Wilde Woche, weiterhin

By | 7.7.2017

Montag

Nachmittags Fachsitzung Englisch, Informationen zum LehrplanPLUS. Fazit: Für Englisch keine Änderungen, das Fach war eh schon kompetenzorientiert. Es gilt weiterhin der SBR (spezielle bayerische Referenzrahmen für Sprachen), der an den GER (gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen) angelehnt ist, aber zusätzliche Stufen kennt – hier der Blogeintrag zur Faustregel, anhand derer man sich merken kann, in welchen Jahrgangsstufen A1, A1+, A2, A2+ und so weiter erreicht sein sollen.

Englischunterricht scheint mir inzwischen weitgehend reduziert zu sein auf ein: Englisch verstehen und sprechen und lesen können. Vielleicht ist das auch okay. In meiner Studienzeit wurde in der Fachdidaktik thematisiert, warum am Gymnasium der Englischunterricht traditionell mehr war als ein einfacher Sprachkurs – ob das Standesdünkel war oder Bildungsanspruch, ist eine andere Frage. Deswegen Shakespeare, Elisabethanisches Weltbild, beides noch drin im Lehrplan, ja. Aber die Zeiten, als ich im Leistungskurs Zeit für den Great Vowel Shift hatte, sind vorbei.

Dienstag

Den ganzen Tag in Feucht bei Nürnberg gewesen als Begleiter unseres Schulteams zu den Bayerischen Schulmeisterschaften im Bogenschießen, so wie letztes Jahr.

Bogenschützen beim Schießen

Wunderschönes Wetter. Ansonsten siehe letztes Jahr.

Mittwoch

Nach dem Unterricht Treffen einer der Schulentwicklungsgruppen, mal sehen, ob dieses Schuljahr noch etwas geht, ansonsten nächstes Jahr. Danach wie jeden Mittwoch die Vorlesung Informatik; leider fährt die Straßenbahn zur Zeit nicht von meinem Wohnort aus durch, so dass ich doch lieber die – schnellere – U-Bahn/Bus-Kombination nehme. Mir entgehen dabei halt die vielen Pokestops, die ich sonst bei der gemächlichen Straßenbahnfahrt mitnehmen kann. Thema der Vorlesung diesmal. Informatik udn Gender.

Donnerstag

Titelbild Thomas Pynchon: The Crying of Lot 49Abends Treffen der Leserunde bei Frau Rau und mir. Es gab kalten Wurst- und ebensolchen Zucchinisalat, beides ausgesprochen lecker, dazu Käseplatte. Das Buch, das wir diesmal gelesen hatten, war The Crying of Lot 49 von Thomas Pynchon. Leider war ich der einzige, der viel über das Buch reden wollte. Ich hatte es schon vor fünfundzwanzig Jahren im Regal stehen, zusammen mit Gravity’s Rainbow, und war bei beiden Büchern nie weit gekommen.

The Crying of Lot 49 erschien 1965 und ist ein waschechter postmoderner Roman; ich hatte nicht gewusst, dass das schon so früh losging mit der Postmoderne. The Shaodw wird zitiert auf den ersten Seiten, Perry Mason, Fu Manchu, Bonanza, „Road Runner in blank verse“ heißt es zu irgendeinem Thema, und das ist ja die Postmoderne. Stilistisch und sprachlich konnte ich dem Buch wenig abgewinnen, ausgenommen vielleicht das eingebaute und großzügig zitierte (fiktive) elisabethanische Drama, alles in Blankvers. Inhaltlich ist das Buch schon eher mein Ding: Paranoia, Geheimgesellschaften, Weltverschwörungen; die Welt bricht um die – allerdings gar nicht so bürgerliche – Hauptperson zusammen. Das Buch ähnelt darin dem zuvor gelesenen Philip K. Dick, Time Out of Joint. Und das wiederum hatte Gemeinsamkeiten mit Gravity’s Rainbow, aber die sah vielleicht nur ich. Geschichte und Fiktion werden gemischt, reale Geheimgesellschaften treffen sich mit erfundenen. Und das ist interessant einmal wegen der vielen Verschwörungstheorien der letzten sechzehn Jahre – Kondensstreifen und Identitäre Bewegung und all die ganzen Spinner. Hintergrund des Pynchon-Buchs ist die Kommunistenhatz der 1950er Jahre, die von der Regierung angeordnete Fluoridisierung des Trinkwassers, die schon in Dr. Strangelove als Anlass für Verschwörungstheorien herhalten muss. Eine Auswirkung all dessen, vielleicht von Pynchon beeinflussst, vielleicht nicht, aber auffallend ähnlich, ist die berühmte Illuminatus!-Trilogie von Robert Shea und Robert Anton Wilson, 1975 erschienen. Ähnlich wie Pynchon, aber deutlicher, ist das eine Parodie auf all das.

