft, fremde Dimensionen sind dabei, und es geht anders aus, als der Klient sich das erwartet hatte. Ich hätte gerne mehr Alltag gehabt. Warum kann der Zauberer nicht einfach mal die Katze der Nachbarn vom magischen Baum holen? Raymond Chandler hat es in The Long Goodbye ja auch geschafft, eine spannende zusammenhängende Detektivgeschichte zu schreiben und zwischendrin mehrere kleine Vignetten aus dem Alltag eines Detektivs zu packen – angefangen mit dem Klienten, der Marlowe bittet, Mabel zu finden.

Typisch für die Comics waren die dramatisch-hanebüchenen Zaubersprüche, die Strange und seine Gegner benutzten, oft – ganz Stan Lee – heftig alliterierend:

  • „By the Flames of the Faltine!“
  • „By the Sons of Satannish!“
  • „By the Hoary Hosts of Hoggoth!“
  • „By the Ruby Rings of Raggadorr!“
  • „By the Crimson Bands of Cyttorak!“
  • „By the Ageless Vishanti!“
  • „By the Vapors of Valtorr!“
  • „By the Eye of Agamotto!“
  • „By the Images of Ikonn!“

(Zusammenstellung von hier übernommen, wo auch noch mehr. Zuerst gab es die Sprüche, im Lauf der Jahre danach wurde nach und nach geklärt, was das überhaupt für Instanzen waren.)

Gesprochen wirken die Sprüche wohl weniger beeindruckend als bei der Lektüre, und in Actionsequenzen hat man auch keine Zeit dazu, anders als im Medium Comic mit seiner ganz eigenen Zeitgestaltung. Also verstehe ich, dass sie es nicht in den Film geschafft haben.

* Zugegeben, wenn man sich Defenders 6 von 1973 anschaut (Blogeintrag dazu), versteht man das mit den Drogen. Da zündet der Schurke eine Schale jamaikanischen Weihrauch an, worauf er Alpträume bekommt.


Ansonsten haben mich Schüler heute tatsächlich nach der Ackermann-Funktion gefragt, im Wahlunterricht. Das ist ja wie Weihnachten für mich! Ich habe so gründlich Auskunft gegeben, wie ich konnte.

Tschick im Kino; Text Adventures in der Schule

Tschick lese ich ja schon lange gerne als Schullektüre, gestern war ich im Kino und habe mir mit Frau Rau und vielen anderen. Der Film hat mir gut gefallen, die beiden Hauptdarsteller ganz toll. Vermisst habe ich Richard Clayderman, und da bin ich nicht der einzige – ja, die beiden finden die Clayerman-Kassette im Auto und hören sie an, und ja, vielleicht wäre es zu viel gewesen: Die Idee, dass die beiden als einzige Musik auf ihrer Fahrt diesen ihnen völlig fremden und meiner Generation so vertrauten Clayderman haben, ist so genial, dass ich gerne gewusst hätte, wie es wirkt, wenn auch wir immer und immer wieder diesen Clayderman hören. Stattdessen gibt es flotte Road-Movie-Musik, schon gut an und für sich, aber eine durchgehaltene Ballade pour Adeline die ganze Fahrt über, wie eine endlose Blue Note ausgehalten, das hätte ich gerne erlebt.

Herrndorf nennt in einem Interview vergleichbare Bücher, Jugendbücher, mit ähnlichen Motiven, die er als Kind und vor dem Schreiben von Tschick gelesen hatte: Huckleberry Finn, Herr der Fliegen, Pik reist nach Amerika. Was er nicht nennt, und ich bin beim Lesen von Tschick auch nie auf die Idee gekommen, einen Vergleich zu ziehen, ist Stand by Me.

Die Tschick-Verfilmung allerdings, die erinnerte mich sehr daran, er ist einen meiner Lieblingsfilme. Das machte zuerst die Szene, als Maik udn Tschick mit dem Lada über die wacklige Floßbrücke im sumpfigen Wasser fahren. Eine Brücke spielt auch in einer Szene in Stand by Me eine Rolle; und als Tschick dann mit einem Schrei aus dem Wasser kommt, da war ich, kurz vorher schon, ganz bei der anderen Szene, im Sumpf, mit den Blutegeln.

