Verschwörungstheorien in den Zeiten vor dem Internet: Das Foucaultsche Pendel

By | 18.2.2017

Titelbild Das Foucaultsche Pendel

(Nach meinen ersten Gedanken zur erneuten Lektüre hier der Rest.)

Inhalt

Die erste Hälfte des Romans ist die Vorgeschichte: Casaubon schreibt in den 1970er Jahren in Mailand an einer Dissertation über die Templer. Er lernt die etwas älteren Diotallevi und Belbo kennen, die bei einem Verlag arbeiten, der als Nebengeschäft Möchtegernautoren für obskure Produktionen Geld aus der Tasche zieht. Ein solcher ist Oberst Ardenti, der ein Manuskript, ein Dokument und eine Verschwörungs-Räuberpistole mitbringt. Bevor aus dem Geschäft etwas werden kann, verschwindet Ardenti unter mysteriösen Umständen; die Polizei unter Inspektor De Angelis munkelt von Mord und ermittelt, kommt aber zu keinem Ergebnis.

Nach einem Zwischenspiel in Brasilien kehrt Casaubon zurück; mit Belbo und Diotallevi spinnt er die Geschichte des Oberst Ardenti weiter – aus dem ursprünglichen Dokument entwickeln sie eine Verschwörung der Verschwörungen, die die wichtigsten Ereignisse der (europäischen) Weltgeschichte erklärt und die mit den Templern beginnt, dann Freimaurer, Rosenkreuzer, Illuminaten, Juden, Assassinen, den Eiffelturm, die Pyramiden, Kathedralen, U-Bahnen, Stonehenge, Ley-Linien, Crowley und Cthulhu und alles einbaut, was einem sonst noch dazu passen zu scheint. Diese Megaverschwörung ist gänzlich erfunden, das Dokument, das ihre Basis bildet, ein Witz – aber sie entwickelt ein Eigenleben und damit doch so etwas wie Realität. Inspektor De Angelis fragt Casaubon, ob ihm eine Gruppe „Tres“ etwas sage, und sie geben ihrer Verschwörungsverschwörung diese Bezeichnung, samt erfundener Hintergrundgeschichte. Und prompt bildet sich diese Gruppe, oder bildet es sich ein.

Gedanken

Das Buch hat mich etwas weniger beeindruckt als beim ersten Lesen, aber mir wohl noch etwas besser gefallen. Den Aufbau finde ich etwas unausgeglichen; die ganze erste Hälfte des Buchs (von Rahmenhandlung/Rückblenden abgesehen) ist Vorbereitung, die Figuren werden in Position gebracht, wir kriegen viel Zeitkolorit und ein wenig Mystik. Das ist aber auch interessant zu lesen. Die zweite Hälfte besteht zu einem Großteil einfach aus der beeindruckend ausführlichen Konstruktion der Verschwörung und einem Finale mit Nachspiel.

Illuminaten, Rosenkreuzer, Weltverschwörung kannte ich vorher schon. (Ich sage nur: Illuminatus!-Trilogie.) Aber dass mein vages Interesse für esoterische Spinnervereinigungen massiv von diesem Buch beeinflusst worden war, das hatte ich vergessen. Es gab eine Zeit, da habe ich die Plakate der regelmäßig in Augsburg veranstalteten esoterischen Vorträge gesammelt – ich bin im Besitz einer umfangreichen, vermutlich weltweit einzigartigen Sammlung von mehr oder weniger billig kopierten Plakaten des Zentrums für Studien Gnostischer Anthropologie aus den mittleren 1990er Jahren.

Sehr nett dieses Plakat, alleridngs von einer anderen Gruppe:

Poster: Wer möchte Prophet werden?

Auch die eine oder andere Ausgabe einer esoterischen Weltverschwörungszeitschrift ist in meinem Archiv. Da steht übrigens genau das gleiche drin wie bei den Spinnern bei Eco: Weltverschwörung, Freimaurer, die Weisen von Zion, Illuminaten, mindestens Kokettieren mit Nazi-Gedankengut. Das war noch alles vor dem Internet, wie wir es kennen, aber die Verschwörungstheoretiker und Aluhüte gab es schon damals. Nur halt per Post – das sieht man schön an diesem Band von 1988:

Buch: High Weirdness by Mail

(Alter Blogeintrag dazu, dort auch Links zu den Publikationen.) Das ist ein kommentierter Katalog von Zeitschriften und Vereinen, sortiert in Kategorien wie etwa: Weird Science, New Age Saps, Cosmic Hippie Drug-Brother Stuff, Weird Politics, Rantzines und UFO Contactees. Da schickte man früher self-addressed envelopes hin, oder Briefmarken, und kriegte ein mehr oder weniger schlecht kopiertes Heftchen.

Heute… ich sage nur: Pizzagate, bringe aber nicht die Energie auf, darüber zu schreiben. Bei Wikipedia gibt es einen Überblick, bei Cracked.com ein paar Details.

Es war geradezu deprimierend, bei Eco von genau diesen Prozessen der Konstruktion von Sinn und Verschwörung zu lesen, die einem heute im Internet begegnen.

Achten Sie verstärkt auf Symbole! Achten Sie darauf, welche Logos verschiedene Firmen benutzen!

Das steht nicht bei Eco, sondern in einer meiner Spinnerzeitschriften. Das könnte auch bei Pizzagate so stehen. Seufz.

Keine Information ist weniger wert als die andere, das Geheimnis besteht darin, sie alle zu sammeln und dann Zusammenhänge zwischen ihnen zu suchen. Zusammenhänge gibt es immer, man muss sie nur finden wollen.

Das ist jetzt von Eco, ebenso wie das:

Die Bücher der Entschleierten Isis müssen genau von denselben Sachen handeln, die auch in den anderen stehen. Sie bestätigen sich gegenseitig, also sind sie wahr.

Restliche Gedanken

Verpasste Gelegenheit? Am Ende des Romans taucht ein Doppelpendel auf, also ein Pendel, an dem unten ein zweites Pendel befestigt ist. Dem Kapitel ist ein Zitat aus einem Antwortbrief eines (realen) Architekten und Mathematikers vorangestellt, in dem das Verhalten eines solchen Pendels in einer konkreten Situation beschrieben wird: Letztlich würde – wohl: zumindest in dieser Situation – der obere Teil des Pendels still stehen, der untere weiterschwingen. Innerhalb des Romans stammt das Zitat aus einem Brief, den eine der Personen aus Interesse an einen Wissenschaftler geschrieben hat. — Irre ich mich, oder müsste eine – zumindest: ideales – derartiges Pendel nicht quasi-unregelmäßig schwingen? Das ist doch das Standardbeispiel für ein chaotisches System. Und Chaos war zu Zeiten des Pendels (oder war das erst knapp danach?) das neueste heiße Ding. Dass Eco damit nicht gearbeitet hat, wundert mich.

Erwähnen möchte ich noch den Interpretationsansatz, den mir mein Freund B. genannt hat: Das Foucaultsche Pendel als Teil deines Diptychons, mit dem Name der Rose als Kritik des Rationalismus und dem Pendel als Kritik des Irrationalismus.

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