Blade Runner 2049

By | 7.10.2017

Ich weiß noch, wie ich Blade Runner zum ersten Mal gesehen habe. Das war Ende Oktober 1982 auf meinem ersten Con, drei oder vier Tage in einem Jugendzentrum. Der Hauptsaal war mit Alufolie abgedunkelt, man schlief in Schlafsäcken, irgendwo; im Keller gab es Rollenspiele und grausliche Horrorfilme auf Schmalfilm, und in einem Nebenraum liefen rund um die Uhr Filme auf einem kleinen Fernseher. Da waren dann immer so zehn, zwnazig Leute versammelt und schauten Filme. VHS-Videokassetten, Raubkopien, Blues Brothers war dabei, Galaxina, die zwei Star-Wars-Filme rauf und runter, aber die kannte ich ja schon zu genüge. Und eben auch Blade Runner. Der war erst zwei Wochen zuvor in Deutschland angelaufen, eine Gruppe von Conbesuchern sah ihn auch im Kino, teilweise voll kostümiert – Jahre bevor das „Cosplay“ hieß.

Nicht von allen Filmen habe ich gleich viel mitbekommen, auch weil ich, uh, am Rummachen mit einem Mädchen war. Von Blade Runner hatte ich viel gehört und viel gelesen, in Fanzines, im Cinema-Magazin, aber der Film war mir zu langsam und ich war sicher unaufmerksam. Deshalb war es wahrscheinlich nicht dieser Con, auf dem mich der Film begeisterte. Aber im Jahr darauf gab es den nächsten Con, und im Jahr darauf den nächsten, und in den Jahren darauf mehrere Conbesuche pro Jahr – genug: noch bevor ich zwanzig war hatte ich den Film oft gesehen, und viele Stellen daraus waren geflügelte Worte in unserer Spielerrunde geworden.

Deshalb habe ich auch ein Herz für die ursprüngliche Fassung und ziehe sie dem Director’s Cut vor. Die Einhorn-Traumsequenz in dieser bringt mir nichts, und ja, das grüne Ende ist ebenso aufgesetzt wie das am Ende von Kafkas „Verwandlung“ – aber das Voice-Over mochte und mag ich. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits ein Kenner oder zumindest Freund des Film noir, und da passt so ein Sprecher natürlich wunderbar hin. Außerdem habe ich dabei das Wort „Sushi“ kennengelernt.

Dass der erste Blade Runner ein stilprägender und wichtiger Film ist, will ich hier nicht erklären; Musik und Design sind ohne Zweifel hervorragend; die gezeigte Welt ist es ebenso. Handlung und Dialoge sind sehr gut, auch keine Frage. Das Tempo des Films ist manchen zu langsam, ich mag die langen Einstellungen aber, und sie werden ja immer wieder unterbrochen durch schneller geschnittene Szenen. Die Schauspieler… Harrison Ford finde ich schlecht, aber das ist mir erst später beim englischen Original aufgefallen und nie in der deutschen Version meiner Jugend. Rutger Hauer, Daryl Hannah, Sean Young, Edward James Olmos, auch die Nebenrollen: alle sehr gut besetzt.

Der definitive Artikel zu Blade Runner ist für mich übrigens dieser hier zu der im verwendeten Typographie: http://typesetinthefuture.com/2016/06/19/bladerunner/

— Auf die Quasi-Fortsetzung Blade Runner 2049 war ich mäßig gespannt, habe sie aber doch baldmöglichst mit Frau Rau angeschaut. Fazit: Ja, schon gut. Gerade im Vergleich zu dem, was man sonst als Großproduktionen sieht, die geschätzten Marvel-Filme eingeschlossen, ist der Film eine Wohltat. Einen Film wie diesen habe ich lamnge nicht gesehen, er erinnert mich an die ambitionierten Science-Fiction-Filme der 1970er Jahre.

Aber im Vergleich zu Blade Runner fallen mir dann doch eher die Vorteile des älteren Films auf. Gibt es zitierfähige Stellen im neuen Film? Oder ist das Konzept ohnehin veraltet, haben Filme heute eine zu geringe Halbwertszeit, als dass Zeilen darauf Klassiker werden können? Rutger Hauers Monolog im älteren Film ist berühmt; aber ich kann viele andere Stellen nachsprechen, und bin nicht der einzige – in Überschriften zu Artikeln zum neuen Film tauchen immer wieder Zitate aus dem alten Film auf: „Polizei-Männer“, „Wenn du mit deinen Augen gesehen hättest, was ich mit deinen Augen gesehen habe“, „Zeig mir, woraus du gemacht bist“, „das Licht, das doppelt so hell brennt, brennt eben nur halb so lang“, „Ein Jammer, dass sie nicht leben wird… aber egal – wer tut das schon?“

Sehr gut am neuen Film sind Musik und Design und die Welt, die der Film aufbaut. Die Schauspieler sind wahrscheinlich auch gut, aber ich habe keine Auge dafür; mir fallen nur richtig schlechte auf. Auch das langsame Tempo des Films ist gut. Das entschuldigt aber nicht 2 3/4 Stunden Dauer, eine Dreiviertelstunde hätte man gut streichen können, alles in der zweiten Hälfte des Films. (Konkrete Stellen auf Anfrage.) Ein echter Gewinn ist die elektronische Gefährtin des Helden – ein digitaler Ersatz-Replikant für Leute, die sich keinen echten Replikanten leisten können. Und schon wird die Frage danach, was ein echter Mensch ist, auf digitale Konstrukte erweitert.
Ganz übel ist der Schurke des Films. Ein unverständlich-uninteressanter Plan, eine alberne Frisur, keinerlei Persönlichkeit – wie gut, dass dieser Schurke für den Film dann auch keine Rolle spielt. Seine rechte Hand, eine Killer-Replikantin, schon eher. Aber die Tiefe eines Darth Vader erreicht sie nicht – und so tief, ehrlich gesagt, ist der ja auch nicht, jedenfalls nicht in Star Wars.