In Stand by Me machen sich mehrere Jugendliche zu einer Queste auf, wenn auch zu Fuß; es geht um Außenseiter und das Dazugehören, um Freundschaft und Vorurteile und Misstrauen, wenn man aus einer Familie von der falschen Seite der Gleise kommt. Beide Filme sind Road Movies, in beiden spielt Musik eine große Rolle, beide sind nicht streng linear erzählt. Und mit der King-Verfilmung kann der Tschick-Film nicht mithalten. Trotzdem: Sehr schöner Film.

— In der Schule spannend, auch wenn ich noch nicht alle Klassen gesehen habe. Besonders interessant wird das Englisch-W-Seminar zu Text-based computer games: Reading, analyzing and creating Interactive Fiction. Da sitzen tolle Leute drin, die aber wohl eher an Englisch interessiert sind als an Computerspielen, und mir genügend Vertrauen entgegenbringen, dass das auch mit diesem komischen Thema etwas werden wird. Dieses Vertrauen möchte ich natürlich nicht enttäuschen. Dabei sind textbasierte Computerspiele schon eher etwas für Nerds und können durchaus etwas sperrig sein am Anfang. Ich werde mir Mühe geben.

Ich bin so cool. (Vorläufiger Blogeintragstitel, muss noch geändert werden.)

Bild aus Film Mad Monster Party

Gestern, spät nachts, schien mir das der richtige Titel für den Blogeintrag zu sein, heute sieht das irgendwie weniger lustig aus. So oder so: Nicht ich bin cool, meine Eltern sind cool. My parents were awesome heißt ein Tumblr/Buchprojekt, und dem kann ich mich nur anschließen.

Anlass dafür war, dass ich Frau Rau gestern den Film Mad Monster Party? zeigen durfte, eine frühe Erinnerung aus meiner Kindheit. Der lief wohl auf Deutsch als Frankensteins Monster-Party, auch wenn ich ihn als Frankensteins Monster-Insel in Erinnerung habe und deshalb wohl immer wieder mal so nenne. Meine Erinnerung ist lückenhaft, aber an das Finale kann ich mich noch gut erinnern. Dabei lief der Film wohl nur einmal im deutschen Fernsehen, 1976, da war ich neun Jahre alt, aber er hat mich sehr geprägt.

Bild aus Film Mad Monster Party

Es ist ein Stop-Motion-Trickfilm in voller Spielfilmlänge. Die Handlung: Baron Frankenstein will seine Rolle als Monster-Anführer aufgeben und sucht einen Nachfolger. Dazu lädt er eine Reihe von Kandidaten zu sich auf seine Insel ein: den Werwolf, die Mumie, Dracula, den Unsichtbaren, Dr. Jekyll, das Monster aus der schwarzen Lagune, der Glöckner. (Zum Großteil mit anderen Namen, um die Rechte für die Verwendung der Originalbezeichnungen nicht erwerben zu müssen.) Frankensteins Monster und dessen Braut sind auch schon da, ebenso wie die Assistentin Francesca und der Zombie-Butler Yetch. Eingeladen wird außerdem Frankensteins Neffe, der sich aber als bürgerlich-brav und furchtsam herausstellt. Ein Kampf um die Nachfolge entbrennt.

Boris von Frankenstein wird gesprochen von Boris Karloff und sieht ihm auch recht ähnlich, und Yetch sieht aus und hört sich an wie Peter Lorre (gesprochen von Allen Swift, der auch sonst einen Großteil der Figuren spricht). Der Film ist durchaus noch ansehbar, er ist zwar etwas langsam, aber dafür kriegt man jede Menge groovy Sechziger-Jahre-Sound. Auf Deutsch habe ich den Film leider nirgendwo gefunden, aber bei Youtube findet man ihn da und dort auf Englisch in ganzer Länge.

Für mich als Neunjährigen war der Film eine Offenbarung. Dabei kannte ich die alten Universal-Filme sehr wahrscheinlich noch gar nicht, war dadurch aber bestens präpariert für eben jene Wolfman, Dracula, Frankenstein, Mummy, die ich wenige Jahre danach kennenlernen oder eher: wiedersehen würde.

