Abbé Augustin Barruel, Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus, Band 3 (Teil 1)

By | 16.10.2017

1. Vorrede
2. Zur Geschichte der Illuminaten (aus Wikipedia abgeschrieben)
3. Endlich, das Buch
3.1 Aufbau der Illuminaten
3.2 Ziele der Illuminaten
3.3 Methoden der Illuminaten
4. Aufklärung und Hokuspokus

1. Vorrede

Anfang des Jahres habe ich, auch wegen eines allgemeinen Interesses an Verschwörungstheorien, Umberto Ecos Das Foucaultsche Pendel wiedergelesen. Damals hatte ich mir auch ein Buch notiert, das dort sozusagen als Urvater der Verschwörungstheorien angeführt wird: Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus von Abbé Barruel.

Die Jakobiner waren ein politischer Klub während der französischen Revolution, von denen es damals etliche gab. Sie waren politisch links, für die Abschaffung der Monarchie, von Rousseau beeinflusst; ihren Namen haben sie von ihrem Klubhaus (jeder Klub braucht so etwas), einem – ehemaligen – Jakobinerkloster in Paris. Jakobiner, so heißen in Frankreich die Dominikaner; und in Verschwörungskreisen geht der Name des Klubs natürlich auf anderes zurück:

Historische Analysen sehen hinter der Auswahl des Jakobiner-Klosters nur einen Deckmantel, der die wahre Bedeutung verdecken sollte, die hinter dem Namen steht: Zum einen wird der Name Jakobiner auf Jacques de Molay zurückgeführt, dem letzten Führer des Templerordens, da in den Reihen der Jakobiner zahlreiche Freimaurer vertreten waren (Wikipedia, 14. Oktober 2014

Diese Templer-Theorie kannte ich tatsächlich nur aus Verschwörerkreisen, also wunderten mich die „Historische[n] Analyse“ in Wikipedia schon. Geht man der Fußnote zu diesen nach, stößt man auf ein einzelnes Werk, dessen Thema der alchmistische Hintergrund von Kleists Novellen bildet. Die Rezensionen, die ich dazu gelesen habe, lassen mich an der Qualität der historischen Analysen zweifeln.

Aber so ist das mit Verschwörungstheorien: Wenn man damit einmal anfängt, stößt man immer wieder darauf. Und das liegt eben auch an diesen Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus, Ende des 18. Jahrhunderts auf Französisch erschienen, Anfang des 19. in deutscher Übersetzung: fürderhin ein europäischer und nordamerikanische Bestseller. Band 1 sieht die Französische Revolution als von den Philosophen der Aufklärung vorangetrieben und vorbereitet; Band 2 erkennt die Freimaurer in der gleichen Funktion. In Band 3 geht es um den deutschen Geheimbund der Illuminaten, und Band 4 zieht eine Verbindung von den Illuminaten quer durch die Weltgeschichte bis zum Manichäismus des 3. Jahrhunderts nach Christus. Gelesen habe ich bisher nur Band 3, aber an Band 4 werde ich mich sicher auch noch machen. (Alle online kostenlos als pdf zu finden, vielen Dank an Google fürs Einscannen und Zugänglichmachen. Ich finde es toll, dass ich einfach so aus einer Laune heraus an diese Bücher komme. Ans Frakturlesen gewöhnt man sich.) Angeblich war noch Band 5 geplant, in dem die Juden an allem schuld sind – aber möglicherweise sind die Informationen dazu eine nachträgliche Fälschung. Verschwörungstheorien halt.

Barruel kannte die Illuminaten nur vom Hörensagen; tatsächlich waren sie auch schon verboten und aufgelöst, als er seine Bücher schrieb. Aber er nennt vorbildlich seine Quellen und zitiert ungemein viel daraus; man kann ihm allerdings vorwerfen, dass er bei der Quellenanalyse zu unkritisch vorgegangen ist – er hat schlicht alles geglaubt, was da stand. Die Quellen sind vor allem:

  1. Bemerkungen über einige Originalschriften des Illuminaten-Ordens, welche bei dem gewesenen Regierungsrat Zweck durch vorgenommene Hausvisitation zu Landshut den 11. und 12. Oktober 1786 vorgefunden worden. Auf höchsten Befehl Seiner kurfürstlichen Durchlaucht zum Druck befördert. (1787)
  2. Nachtrag von Weitern Originalschriften (1787)
  3. Der ächte Illuminat oder Die wahren unverbesserten Rituale der Illuminaten, enthaltend den Vorbereitungsgrad, das Noviziat, den Minervalgrad, den kleinen und großen Illuminatgrad, ohne Zusatz und Auslassung. (J.H. Faber 1787)
  4. Philo’s endliche Erklärung und Antwort auf verschiedene Anforderungen und Fragen die an ihn ergangen, seine Verbindung mit dem Orden der Illuminaten betreffend (Adolph Knigge 1788 – Knigge war einer der zentralen Illuminaten und tatsächlich der mit dem Knigge, in dem es aber ursprünglich gar nicht um feines Benehmen geht, sondern Über den Umgang mit Menschen, so der Titel.)
  5. Die neuesten Arbeiten des Spartacus und Philo in dem Illuminaten-Orden. (Ludwig Adolf Christian von Grolmann 1793), darin enthalten:
  6. Kritische Geschichte der Illuminatengrade
  7. Illuminatus dirigens, oder schottischer Ritter. (Adam Weishaupt 1794)
  8. Drey merkwürdige Aussagen die innere Einrichtung des Illuminatenordens in Baiern betreffend (1786)

Alle Bücher sind als pdf kostenlos im Web, bei archive.org sind fast alle und noch etliche mehr gesammelt unter „Weishaupt A – The Complete Collection“, nur Nummer 4 und 8 sind nicht dabei, aber auch leicht anderswo zu finden. Gebraucht gibt es die Bücher so zwischen 140 und 800 Euro – man kriegt fast Lust, sich eine Sammlung anzulegen…


2. Zur Geschichte der Illuminaten (aus Wikipedia abgeschrieben)

1776 lehrte Adam Weishaupt an der Universität Ingolstadt. Er war 28 Jahre alt, Professor für Kirchenrecht und praktische Philosophie, vertrat die Ideale der Aufklärung, und rings um ihn waren nur (ehemalige) Jesuiten – antiaufklärerisch, eine verschworene geheime Gesellschaft. Also gründete er seinen eigenen Verein, die Geheimgesellschaft der Illuminaten. Das Ziel der Illuminaten war, den absolutistischen Staat mit eigenen Leuten zu besetzen und ihn dann abzuschaffen.

Nach den ersten kargen Jahren gab es einen Mitgliederboom: 1776 gab es eine Krise in der deutschen Freimaurerei. Dort war zu jener Zeit die Strikte Observanz tonangebend, eine Bewegung innerhalb der Freimaurer, die behauptete, dass a) die Freimaurer die Nachfolger des 1312 aufgehobenen Templerordens seien, und b) es eine Reihe von Geheimen Oberen gebe, die Hüter von Geheimnissen seien. Der hauptsächliche Vertreter dieser Richtung, der den Kontakt zu den Geheimen Oberen hielt, starb allerdings 1776, und daraufhin war man etwas ratlos, weil sich keine Geheimen Oberen meldeten.

Die zwei wohl wichtigsten Illuminaten, Adam Weishaupt und Adolph Knigge, machten in dem Durcheinander erfolgreich Werbung für ihre Gesellschaft, und die Gruppe wuchs, und daraufhin zerstritten sich die beiden. 1784 gab es einen Kompromiss, und im gleichen Jahr wurden allgemein Geheimgesellschaften verboten; 1785 wurden die Illuminaten explizit suspendiert und 1787 explizit verboten, und damit endet die kurze Geschichte der Illuminaten. Mitglieder gab es vielleicht 2000.

Kleines Einmaleins:

Die Templer: Waren ein Ritterorden von 1118 bis 1312. Geld, Grund, Gerüchte und Exzesse. Wer weiß, vielleicht arbeiten sie im Geheimen noch weiter?

Die Rosenkreuzer: Waren eine erfundene Geheimgesellschaft in einer Reihe von Pamphleten im 17. Jahrhundert. Und weil sich die echten Rosenkrezer nie meldeten, wurden sie eben danach gegründet, und wieder, und wieder, und wieder.

Die Freimaurer: Waren nicht geheim. Bei den Freimaurern gibt es ein einfaches Drei-Grad-System: Man ist Lehrling, Geselle und dann Meister. Aber je nach Ausrichtung und Großloge gibt es noch mehr oder weniger geheime Grade darüber. Die Strikte Observanz hatte so ein Hochgradsystem, und die Illuminaten gaben sich schnell auch ein solches.

