Letzte Schulwoche, Weihnachten 2018

In der letzten Schulwoche fiel ein Referat in der Q11 aus. Ich mache gerade eine kleine Runde amerikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts, auch anhand von Liedern – Strange Fruit; Buddy, can you spare a dime; Ten cents a dance – und da füllte ich vor Weihnachten die fehlenden dreißig Minuten mit einem thematisch passenden Film. Erst hielt ich die DVD zu O Brother, Where Art Thou? hoch und erklärte den leuchtenden Kinderaugen, dass wir das heute nicht ansehen würden. Sondern dafür einen anderen Film, schwarzweiß, von 1941, sie sollten sich also darauf einstellen.

Der andere Film war Sullivan’s Travels, über den ich hier vor zehn Jahren kurz etwas geschrieben habe, und von dem die Coen-Brüder den Titel ihres Films entliehen haben. Regie und Drehbuch: Preston Sturges, IMDB nennt als assistant writer (uncredited) auch Ernst Laemmle, einen Neffen von Universal-Gründer Carl Laemmle. Gestern war ich in der
Sonderausstellung „‚Ehem. jüdischer Besitz‘ – Erwerbungen des Münchner Stadtmuseums im Nationalsozialismus“ und stieß dort auf die Münchner Lämmle-Familie, die nach und nach entrechtet und enteignet wurde und von denen Carl Laemmle vielen zur Emigration in die USA verhalf (wie vielen anderen auch). Es ist halt nicht so lange her und nicht so ferne Vergangenheit.

Sullivan’s Travels ist ein Meisterstück. Die Komödie beginnt mit aufgeregter Musik und einer ausführlichen Faustkampfszene auf einem fahrenden Zug, an deren Ende die beiden Kämpfer in tödlicher Umklammerung in einen Fluss stürzen, worauf „The End“ eingeblendet wird. Schnitt auf eine kleine Zuschauergruppe im Vorführraum, ein Mensch interpretiert begeistert: „Das Kapital und die Arbeit zerstören einander!“, und genau so einen Film möchte er – der erfolgreiche Komödienregisseur John L. Sullivan – in Zukunft auch machen, einen Film mit Moralischer und Gesellschaftlicher Bedeutung. Und dieser Film soll eben O Brother, Where Art Thou heißen: Ein ernsthafter Film über die Armen und Unterdrückten.

Weil Sullivan aber keine Erfahrung im Armsein hat, zieht er als Landstreicher los, verfolgt von einem Tross Pressesprecher und Journalisten. Die schüttelt er bald ab und erlebt danach in Tonfall und Ernsthaftigkeit sehr unterschiedliche Abenteuer.

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Ich hatte ja befürchtet, dass der Film für den heutigen Geschmack zu langsam sein würde. Pustekuchen. Es gibt theaterhafte Szenen voller schneller Dialoge, rasante Slapstickeinlagen, langsames Kennenlernen von Held und Heldin, lange, stille Szenen – man muss schauen, dass man mitkommt, weil das von den gewohnten Erzählmustern im Film abweicht.

– Mit der 7. Klassen spielten wir am letzten Schultag vor den Ferien (an dem kein Unterricht mehr stattfindet, sondern nur Gottesdienst und Kuscheln und Früheraus) das „Alle, die wo“-Spiel. Man sitzt im Kreis, einer steht in der Mitte. Der oder die sagt dann „Alle, die wo…“ zum Beispiel: „…eine Brille tragen“, und alle die müssen aufspringen und sich einen neuen Sitzplatz suchen. Zwischendrin sucht sich auch der in der Mitte einen frei gewordenen Platz, so dass am Ende wieder jemand anderes in der Mitte steht.

Der Reiz am Spiel sind natürlich die Fragen. „Alle die wo schon einmal besoffen waren“, „Alle die schon mal einen perversen Film gesehen haben“.
(Beim Wichteln wird unter den Mädchen übrigens Kosmetik verschenkt. Das wusste ich so noch nicht.)

– Weihnachten gab es dann viele Familienbesuche, dazwischen machte ich eine Entenpastete nach diesem Rezept. Das ist nicht gar so aufwendig, wie es klingt, und schon wohl eher ein Einsteigermodell ins Pastetenmachen, aber auch diese Pastete gelang mir erst jetzt einigermaßen brauchbar. Ich hatte es vor anderthalb Jahren schon einmal versucht. Der Trick: Man braucht eine auseinandernehmbare Pastetenform und eine Anleitung, wie man den Teig ordentlich in die Form kriegt. (Ordentlich abmessen, Ecken nicht abschneiden, leicht bemehlen, zusammenlegen und in die Form legen – und dort wieder auseinanderbauen.)


(Bilder großteils von Frau Rau.)

– Und eben habe ich drei kurze Bücher gelesen, nämlich:

  • Shauna Tan, The Arrival: Eine Graphic Novel ganz ohne Text, nur mit Zeichnungen erzählt, um Immigration und Fremdheit und Vertrautheit. Ein Mann aus einer uns vertraut erscheinenden westlichen Kultur emigriert arbeitssuchend in eine vage an ein fantastisches New York um 1900 erinnernde Stadt, die für ihn wie für den Leser fremd und exotisch und erst einmal unerklärt ist. Maschinen und Tiere sehen märchenhaft und zutiefst unvertraut aus. EMpfehlung meiner Nichte, die das als Schullektüre in der 7. Klasse gelesen hat. Respekt.
  • Birte Alber/Carsten Cording, Eichhörnchen entdecken! Alles über Eichhörnchen am Balkon, und ich bin ja Eichhörnchenbeobachter.
  • Miriam und Ezra Elia, Wir gehen in eine Ausstellung. Ein Mistkäfer-Buch, von denen es inzwischen wohl schon vier gibt, angelehnt an die Ladybird-Serie von Penguin Books, vergleichbar den Conny-Büchern bei uns. Nur eben mehr für Erwachsene. Mutti, John und Susan gehen in eine Ausstellung; neben den Illustrationen im 1970er-Jahre-Stil steht in freundlich runden serifenlosen Buchstaben der Text:

    „In dem Raum ist nichts, weil Gott tot ist“, sagt Mutti.
    „Oje“, sagt John.

    „Ich konnte keine Künstlerin werden, weil ich euch bekommen habe“, sagt Mutti.

Ach ja, noch als Nachtrag: Bei Amazon.de sind über 20.000 nahezu identische Titel lieferbar, wenn man nach „All-Inclusive Self-Assessment“ sucht. Blah-Text für 69 Euro, der sich nur in dem einen Computerschlagwort des Titels unterscheidet. Darauf gekommen bin ich auf der Suche nach dem Buch IBM and the Holocaust, die dann eben auch zu folgendem automatisch generierten Band führt: IBM and the Holocaust All-Inclusive Self-Assessment – More than 720 Success Criteria, Instant Visual Insights, Comprehensive Spreadsheet Dashboard, Auto-Prioritized for Quick Results. Ich nehme mal an, diese angeblichen CD-ROMs gibt es nicht einmal zu kaufen, sondern sie dienen nur als Spam von irgendeiner Art? Spammen sich die Systeme gegenseitig zu, um Eindruck zu machen?

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