(Bei den Film-Credits gestern sah ich den Namen Jack Davis, und sag noch: ach, da gab’s mal einen Zeichner für die Horrorcomics von EC und bei Mad Magazine, der hieß genauso. Stellt sich heraus, ja, genau der Jack Davis hat die Puppen entworfen – und ist vor einer Woche gestorben, hochbetagt; daher hatte Frau Rau den Namen auch schon mal gehört. Harvey Kurtzman – auch Mad Magazine – hat am Drehbuch mitgearbeitet, Forrest Ackerman laut imdb auch, Frank Frazetta hat die Poster entworfen. Tse.)


Warum ich den Film halbwegs kannte, obwohl er eben nur einmal 1976 im deutschen Fernsehen lief (in den USA ist er ein gutes Stück bekannter): Wir hatten damals schon einen Videorekorder. Betamax gab es zwar erst seit 1978 in Deutschland, seit 1975 in den USA. Aber wir hatten einen Videorekorder schon seit wohl 1973, und zwar das VCR-System von Grundig/Philips (Wikipedia), das es seit 1971 gab – lange vor Betamax, VHS, Video 2000, ein heute ganz vergessenes System. Auf eine solche Kassette passte damals nur eine knappe Stunde; aber man konnte – wenn ich mich richtig erinnere – beide Seiten bespielen. Nahm man einen Film aus dem Fernsehen auf, fehlten also immer ein paar Minuten in der Mitte, weil man da schnell die Kassette wechseln oder umdrehen musste. Die Kassetten waren drei, vier Zentimeter hoch, und ansonsten eher quadratisch, etwas größer als CD-Hüllen.

Und so ein Videorekorder war toll, fast wie ein privates Youtube in einer Welt ohne Youtube. Wenn einem ein Film gefiel, konnte man ihn einfach ein paar Wochen später noch einmal anschauen!

Ich durfte zusammen mit meinem Zwillingsbruder fast alles sehen, was ich wollte, hielt mich aber auch an die erlaubten, sehr großzügigen Fernsehzeiten. Schon sehr bald hatten wir einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer (das Kabel zu Antenne und Videorekorder durch die Wand geführt), da gab es noch keine Fernsteuerungen und nur 6 Sender (ARD, ZDF, Bayern, Schweiz, zweimal Österreich). Für manche Kinder wäre das vielleicht schlecht gewesen, für uns war es genau richtig. Ich las ohnehin immer viel, mein Bruder war oft draußen spielen, wir verbrachten also keinesfalls all unsere Zeit vor dem Fernseher. Aber wir erwarben eine solide Grundbildung an Monsterfilmen und Hollywood-Musicals, und dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar.

Ant-Man (2015)

Vorspann

ant-man_2015Ich weiß, ich höre mich an wie der eine, der mir mal auf einer Party den Unterschied zwischen Techno und Electronic Body Movement erklärt hat, oder wie Bob aus Bob’s Country Bunker, bei dem es großzügig beides gibt: Country und Western – aber auch bei Superheldenfilmen gibt es Unterschiede.

Sind die Filme düster und die Namen der Superhelden zusammengeschrieben (Superman, Batman), basiert der Film auf Comics des Verlags DC. Über die reden wir gar nicht, obwohl die sicher auch ihren Platz irgendwo haben mögen. Und dann gibt es die Filme, bei denen die Superhelden einen Bindestrich haben oder mit einem Leerzeichen geschrieben werden: Spider-Man, Ant-Man, Iron Man, Captain America, X-Men. (Thor und Hulk fallen wegen Kürze heraus.) Diese Filme basieren auf Comics des Verlags Marvel. Das sind historisch die Guten, jedenfalls von den 1960ern bis vielleicht Ende der 1980er Jahre, danach verschwimmen die Unterschiede. Allerdings werden die Filme von drei verschiedenen Gruppen produziert, obwohl natürlich auf allen „Marvel“ steht: Die Rechte für Spider-Man liegen bei Sony, und nach einem guten Anfang sind die letzten Filme enttäuschend. Die Rechte für X-Men und Fantastic Four liegen bei Fox, und während die X-Men-Filme ganz okay sind und man Fox dankbar dafür sein muss, dass sie die Superhelden-Welle damit losgetreten haben (und Sony dafür, ihren ersten Höhepunkt produziert zu haben), sind die Fantastic-Four-Filme durch die Bank …unbeliebt. (Hier eine Reihe Verrisse des aktuellen.)