Wenn nacht acht Jahren der Illuminaten-Zauber schon vorbei war, wieso erinnert man sich noch so gut an sie? Das liegt an John Robison, der 1797 Proofs of a Conspiracy against all the Religions and Governments of Europe, carried on in the Secret Meetings of Free-Masons, Illuminati and Reading Societies veröffentlichte, das in den USA große Wirkung zeigte, und eben an Abbé Barruels Werk aus dem gleichen Jahr.


3. Endlich, das Buch

3.1 Aufbau der Illuminaten

Ein Großteil des Buches besteht aus Zitaten aus den oben genannten Quellen: Welche Methoden ein Anwerber für den Geheimbund anwenden soll, die Rechte und Pflichten und vor allem das Ritual, wenn man Novize wird, dann Minerval, dann kleiner Illuminat, dann Illuminat/schottischer Novize. Das sind die Vorbereitungsgrade. In ihnen lässt man die Mitglieder im Glauben, man sei nur eine herkömmliche Freimaurerloge.

Wer diese Grade durchschritten hat und nicht wirklich den Idealen der Illuminaten entspricht, der landet im nächsten Grad, dem des Schottischen Ritters, und verbleibt dort auch – man lässt ihn in dem Glauben, dass diese Sackgasse der höchste Grad ist, den es bei den Illuminaten überhaupt gibt.

Für die anderen gibt es die geheimen oberen Grade: Epopt/Priester, Regent/Prinz, Magier. Verwaltungsgrade sind: Provinzial, National-Direktor, Areopagit (Mitglied im Areopagus, quasi dem obersten Rat), und ganz oben ist der General-Illuminat – Weishaupt selber.

Angelegt ist das auf eine Kontinente umspannende Verschwörung. Tatsächich haben Adam Weishaupt (und später Knigge) dieses System erst mal erschaffen, ohne dass schon eine echte Geheimgesellschaft dahinter stand. Nach dieser Bitte von Weishaupt (aus einem Brief) hat er seine Gedanken nicht einmal systematisch festgehalten:

„Ich bitte Sie, lassen Sie die Maximen, die häufig in meinen Briefen sich finden, nicht verlohren gehen. Sammlen Sie dieselben immer für unseren Areopagus, denn sie sind meinen Gedanken nicht immer gegenwärtig. Mit der Zeit kann daraus ein vortreflicher politischer Grad erwachsen. Philo thut dieses schon seit langer Zeit. Theilen Sie auch einander diese ihnen zubehörigen Instructionen mit; um mit der Zeit ein Ganzes daraus zu machen. Lesen Sie solche mit Fleiß, um sie sich geläufig zu machen. Obschon ich sie inne habe, und auch darnach handle, so würde mirs doch Zeit kosten, sie zusammen zu stellen. Von diesen Maximen durchdrungen, werden Sie desto besser in meine Projekte hineingehen, und in meiner Art zu wirken desto besser mit mir übereinkommen.“ (S. 302f)

Barruel nimmt das aber alles für bare Münze und hält – anscheinend – die Illuminaten für eine echt gefährliche Bande. Wenn man unkritisch liest, wie Weishaupt von unsichtbaren Armeen schreibt, die ihm zur Verfügung stehen, um die Throne Europas umzustürzen, kann man schon Angst bekommen:

„Alle Ringe dieser Kette muß er [der General] nach dem von unserm Stifter entworfenen Plan, selbst ordnen, als das große Mittel vom Heiligthum, wo er seinen Sitz hat, bis zu den äußersten Enden der Welt zu reichen; als das Mittel unserm Orden die Macht der unsichtbaren Armeen zu verschaffen, sie schleunig hervortreten zu machen, in Thätigkeit zu setzen, sie alle zu dirigiren, und durch sie die erstaunlichsten Revolutionen zu bewirken, bevor selbst die, deren Thronen sie umstürzet, Zeit haben, es wahrzunehmen.“ (S. 402)

3.2 Ziele der Illuminaten

Wenn man in den Rang des Epopten aufsteigt, wird man mit den Zielen der Illuminaten vertraut gemacht; vorher werden diese nur angedeutet. Für Barruel sind diese Ziele etwas Furchtbares, er hyperventiliert geradezu, wenn er zu ihnen kommt:

Könige und Unterthanen, Reiche und Künstler, Arbeiter und Kaufleute, Bürger aller Stände, so hört und erfahrt endlich, was sich in dem Grunde dieser Hölen gegen euch anspinnet. Besonders gebe uns eure Schlafsucht nicht etwa flüchtige Leichtgläubigkeit, oder leere Besorgniß Schuld. Diese Lehren der Sekte, welche sie als ihr Meisterwerk betrachtet, ich habe sie vor mir, wie sie aus der Hand ihres Gesetzgebers flossen. (S. 175f)