Verwandte Blogeinträge dazu:

– Als ich bei Twitter etwas über Pynchon twitterte, wurde das gleich von einem Pynchon-Kanal geliked, der das Stichwort wohl abonniert hatte. Über den Kanal stieß ich zu einem Alternative Reality Game zu The Crying of Lot 49, das zur Zeit in Shoreham bei Brighton, meiner englischen urlaubsgegend, gespielt wird.

Freitag

Seit 2009 bin ich regelmäßig Anfang Juli am Tag der Informatiklehrer und -lehrerinnen an der LMU München. Fünf Jahre lang als Mitorganisator, dieses Jahr nur mehr als Workshopleiter – ich stellte mein Storyworld-Projekt vor (Blogeintrag dazu).

Der Eröffnungsvortrag war von irgendwem über Calliope, einen gerade viel diskutierten Mikrocontroller, entwickelt für die Grundschule. Der „irgendwer“ als Vortragender erzählte dann von seiner kleinen Tochter, einem großen Merkel-Fan, und da dachte ich mir: das kennst du doch irgendwer. Kurze Recherche bei Twitter: der Vortragende war niemand anderes als der Herr Holadiho, mir seit vielen Jahren über Blog und Twitter ein Begriff. Aber wer merkt sich denn schon, dass die Leute echte Namen haben, in diesem Fall „Stephan Noller“? Über Frau Rau, auf Twitter und in Blogs aktiver als ich, kriegte ich immer wieder mal etwas von @holadiho mit. Die Anekdote mit der Tochter, die Merkel so schätzt, war allerdings eine Fehlerinnerung: Eine andere Blog-/Twitter-/Re:publica-Bekannte von Frau Rau war es, deren kleiner Sohn so ein großer Merkel-Fan ist.

Calliope: Sah übrigens sehr, sehr fein aus.

Jetzt Feierabend. Am Wochenende Korrekturen.

6 thoughts on “Wilde Woche, weiterhin

  1. Hauptschulblues

    Ich habe diese Woche Calliope geschickt bekommen.
    Gäbe ich noch Informatik, könnte ich mir vorstellen, den kleinen Rechner auch in der Mittelschule einzusetzen. So werde ich halt vor mich hin puzzeln und mal schauen, was sich ergibt.

  2. Sud

    Zum Referenzrahmen: Die Abstufungen sind durchaus auch durch den GER gewollt und vorgesehen, auch wenn sie nicht explizit erwähnt werden. Eigentlich ist dies auch nur konsequent, weil man teilweise sehr lange braucht, um eine Stufe zu erreichen. Ich würde von mir nie sagen, dass ich, trotz Spanischstudium, über das Niveau C1+, das offiziell gefordert wird, verfüge. Eher B2+ in den produktiven und C1 in den passiven Kompetenzen. Leider ändern daran auch die Sprachpraxiskurse nichts, da sie recht sinnlos sind …
    Und noch eine andere Frage, weil ich Fachkonferenz lese: Wie kommen die neuen Lehrplan+ Lehrwerke an?
    An der Uni Augsburg war am Freitag Englischdidaktik Tag und ich war dort mit Kommilitonen, obwohl ich selbst kein Englisch studiere. Alle drei Lehrwerke erschienen mir nicht besonders toll, obwohl Access ja sogar von Herrn Thaler herausgegeben wird. Green Line sah auch aus wie zu meiner Schulzeit. Und On Track fand ich ehrlich gesagt einfach nur hässlich (auch wenn meine Begleiterinnern das Buch noch am besten fanden, v.a. wegen der Story).

  3. Thomas Rau

    >Eigentlich ist dies auch nur konsequent, weil man teilweise sehr lange braucht, um eine Stufe zu erreichen.

    Ja und nein, denke ich. In Bayern ist es wohl so, dass in Englisch die Schülerinnen und Schüler schon bald weiter sind als von der KMK vorgesehen, und das darf nicht sein, weil man ja nicht zu viel verlangen darf. So erkläre ich mir jedenfalls manche Konstrukte.