Und dann gibt es die von Marvel (inzwischen zu Disney gehörend) selbst produzierten Filme: Das sind die guten Filme. Das fing 2008 an mit Iron Man (Blogeintrag) und hat noch nicht aufgehört. Der letzte Film aus diesem Haus ist nun eben Ant-Man.

Kurzfassung: Hat mir gut gefallen.

Das Eigentliche zum Film

Der Film ist eine Nummer kleiner als die letzten Riesenschlachten aus dem Haus Marvel, und das war überfällig. Ich möchte nicht nur bombastische Superheldenfilme, sondern Superheldenkomödien und Superheldenkrimis. Diesmal geht es letztlich um einen Einbruchdiebstahl bei einem Hi-Tech-Schurken. Vater, Tochter und Quasi-Adoptivsohn planen das ganze in einem zwar sehr gediegenen, aber trotzdem eher hausbackenen Wohnzimmer. Danach stößt ein Unterstützungsteam von drei Assistenten dazu, die nicht gerade den kompetentesten Eindruck machen: das sind übrigens sehr schöne Nebenfiguren. Dass sie sich dann als erstaunlich fähig erweisen: geschenkt, ebenso wie das schnelle Training des Helden, die fehlende – von mir auch nicht vermisste – Erklärung für die Technik der Kommunikation mit Ameisen. Auch sonst war mir nicht immer klar, warum etwas genau so und nicht anders gemacht werden musste, aber das ist halt bei Einbruchdiebstahlsfilmen so.

Pluspunkte:

  • Relativ viel Zeit wird auf das Training mit den Ameisen und dem schrumpfenden Kampfanzug verwendet, mehr als bei den anderen Filmen. Thor haut mit dem Hammer drauf, Captain America wirft ein Schild, Iron Man ist eine Panzerrakete, das bedarf wenig Erklärung. Aber was man für Tricks anwenden kann, wenn man die Größe ändern kann, das erfordert etwas mehr Erklärung, und die kriegen wir auch.
  • Im Zusammenhang damit macht auch zum ersten Mal 3D tatsächlich für mich Sinn. Es gibt oft etwas Ameisengroßes zentral im Bild vor reichlich Hintergrund. Da kommt das 3D gut.
  • Im Original ansehen: Da gibt es ein paar Schwerze mit lippensychronem Off-Erzähler, die in der Übersetzung nicht so gut funktionieren könnten.
  • Das Verhältnis von Held und Schurke ist ähnlich wie in Iron Man: Ein Erfinder erfindet eine Rüstung, gibt sie aber nicht her; sein Freund-Konkurrent stiehlt ihm Firma und baut seine eigene Rüstung. Aber hier ist das besser motiviert, und der Held ist zweigeteilt: Der Erfinder, Hank Pym (Michael Douglas) war in den späten 1980er Jahren aktiv, sein Nachfolger-Konkurrent-Ziehsohn baut die Erfindungen von damals nachb, und der andere Held ist Scott Lang (Paul Rudd), im Kostüm des alten.
  • Humor. Kennt man von Marvel. Der Regisseur Peyton Reed hat mir davor schon bei Down with Love gefallen. Klar kann man sich fragen, was aus dem Film geworden wäre, wenn Edgar Wright bei dem Projekt geblieben wäre – der von Shaun of the Dead und so weiter. Vielleicht noch etwas Besseres, ja.
  • The Quantum realm: Wenn man ganz arg schrumpft, kommt man in einen merkwürdigen Bereich. Es wird gemunkelt, dass Doctor Strange (mit Benedict Cumberbatch) darauf zurückgreifen wird. Das sah zwar nicht unbedingt nach den gezeichneten magischen Welten von Steve Ditko aus (der Doctor Strange gezeichnet hat), sondern eher nach einem Kosmos von Jacky Kirby – wo sich die Fantastischen Vier üblicherweise herumtreiben. Mal schauen, ob noch etwas daraus wird.