Unter einem Aspekt sind die Ziele aber gar nicht so dramatisch: Es geht um Bildung, ein Ideal der Aufklärung. „Wären Menschen gleich Anfangs das, was sie seyn sollten, so könnten wir ihnen gleich beym Eintritt in unsere Gesellschaft die Herrlichkeit unsers Plans vorlegen“ (S. 178). Aber die Menschen sind nicht das, was sie sein sollten, also muss man sie erst behutsam dorthin führen. Und die geheime Lehre der Illuminaten ist, laut Kapitel 9 und 10 vor allem, folgende:

  1. Die Entwicklung des Menschengeschlechts findet in Stufen statt: „‚Wie der einzelne Mensch, fährt der Hierophant fort, ’so hat auch das ganze Geschlecht seine Kindheit, seine Jugend, sein männliches und graues Alter.'“ (S. 183) – Und nicht nur hier musste ich an Lessings „Die Entwicklung des Menschengeschlechts“ (1780) denken.
  2. Der Urzustand der Menschheit ist patriachalisch-nomadisch, und dort gab es Freiheit und Gleichheit und, man muss es annehmen, Brüderlichkeit:

    Die Familie ist die einzige Gesellschaft; leicht zu befriedigender Himger und Durst, Schutz vor dem Ungestüm des Wetters, ein Weib, und nach der Ermüdung Ruhe, sind die einzigen. Bedürfnisse dieser Periode. In diesem Zustande genoß der Mensch die beyden vorzüglichsten Güter, Gleichheit und Freyheit. Er genoß sie in ihrer ganzen Fülle; er würde sie ewig genossen haben, wenn er dem Wink der Natur hätte folgen wollen (S. 183f.)

  3. Aber dann vermehrten sich die Familien und der Mensch wurde sesshaft: „das nomadische oder herumstreifende Leben hörte auf; das Eigenthum entstand; die Menschen erwählten sich feste Sitze; der Ackerbau brachte sie einander der näher“ (S. 185). Es kam zu Arbeitsteilung und organisiertem Zusammenleben, es gab Anführer und Angeführte. Und damit keine Freiheit und keine Gleichheit mehr.

    „Wer den andern braucht, hängt von, ihm ab; er hat sein Recht selbst abgetreten. Also, wenig zu brauchen, ist der erste Schritt zur Freyheit; darum sind Wilde, und im höchsten Grade aufgeklärte vielleicht auch die einzig freien Menschen.“ (S. 187) Die Fesseln des Eigentums.

  4. Und so entstehen nach und nach der Familie übergeordnete soziale Strukturen, der Quell allen Übels:

    Unter diesen Menschen waren einige, die den andern Schutz versprachen und ihre Anführer wurden. – Anfänglich waren sie es von Horden, von Stämmen. – Diese wurden entweder überwunden, oder vereinigten sich und bildeten ein großes Volk. Nun entstanden Nationen und Vorsteher, Könige der Nationen. Mit dem Ursprunge der Nationen und Völker hörte die Welt auf eine große Familie, ein großes Reich zu seyn, das Band der Natur wurde zerrissen. […] In dem Augenblick, wo die Menschen sich in Nationen vereinigten, hörten sie auf sich unter einem gemeinschaftltcben Namen zu kennen. – Der Nationalismus oder die Nationalliebe trat in die Stelle der allgemeinen Liebe. (S. 190f.)

Zu diesem Urzustand wollen – laut Barruel und den Zitaten – die Illuminaten die Menschheit zurückbringen. Das hat tatsächlich etwas von James-Bond-Schurkenphantasie: Die Welt erretten, in dem man zurück in die Anarchie geht. Kein Eigentum mehr, keine Städte. Ob Weishaupt tatsächlich so verstanden werden will, weiß ich nicht. Aber so völlig unverbreitet ist der Gedanke nicht, erst vor zwei Monaten erschien dieser Cartoon by SMBC:

Cartoon
http://www.smbc-comics.com/comic/hunting-and-gathering

So sieht das kommende Zeitalter aus:

„[W]enn der Müssiggang nicht weiter geduldet seyn wird, wenn der Schwall unnützer Wissenschaften verbannt seyn, und man nur zu dem, was den Menschen besser macht, Unterweisung geben wird; zu dem, was ihn seinem natürlichen Zustande, seinem künftigen Schicksal näher führt! wenn wir uns werden Glück wünschen können, diesen glücklichen Zeitpunkt verfrühet zu haben, und daran unser Werk erkennen! wenn endlich jeder Mensch in dem andern einen Bruder sehen, und hülfreich ihm die Hände bieten wird!“ (S. 241)

Einerseits ziemlich streng, gerade die unnützen Wissenschaften gaben es mir angetan. Das klingt nach einer autoritären Dystopie. Auf anderen Seiten ist der Weishaupt dann radikal-anarchistisch. Demokratie ist da nicht viel besser als Monarchie:

„Alles was wir bisher für euch gethan haben, zielete dahin, euch würdig zu machen, gleich uns, und mit uns, an der Abschaffung und Vernichtung aller Obrigkeit, alles Staatsregiments, aller Gesetze, aller bürgerlichen Societät, selbst aller Republiken, aller Democratie und Aristocratie, und aller Monarchien, zu arbeiten. Alles dieses sollte nur dienen, nach und nach euch errathen zu machen und einzureden, was wir nun unbewunden euch sagen. – Alle Menschen sind einander gleich und frey; das ist ihr unverjährbares Recht. Aber nicht allein unter den Königen verlieret ihr den Gebrauch dieser eurer Freyheit; sie ist null und nichtig aller Orten, wo andere Gesetze für die Menschen gültig sind, als ihr eigner Wille. Wir haben viel von Despotismus und Tyranney gegen euch gesprochen; aber der Despotismus und die Tyrannen finden sich nicht blos bey dem Monarchen und dem Aristrocraten. Man trift sie wesentlich eben so wohl an, bey dem democratischen souveränen Volke, als bey dem gebietenden Könige. Was für ein Recht hat denn dieses Volk, oder diese Menge und ihre Majorität, euch und die Minorität, ihren Verordnungen zu unterwerfen? war das das Recht der Natur? gab es mehr souveraine und gesetzgebende Völker, wie gesetzgebende Könige oder Aristokraten, als der Mensch im Genusse seiner natürlichen Gleichheit und Freyheit sich befand?“ (S. 269)

Vermutlich ist das alles patriarchalisch-anarchisch-friedlich, solange alle genau das wollen, was Weishaupt oder die Vernunft gebieten, und wer davon abweicht, kriegt dann ganz unanarchisch Ärger. Dieser Urzustand des Menschen ist für Weishaupt natürlich und „vernünftig“, und zu dieser Vernunft will Weishaupt zurück: „‚Denkt von der menschlichen Natur würdiger; geht muthig an das Werk und scheuet keine Schwürigkeit. Macht unsere Grundsätze zu Meinungen und laßt sie in die Sitten übergehen; und endlich macht die Vernunft zur Religion der Menschen, so ist die Aufgabe gelößt.'“ (S. 209)

Vorbild sind Weishaupt dabei die germanischen Stämme der Völkerwanderung, die das zivilisierte (und damit ungleiche, unfreie) Rom vernichten, wenn auch nicht gründlich genug:

„Als der ganze übrige Theil von Europa dem Joche der Gesetze und der Verderbniß unterlag, stellet die Natur, welche in Norden die wahre Race der ersten Menschen in ihrer Reinheit und ursprünglichen Kraft erhalten hatte, sich dar, und kommt dem menschlichen Geschlecht zu Hülfe. Aus dem Innersten dieser armseligen, unfruchtbaren Gegenden, ruft sie diese wilden Völker hervor, und sendet sie in die Länder der Weichlichkeit und der Wollust, um mit neuem Blute den entnervten mittäglichen Leibern neues Leben zu geben.“ (S. 290)

Für den Illuminatenorden möchte Weishaupt allerdings strenge Ordnung und Disziplin, da ist von Gleichheit überhaupt nicht die Rede – den Oberen muss gehorcht werden (S. 300).

— Aber zu den Methoden der Illuminaten: siehe Fortsetzung. Entschuldigung, wenn’s am Ende etwas konfus geworden ist, aber ich wollte das hier vor allem auch als Zitatsammlung nutzen, sonst müsste ich das anderswo tun, und wozu hat man denn ein Blog?

4 thoughts on “Abbé Augustin Barruel, Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus, Band 3 (Teil 1)

  1. Aginor

    Gerne gelesen, freue mich auf den nächsten Teil. :)

    Gruß
    Aginor

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