Konzentriertes Arbeiten im Klassenzimmer

By | 6.7.2017

In einer Klasse musste ich neulich Aufsicht führen für eine Lehrkraft, die absehbar verhindert war und deshalb einen Arbeitsauftrag in Form eines umfangreichen Arbeitsblattes hinterlassen hatte. Theoretisch ist es so, dass man in solchen Fällen Aufträge hinterlassen soll; tatsächlich funktioniert das nur so mittel – die Kollegen, mich eingeschlossen, sind da nicht diszipliniert genug, und nicht alle Schülerinnen und Schüler sind es gewohnt, allein zu arbeiten.

Diese Klasse war es jedenfalls nicht gewohnt.

Also habe ich – erst einmal mit einer anderen Klasse, aus organisatorischen Gründen – etwas ausprobiert: Jede Schülerin, jeder Schüler musste sich etwas mitnehmen, um sich vierzig Minuten lang zu beschäftigen. Weitere Regeln: Kein Musikhören, Videoschauen, Computerspielen; kein Basteln, kein Stricken, keine Kreuzwort-, Sudoku- oder Logikrätsel. Keine Mandalas ausmalen. Vokabeln lernen: Ja. Hausaufgaben: Auch möglich. Möglich: Zeitschriften, Zeitungen, Bücher lesen. Verboten: Mit Nachbarn kommunizieren.

Zwei Schüler hatten Laptops dabei (Unterrichtsstunde vorbereiten, Programmieren), zwei Handys (jeweils mit Buch zum Lesen). Die meisten anderen hatten Bücher (Romane). Zwei oder drei lernten Vokabeln/aus einem Schulbuch; einer las Zeitschriften (zwei andere waren bald von Zeitschriften zu Romanen gewechselt). Alle beschäftigten sich vierzig Minuten allein, wortlos. Als dann die Glocke läutete und ich die regelmäßige kurze Pause ankündigte (Toilettengang, Beine vertreten), fühlte ich mich, als müsste ich alle erst behutsam in die Schulwelt zurückholen, wie nach einer Meditationsrunde. Ich redete auch ganz leise. Die Schülerinnen und Schüler blieben ebenfalls ganz leise, egal ob sie aufstanden oder weiterlasen; danach sprachen wir kurz über die Erfahrung. (Tenor: Viel konzentrierter als in einer normalen Stunden; nur zwei waren ermüdet.) Auf Wunsch der Klasse wurde der Rest der Doppelstunde dann weiter so gemacht, nachdem ich meine Pläne für die nächste Woche vorgestellt hatte. Leider störte Musik von draußen am Ende etwas, jedenfalls mich.

Fazit: Zumindest diese Klasse kann 40 Minuten konzentriert arbeiten, wenn die Arbeit Lesen ist, und wenn sie sich die Arbeit selber aussuchen können.

Die Eskalationsstufe nächste Woche, in Absprache mit der Klasse: Wieder 40 Minuten konzentrierte intellektuelle Einzelarbeit; diesmal muss es aber fachbezogen sein – Englisch, Physik, Deutsch. Es muss aber kein Schulbuch sein. Ein englischer Roman, ein populäres Physikbuch reicht.

Die Woche danach, wenn das bunte Schuljahresendtreiben das noch zulässt: Es muss etwas mit dem Fach Deutsch zu tun haben. Reines Romanelesen zählt nicht, es muss irgendetwas Schriftliches entstehen. Aber wieder selbstgewählt.

Und wenn die Schülerinnen und Schüler das auch können, dann werden wir mal schauen, wie das mit Aufgaben geht, die nicht selbstgewählt sind.

Es gibt eine Unterstufenklasse, die ich einmal pro Woche mucksmäuschenstill arbeiten sehe, wenn ich mit dem Treppensteigen den Schultag beginne; die Klassenzimmertüre ist dabei immer offen. Geht also auch da.

Für Jan-Martin Klinge mit seinen Lerntheken sind so etwas alte Hüte. Und auch von der Grundschule höre ich häufig, wie selbstständig die Schüler dort sind, aber das halte ich nicht für einfach übertragbar.

3 thoughts on “Konzentriertes Arbeiten im Klassenzimmer

  1. Kathrin Schuster

    Doch, das ginge….wenn denn alle Kollegen ab der 5. Klasse ansprechendes Material zur selbständigen Arbeit in ihren Klassen anbieten würden, aber Klassenräume an weiterführenden Gymnasien sind deprimierend leer…… ;) Das Stichwort lautet „Anknüpfung“ und „Weiterführung“.
    LG Kathrin

  2. horaz

    Bei uns am Gymnasium ist das Konzept institutionalisiert, als „Lernzeit“.
    Eine Stunde entfällt und man kann keinen Fachunterricht hinverlegen? Die Schüler sollen sich mit selbst mitgebrachtem Material – Hausaufgaben, Vokabeln lernen, Buch lesen – (möglichst) still selbst beschäftigen.
    Wie gut es klappt, hängt natürlich immer von vielen Faktoren ab. Aber zumindest müssen Aufsichten nicht mehr unbekannte Klassen mit Spielchen bespaßen…

  3. Herr Rau Post author

    >Bei uns am Gymnasium ist das Konzept institutionalisiert, als „Lernzeit“.

    Bei uns gibt es so etwas Ähnliches, ist aber nicht wirklich geübt, und üben muss man das wohl.

    >Das Stichwort lautet „Anknüpfung“ und „Weiterführung“.

    Es ist kompliziert. Ich bin alle acht Jahre Jahre mal an einer Grundschule, und Grundschulen sind verschieden, und die Lehrer dort auch.

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