Minuspunkte:

  • Sollen wir tatsächlich einmal wegen einer toten Ameise eine Träne vergießen? Die Szene ist dankenswert sehr kurz, aber dann hätte man sie bitte gleich weglassen können – oder das Verhältnis Mensch-Ameise genauer untersuchen sollen.
  • Die Frauenrollen. Eher: Rolle. Es gibt von einem Gastauftritt abgesehen nur eine. Die (Evangeline Lilly) ist an sich eine sehr gute Figur. Aber auch sie muss am Schluss den Helden küssen. Das war mir nicht motiviert genug.

Historisches:

  • In den Comics ist der ursprüngliche Ant-Man Hank Pym. Ich kann verstehen, dass sie den nicht als Held genommen haben. Er hat lange keine besondere Identität – aber er war ja auch nicht als Superheld geboren: Januar 1962 erschien eine einzelne Geschichte in Tales to Astonish #27, das damals nichts mit Superhelden am Hut hatte, denn Marvel fing just da an damit, sie wiederzuerwecken. In dieser Geschichte ging es um einen Wissenschaftler, der ein Schrumpfserum an sich testet und mit Mühe und Not aus einem Ameisenhügel entkommt. Geschichten dieser Art, um letztlich austauschbare Wissenschaftler und die Folgen ihrer unbedachten Experimente gab es zuhauf. Aber diesmal war die Figur besonders beliebt und durfte ein paar Monate später noch einmal Abenteuer erleben, diesmal mit einem Kostüm: Ant-Man. (Man bemerke den Bindestrich.) Weil der immer noch eher blass war, bekam er bald eine Partnerin, die Wespe, mit mehr Persönlichkeit.
    Erst später entwickelte Ant-Man/Hank Pyn dann eine Persönlichkeit, oder sogar mehrere davon: Erst wurde er Giant-Man, dann Goliath, dann wurde er in einer psychotischen Phase zum schurkenhaften Yellowjacket.
    Sein Nachfolger, Scott Lang, brachte genug Hintergrund für einen Film mit: Ehemaliger Straftäter, alleinlebend, geliebte kleine Tochter.

Avengers: Age of Ultron

(Mit Spoilern, aber nichts, was man nicht schon im Trailern und auf Fotos gesehen hat.)

Der Film hat mir gut gefallen, sogar besser als der erste. Allerdings wundere ich mich, warum so viele Leute ohne meine Comic-Vergangenheit in diese Filme gehen. Gibt es für die einen Unterschied zwischen Marvel-Superheldenfilmen und anderen Action-Serien? Leider sind die Superheldenfilme alles Action-Filme. Ein bisschen Action muss natürlich sein, und Disney weiß schon, was sie machen – sie stecken sehr viel Geld in einen Film mit sehr viel Krachbumm, und kriegen dafür noch mehr sehr viel Geld heraus, also halte ich mich da heraus. Aber für mich hätte ich gerne die Regel: Jeder SUperhelden darf in zwei Kämpfe pro Film verwickelt werden, aber nicht mehr. Dafür muss nicht jeder bei jedem Kampf dabei sein. (Ich habe ganze X-Men-Hefte, bei dem kein einziges Mal Wolverines Krallen zu sehen sind!) Den Rest füllt man mit dem, was Marvel ausmacht: Soap Opera, Humor, Drama.

Und davon war in diesem Avengers-Film wenigstens auch viel drin. Die schönsten Szenen waren die Szenen ohne Kampf: Wettstreit der Machos, Party, Flirten, Recherchieren, leider keine Auseinandersetzung mit den Medien. Die Schauspieler waren fast alle sehr gut, oder hervorragend besetzt, ich weiß den Unterschied nicht. Downey, Ruffalo, Evans, Johansson, Renner, auch Hemsworth und Taylor-Johnson: toll. Die anderen sind mir weniger aufgefallen. Sehr viel nebenbei und ökonomisch erzählt, ich habe gar nicht alles mitgekriegt, wie ich im Gespräch danach erfahren habe; nächste Woche werde ich den Film noch einmal mit Freunden ansehen. Bestes Kostüm: Bruce Banners Trainingsanzug.