Gestört haben mich die Versatzstücke. Zwei verschiedene Organisationen sind hinter dem gleichen Geheimnis her, ich fühlte mich an The Da Vinci Code erinnert. Was ich auch zu oft gesehen habe: Der Held führt die Schurken unwissentlich zu ihrem Ziel, weil sie ihn heimlich beobachten (beide Organisationen). Wie erfrischend ist da der alte Film! Da ist nicht klar, wer eigentlich der Schurke ist, und niemand legt irgendwem heimlich einen Sender ins Gepäck.

Von der Übertragung des Replikanten-Falles auf das Digitale abgesehen (und selbst da: gibt es in der Zukunft keine verschlüsselten Backups?) stellt mir der Film auch keine philosophischen Fragen, die der ältere Film nicht besser gestellt hätte. An eine tragische oder auch nur traurige Szene kann ich mich nicht erinnern – kein Erschießen der flüchtenden Zhora, kein Rutger Hauer. Aber gut: Optisch und akustisch orientiert sich Blade Runner 2049 sehr am alten Film, ansonsten ist er halt ein eigenständiges Produkt. Gut ist, dass wie im alten Film nicht zu viel erklärt wird über die Welt udn manche Fragen offen bleiben.

Ich freue mich darauf, in weiteren 35 Jahren Blade Runner 2084 zu sehen.

5 thoughts on “Blade Runner 2049

  1. Shy

    Wieso ist Harrison Ford Ihrer Meinung nach schlecht?

  2. Herr Rau Post author

    Ich bin mir nicht sicher, dass er generell schlecht ist, will das aber auch nicht ausschließen. Er ist mir sehr sympatisch, ich kenne ihn seit American Graffiti, das war noch vor Star Wars. Wenn der den Cowboy spielt (Indiana Jones, Star Wars, selbst die Nebenrolle in American Graffiti) macht er das gut, und seine späteren Filme kenne ich nicht. In Blade Runner ist er jedenfalls hölzern und klingt oft so, als ob er seine eigene Sätze nicht glaubt. Wie gesagt, das fiel mir nur in der englischen Version auf, nicht in der deutschen.

    (Das ist vielleicht eine Minderheitenmeinung, jedenfalls höre ich nicht viel zu ihm in Blade Runner, weder Positives noch Negatives. Und meist fallen mir schlechte Schauspieler ebenso wenig auf wie gute, aber da eben schon.)

  3. Aginor

    Ich mag Blade Runner auch. Den neuen Film habe ich noch nicht gesehen.

    Mich würde eine vergleichende Kritik mit der Romanvorlage sehr interessieren, denn ich fand der Film fängt zwar die Atmosphäre recht gut ein, geht dann aber dramaturgisch andere – stellenweise bessere – Wege. Das Buch gefiel mir sehr gut, und ich glaube es ist tatsächlich besser wenn man den Film schon kennt weil man dann eine sehr gute, wie ich finde atmosphärisch passende, visuelle Vorstellung hat. Es bleibt lediglich in Action und Emotionalität hinter dem Film zurück, meine ich mich zu erinnern. Ist auch schon einige Jahre her…

    Vom gleichen Autor (Philip K. Dick) stammen ja auch unter Anderem die Vorlagen zu Minority Report und Total Recall. Interessant dass den – zumindest in meinem Bekanntenkreis – gar nicht so viele Leute kennen.

    Harrison Ford… hmmm…. als Cowboy…. hmmm…. Cowboys & Aliens!!
    Ein ähhh.. nicht ganz hochwertiger sagen wir mal, aber – für mich zumindest – echt unterhaltsamer Film in dem Harrison Ford auch wie ich finde sehr typisch und wenig hölzern wirkt. In Blade Runner (englisch wie deutsch) fand ich ihn allerdings auch erträglich. Auch wenn er neben den irre guten Nebenrollen etwas verblasst.

    Gruß
    Aginor

  4. Herr Rau Post author

    Das Buch habe ich vor dreißig Jahren gelesen, also nach dem Film, und vor einem halben Jahr noch einmal. Es hat sich gut gehalten. Der Film hat Elemente des film noir, die das Buch nicht hat, und er hat Rutger Hauer. Das Buch hat dafür eine noch reichere Welt – mt der Religion des Mercerismus, mit den allgegenwärtigen oder eben allüberallfehlenden Tieren; Deckard hat eine Frau, die eine wichtige Rolle spielt. Im Buch ist Deckard auch Teil einer Welt (hat Nachbar, Kollegen), auch wenn er mit dieser mehr und mehr unzufrieden ist; im Film ist er von Anfang an ein isolierter Einzelgänger. Im Buch gibt es eine typische Dick’sche Szene, wo die Welt um den Helden zusammenzubrechen scheint, wo er sich nicht mehr auf Erinnerungen und Erkenntnisse verlassen kann, viel mehr als im Film, wo künstliche Erinnerungen nur angedeutet werden.

    Ich habe einige Bücher und etliche Kurzgeschichten von Dick gelesen. Und Minority Report und Total Recall, auch wenn sich beide weit von den kurzen Vorlagen entfernen, merkt man den Dick noch mehr an als Blade Runner. Realitätsverlust, das ist für mich typisch Dick.

  5. Aginor

    Oh stimmt da sind noch einige Elemente mehr drin die ich tatsächlich vergessen hatte.
    …muss das mal wieder lesen…

    Danke für den Beitrag!

    Gruß
    Aginor

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