    Schulbücher: Ich habe mich bei der Diskussion herausgehalten, da ich a) mich beim letzten Lehrplan für das im Nachhinein ungünstigere Buch entschieden hätte und damit nachweislich schlecht einschätzen kann, was sich als brauchbar erweisen wird, und b) im G8 nur wenig Englisch-Erfahrung habe, da ich da fast nur Deutsch und Informatik gegeben habe. On Track ist sehr groß, das ist fast ein Ausschlusskriterium. Cornelsen und Klett nehmen sich wenig, war der Tenor; sehen brauchbar aus, aber keines begeisterte.

  4. Sud

    Aber kann man sicher davon ausgehen, dass die SuS die Niveaustufe(n) schon früher erreichen? Wenn ich mir viele Franzöisch- oder Spanischkurse ansehe, so komme ich doch zu dem Schluss, dass das oft nicht zutrifft. Besonders das Niveau B2(+) in Q11/12 erreichen die wenigsten SuS in meinen Fächern. Vielleicht ist das dann wirklich nur in Englisch so …
    Vielleicht müsste man aber auch weiter gehen und für jede Kompetenz eine Niveaustufe ausweisen, da z.B. die rezeptiven Kompetenzen ja immer höher sind, als die produktiven Kompetenzen. Auf jeden Fall wäre eine Studie dazu mal sehr interessant, v.a. was die Stufen ab B1 betrifft.

    Das Format fand ich auch sehr unglücklich, aber soll wohl innovativ sein. Ich finde es schade, dass sich die Verlage nichts trauen und nicht mal etwas wirklich Durchdachtes auf den Markt bringen. Für Französisch habe ich auf der Didacta die Prüfauflagen bekommen und finde die auch einfach nur schrecklich. So kann man Kinder und Jugendliche wirklich nicht für die Sprache begeistern.

  5. Herr Rau Post author

    Was ich an meiner Schule von Französisch mitkriege, ist das Niveau tatsächlich deutlich unter Englisch. Im W-Seminar ist ja nur im Leitfach Englisch die Anfertigung in der Fremdsprache verpflichtend, bei Französisch (und Spanisch) nicht. Begründung im KMS: Weil an der Uni Anglistikveranstaltungen meist auf Englisch, Romanistikveranstaltungen „weitgehend deutschsprachig“ sind. Hat also nichts mit dem Sprachvermögen der SuS zu tun.

    War nicht sogar beim Leseverstehen zum Abitur sogar C1, und bei den anderen Kompetenzen B2? Ich denke auch eher, dass die schnellen Fortschritte in der Unter- und Anfang der Mittelstufe stattfinden und nicht mehr danach.

    Für VERA 8 gilt – laut ISQ Berlin-Brandenburg: „Bei den Vergleichsarbeiten VERA 8 werden die Stufen A1 bis B2 getestet. Vereinzelt gibt es auch Aufgaben auf Stufe C 1, allerdings nur im Leseverständnis.“ Und: „Die Kompetenzstufe B1 wird von Schülerinnen und Schülern am Ende der Sekundarstufe I (also Klasse 10) als durchschnittliches Zielniveau erwartet.“ Ich gehe davon aus, dass das für Bayern auch gilt.

    Leider kenne ich trotz dieses Tests keine Veröffentlichung der Ergebnisse, also wieviel Prozent bei VERA 8 auf welcher Stufe des GER sind. Aber vielleicht triffst du mal jemanden, der diese Ergebnisse kennt, oder sie sind doch irgendwo veröffentlicht und ich habe sie nur nicht gefunden. Das wäre interessant.

  6. Sud

    Die Begrüdung mit der Uni ist außerdem totaler Schwachsinn. Literaturwissenschaft ist nach der Einführung IMMER in der Fremdsprache und Sprachwissenschaft auch, wenn es keine Kurse zusammen mit den anderen roman. Sprachen sind (wie z.B. Textlinguistik oder ab und an ein Seminar). Somit ist diese Begründung absolut bei den Haaren herbeigezogen …

    Ja, C1 wird beim Leseverstehen gefordert. Auch das scheint utopisch zu sein. Die Bildungspolitiker sollten mal in die Uni schauen, wie die Niveaus da im ersten Semester so sind. ;) Würde eher sagen, dass ein gutes B1+ schon Seltenheitscharakter besitzt. C1 erreicht man wirklich nur durch intensive Beschäftigung mit der Sprache und das ist bei SuS meist nicht gegeben. Auch wenn ich dies nicht allen SuS absprechen möchte.

    Oh ich wusste gar nicht, dass Vera 8 Aufgaben auf einem so hohen Niveau anbietet. Das muss ich mir gleich mal ansehen. B1 erscheint mir aber durchaus realistisch nach der 10. Klasse.

    Ich muss mal bei uns in der Didaktik nachfragen, ob es hierzu Studien o.ä. gibt …

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