Für alte Marvel-Zombies wie mich war auch viel schönes dabei: Wakanda wird erwähnt, und eine schöne Version von Ulysses Klaw war dabei. (Black Panther wird einer der nächsten Marvel-Verfilmungen sein.) Die alte Garde der Rächer tritt ab und wird durch die neue ersetzt, wie im klassischen Heft Nr. 16:

avengers_16

avengers_57_1 Aber die Menschenmenge, der Kontakt mit den normalen Menschen, der fehlt leider. Dafür ist Vision drin, ähnlich wie in Heft 57.
Bei den Comics hat ja auch das angefangen, was ich an Bildung habe. Die letzte Seite in diesem Heft (Autor: „Rascally“ Roy Thomas, Zeichner: „Big“ John Buscema) zeigt das Schicksal, das Ultron am Ende erleidet:

avengers_57_2

Generationen von Marvel Zombies haben hier Shelley kennengelernt und nicht im Englischunterricht.

In den Comics ist nicht das Technikgenie Tony Stark für die Erschaffung Ultrons verantwortlich, sondern das Technikgenie Hank Pym. Weil die vielen Genies etwas schwer auseinanderzuhalten sind, und es gibt ja auch noch ein paar mehr davon, hat man das mit Ultron dem Stark zugeschoben, aus zwei Figuren quasi eine gemacht, Problem elegant gelöst.
Etwas Ähnliches, glaube ich, geschieht auch mit Vision. Auch im Comic ist diese Figur von Ultron als Instrument des Bösen geschaffen, wird aber doch einer der Guten. Vision hat ein Juwel an der Stirn, technisch natürlich aus irgendwelchen Gründen, aber tatsächlich deshalb, weil das zum Design gehört. Im Film ist die Figur weitgehend aus dem Comic übernommen; das Juwel in der Stirn ist hier allerdings einer der vom Oberschurken so begehrten Infinity Stones. Und auch die Quasi-Geburt von Vision, das Schlüpfen aus dem Kokon, ist nur im Film so ausführlich dargestellt. Ganz so neugeboren-sündenfrei wie im Film ist Vision im Comic nicht, auch wenn der dort ebenfalls friedlich und introspektiv ist. Bei Kokon denkt man eher an diese Szene aus Fantastic Four Nr. 67:

avengers_ff_67

Was da aus dem Kokon schlüpft, wird sich erst Jahre später herausstellen. Und im Comic wird diese Figur einen der Infinity Stones an der Stirn tragen. Ich kann mir in den nächsten Avengers-Filmen nicht zwei Figuren mit so einem Juwel vorstellen.

Wem all das nichts sagt, der kann das leider nicht nachholen. Das ist wie die Mondlandung: verpasst ist verpasst. (Ich war 1968 vor dem Fernseher.) Ansonsten kann ich die Marvel University anbieten, auf die mich Bernie Kübler hingewiesen hat. Die gelehrten Herren und Damen dort stellen chronologisch alle Hefte vor, die Marvel herausgebracht hat – von November 1961 (das erste Heft der Fantastischen Vier) bis Dezember 1979. Im Moment sind sie allerdings schon im Jahr 1976, ich habe in den letzten Tagen von hinten bis vorne alle Seiten überflogen, viele auch gelesen. Es sind dann doch nicht alle Marvel-Comics detailliert besprochen – die Romance-Serien, die unzähligen Western, die Gruselhefte sind nur angeschnitten. Zu allen anderen Heften gibt es Inhaltsangaben und Kommentare. Ach, wie das das Herz erfreut! Die wichtigsten Serien der 1960er Jahre habe ich als Kind gelesen, die der 1970er Jahre dann erst später, aber gelesen habe ich sie, und auf meine bescheidene kleien Weise kann ich fachsimpeln.